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Katholische und orthodoxe KircheNach Istanbul reisen, aber „Kontantinopel“ meinen

Mit seinem Istanbul-Besuch versucht Leo XIV die vor tausend Jahren erfolgte Trennung zwischen Orthodoxie und römisch-katholischer Kirche abzumildern.

Papst Leo XIV und Bartholomäus I., Patriarch der griechisch-orthodoxen Kirche in Konstantinopel, am Sonntag in Istanbul Foto: Khalil Hamra/ap
Jürgen Gottschlich

Aus Istanbul

Jürgen Gottschlich

Papst Leo XIV zu Besuch in Konstantinopel. So könnte der inoffizielle Titel der viertägigen Reise des Papstes lauten, die er zwar in der Türkei absolvierte, eigentlich aber in der Welt seiner griechisch-orthodoxen Gastgeber in „Konstantinopel“ verbrachte.

Bartholomäus I. Patriarch der griechisch-orthodoxen Kirche in Konstantinopel, wie sie sich bis heute nennt, war von Freitagnachmittag bis Sonntagmittag, als der Papst nach einem letzten „ökumenischen Segen“ durch Bartholomäus in Richtung Libanon aufbrach, praktisch immer an seiner Seite.

Nachdem Papst Leo am Donnerstag den formalen Teil seiner Reise als Staatsoberhaupt des vatikanischen Kirchenstaates in Ankara absolviert hatte, widmete er sich an den folgenden Tagen fast ausschließlich der zahlenmäßig nur mehr sehr geringen christlichen Minderheit, die überwiegend in Istanbul lebt.

Er besuchte die armenische Kirche, traf den armenischen Patriarchen zu einem Gottesdienst in dessen Kathedrale und später auch die Vorsteher der syrisch-orthodoxen Kirche, deren Gebetshaus im Stadtteil Bakirköy der einzige Kirchenneubau in Istanbul seit der Gründung der Türkischen Republik ist.

Bartholomäus ist spiritueller Führer aller Orthodoxen

Vor allem aber widmete er sich Bartholomäus. Alle nicht-muslimischen Glaubensgemeinschaften, also neben den Griechisch-Orthodoxen und den Armeniern auch die Juden, haben in Istanbul sehr viel mehr Kirchen und Synagogen, als sie heute füllen können. Nach dem Völkermord von 1915 lebt in der Türkei nur noch ein kleiner Rest der einstmals 1,5 Millionen Menschen umfassenden armenischen Gemeinde im Osmanischen Reich.

Der syrisch-orthodoxen Kirche machten ebenfalls die Christenverfolgung im Ersten Weltkrieg, aber auch die bis heute andauernden Kämpfe in der Region Syrien, Irak, Türkei zu schaffen. Den größten Aderlass aber erlitt die griechisch-orthodoxe Kirche.

Das byzantinische Kaiserreich, auf das sich die griechische Kirche bis heute bezieht, musste 1453 die Niederlage gegen die Osmanen hinnehmen, aber das Patriarchat von Konstantinopel blieb dennoch bestehen, geduldet und teilweise sogar gefördert von den osmanischen Sultanen.

Noch bis Ende des osmanischen Reiches 1918 lebten mindestens eine halbe Million griechisch-orthodoxer Einwohner allein in Istanbul. Erst durch die Deportationen von Christen nach Griechenland und Muslimen aus Griechenland in die Türkei nach dem Ersten Weltkrieg nahm ihre Zahl dramatisch ab.

Es blieb eine durch den Friedensvertrag von Lausanne geschützte Gemeinde in Istanbul, deren Zahl allerdings bedingt durch viele Krisen zwischen der Türkei und Griechenland im Laufe der Zeit auch immer weiter abnahm. Zurück blieb das Patriarchat und rund 2000 Gläubige, die nach wie vor in ihrem „Konstantinopel“ leben.

Dokument zur Annäherung unterzeichnet

Da die orthodoxe Kirche weltweit das Patriarchat von Konstantinopel als führendes Patriarchat der gesamten Orthodoxie ansieht, ist Bartholomäus heute immer noch der spirituelle Führer der gesamten Orthodoxie. In dieser Eigenschaft traf ihn Papst Leo nun in Istanbul und widmete dem „orthodoxen Papst“ so viel Zeit wie kein römischer Kirchenführer vor ihm.

Er reiste mit Bartholomäus nach Nicäa, um das erste ökumenische Konzil der Christen vor 1700 Jahren zu feiern, er besuchte zweimal einen Gottesdienst in der Patriarchatskirche am Goldenen Horn und er unterzeichnete gemeinsam mit Bartholomäus ein Dokument zur Annäherung zwischen den beiden Kirchen.

Sowohl von Bartholomäus wie von Leo und den beiden vorangegangenen Päpsten Franziskus und Benedikt gibt es Bemühungen, die vor gut 1000 Jahren erfolgte Trennung zwischen Orthodoxie und der römisch-katholischen Kirche wieder aufzuheben oder mindestens abzumildern. Doch ob diese Bemühungen in den beiden christlichen Weltkirchen, die in ihren jeweiligen Ritualen erstarrt sind, Erfolg haben, wird man erst in den kommenden Jahren sehen.

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