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Proteste gegen das islamische RegimeIrans Sehnsucht nach dem Schah

Tausende protestieren gegen das islamische Regime. Im Kampf ums Überleben ist Reza Pahlavi, Sohn des letzten Monarchen, für viele der Hoffnungsträger.

Die iranische Opposition bei einer Demonstration in Los Angeles am 4. Januar Foto: Benjamin Hanson/Middle East Images/imago

Die Straßenproteste gegen die islamische Regierung im Iran haben eine entscheidende Phase erreicht. Inmitten der unzähligen Parolen ist dabei ein Name immer wieder zu hören: Reza Pahlavi. Vor allem junge De­mons­tran­t:in­nen skandieren: „Oh Schah von Iran, kehre zurück nach Iran!“

Eine Szene, die vor Jahren kaum vorstellbar gewesen wäre. Der Name des Sohns des letzten iranischen Monarchen ist zurück im öffentlichen Diskurs. Sprüche wie „Dies ist die letzte Schlacht. Pahlavi wird zurückkehren!“ sind nun allgegenwärtig. Initiiert wurden die aktuellen Proteste von Basarhändlern, die auf die desolate Wirtschaftslage im Land aufmerksam machen wollten. Doch es geht längst um mehr: den Sturz des Regimes. Die Regierung reagiert darauf mit brutaler Repression. Laut Menschenrechtsorganisationen starben bereits Dutzende Menschen, rund 1.000 sollen festgenommen worden sein. Die Proteste haben sich auf das gesamte Land ausgeweitet.

Viele De­mons­tran­t:in­nen sehen offenbar die Rückkehr zur Monarchie als einzigen Weg zur Befreiung. Am Donnerstagabend beteiligten sich Tausende an Protestmärschen in Teheran und anderen Städten. Dazu aufgerufen hatte Reza Pahlavi.

Der älteste Sohn von Mohammad Reza Schah Pahlavi, dem letzten iranischen Monarchen, und Kaiserin Farah Diba, wurde 1960 in Teheran geboren und war erst 18 Jahre alt, als die islamische Revolution 1979 die Monarchie stürzte. Damals machte er in den USA eine Ausbildung zum Kampfpiloten und konnte seitdem nie wieder in den Iran zurückkehren. Nach der Flucht der Familie Pahlavi und dem Tod von Mohammad Reza Schah 1980 wurde Reza Pahlavi zum symbolischen Thronfolger im Exil, und in den Augen der weltweit versprengten Monarchisten zum Oberhaupt des Königshauses.

Reza Pahlavi will die Opposition einen

Für viele seiner An­hän­ge­r:in­nen verkörpert er den vorrevolutionären Iran. Er erinnert sie an eine Zeit, als das Land trotz innenpolitischer Repression und struktureller Probleme in direktem Kontakt mit dem Westen stand und viele Bürgerrechte, darunter die freie Kleiderwahl für Frauen, noch weit verbreitet waren.

In den letzten Jahren hat Reza Pahlavi versucht, seine Rolle als einigende Figur der Opposition auszubauen. Er hat alle Gegner des islamischen Regimes, einschließlich der antimonarchistischen Republikaner:innen, zum Kampf aufgerufen. Nach dem Ende der Islamischen Republik soll es ein Referendum geben, und Pahlavi will demokratische Strukturen auf Basis dieser Volksabstimmung unterstützen.

Eint Pahlavi die Opposition, oder ist er nur Thronfolger seines Vaters?

Doch ist er tatsächlich ein „einigendes Symbol der Opposition“? Oder nur der im Exil lebende Thronfolger seines Vaters? Unter den oppositionellen Ira­ne­r:in­nen ist das umstritten.

Die Pahlavi-Dynastie regierte den Iran 53 Jahre lang, von 1925 bis 1979. Reza Schah, Reza Pahlavis Großvater, legte nach dem Fall der Kadscharen-Dynastie den Grundstein für den modernen Iran. Sein Ansatz sorgte für Widerstand, vor allem von traditionellen Klerikern, die den Säkularismus des Kaisers ablehnten. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Reza Schah unter dem Druck der Alliierten zur Abdankung gezwungen, und sein Sohn Mohammad Reza Schah bestieg den Thron.

Sichtbarkeit auf internationalem Parkett

Die Herrschaft Mohammad Reza Schahs glich einer Mischung aus rasanter Modernisierung mit zunehmendem politischen Autoritarismus. In den 1970er Jahren hatte sich der Iran zu einer regionalen Macht entwickelt, sowohl wirtschaftlich als auch militärisch.

