Treffen mit einem Sexbegleiter: Es beginnt mit einem Tanz
Barbara Voigt sitzt im Rollstuhl, Männer würden sie nicht wahrnehmen, erzählt sie. Um körperliche Nähe zu erleben, trifft sie einen Sexualbegleiter.
Ein dunkler Winterabend in einer ruhigen Straße am Rand von Köln. Nur gelegentlich fahren Autos vorbei, ihre Scheinwerfer streifen die Fassaden der Reihenhäuser. Drinnen öffnet eine junge Frau die Wohnungstür im Parterre. In der Wohnküche riecht es würzig, gefüllte Teigtaschen stehen auf dem Tisch.
Barbara Voigt kocht gerne selbst, wird sie später erzählen. „Selbst kochen“ heißt für sie, ihrer Assistentin zu erklären, welche Zutaten sie in die Pfanne geben soll und welche Gewürze hinzukommen. Mehrere Helferinnen arbeiten im Wechsel für Voigt – meistens Studentinnen, die sich etwas dazuverdienen wollen.
Barbara Voigt sitzt in einem elektrischen Rollstuhl, gesteuert über einen kleinen Joystick, den sie per Hand bedienen kann. Wir sind verabredet, um über das Thema Sexualbegleitung zu reden. Voigt spricht selbstbewusst und gerne, aber ihren echten Namen will sie nicht verraten. Zu groß sei die Scham, sagt sie. Ihre Eltern hätten dafür kein Verständnis. „Das Thema ist tabu. Meine Familie hätte zu viel Angst, dass mir eine fremde Person wehtun würde.“
Seit neun Jahren trifft sich Barbara Voigt regelmäßig mit Thomas Aeffner, einem Sexualbegleiter. Er bietet Menschen mit Behinderung gegen Honorar körperliche Nähe – Streicheln, Kuscheln, bei Bedarf auch Sex. Einmal im Monat kommt er zu ihr. Nur während einer kurzen Beziehung hat sie mit den Treffen pausiert.
Stimmung zwischen elektrische Aufstehhilfen und Fernbedienungen am Bett
Barbara Voigt und Thomas Aeffner sitzen am Wohnzimmertisch. Bevor sie ins Schlafzimmer gehen, essen sie zusammen. Sie sprechen vertraut miteinander, sie lachen über Witze, die nur sie beide verstehen. Freunde seien sie aber nicht. „Thomas ist für mich eindeutig ein Dienstleister“, sagt Voigt. Es dürfe sich schon nach Freundschaft anfühlen. „Aber nur in den zwei Stunden, die er hier ist.“
Aeffner hat seinen Koffer dabei, einen dieser alten Schuhputzkästen, die sich nach links und rechts aufklappen lassen. In den Schubladen befinden sich Arbeitsutensilien: hauchdünne Lecktücher für den Oralsex, eine Aludose mit der Aufschrift „Magic Pills“, Kondome, Mentholbonbons, ein weißes Zigarettenetui mit dem Aufdruck „Pornos sind wie Zigaretten – selbstgedrehte sind die besten“. Außerdem ein Set mit akkubetriebenen Plastikkerzen. Sie sollen für Stimmung sorgen in Barbara Voigts Schlafzimmer, wo elektrische Aufstehhilfen und Fernbedienungen am Bett eher an eine Klinik erinnern.
Barbara Voigt zündet sich noch eine Zigarette an. Ihre Nägel sind bordeauxrot lackiert. Goldene Ringe schmücken ihre Finger, ein geflochtener Armreif ihr Handgelenk. Ihr gehe es nicht nur um Sex, sagt sie. Es gehe um Nähe, Selbstbestimmung – und um Zuneigung, die nicht von den Eltern komme. „Die Berührungen lösen bei mir sogar Spasmen. Das bedeutet Lebensqualität.“ Sie seien auch gut für die Psyche. „Seit ich mich mit Thomas treffe, bin ich selbstbewusster und habe das Gefühl, eine Frau zu sein, die gemocht wird.“
In ihrem Alltag begegnet Barbara Voigt kaum anderen Männern. Und wenn doch, würden diese sie gar nicht wahrnehmen, sagt sie. „Die haben einfach Scheuklappen auf.“ Bevor sie Thomas Aeffner traf, hatte sie Angst vor Nähe, erzählt sie. Sie dachte, sie könne nie gut genug sein für einen Mann. „Heute weiß ich: Ich bin eine schöne Frau. Sexualbegleitung hat mich für das Thema Sex geöffnet.“
„Dafür gibt es keinen Topf“
Als die Teller leer sind, geht Thomas Aeffner langsam vor ins Schlafzimmer. Barbara Voigt fährt hinterher. Im Schlafzimmer hilft er ihr dabei, sich bis auf die Unterwäsche zu entkleiden. Bevor sie sich zurückziehen, tanzen sie. „Ein kleines Ritual“, erzählt Aeffner. Über ihren Oberkörper, den Rücken und unter die Oberschenkel legt er ihr einen gepolsterten Gurt. Mit zwei langen Schlaufen befestigt er den Gurt an einem Deckenlifter, der über eine Schiene quer durch den Raum führt. Mit einem kurzen Surren hebt der Motor Barbara Voigt aus dem Rollstuhl. Sie hängt nun in der Luft – und lässt sich in Thomas Aeffners Arme fallen. Der summt einen Walzer an. Mit einer Hand an ihrem Rücken, einer an der Hüfte, führt er sie durch das Zimmer, dreht ihren Körper rhythmisch nach links und nach rechts. Barbara Voigt lacht.
