Medizinische Versorgung im Krieg: Vom Leben und Überleben in Odessa
In der ukrainischen Hafenstadt behandelt eine Klinik speziell Binnengeflüchtete. Die Behandlung in St. Rafael ist kostenlos.
Cool blicken fünf verwegene Männer in Lederjacken, mit Kaffeebechern in der Hand, auf die flanierenden Menschen in der Deribasowska, der Fußgängerzone von Odessa. Neben ihnen ihr ganzer Stolz: fünf schwere Motorräder der Marke Harley-Davidson. 200 Meter weiter stehen mehrere Dutzend vor allem junge Menschen und lauschen zwei Sängern.
Wenn man nicht wüsste, dass in der Ukraine Krieg herrscht, hier in der Fußgängerzone von Odessa würde man es nicht merken. „Odessa ist die einzige ukrainische Stadt, von den besetzten Gebieten abgesehen, mit direktem Zugang zum Meer“, erzählt Anna aus Charkiw. „Und deswegen komme ich manchmal für eine Woche in diese wunderschöne Stadt“, ergänzt sie.
Sie gehört zu den wenigen in der Ukraine, die sich mehrmals im Jahr einen Urlaub in Odessa leisten können. Für eine Ferienwohnung zahlt man hier zwischen 200 und 400 Euro pro Woche.
Doch die Fußgängerzone mit ihren gemütlichen Restaurants, Bars und Cafés, seiner Straßenmusik und den Touristengruppen ist nur ein kleiner Teil der Realität der Hafenstadt, die, wie es in dem bekannten Lied „Ach Odessa, Perle am Meer“ heißt, viel Leid gesehen hat.
Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
Die Mehrheit seiner Bewohner kann es sich nicht leisten, in der Fußgängerzone eine Pizza zu essen. Wie in anderen ukrainischen Städten auch gibt es in Odessa eine unsichtbare Trennlinie zwischen den besitzenden einheimischen Wohnungseigentümern und den weitgehend besitzlosen Binnenflüchtlingen. Und während immer mehr Odessiten die Stadt verlassen, nimmt gleichzeitig die Zahl der Binnenflüchtlinge zu. Das wirkt sich auch auf das Stadtbild aus. Die Neuen aus dem Donbass sind einfacher gekleidet.
Spenden aus Italien
Gerade einmal 15 Minuten zu Fuß sind es von der Fußgängerzone zur vulica Pastera, der Pasteur-Straße. Dort befindet sich die Klinik Sankt Rafael.
Wer hier in den Warteräumen der Klinik, die einer größeren Praxis gleicht, sitzt, gehört zu denen, die sich in der Fußgängerzone nichts leisten können. Hier warten jeden Tag von früh bis spät Patienten geduldig, bis sie an der Reihe sind. Das Besondere an dieser Klinik, in der immer mindestens zwei Ärzte und eine Krankenschwester anwesend sind, ist, dass hier Binnenflüchtlingen geholfen wird. Die üblicherweise teuren Medikamente gibt es für sie hier kostenlos. Dass das geht, liegt an der Zusammenarbeit mit zwei italienischen Lions Clubs. Ein großer Teil der medizinischen Geräte in der Klinik wurde aus Italien gespendet.
„Die Rafael-Klinik ist zwar eine Privatklinik, doch die finanziellen Rahmenbedingungen sind wie in einer staatlichen Klinik“, berichtet Chefärztin Snezhana Eremenko gegenüber der taz. „Das heißt, ich bekomme für jeden Patienten vom Staat ungefähr einen Euro. Bei 600 Patienten sind das also etwa 600 Euro im Monat. Privatkliniken bekommen pro Arztbesuch zehn Euro.“
Medizinische Hilfe als Lebensader
Viele der Patientinnen und Patienten, die diese Klinik aufsuchen, haben eine lange Flucht hinter sich. So berichtet eine ältere Frau: „Ich war vor dem Krieg gesund. Aber seit ich geflüchtet bin, habe ich Rückenschmerzen, meine Beine schmerzen, der Blutdruck ist zu hoch und jetzt habe ich auch noch Diabetes.“
In fast jedem Gespräch ist der Krieg präsent – ob direkt angesprochen oder im Subtext spürbar. Switlana, eine Geflüchtete aus Cherson, erzählt: „Mein Sohn ist Diabetiker, meine Mutter hatte einen Schlaganfall. Wir leben jetzt in einem Gebäude, das einer Kirche gehört. Und diese Klinik hilft uns mit Medikamenten, mit Windeln, mit allem. Ich bin so dankbar.“
Ruhig hört Snezhana Eremenko zu, wie ein junger Mann, der vor Kurzem aus zweijähriger Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt ist, von seinen Schlafstörungen berichtet.
