39. Chaos Communication Congress: Chaos Kinder Congress
Auf dem Chaos Communication Congress zeigen Hacker*innen und Jugendliche, warum Chatkontrolle und Überwachung Kinder nicht schützen. Was aber sonst?
Es ist ein wilder Ritt durch Diskussionen, Sturheit und Hin und Her über Grundrechte, den die beiden Speaker*innen Khaleesi und Markus Reuter auf der Bühne präsentieren. Jahrelang hat die EU gestritten, als stünde die Sicherheit von Kindern, die immer wieder als Argument für eine Chatkontrolle angeführt wird, konträr zu sicherer, nicht überwachter Kommunikation.
Dass der Schutz von Minderjährigen online komplizierter ist, zeigt der 39. Kongress des Chaos Computer Clubs (CCC), der größte Hackerkongress der Welt, der zwischen den Jahren in Hamburg stattgefunden hat. Rund 16.000 Menschen nahmen am 39C3 teil. Dort besuchten sie die unzähligen Workshops, Gesprächsrunden, Vernetzungstreffen und die 165 kuratierten Vorträge wie ebenjenen von Khaleesi, einer Sprecherin des CCC, und Reuter, Journalist bei netzpolitik.org.
Jetzt, da sich der EU-Rat auf eine Position geeinigt hat – dass Internetdienste nicht verpflichtet werden können, die Kommunikation ihrer User*innen zu überwachen, sondern es freiwillig dürfen –, erklären die beiden dem Publikum im Saal und im Stream noch mal, wie es so weit kommen konnte und striktere Regelungen, wie etwa Ungarn sie wollte, abgewendet werden konnten.
Nicht nur Khaleesi und Reuter befassen sich mit dem vermeintlichen Gegensatz von Privatsphäre und Kindersicherheit. Auch Kate Sim stellt das Thema Kinderschutz in den Mittelpunkt ihres Vortrags. Seit über 14 Jahren arbeitet sie im Bereich sexualisierte Gewalt. „Wir befinden uns in einer Sackgasse zwischen Kindersicherheit und Privatsphäre von Erwachsenen, zwischen der Verantwortung und den Ausreden von Big Tech, zwischen irgendetwas tun und gar nichts tun“, sagt Sim. „Aber diese Binarität ist nicht nur ungenau, sondern sie lähmt uns alle, mit der Komplexität der Thematik umzugehen.“
Gegen den protektionistischen Ansatz
Sim ist am richtigen Ort. Auf dem 39C3 trifft sie auf Expert*innen und Interessierte, die sich mit den gesellschaftlichen und politischen Auswirkungen von Technologie auseinandersetzen wollen. Dabei versucht der Kongress Minderjährige mitzudenken. Kinder unter zwölf Jahren können kostenlos einen Erwachsenen begleiten, für Jugendliche gibt es ermäßigte Tickets. Vereinzelt nehmen Menschen ihre Babys mit in Vorträge. Ein Kleinkind mit leuchtenden Feenflügeln auf dem Rücken schlendert zusammen mit der Mutter zum Waffelstand. Zwei Teenager auf blinkenden Inlineskates rollen an ihnen vorbei.
„Ich war entsetzt, als ich sah, wie die Trennung zwischen Privatsphäre und Sicherheit wieder und wieder thematisiert wurde – zum Nachteil der Menschen, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind“, sagt Sim. Dass Erwachsene Kindern vorwürfen, dass diese nicht gut mit ihren Daten umgingen, und forderten, dass sie einfach nicht auf bestimmten Plattformen sein sollten. Es wird klar: Sim kritisiert diesen Ansatz, ebenso viele der Gesetze, die es momentan weltweit gibt und die sie einem protektionistischen Ansatz zurechnet.
Gesetze wie in Uganda, die unter dem Deckmantel der Kindersicherheit Homosexuelle verfolgen und die Todesstrafe ermöglichen, gehören dazu, aber auch die Chatkontrolle oder die australische Alterskontrolle, die Jugendliche von Social-Media-Plattformen aussperren soll.
Im protektionistischen Ansatz aber seien Onlinegefahren für Kinder sehr vage definiert, von sexualisierter Gewalt über Desinformation bis zu Radikalisierung, so die Kritik von Sim.
Sie sieht auch ein System in diesem Vorgehen, von dem die tatsächliche Hilfe für Überlebende, etwa Hilfehotlines und andere Anlaufstellen, losgelöst seien. Und sie erklärt, dass viel mit Zahlen argumentiert und die Menschen übersehen würden.
Dabei zitiert sie selbst Zahlen. Etwa, dass nur 0,18 Prozent der Inhalte, die dem US-amerikanischen Nationalen Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder 2023 gemeldet wurden, als „Hands on“-Missbrauch eingestuft wurden. Dass bei einer Untersuchung 2016 mehr als 60 Prozent der Überlebenden gesagt haben, dass ihre Situation sich verschlechtert habe, als die Taten an Behörden gemeldet worden seien. Oder dass 70 Prozent der Menschen, die nach Hilfe suchen, weil sie selbst Darstellungen von sexualisierter Gewalt an Kindern konsumieren, keine Hilfe bekommen.