Die beiden tanzen einige Minuten. Dann gleitet der Lifter Richtung Bett. Aeffner holt noch seinen Koffer aus dem Wohnzimmer, stellt ihn auf den Nachttisch. Dann schließt er die Schafzimmertür. An ihrer Klinke baumelt ein „Bitte nicht stören“-Schild. Flüstern und Gelächter dringt in die Wohnküche, in der Barbara Voigts Helferin derweil die Teller spült.
200 Euro kostet Barbara Voigt so ein Abend. Bezahlen muss sie die Treffen selbst. „Das ist für viele behinderte Menschen eine Hemmschwelle“, sagt sie. Ob jemand körperliche Nähe erfahre, hänge oft von der finanziellen Situation der Person ab. Die Krankenkassen fühlten sich nicht zuständig. „Dafür gibt es einfach keinen Topf“, sagt Voigt. Was für sie ein Stück Selbstbestimmung bedeutet, bleibt für andere unerreichbar.
Zu dem Thema Kostenübernahme gibt es seit vielen Jahren Diskussionen. Bereits 2017 äußerte der Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach, SPD, in einem Interview mit der Nordwest-Zeitung seine Position dazu: „Prostitution auf Rezept ist der falsche Weg.“ Während seiner Amtszeit als Gesundheitsminister in der Ampelregierung blieb er bei dieser Haltung. Seine Verwaltung teilte mit: „Die gesetzliche Krankenversicherung hat die Aufgabe, die Gesundheit der Versicherten zu erhalten, wiederherzustellen oder ihren Gesundheitszustand zu bessern. Eine Kostenübernahme oder Bezuschussung sexueller Dienstleistungen für Menschen mit Behinderung würde den Aufgabenbereich übersteigen.“ In seiner Antwort verwies die Pressestelle auf das Bundesministerium für Arbeit und Soziales.
„Sexuelle Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht“
Das wird seit dem Regierungswechsel von Bärbal Bas, ebenfalls SPD, geleitet. Von dort heißt es, man erkenne zwar eine „wissenschaftliche und politische Debatte“ sowie „Einzelfallentscheidungen erstinstanzlicher Gerichte“ an. Sexualbegleitung wolle man aber „nicht grundsätzlich unter Leistungen zur sozialen Teilhabe fassen“, so ein Sprecher.
Thomas Aeffner kann das nicht nachvollziehen. „Sexuelle Selbstbestimmung ist ein Menschenrecht“, sagt er. Professionelle Sexualbegleitung sei eine Möglichkeit, dieses Recht zu verwirklichen, wenn sonst kein geeigneter Partner oder keine Partnerin gefunden werde. Vordergründig gehe es um körperliche Nähe, doch Sexualbegleitung stärke auch Selbstbewusstsein und Psyche der Klientinnen und Klienten. „Es geht um Empowerment“, sagt Aeffner.
Pflegebedürftige Menschen seien zwar oft in vielen Bereichen eingeschränkt – nicht aber in ihrem sexuellen Empfinden. Sexualbegleitung könne helfen, Schamgefühle abzubauen und eine größere Akzeptanz für den eigenen Körper zu entwickeln. In manchen Fällen sei Sexualbegleitung sogar notwendig als Hilfe zur Selbsthilfe. Manche Klientinnen oder Klienten würden sich beim Masturbieren verletzen. Dann müsse gezeigt werden, wie Selbstbefriedigung sicher und selbstbestimmt funktioniere.
