Selbsthilfe-Gründer über Obdachlosigkeit: „Was Merz sagt, ist Quatsch“
Swen Huchatz hat nach langer eigener Obdachlosigkeit eine Obdachlosenselbsthilfe in Hildesheim gegründet. Er möchte das bestehende Hilfesystem ändern.
taz: In der Öffentlichkeit ist mal die Rede von „Wohnungslosen“ und mal von „Obdachlosen“. Wie gehen Sie mit den beiden Begriffen um?
Swen Huchatz: „Wohnungslose“ und „Obdachlose“ benutze ich fast nicht mehr, sondern „wohnungslose Menschen“ und „obdachlose Menschen“. Außerdem benutze ich „Erfahrungsexpert*innen in eigener Sache“ oder „Peers“. Mittlerweile bevorzuge ich „wohnungssuchende Menschen“ oder „Wohnungssuchende“, weil so alle genannt werden, also zum Beispiel auch geflüchtete Menschen, die keine Wohnung haben.
taz: Sie waren selbst jahrelang wohnungslos und haben 2024 die Obdachlosenselbsthilfe „Randnotiz Hildesheim“ gegründet. Worum geht es dabei?
Huchatz: Meine Erfahrungen helfen mir, Wohnungssuchende mit Rat und Tat und auf Augenhöhe zu unterstützen. Es ist wichtig, dass diese Unterstützung nur in dem Umfang stattfindet, wie sie gewünscht wird, damit zu keinem Zeitpunkt Druck aufgebaut wird. Wir informieren auch mehrsprachig für Menschen mit Sprachbarrieren darüber, welche Hilfen für Wohnraum beantragt werden können. Außerdem mischen wir uns politisch ein.
taz: Wer ist wir?
Huchatz: Momentan sind wir in Hildesheim nur zu fünft. Die Arbeit wird erschwert, weil viele Unterstützer*innen selbst in extremen Lebenssituationen stecken und nicht die Energie haben, sich zu engagieren. Trotzdem sind wir oft laut polternd. Das nervt viele Leute in Hildesheim mehr, als dass sie davon genervt sind, dass Menschen bei Minusgraden draußen schlafen müssen.
taz: Müssen sie das? Gibt es für akute Fälle keine Notunterkunft in Hildesheim?
Huchatz: In der Theorie schon. In der Praxis werden obdachlose Menschen auch in Hildesheim abgewiesen. Das betrifft vor allem Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit, die kein Recht auf Hilfe nach dem Sozialhilfegesetzbuch haben. Die Stadt und die Notunterkünfte entscheiden anhand der Herkunft und des Status der obdachlosen Person, ob und wie diese untergebracht wird. Es wird nach finanziellen Aspekten entschieden. Denn Übernachtungen in Notunterkünften sind sehr teuer.
taz: Aber die Stadt hat nach dem Ordnungsrecht und nach dem UN-Sozialpakt eine Unterbringungspflicht.
Huchatz: Die Einweisungen für die Notunterkünfte stellt zwar der Fachbereich Soziales FB 50 aus, aber die Stadt Hildesheim ist nicht die Betreiberin der Notunterkünfte. Wohnungslose Menschen hätten zwar unabhängig von Herkunft und Aufenthaltsstatus ein Recht auf körperliche Unversehrtheit und auf eine Unterbringung. Aber das wird ihnen oft verwehrt in der Annahme, dass sie das nicht wissen und sich nicht wehren werden.
taz: In einer Ihrer letzten Mails haben Sie dem System Rassismus vorgeworfen. Warum?
Huchatz: In Deutschland bekommen nur Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit finanzielle Hilfe und damit die Möglichkeit, Herbergen der Wohnungslosenhilfe zu nutzen. Das ist Rassismus, weil diese diskriminierenden Entscheidungen aufgrund von Herkunft und Zuschreibungen getroffen werden.
49, aufgewachsen an verschiedenen Orten, ab seinem 10. Lebensjahr dann im Münsterland. Brach seine Lehre mit Anfang 20 ab und war ab da fast drei Jahrzehnte obdachlos mit Aufenthalten in Deutschland, Italien, den Niederlanden, Polen und der Schweiz. Seit 2021 lebt er in Hildesheim und gründete 2024 die Obdachlosenselbsthilfe Randnotiz.
taz: 2022 hat der Hildesheimer Stadtrat beschlossen, in Hildesheim das Konzept Housing First einzuführen, wenn das Land Niedersachsen dafür Mittel freigibt. Was ist daraus geworden?
Huchatz: Bisher ist nichts passiert. Wie die Stadt intern weiter mit dem Beschluss umgeht, wird nicht kommuniziert. Abgesehen davon ist das Hildesheimer Housing-First-Konzept diskriminierend und ausgrenzend.
taz: Inwiefern?