Die wachsende Unzufriedenheit mit dem säkularen Machthaber gipfelte schließlich in der Revolution von 1979 unter der Führung Ruhollah Chomeinis, unterstützt von einer breiten Koalition religiöser Kräfte und der muslimischen Linken, den sogenannten Volksmudschahedin.

Reza Pahlavi, Sohn des gestürzten Schahs, lebt nun seit über vier Jahrzehnten außerhalb des Irans, hauptsächlich in den USA. Er trifft sich mit westlichen Politiker:innen, nimmt an internationalen Konferenzen teil und tritt in ausländischen Medien auf.

2023 besuchte er sogar Israel, das die Islamische Republik offen als ihren Hauptfeind bezeichnet. Während dieser historischen Reise traf Pahlavi hochrangige Regierungsvertreter, darunter Premier Benjamin Netanjahu, und wurde beim Gebet an der Klagemauer in Jerusalem mit Kippa fotografiert. Für seine Anhänger stärkte das sein internationales Ansehen. Bei seinen Gegnern sorgte der Besuch für heftige Kritik. 2025 wurde Pahlavi als „Sprecher der iranischen Opposition“ zunächst zur Münchner Sicherheitskonferenz eingeladen. Später wurde die Einladung von Deutschland aus politischen Erwägungen wieder zurückgezogen.

Pahlavis Basis ist heute breit aufgestellt. Zum einen gibt es die traditionellen Monarchist:innen, jene, die sich ideologisch der konstitutionellen Monarchie verpflichtet fühlen und Pahlavi als Irans legitimen König betrachten. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat sich dieser Gruppe eine jüngere Generation angeschlossen, die die Ära des Schahs nie selbst erlebt hat. Außerdem sind da säkulare, westlich orientierte Liberale, die nicht unbedingt Monarchisten sind, aber Pahlavi dennoch unterstützen. Sie befürchten, dass nach dem Ende der Islamischen Republik radikale linke Kräfte oder extremistische antiwestliche Islamisten die Macht ergreifen könnten.

Viele Fans und scharfe Kritik

Auf der anderen Seite stehen republikanische Gruppen, darunter Nationalisten, Sozialdemokraten und Linke, die allesamt den wachsenden Einfluss Pahlavis innerhalb der Opposition entschieden ablehnen. Ihre Einwände sind vielfältig.

Republikanische Parteien und Organisationen erklären, dass sie jede auf Lebenszeit vergebene Position im erhofften künftigen politischen System Irans ablehnen – sei es ein Schah oder ein religiöser Führer. Andere argumentieren, dass es Pahlavi an Entschlossenheit und Kompetenz fehle. Einige Kritiker behaupten sogar, er scheue sich, konkrete Führungsverantwortung zu übernehmen. Zudem wird auf die historisch engen Verbindungen der Familie Pahlavi zu konservativen Regierungen in den USA, Israel und Saudi-Arabien verwiesen. Kri­ti­ke­r:in­nen warnen davor, dass die ausländische Unterstützung den Iran künftig in die Abhängigkeit treiben könnte.

wochentaz

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Reza Pahlavi verkörpere einen historischen Weg der modernen Entwicklung, den zwei Generationen vor ihm beschritten und der heute von ihm weitergeführt werde, sagt Mehdi Hajati. Einen Weg, der dem Gemeinwohl des Irans diene. Hajati ist iranischer Politiker und lebt in den USA. Er war Mitglied des Stadtrats von Schiraz und wurde verhaftet und inhaftiert, nachdem er Angehörige der Religionsgemeinschaft der Bahai unterstützt hatte. Nach seiner Ausreise aus dem Iran wurde Hajati zum aktiven Befürworter der Monarchie.

Jede Alternative zu einer etablierten Macht brauche einen Repräsentanten, sagt Hajati. 47 Jahre lang habe ein repressives Regime Bürger zum Schweigen gebracht und Stimmen erfunden, die vorgaben, den Volkswillen zu repräsentieren. Dieser „Käfig“ sei nun gesprengt. Die Menschen, so meint er, glaubten nicht länger an Propaganda und sprächen sich offen für eine Monarchie aus – eine Staatsform die nach westlichem Vorbild durchaus mit der Demokratie vereinbar sei.