Thomas Aeffner empfängt seine Klientinnen und Klienten auch in seinem Studio, eine Stunde nördlich von Köln. Auf einem Nachttisch steht eine rosafarbene Kunststoffklitoris – ein Modell, das er bei seinen Sitzungen für Erklärungen nutzt. An den Wänden hängen Aktmalereien: Rücken, Hände, Hautfalten. Eine Collage aus Vulven und Penissen. Die Zeichnung einer entblößten Frau.
Viele der Bilder stammen aus Aeffners eigener Feder – er arbeitete viele Jahre als Künstler. Nach dem Ende seiner künstlerischen Karriere ließ sich Aeffner 2017 am Institut zur Selbstbestimmung Behinderter (ISBB) zum Sexualbegleiter ausbilden. Wenn er seine Klient:innen malt, verbindet er beides. Auf dem Schreibtisch liegt ein Block mit Zeichnungen. Nackte Körper, Sexstellungen, Umarmungen. „Ich zeige ihnen die Bilder, damit sie sehen, wie schön sie sind.“
Meinungen zu Sexualbegleitung gehen weit auseinander
Thomas Aeffner, Sexualbegleiter
Aeffner hat sich als Sexualbegleiter ausbilden lassen, weil es Menschen gebe, die keine körperliche Nähe bekämen, sagt er. Die öffentliche Wahrnehmung seines Berufs sei aber häufig eine andere. „Sexarbeit wird in einem Atemzug genannt mit Zwang und Menschenhandel. Dabei wird die Breite dieses Berufs übersehen. Einige Bereiche der Sexualbegleitung ähneln eher einem Pflegeberuf.“
Aeffner selbst bezeichnet sich als Sexarbeiter. Viele seiner Kolleginnen und Kollegen versuchen, eine sprachliche Nähe zur Prostitution zu vermeiden und sprechen stattdessen von „Berührern“ – so wie es etwa in der Schweiz üblich ist. Ein Blick in die Kommentarspalten von Beiträgen zu dem Thema zeigt, warum: „Menschen mit Behinderung könnten ausgenutzt werden oder gar zum Opfer sexueller Phantasien werden“, schreibt einer. „Männliche Prostitution dient immer der männlichen Sexualität“, ein anderer. „Sich Sex zu kaufen, hat etwas Abstoßendes“, urteilt ein Dritter.
Die Meinungen zu Sexualbegleitung gehen in der Gesellschaft weit auseinander. Wie komplex das Thema ist, zeigen auch wissenschaftliche Beiträge. Die Soziolog:innen Tobias Boll und Miriam Brunnengräber von der Universität Mainz forschen zum Thema Sexualität und Behinderung. Ihre Einschätzungen zur Sexualbegleitung sind ambivalent: Sexualität sei ein bedeutender Bereich menschlicher Beziehungsgestaltung und sozialer Teilhabe, schreiben sie. Mit der UN-Behindertenrechtskonvention sei der Anspruch formuliert, „gleichberechtigte Teilhabe in sämtlichen Lebensbereichen zu gewährleisten, wozu auch die Möglichkeit sexueller Selbstbestimmung zählt“.
Andererseits verweisen sie auf Stimmen vieler Menschen mit Behinderung, die betonten, dass eine Einordnung sexueller Bedürfnisse als medizinische oder pflegerische Leistung problematisch sein könnte. Eine solche Rahmung rücke Sexualität in den Bereich von Krankheit, Fürsorge und Behandlung. „Sozialpolitische Logik von Teilhabe und Gerechtigkeit“ stoße hier auf eine „kulturelle Logik, die Sexualität als individuellen, intimen Bereich begreift“, schreiben die Wissenschaftler:innen. Eine zukunftsorientierte Diskussion müsste beides zusammendenken und Menschen mit Behinderung konsequent als Expert*innen in eigener Sache einbeziehen“.
Auch Thomas Aeffner fordert mehr Mitsprache für Menschen mit Behinderung. Und eine Enttabuisierung ihrer Sexualität. Dafür wirbt Aeffner bei seinen Reisen quer durchs Land; er besucht Seminare, hält Vorträge, bietet sich Studierenden als Ansprechpartner an.
Auch Barbara Voigt möchte sich für sexuelle Aufklärung engagieren, sagt sie. Sie will in Zukunft als Sexualberaterin über ihre Erfahrungen berichten.
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