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Illustration zeigt zwei Männer, die sich anblicken
Illustration: Manuel Fazzini

Treuhand und Transformation Ausverkauf des Ostens oder ökonomische Realität?

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Die Treuhand löst bis heute ein emotionales Echo aus. Andrea Diekmann und Sonja Leinkauf im Gespräch über die umstrittene Behörde.

In der aktuellen Folge Mauerecho spricht Dennis Chiponda mit Andrea Diekmann und Sonja Leinkauf über die Treuhand und die Transformationsprozesse im Osten in den 90er-Jahren.Andrea Diekmann ist Juristin und kam als junge Frau von Bielefeld nach Berlin zur Treuhand. Dort war sie für den Bereich Umwelt und Altlasten zuständig. Ihre Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass durch Bodenkontaminationen niemand zu Schaden kam. Sonja Leinkauf war in der DDR Soziologin im Institut für sozialistische Wirtschaftsführung. Nach der Wende wurde sie Pressesprecherin der Telekom im Aufbau Ost. Die Telekom war in dieser Zeit dafür zuständig, das gesamte Telekommunikationsnetz in den ostdeutschen Bundesländern aufzubauen.

Als 1989 die Mauer fiel, befand sich Diekmann gerade in der Abschlussphase ihres Jurastudiums. Nach den Prüfungen wartete in einer Kanzlei in Bielefeld ein fester Arbeitsvertrag auf sie. Ein Freund überzeugte sie jedoch, zur neu gegründeten Treuhandanstalt in Berlin zu gehen, die mit der Abwicklung des sozialistischen Wirtschaftssystems beauftragt war. Die Aufbruchstimmung habe sie damals angesteckt. Alle hätten damals dazu beitragen wollen, dass die Wiedervereinigung funktioniert.

Bin ich ein Wendehals oder nicht?

Sonja Leinkauf

Sonja Leinkauf konnte in den ersten Nächten nach dem Mauerfall nicht schlafen. Sie war überzeugte Sozialistin und träumte von einem „Dritten Weg“, einem demokratischen Sozialismus. Doch ziemlich schnell zeichnete sich ab: Der Kapitalismus wird kommen. Das Institut für sozialistische Wirtschaftsführung, an dem sie forschte, wurde in „Zentrum für Unternehmens- und Wirtschaftsführung“ umbenannt. „Also so ein bisschen nach westlichem Stil.“

Als Soziologin konnte sie im wiedervereinigten Deutschland nicht weiterarbeiten. Die Theorien, mit denen Wis­sen­schaft­le­r*in­nen im Westen arbeiteten, durfte sie in der DDR nicht lesen. Sie begann im PR-Bereich zu arbeiten und landete durch Zufall als Pressesprecherin bei der Telekom.

Alles wertlos?

Sie gilt damit als eine der wenigen, die in Ostdeutschland von der Wende profitierten. „Ich war von heute auf morgen plötzlich in einem Vorstand eines großen Unternehmens, das auf dem Weg zur Privatisierung war“, sagt sie. Vier Jahre lang habe sie sich die Frage gestellt: „Bin ich ein Wendehals oder nicht?“

Viele Ostdeutsche blicken weniger positiv auf die Wende zurück; für manche von ihnen ist die Treuhand bis heute ein rotes Tuch. Leinkauf bedauert, dass man die Betriebe nur nach marktwirtschaftlichen Maßstäben bewertet habe. Es habe eine Sensibilität für die Menschen im Osten gefehlt. Hätte man manche Betriebe, die von der Treuhand abgewickelt wurden, vielleicht retten können?

Selbstverständlich kann ich das menschlich nachvollziehen, wie enttäuschend das ist, wenn man denkt, man hat den Fuß in der Tür, in die Zukunft des Kapitalismus, und dann wird einem die Tür vor der Nase zugeschlagen. Das ist natürlich maximal enttäuschend.

Andrea Diekmann

„Ich habe in vielen Unternehmen persönlich gestanden, um sagen zu können: Vieles war einfach ganz wenig wert. Das ist unter menschlichen Aspekten traurig, aber wirtschaftlich war es einfach so“, meint Diekmann. Sie versteht aber auch den Frust. „Selbstverständlich kann ich das menschlich nachvollziehen, wie enttäuschend das ist, wenn man denkt, man hat den Fuß in der Tür, in die Zukunft des Kapitalismus, und dann wird einem die Tür vor der Nase zugeschlagen. Das ist natürlich maximal enttäuschend.“

Kulturelle Unterschiede

Im Gespräch stellen Diekmann und Leinkauf fest, dass ihre jeweils unterschiedliche Sozialisation sie bis heute prägt. Diekmann erzählt, dass sie damals manche Gewohnheiten ihrer ostdeutschen Mit­ar­bei­te­r*in­nen nicht verstanden habe. Und ihnen sei es umgekehrt ähnlich gegangen. Es musste eine große kulturelle Annäherung stattfinden, stellt Chiponda fest.

Leinkauf vermisst dieses gegenseitige Interesse bis heute. Viele im Westen seien nicht interessiert an der Vergangenheit der Ostdeutschen. Auf beiden Seiten verfalle man in ein Schwarz-Weiß-Denken. „Weder ist der Osten schlecht und der Westen toll, noch umgekehrt. Da gibt es Schattierungen, und die müssen wahrgenommen werden!“

„Mauerecho – Ost trifft West“ ist ein Podcast der taz Panter Stiftung. Er erscheint jede Woche Sonntag auf taz.de/mauerecho sowie überall, wo es Podcasts gibt. Besonderen Dank gilt unserem Tonmeister Daniel Fromm.

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