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Hannah-Arendt-Preis für Seyla BenhabibBrücken bauen ohne Geländer

Seyla Benhabib führt Arendts „Denken ohne Geländer“ weiter: kritisch, feministisch, dialogisch. Dafür bekommt sie den Hannah-Arendt-Preis – ohne Eklat.

Diesmal ist alles ruhig: Am 9. Dezember 2025 nimmt die politische Philosophin Seyla Benhabib im Bremer Rathaus den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken entgegen – ohne Polizeischutz und ohne Eklat.

In der Vergangenheit hatte der mit 10.000 Euro dotierte Preis, den die Stadt Bremen und die Heinrich-Böll-Stiftung gemeinsam verleihen, immer wieder für Aufregung gesorgt. Besonders kontrovers war die Verleihung 2023 an die Journalistin Masha Gessen: Ihr Essay im New Yorker, in dem sie Parallelen zwischen dem Gazastreifen und jüdischen Ghettos im Zweiten Weltkrieg zog, löste massive Kritik aus. Die Böll-Stiftung zog kurzzeitig ihre Beteiligung am Preis zurück, vergangenes Jahr fiel die Verleihung aus, der Eklat führte schließlich zu Veränderungen im Hannah-Arendt-Verein, inklusive neuer Satzung und Jury.

Zwei Jahre später ist der Preis wieder geworden, was er sein soll: eine Feier des unabhängigen, nuancierten, dialogischen Denkens. Und er ist Benhabib wie auf den Leib geschneidert.

Geboren 1950 in Istanbul in eine sephardisch-jüdische Familie, wuchs sie in einer mehrsprachigen, kosmopolitischen Umgebung auf. Das prägt ihr Werk bis heute. Früh zog sie in die USA, studierte in Brandeis und Yale, promovierte dort 1977 über die Hegel'sche Rechtsphilosophie.

Kritische Theorie und interaktiver Universalismus

Benhabib lehrte in Harvard, an der New School for Social Research und von 2001 bis zur Emeritierung 2020 als Eugene-Meyer-Professorin für politische Wissenschaft und Philosophie in Yale. Heute forscht sie als Senior Scholar an der Columbia Law School.

Benhabib ist eine der einflussreichsten politischen Theoretikerinnen der Gegenwart. Sie verknüpft Kritische Theorie im Sinne der Diskursethik Jürgen Habermas', Feminismus und die Auseinandersetzung mit den Bedingungen eines kosmopolitischen Universalismus mit Hannah Arendts Denken zu einer eigenen Stimme. Sie plädiert für eine feministische Perspektive auf globale Ungleichheiten und kritisiert autoritäre Tendenzen weltweit.

Wo Debatten verhärten, sucht Benhabib Zwischentöne und kritisiert Polarisierung

Bücher wie „Die Rechte der Anderen“ (2004) oder „Exil, Staatenlosigkeit und Migration“ (2018) analysieren, was Fluchtbewegungen für Demokratie und Menschenrechte bedeuten. Benhabib fordert einen „interaktiven Universalismus“: Rechte entstehen nicht abstrakt, sondern im Dialog – und ein „Recht auf Rechte“ gibt es auch für Geflüchtete, jenseits starrer Grenzen.

Wo Debatten verhärten, sucht Benhabib Zwischentöne, sei es im Nahostkonflikt oder in Debatten um Identitätspolitik, und plädiert für eine „erweiterte Denkungsart“, die Perspektiven der anderen einbezieht.

Warnung vor der Relativierung des 7. Oktober

Ihre Haltung zeigte sie auch nach dem 7. Oktober 2023: Als Kol­le­g:in­nen wie Judith Butler und Nancy Fraser den offenen Brief „Philosophy for Palestine“ unterzeichneten – der Israels Politik scharf kritisierte, aber die Hamas-Massaker nur indirekt verurteilte –, distanzierte sich Benhabib deutlich.

In ihrem Gegenbrief warf sie den Un­ter­zeich­ne­r:in­nen vor, den Konflikt einseitig als „Siedlerkolonialismus“ zu sehen und die Gräueltaten der Hamas als legitimen Widerstand zu verharmlosen. Sie betonte ihre lebenslange Unterstützung palästinensischer Selbstbestimmung, warnte aber vor der Relativierung des 7. Oktober als Wendepunkt.

Nach dem Adorno-Preis 2024 und anderen Ehrungen wie dem Ernst-Bloch- oder Meister-Eckhart-Preis ist der Hannah-Arendt-Preis für Seyla Benhabib die logische Krönung: Hier trifft die Denkerin auf ihre zentrale Bezugsperson. Mit Benhabib ehrt Bremen eine brillante Theoretikerin und eine öffentliche Intellektuelle, die Arendts Erbe konsequent lebendig hält. Nicht zuletzt ihre jüdische Herkunft und ihre Erfahrungen mit Exil machen sie zu einer Brückenbauerin – die Arendts Ideen von Pluralität und Öffentlichkeit neu belebt.

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