Ein Mann namens Wowa kommt ins Behandlungszimmer, legt sein Smartphone vor Snezhana Eremenko auf den Tisch und zeigt ihr ein Video. „Da sehen Sie die Ortschaft, aus der ich komme, aus der Vogelperspektive. Jetzt ist sie von den Russen besetzt. Schauen Sie mal: Die Hälfte der Häuser ist zerstört. Und hier, weiter links, sehen Sie mein Haus. Es steht noch.“ „Ja, woher haben Sie denn dieses Video?“, will Snezhana wissen. „Ein Freund von mir bastelt Drohnen“, erklärt Wowa. „Und eine dieser Drohnen hat er mit einer Kamera über meine Ortschaft fliegen lassen.“
Seinen richtigen Namen will Wowa nicht in der Zeitung stehen sehen. „Ich habe Angst, dass meine Erzählungen meinen Verwandten schaden könnten. Die sind noch drüben“, erklärt er. Aber auch in Odessa hat er Angst. Wenn er aus dem Haus geht, macht er sich in einschlägigen Telegram-Kanälen kundig, wo gerade die Männer von der Militärbehörde TZK stehen. „Die nehmen dich direkt von der Straße mit zum Militär. Und dann, wenn sie dich haben, bist du in ein paar Wochen im Schützengraben.“ Und das will er nicht. „Ich habe meine letzten Medikamente hier bekommen. Die Ärzte erklären alles, hören zu, das ist nicht selbstverständlich“, berichtet Tetjana Borisywna. Sie spricht mit zitternder Stimme. Ihre medizinischen Dokumente sind zahlreich, die Liste ihrer Krankheiten lang.
„Viele kommen, weil sie wissen, dass bei uns Behandlung und Medikamente kostenlos sind. Wenn es uns nicht gäbe, müssten sie in Apotheken gehen oder teure Privatärzte aufsuchen – das kann sich kaum jemand leisten“, so Chefärztin Eremenko. „Viele junge Menschen sind ins Ausland gegangen“, sagt sie, „zu uns kommen vor allem Ältere – mit Diabetes, Krebs, Herzproblemen. Die Statistik täuscht: Es ist nicht die Stadt, die kränker wird, sondern der demografische Wandel, der die Realität verändert.“
Ein Ort der Solidarität
Was diese Klinik so besonders macht, ist nicht nur die medizinische Leistung, sondern das soziale Engagement. Geflüchtete, Kranke, finanziell Schwache – sie alle fühlen sich in der Klinik von Snezhana Eremenko zu Hause, finden hier ein offenes Ohr und eine helfende Hand.
Eine Patientin fasst es so zusammen: „Ich hätte nie gedacht, dass es solche Menschen gibt. Dass es möglich ist, ohne Geld Hilfe zu bekommen, wo wir doch alles verloren haben.“
Irgendwann nach 18 Uhr sitzt Snezhhana Eremenko alleine in der Praxis und lässt die Patienten des Tages noch einmal Revue passieren. Sie berichtet von ihren Hausbesuchen, spricht auch darüber, was diese Arbeit mit ihr macht. „Die Leute gehen sehr unterschiedlich mit den Luftangriffen um. Ich kenne eine Frau, die ist am Morgen nach einem Luftangriff, der in ihrem Haus einen ganzen Eingang mit Wohnungen in sieben Stockwerken weggerissen hat, zur Arbeit gegangen, als sei nichts gewesen. Und andere sind nach solchen Situationen für Wochen nicht mehr arbeitsfähig.“
Binnenflüchtlinge nehmen Luftangriffe ernster
„Mir machen diese Angriffe psychisch wirklich nichts aus“, fährt die Ärztin fort. „Wenn ich nachts wieder mal Drohnen rattern höre, mache ich das Fenster zu und schlafe weiter. Trotzdem bin ich nach solchen Nächten am Morgen physisch total fertig. Vielleicht ist da noch etwas in den Sprengsätzen drinnen, das wir noch nicht kennen“, meint sie. Und erzählt, dass sie in der jüngsten Zeit eine Zunahme an Krebserkrankungen beobachtet hat.
Snezhana Eremenko ist nicht den ganzen Tag in ihrer Klinik. „Wenn ich einen Hausbesuch mache, gehe ich zuerst ins Bad, um mir die Hände zu waschen“, berichtet sie. „Und wenn ich sehe, dass in der Badewanne Kopfkissen und Kinderspielzeug liegen, weiß ich, dass diese Familie aus einem umkämpften Gebiet geflohen ist. Denn wir Odessiten nehmen die Sirenen nicht sehr ernst. Die Menschen aus den umkämpften Gebieten dagegen schon.“
Immer wieder weisen Behörden und Feuerwehr auf die „Zwei-Wände-Regel“ hin. Wer bei einem Luftalarm nicht in einen Schutzraum geht, sollte sich in seiner Wohnung an einer Stelle aufhalten, die zwei Wände von der Außenwelt trennen. Üblicherweise ist das das Bad.
Große Pläne für ein Veteranenzentrum
Eremenko kommt ins Erzählen. Sie hat eine Zusammenarbeit mit dem örtlichen Veteranenzentrum vereinbart. Das von der Gebietsverwaltung finanzierte Zentrum verfolgt das Ziel, Veteranen und ihre Familien umfassend zu unterstützen. Irgendwann gegen 19 Uhr verlässt die Ärztin die Klinik, macht nur noch mal „eben und ganz kurz“ einen Hausbesuch. Und irgendwann nach 21 Uhr lässt sie sich in ihrem kleinen Häuschen, etwas außerhalb der Großstadt, in einen Sessel fallen, liest noch kurz die aktuellsten Telegram-Nachrichten, bevor sie sich ans Abendessen macht.
Aus Italien hat sie eine E-Mail bekommen, in der die Spende von einem Ultraschallgerät, einem Inkubator für Frühgeborene und Rollstühle angekündigt wird. Oft erhält sie Spenden, für die ihre Klinik keinen Bedarf hat. „Ich werde diese Lieferung an das Bezirkskrankenhaus weitergeben“, sagt sie. „Die freuen sich sehr darüber.“
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