Reaktionen auf den 7. Oktober: Linke Empathieverweigerung
In Hamburg trafen sich Eva Illouz und Natan Sznaider und diskutierten die Enttäuschung über die Reaktionen der Linken auf den Überfall der Hamas.
Eva Illouz hat für unsere, also die linken Kreise, das Buch der Stunde verfasst: „Der 8. Oktober“, Essay über den Tag nach dem Massaker der Hamas in der israelischen Negev-Wüste, nicht über es selbst: Die Linke – weltweit, so die französisch-israelische Soziologin – habe auf den Terror mit Mitleidlosigkeit reagiert, nicht mit Fake News, aber mit Relativierung, mit Inzweifelziehungen. Etwa, als bei einem Pariser Treffen islamistisch-linker Zirkel Judith Butler, amerikanische*r Sprachwissenschaftler*in, auf die Nachrichten von den sexuellen Gewaltakten an den überfallenen, vergewaltigten, malträtierten Frauen mit kältester Skepsis erwiderte: Man wisse nicht, ob das wirklich so passiert sei.
Illouz berichtete, sie habe mit Schrecken auf den 7. Oktober reagiert, aber am 8. Oktober mit „Schock“: Ihre Leute, „die Linken“, verweigerten Anteilnahme, forderten, so wie Butler vor zwei Jahren, „Kontext“, als ob Israel bekommen habe, was es verdiene.
Illouz gegenüber saß bei dieser ersten Debatte über ihren Essay in Deutschland im Audimax der Bucerius Law School in Hamburg Natan Sznaider, gleichfalls Soziologe, aber von anderen Wahrnehmungen berichtend: Für ihn, gebürtiger Mannheimer, 1973 von dort nach Israel ausgewandert, sei der 7. Oktober selbst auch deshalb eine Zäsur gewesen, weil er doch vor über 50 Jahren, nach dem palästinensischen Terrorüberfall auf das israelische Team bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München, erwogen habe, sein Land des Aufwachsens zu verlassen: In Mannheim habe er damals bei Linken nicht nur klammheimliche Freude über die Tötung jüdischer Sportler erlebt – dass man sich als Jude nicht nur nicht auf Linke verlassen könne, habe er damals noch gewusst.
Er habe am 7. Oktober bis in die letzte Faser seines Körpers gewusst, geahnt, gelernt, dass nun auch Israel kein sicheres Land mehr für Juden und Jüdinnen sei.
Die Linke habe ihn speziell nicht interessiert, was insofern ein wenig geflunkert war, weil Sznaider seine akademische Karriere inklusive etlicher diskursstarker Bücher in Deutschland dem linken Zeitgeist verdankt. Aber ausweislich seiner Schriften stimmt ja: Einer wie er hat von Kindheit an gelernt, sich auf niemand fundamental außerhalb Israels verlassen zu können.
Froh, so seine Erinnerung, seien er und seine Frau, dass ihre Tochter am 7. Oktober nicht auf dem Nova-Festival war, sie blieb zum Dinner aus Anlass des vortägigen Geburtstags Sznaiders in Tel Aviv.
Für Illouz war die Enttäuschung über die Empathieverweigerung persönlicher, enttäuschender für den biografischen Entwurf, Teil der akademischen Szene global zu sein, die an Aufklärung und also einer besseren Welt arbeitet. Die Tischtücher sind, so ließe sich sagen, zerschnitten: Illouz charakterisierte Butler als „Scharlatan*in“.
Trump hingegen bezeichnete sie als wichtigsten Mann momentan: Schafft seine aktuell einzigartige Macht, das Abkommen mit der Hamas wirklich ins Werk zu setzen? Von ihm und seinem Agieren hänge alles ab. Was beide sich versprechen? Sznaider hofft auf die Freilassung der Geiseln, unter allen Umständen. Und Illouz besteht darüber hinaus zunächst auf „Separation“, keine voreilig illusionären Peace-and-Understanding-Moves. Alles Weitere werde die Zukunft zeigen.
Die Moderatorin Catherine Newmark setzte schon zu letzten Worten an, da bat Illouz um ein letztes kurzes Statement, sie möchte einen jüdischen Witz erzählen. Wie erging es, was empfanden, so sagte sie, Juden nach Hitlers Machtergreifung? Die Pessimisten kamen nach Hollywood, die Optimisten – nach Auschwitz. Beifall für beide im Audimax der Bucerius Law School in Hamburg, keine Debatte so kurz vor dem 9. Oktober zwei Jahre danach.
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