Was tun? „Wir müssen Menschen mit dem Wissen darüber ausstatten, was mit ihrem Körper passiert, was falsch und was richtig ist“, sagt Sim. „Momentan werden die Jugendlichen allerdings der Werkzeuge, mit denen sie ebendiese Informationen erreichen und womit sie miteinander in Kontakt treten könnten, beraubt.“
Dass die Chatkontrolle eine dieser Maßnahmen werden könnte, ist zweifelhaft. Aber der aktuelle Entwurf gilt als Kompromiss. Für viele hier ist er aber nicht befriedigend. CCC-Sprecherin Khaleesi ist gegen mögliche Alterskontrollen in App-Stores. „Stattdessen möchten wir, dass ihr anfangt, alle schädlichen Mechanismen von Plattformen anzugehen und einen besseren digitalen Raum für uns alle zu schaffen, in dem wir alle sicherer sind.“ Sonst drohe ein falsches Gefühl von Sicherheit.
Für das Sicherheitsgefühl tun gerade Eltern viel. Auch wenn Nils Rollshausen sagt: „Ich glaube nicht, dass meine Kinder die ganze Zeit mit einem GPS-Gerät unterwegs sein müssen“, ist ihm klar, dass viele Eltern das anders sehen. Man sollte dann auch sichere Technologien nutzen können. Deswegen hat Rollshausen im Talk „Watch Your Kids“ vorgestellt, wie sein Team Zugriff auf die Daten einer Smartwatch für Kinder erlangen konnte und welche Möglichkeiten es dadurch bekam. Eltern können ihren Kindern auf die Uhr Nachrichten schicken, sie etwa fragen, wann sie zum Essen zu Hause sind. Normalerweise können die Kinder mit vorgefertigten Nachrichten antworten. Jetzt konnte das Rollshausen – mit Blick auf Gewalt gegen Kinder und Entführungen eine Horrorvorstellung.
Zumal Rollshausen auch die GPS-Daten verändern konnte, die Eltern potenziell abfragen können. Plötzlich steht das Kind dann laut Smartwatch nicht mehr zwei Straßen weiter in der mitteldeutschen Kleinstadt, sondern in Pjöngjang. Rollshausen kann also ein Kind per App verschwinden lassen: Sicherheitslücken, die er dem Hersteller gemeldet hat, der sie gerade schließt.
Einige Meter weiter, auf den Gängen des Kongresses, versuchen zwei Jungs derweil sich selbst verschwinden zu lassen. Der Künstler Simon Weckert hat Hemden entwickelt, die – durch ihr besonderes Farbmuster – ein KI-System für Überwachungskameras austricksen können. Die Jungs stellen sich vor die Kamera, laufen durchs Bild und werden als Menschen erkannt, dann halten sie sich die Hemden ran und staunen: Für das System sind sie verschwunden. „Wie funktioniert das?“
Darum geht es auch Darius Auding und Keno. Die beiden präsentieren ihren Verein Teckids. Der Saal ist leerer als bei Vorträgen über die Ideologie von Techmilliardären oder Datingplattformen für Nazis, aber der Altersdurchschnitt ist dafür niedriger. In den Reihen kuscheln sich Grundschulkinder an Eltern, motzen Teenager über Hunger. Die beiden Vortragenden gehören zu ihnen. Keno ist elf, Darius 17. Beide engagieren sich seit Jahren im Verein, geben dort sogar Workshops. Ihr Ziel: Verstehbarkeit, also nicht das bloße Herunterbrechen, damit etwas Komplexes verständlich wird, sondern dass es überhaupt die Möglichkeit gibt, dass etwas verstanden werden kann, weil es etwa genügend öffentliche Daten dazu gibt.
Die mehr als 30 Aktiven von Teckids halten inzwischen in ganz Deutschland und Österreich Vorträge, genießen Freizeitfahrten und Workshops: Hacken, Sport, Lagerfeuer. Mitmachen können alle ab acht Jahren. Sogar gegenüber Erwachsenen sind die Minderjährigen offen. Sie wollen eine Community, wie Keno sagt, und „eine verstehbare digitale Welt“ für alle. „Erst wenn man versteht, wie Technik funktioniert, kann man sie auch mitgestalten.“ Das Mitgestalten kommt den beiden auch in der Schule zur kurz. Keno erzählt von der Schule seines Bruders, wo die Schüler*innen ein privates iPad hätten, auf das die Schule dann aber doch zugreifen könne. Chat-Apps verschwänden etwa plötzlich.
Darius kritisiert, dass Nutzungsbedingungen nicht verständlich seien, und zieht das momentan vielleicht beliebteste Game für Kinder heran, „Roblox“. 96 Seiten lang seien die Nutzungsbedingungen, die man annehmen müsse, oder, wie Darius sagt, „fast Jugendbuchumfang“ lang. Auch er moniert die Schulen – weil dort vor allem Software großer Unternehmen genutzt werde. Er sieht das als eine besonders frühe Heranführung von Menschen an Big Tech und plädiert für Alternativen.
Der Saal jubelt, vielleicht lauter als bei vielen besser besuchten Veranstaltungen. Man ist hier froh über den Nachwuchs. Auch weil er sagt, was ihm am Herzen liegt.
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