Regeln, die nicht für alle gelten: Die Ampel bleibt das größte Problem der Republik
Das Leben ist ungerecht. Minutenlang bei Rot zu warten, um stinkenden Autos die Vorfahrt lassen zu müssen, ist kein Rezept für gute Laune.
L Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger.“ Mit diesen wenig überraschenden Worten hat Bundeskanzler Friedrich Merz seine Neujahrsansprache begonnen, sich dann zunächst mit Rückblicken auf kleine und große Erfolge an sein Volk rangewanzt und danach dann doch nur über die Wirtschaft geredet. Dabei gäbe es doch wirklich wichtigere Themen. Fußgängerampeln etwa.
Die werden von der großen Politik offenbar nicht mal als Randphänomen gesehen. Wie denn auch? Kanzler:innen und Co rauschen gemeinhin im Fond einer Limousine mit abgedunkelten Fenstern vorbei – und können das Problem nicht mal wahrnehmen, weil sie auf der falschen Seite dieser Geschichte sitzen.
Für die Fußgänger:innen gilt indes das genaue Gegenteil. Die warten. Und warten. Vor allem an den sogenannten Bedarfsampeln, an denen man per Knopfdruck das Recht zum Übergang auf die andere Seite der Straße ordern muss. Das dauert. Meist so lange, bis alle Autos dank grüner Welle vorbeigerast sind.
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Und dann weitere, sich unendlich dehnende Minuten, bis sich die Ampel erbarmt und endlich umschaltet. Kenner nennen diese Grünverweigerungslichtzeichen präzise „Bettelampeln“. Eine Einrichtung für arme Schlucker, die sich kein Auto leisten können. Oder wollen.
Die Masse auf den Asphalt
Es ist ein republikweites Phänomen. Aber am deutlichsten sichtbar gleich ums Eck vom Kanzleramt: am Hauptbahnhof. Selbst dort, wo im Minutentakt Hunderte aus den Straßenbahnen zum Bahnhof eilen, staut sich diese verbrennerfreie ökologische Avantgarde bei Rot auf dem Mittelstreifen. Auch dann, wenn kein Auto kommt.
Aber es gibt Hoffnung. Wenn sich zumindest ab und an die Masse auf den Asphalt wagt. Erst ein Fuß. Dann zwei. Dann viele. So viele, dass Autos auch stehen bleiben müssen, wenn sie eigentlich Grün haben.
Fußgänger:innen aller Bundesländer, merkt euch: Alle Autos stehen still, wenn dein starker Fuß es will! Zusammen seid ihr stark! Fasst euch ein Herz und zieht los im Pulk (wenn nicht gerade Kinder in der Nähe sind).
Aber vergesst bitte nicht, den Bedarfsknopf zu drücken. Rot wird die Ampel für Autos zwar gemeinhin erst zeigen, wenn ihr Mutigen längst drüben seid. Aber vielleicht muss so gerade Merz sinnlos warten und macht dann mal was. Er könnte sich dafür in seiner Neujahrsansprache 2027 loben.
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