Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine: Ein brüchiger Frieden ist besser als ein stabiler Krieg
In der Ukraine geht es nicht mehr nur um Verteidigung. Der Krieg hält den Europäern Putin vom Leib und die Ukrainer wollen Russland kleinkriegen.
D as Kämpfen geht weiter, das Sterben geht weiter, und das Töten geht weiter. Das ist das Nichtergebnis der jüngsten Verhandlungen, in denen es angeblich um ein Ende des Kriegs gegen die Ukraine ging. Auch das Treffen von US-Präsident Donald Trump mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj in Trumps Privatclub Mar-a-Lago in Florida, bei dem sich die beiden nach eigenen Angaben nähergekommen sind, ist ohne greifbare Ergebnisse zu Ende gegangen.
Ob es auf den für die nächsten Tage in der Ukraine angekündigten Treffen, an denen auch europäische Staats- und Regierungschefs teilnehmen werden, konkreter werden wird, bleibt abzuwarten. Dass das Sterben und Töten auch in diesem Jahr in der Ukraine weitergeht, ist zwar in erster Linie dem aggressiven Vorgehen der russischen Angreifer geschuldet.
Doch auch der Westen trägt mit seiner Haltung, für die Ukraine und Europa sei es momentan die beste Option, den jetzigen Krieg fortzusetzen, zur Verlängerung des Kriegs bei. Das Allerbeste wäre, der Krieg gegen die Ukraine würde mit einem gerechten Frieden enden. Konkret würde dies bedeuten: Russland zieht sich aus den besetzten Gebieten zurück, entschuldigt sich bei der Ukraine für das Unrecht, das es den Menschen in der Ukraine angetan hat, zahlt Reparationen und übergibt die Verantwortlichen einem internationalen Gericht.
Ein gerechter Friede ist leider unmöglich
Leider ist es nicht möglich, Russland auf diplomatischem Wege von einem gerechten Weg zu überzeugen. Der einzige Weg in Richtung eines gerechten Friedens ist der Weg der militärischen Gewalt. Und dieser Weg fordert einen hohen Blutzoll. Will man einen gerechten Frieden mit Gewalt umsetzen, bedeutet dies eine Fortsetzung des Kriegs. Und das heißt: weitere Aufrüstung, weitere Eskalation, weitere Waffenlieferungen, weitere Tausende an Toten.
Entscheidet man sich für diesen Weg, werden Städte weiterhin erobert und zurückerobert, erobert und zurückerobert, erobert und zurückerobert. So lange, bis sie nicht mehr da sind. Und dann können sie auch nicht mehr gerettet werden.
Ich habe mehrere derart zerstörte Ortschaften, in denen kein menschliches Leben mehr möglich ist und nur noch ein paar streunende Hunde übrig sind, im Gebiet Charkiw mit eigenen Augen gesehen. 106 Kinder hat die russische Armee allein dort getötet. Bei einer Fortsetzung des Kriegs wird sich diese Zahl noch erhöhen.
Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft hat mehr als 300.000 Strafverfahren gegen Männer eingeleitet, die desertiert sind. Das ist eine Abstimmung mit den Füßen. Diese Männer stehen stellvertretend für die Millionen Menschen in der Ukraine, die ein schnelles Ende des Kriegs wollen. In den aktuellen Verhandlungen geht es nicht nur um eine Beendigung des Kriegs gegen die Ukraine. Es geht auch um die Zeit danach.
Angriff auf Nato-Länder befürchtet
Vielfach fürchten westliche Politiker bei einem Ende des Ukrainekriegs einen Angriff Russlands auf Nato-Länder. Eine Gefahr, die, liest man die Äußerungen von russischen Propagandisten wie Sergei Karaganow, nicht von der Hand zu weisen ist.
Solange die Ukraine kämpft, haben wir in Europa Ruhe. Und deswegen ist es vielleicht gar nicht so schlecht für Europa, wenn die Ukrainer noch ein Weilchen weiterkämpfen, ein Weilchen weiter im Dunkeln sitzen, ein Weilchen weiter vor Drohnen und Raketen zittern. Ein Weilchen weiter Ortschaften vor den heranrückenden russischen Truppen evakuieren. Ein Weilchen weiter sterben und ein Weilchen weiter töten. Hauptsache, sie halten ihr Territorium – und uns Putin vom Leibe.
Längst geht es nicht mehr nur um Selbstverteidigung wie 2022, als die Ukrainer sich vor den bis kurz an die ukrainische Hauptstadt heranrückenden russischen Truppen verteidigt hatten. Westliche Staaten senden nun im Verbund mit der Ukraine Signale aus, die man als aggressive Angriffsfantasien auslegen kann.
Kaja Kallas beispielsweise, derzeit Außenbeauftragte der EU, redete in ihrer Zeit als estnische Premierministerin einer Zerschlagung Russlands das Wort. Vor zwei Jahren hatte der amtierende Sekretär des ukrainischen Sicherheitsrats, Olexi Danilow, geschrieben: „Der wahre Sieg der Ukraine ist ein Zerfall russlands [Kleinschreibung im Original], sein Verschwinden als kohärentes Subjekt der Geschichte und Politik.“ Auch Selenskyjs Auftritt in einem T-Shirt mit der Aufschrift „Make Russia small again“ lässt nicht vermuten, dass es der Ukraine nur um Landesverteidigung geht.
Alle diese Angriffsfantasien sind gefährlich, die russischen genauso wie die westlichen. Man muss diesen Krieg so schnell wie möglich beenden. Das Leben der Menschen hat oberste Priorität. Besser ein brüchiger Frieden als ein stabiler Krieg.
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