Abgrenzung vom „Royalismus“

Faradsch Sarkuhi sieht das anders. Der linke iranische Journalist, der in Deutschland lebt, überlebte 1996 einen Mordversuch, wurde später vom iranischen Geheimdienst entführt und 48 Tage in einem geheimen Gefängnis festgehalten. Aus seiner Sicht hatte die Unterstützung für Reza Pahlavi anfangs einen nostalgischen Charakter, der die Ära von Mohammad Reza Schah idealisierte. Mangels Alternativen sei diese Nostalgie allmählich zur politischen Weltanschauung geworden.

Laut Sarkuhi befürwortet ein Teil der Gesellschaft eine Rückkehr zur Pahlavi-Monarchie. Entscheidend sei dabei die Wahrnehmung jener Ära durch die Menschen: die damaligen Beziehungen zum Westen, die wirtschaftliche Entwicklung und die gesellschaftlichen Freiheiten. Der Widerstand gegen ein Regime mit Repressionsapparat erfordere jedoch die Bündelung verschiedener prodemokratischer Kräfte und gesellschaftlicher Schichten – etwas, das Sarkuhi in Reza Pahlavis Programmen nicht erkennen kann. Der Slogan „Es lebe der Schah!“ vereine zwar Pahlavis Anhänger:innen, entfremde aber andere, darunter die Arbeiter:innenbewegung, Frauen und Minderheiten. Pahlavis Beliebtheit spiegele nicht seine Fähigkeiten wieder, sagt Sarkuhi, sondern das Fehlen von Alternativen.

Pahlavi selbst hat stets betont, dass die Entscheidung über Irans künftiges politisches System beim Volk liegen müsse. Immer wieder versucht er, sich vom Vorwurf des „Royalismus“ zu distanzieren. Er strebt keine Erbmonarchie an und will die Entscheidung der Ira­ne­r:in­nen für eine Republik oder ein anderes System respektieren. Aber: Er scheut sich auch nicht, die Titel Prinz oder Kronprinz zu führen und beschreibt sie als Teil seiner historischen Identität.

Liberale, linke, grüne Gruppen sowie die Frauenbewegung sind im Iran weiterhin gespalten. Doch wenn die Demonstrationen anhielten, hofft der Journalist Sarkuhi, würden progressive Kräfte noch sichtbarer. Sie könnten womöglich eine Alternative im politischen Vakuum werden.

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2 Kommentare

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  • Ach was! Loriot

    “Auf der anderen Seite stehen republikanische Gruppen, darunter Nationalisten, Sozialdemokraten und Linke, die allesamt den wachsenden Einfluss Pahlavis innerhalb der Opposition entschieden ablehnen. Ihre Einwände sind vielfältig.“



    &



    Meine 🚖fahrer - also Perser oder vereinzelt Aserbaidschaner - “bloß den nicht!“



    …anschließe mich

    • @Lowandorder:

      Im Ernst: der Sohn vom größten Hammeldieb?



      …und dessen Jubelperser - unvergessen!

      unterm——



      Als Jubelperser wurde eine Gruppe von rund 150 iranischen Staatsbürgern bezeichnet, die den Staatsbesuch des Schahs Mohammad Reza Pahlavi und seiner Frau Farah Pahlavi am 2. Juni 1967 in West-Berlin begleiteten.



      Die Gruppe bestand aus Mitarbeitern des iranischen Geheimdienstes SAVAK und von diesem angeheuerten Landsleuten, die als Pro-Schah-Demonstranten auftraten und unter Duldung der Polizei Berlin mit Gewalt gegen friedliche Gegendemonstranten vorgingen.[1][2] Der Begriff ist als abwertende Bezeichnung für (üblicherweise gewaltlose) Claqueure, also bezahlte Applaudierer, in die deutsche Sprache eingegangen



      Als die Jubelperser vor der Deutschen Oper Berlin mit Dachlatten, Knüppeln und Totschlägern auf deutsche Studenten losgingen, schaute die deutsche Polizei anfänglich nur zu und schritt nicht ein, später ging sie dann ebenfalls mit Gewalt gegen eingekesselte Studenten vor und ließ die Provokateure unbehelligt ziehen.



      Der Großteil der Berliner Presse LÜGTe wie gedruckt! 🙀👹



      de.wikipedia.org/wiki/Jubelperser



      (Remember 2. Jun 1967 - Benno Onesorg von Heinz Kurras erschossen)