Wahl in Sachsen-Anhalt: Hat dieses Dorf bald einen Neonazi als Bürgermeister?
Der Bundesvorsitzende der Jungen Nationalisten will Bürgermeister in Völpke werden. Das zeigt, wie Neonazis von der Diskursverschiebung profitieren.
Auf den Wahlplakaten hat Sebastian Weigler das Logo seiner Partei weggelassen. Und doch verrät ein Detail, welche es ist. Neben den Farben des kleinen Orts Völpke in Sachsen-Anhalt, rot, grün und weiß, hat Weigler beim Design einen orange-goldenen Ton verwendet. Die Farbe der Partei „die Heimat“, die bis 2023 NPD hieß.
Weigler ist Beisitzer des Bundesvorstands der Neonazi-Partei und leitet außerdem deren Jugendorganisation, die Jungen Nationalisten (JN). In den vergangenen Jahren zogen die JN vor allem durch politische Aktionen gegen Queere und Gewalttaten gegen Andersdenkende deutschlandweit Aufmerksamkeit auf sich. Nun will Weigler Bürgermeister in Völpke werden.
Die Gemeinde liegt im Westen von Sachsen-Anhalt, zwischen Magdeburg und Braunschweig. Früher war die innerdeutsche Grenze keine zehn Kilometer entfernt. Es gibt einen Fußballverein, einen Männergesangsverein und die Freiwillige Feuerwehr. Junge Familien ziehen aus der Großstadt in die Idylle. So kam auch der 32-jährige Weigler vor wenigen Jahren aus Braunschweig nach Völpke.
Am Sonntag dürfen etwas mehr als 1.000 Wahlberechtigte ihre Stimme abgeben. Der amtierende Bürgermeister und sein Stellvertreter treten nicht mehr an, vier andere bewerben sich auf das Ehrenamt. Wenige hundert Stimmen werden für den Sieg reichen. Hat der Bundesvorsitzende einer Neonazi-Organisation eine Chance? Voraussichtlich ja. Nicht, weil in Völpke so viele Neonazis leben. Sondern, weil sich der Diskurs verschoben hat.
Wahl im rechtsextremen Kontext
Völpke sei nicht isoliert zu betrachten, sagt die Journalistin Lotta Kampmann von „Recherche Nord“. Das Medienkollektiv beobachtet seit Jahren die Neonaziszene. Zuletzt widmeten sie sich besonders intensiv den JN.
Bei Völpke sei relevant, dass das Dorf in Sachsen-Anhalt liegt. Seit einiger Zeit ziehen Neonazis aus dem Westen in das Bundesland. Und nächstes Jahr könnte Sachsen-Anhalt einen Ministerpräsidenten bekommen, der der rechtsextremen AfD angehört. Die wirbt offen mit „Remigration“ und will Demokratiebildung einstampfen. In Umfragen liegt sie vorne. „Es hat sich was verschoben, und das ist größer als die JN“, sagt Kampmann.
Das zeige sich auch in Völpke. „Das sind nicht unbedingt Neonazis. Die schlagen sich eher auf die Seite von Herrn Weigler, weil er sich gegen ‚die da oben‘ positioniert“, erklärt Kampmann. „Es ist gesellschaftlich akzeptierter, rechtsextreme Positionen zu vertreten.“
Dass Weigler seit den 2000ern in der Neonaziszene aktiv ist, spiele für diese Menschen keine Rolle mehr. Dabei ist er als Bundesvorsitzender der JN einer der einflussreichsten Neonazis in Deutschland. Seit er 2022 den Vorsitz übernahm, habe er die Jugendorganisation verändert, berichtet Kampmann. Bei den JN gehe es nun mehr um Disziplin, Kaderstrukturen und völkische Indoktrination.
Aus Angst vor rechtlichen Konsequenzen versuchen die JN ihren Bezug zum Nationalsozialismus zu verschleiern. Doch teilweise ist er offensichtlich. Zum Beispiel ist auf einem Aufkleber, den die JN über ihren Online-Shop vertreiben, ein Motiv zu sehen, das von einem Plakat der NSDAP übernommen wurde. Das bewarb 1932 den ersten nationalsozialistischen Reichsjugendtag. Für den Aufkleber haben die JN nur die Hakenkreuz-Flaggen aus dem Motiv entfernt. Im Impressum des Online-Shops steht Sebastian Weigler. Auf Anfrage der taz äußert er sich nicht dazu.
Geist der Hitlerjugend
Wie es intern zugeht, darüber berichtete unter anderem die RTL-Reporterin Angelique Geray. Sie recherchierte undercover bei den JN. Dabei filmte sie, wie Weigler zu JN-Mitgliedern bei einem Treffen in Sachsen sprach. Dabei wies der Bundesvorsitzende darauf hin, dass die Hitlerjugend die dortigen Räume in den 30er Jahren für Schulungen benutzt habe. „Vielleicht hat der ein oder andere diesen gewissen Geist, den man da drinnen verspürt, schon wahrgenommen“, sagte er.
Die Recherche zeigt zudem: Die Mitglieder treten uniformiert auf, weißes Hemd, schwarze Hose. Bei jeder Gelegenheit singen sie, teilweise Mordlieder über politische Gegner, antisemitische Texte oder solche, in der sich die Sänger:innen in die Tradition von Adolf Hitler stellen.
Hinzu kommen Berichte über getanzte Hakenkreuze, nationalsozialistische „Feuerreden“ bei Sonnenwendfeiern und „Rasseschulungen“, sagt Lotta Kampmann von Recherche Nord. Es sei unverständlich, dass Sicherheitsbehörden nicht konsequenter gegen die JN vorgehen.
Ein Weigler, zwei Gesichter
Doch in Völpke tritt Weigler anders auf. Er hat vier Kinder, engagiert sich bei der Feuerwehr und ist ein hilfsbereiter Nachbar. Eine Katze wurde gefunden? Weigler kontaktiert die Besitzer:innen. Ein Flohmarkt in Völpke? Weigler kümmert sich.
Als eine Mitbewerberin bei der Bürgermeisterwahl auf Facebook seine Gesinnung thematisiert, wirft er ihr vor, sie hetze gegen ihn und spalte die Dorfgemeinschaft. Er habe sich selbst noch nie als Neonazi gesehen. Dafür bekommt er Zuspruch. Mehrere Facebook-Nutzer:innen werfen der anderen Kandidatin vor, sie versuche, Weigler schlecht zu machen. Im Wahlkampf solle seine politische Einstellung außen vor bleiben. Stattdessen solle es um Inhaltliches gehen.
Im Gespräch mit der taz äußerten Bewohner:innen, die Weigler kritisierten, die Bitte, dass ihr Name nicht öffentlich genannt wird. Eine Person sagte, sie wolle nicht ins Fadenkreuz geraten. Eine andere gab an, sie mache sich Sorgen, welche Folgen es für ihre Kinder haben könnte, wenn sie sich offen gegen den JN-Chef positioniert. „Es ist schwer zu sagen, wie das nächste Woche wird“, sagt einer am Telefon. Er befürchtet, mit Weigler als Bürgermeister könnte Völpke zu einem Treffpunkt für Neonazis werden.
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