10. Todestag von David Bowie: Die Erschütterung ist heute noch zu spüren
Vor zehn Jahren starb David Bowie. Unsere Autorin vermisst den Sänger, noch mehr allerdings den Geist seiner Zeit.
W as für ein beschissener Morgen, dieser 11. Januar 2016. Wir wollten verreisen und mussten früh aufbrechen, entsprechend kurz war die Nacht. Mit müden Augen checkte ich morgens schnell meine Mails. Mein Kumpel P. hatte geschrieben, die traurige Nachricht stand schon im Betreff: Bowie ist tot. Am 10. Januar war er gestorben.
Mit Wucht fuhr es mir in die Magengrube. So bescheuert es klingt: Es fühlte sich an, als hätte ich einen Freund verloren. Einigermaßen fassungslos stand ich in der Küche. Mein damaliger Partner guckte mich erschrocken an. „Was ist los? Fuck, no!“ Er hatte sich schon gewundert, warum im Radio ein David-Bowie-Song nach dem anderen lief. Auch der Nachrichtensprecher hatte einen Kloß im Hals, das hörte man.
2016 fing mies an und ging übel weiter. In meiner Geschichtsschreibung ist es das Jahr, in dem vieles, was vorher schon wackelig war, endgültig aus den Fugen geriet. Im Juni entschieden sich die Briten für den Brexit. Im Herbst wurde Donald Trump erstmals gewählt. Was Bowie wohl dazu gesagt hätte, angesichts der ambivalenten Gefühle, die er für seine Wahlheimat New York hatte? Ein Sehnsuchtsort, aber eben auch: „I Am Afraid of Americans“.
Die Erschütterung, die Bowies Tod 2016 auslöste, ist heute noch zu spüren. Zum zehnten Jahrestag finden vielerorts Partys und Konzerte statt. Im Berliner Ensemble präsentiert der Schauspieler Alexander Scheer sein Bowie-Programm „Heroes“, auch im Meistersaal, seinem ehemaligen Tonstudio am Potsdamer Platz, wird der Sänger gefeiert. In London, wo unlängst erst das David Bowie Center eröffnet wurde, widmet die British Library ihm mit „David Bowie in Time“ gleich einen ganzen Tag.
Ich war in meiner Jugend in den 1980ern Bowie-Fan. Danach geriet er etwas in Vergessenheit, bis ich ihn bei einem Konzertbesuch 2002 wiederentdeckte. Im Alltag höre ich seine Musik seitdem eher selten – dafür in Momenten, in denen ich mir die Decke über den Kopf ziehen will. Bowie-Binging auf Youtube hat für mich etwas Tröstliches, obwohl so viel Dystopie in seinen Songs steckt. Allein das Klaviersolo von „Aladdin Sane“ hellt meine Laune verlässlich auf.
Dass Bowie auch künstlerisch schwache Phasen hatte – geschenkt. Etwas zu sagen hatte er, zumindest manchmal, auch in solchen Zeiten. Etwa, als er 1983 im Popperzwirn bei MTV saß, den Spieß umdrehte und seinen Interviewer ins Schwitzen brachte, weil der nun erklären sollte, warum bei dem Sender kaum Videos schwarzer Künstler:innen liefen.
Natürlich nervt es, wie seit Bowies Ableben nun alle möglichen Leute Geld mit Bowie-Reminiszenzen verdienen wollen. Oft freue ich mich trotzdem, was David Bowie aus anderen Kunstschaffenden herauskitzelt. Etwa die schönen Graphic Novels „Starman“ und „Low“ von Reinhard Kleist. Oder auch die soghafte filmische Collage „Moonage Daydream“ von Brett Morgan. Bowies Pianist Mike Garson brachte es unlängst so auf den Punkt: „Davids Genialität bestand darin, ein bestmöglicher kreativer Partner zu sein.“
In gewisser Weise ist er das immer noch. Nicht nur für Wegbegleiter, sondern für jeden, der Lust darauf hat. Auf Bowie-inspirierte Streifzüge durchs Netz begebe ich mich dieser Tage viel zu selten. Das ist doch mal ein Neujahrsvorsatz: weniger Doomscrolling, mehr Bowie.
Als ich kürzlich mit dem Kollegenfreund D. über den Jahrestag redete, sagte er: „Ich vermisse ihn immer noch.“ Geht mir ähnlich. Noch mehr vermisse ich allerdings den Geist seiner Zeit, etwa wenn es um das Aufbrechen von Geschlechtergrenzen geht. Spielwiesen, die Bowie mitgestaltete und die nun vielerorts wieder unter Druck geraten.
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