Huchatz: Es werden Bedingungen gestellt, die es beim Original-Konzept des Psychologen Sam Tsemberis nicht gibt. Im Original-Konzept steht, dass obdachlose Menschen berücksichtigt werden, die bisher keinen Zugang zu Hilfen und Wohnungen hatten. In der deutschen Variante werden aber nur Menschen berücksichtigt, die sich selbst um die Mietzahlungen kümmern können, entweder durch ein eigenes Einkommen oder durch Sozialleistungen.
taz: Bundeskanzler Friedrich Merz sagt, der Sozialstaat in seiner heutigen Form sei nicht mehr finanzierbar. Das klingt, als wären Mittel für Housing First völlig außer Sichtweite.
Huchatz: Was Merz sagt, ist Quatsch. Man müsste schlicht alles daran setzen, dass die Ausgaben auch da ankommen, wo sie benötigt werden. Statt Wohnraum werden Ersatzunterkünfte geschaffen, die sehr teuer sind und nicht helfen, die Obdachlosigkeit einzudämmen. Der Staat unterhält lieber ein teures Hilfesystem, anstatt langfristig das Problem zu lösen.
taz: Warum sind die Ersatzunterkünfte die teurere Lösung?
Huchatz: Die Einrichtungen möchten von dem Geld, das sie bekommen, möglichst wenig ausgeben. Sie leisten die Hilfe nicht, die sie leisten müssten. Das ist schlimmer geworden, seit viele dieser Einrichtungen privatisiert wurden. Das System ist sehr intransparent. Die finanziellen Interessen der Einrichtungen stehen klar im Vordergrund.
taz: Können Sie ein Beispiel nennen?
Huchatz: Die Zimmer haben oft eine Größe zwischen zehn und 15 Quadratmeter. Dort sind mindestens zwei bis vier Menschen untergebracht. Für ein Bett in einem Mehrbettzimmer der Notunterkünfte werden zwischen 385 und 500 Euro in Rechnung gestellt. Damit können die Einrichtungen einen riesigen Reibach machen.
In Hamburg sind in der Zeit vom 2. bis 21. Januar bereits 14 wohnungslose Menschen gestorben. Das teilte die Staatsanwaltschaft mit.
Sieben Menschen starben im Freien, vier in Krankenhäusern und drei in einer Notunterkunft. Bei vier Personen wurde eine Sektion angeordnet.
Laut dem Straßenmagazin Hinz&Kunzt wurden die ersten 11 Toten des Jahres im Schnitt nur 45,5 Jahre alt. Das Magazin fordert, es müsse dringend warme Orte für die Menschen geben.
taz: Was wäre die bessere Lösung?
Huchatz: Das Geld müsste für die einzelnen Personen und für Wohnungen ausgegeben werden. Die wohnungssuchenden Menschen brauchen erst mal ohne Vorbedingungen eine Wohnung, um sich zu organisieren und sich mit finanziellen Angelegenheiten beschäftigen zu können, denn während der Obdachlosigkeit entstehen aufgrund fehlender Erreichbarkeit oft Schulden. Der Staat würde selbst dann Geld einsparen, wenn er die Mieten für Wohnungen vollständig übernehmen würde, weil langfristig die Obdachlosigkeit und ihre Kosten zurückgehen würden.
taz: Sie waren selbst fast drei Jahrzehnte lang obdachlos. Was ist Ihre Geschichte?
Huchatz: Ich bin mit 17 zum ersten Mal aus meiner familiären Situation geflohen. Der Lebensgefährte meiner Mutter wollte, dass ich eine Ausbildung zum Elektriker mache. Dagegen habe ich rebelliert, weil mein Wunsch, weiter zur Schule zu gehen, nicht beachtet wurde. So brach ich die Ausbildung kurz vor Ende ab und bin abgehauen. Später ist mir klar geworden, dass auch die Erfahrungen von Gewalt und Alkoholismus in meiner Kindheit eine Rolle gespielt haben und dass das der tatsächliche Grund meiner Obdachlosigkeit ist.
taz: Was war das Erste, was Sie auf der Straße gelernt haben?
Huchatz: Ich habe herausgefunden, wo es Herbergen gibt für durchreisende Menschen ohne Wohnung, und durch Kontakte zu anderen obdachlosen Menschen erfuhr ich, welche Unterstützung ich bekommen kann.
taz: Das heißt, Sie waren viel unterwegs?
Huchatz: Ich war viel in Deutschland unterwegs, aber auch in Italien, den Niederlanden und Polen. Dort habe ich Hilfsarbeiten gemacht, um zu überleben. Auch mit künstlerischen Aktivitäten auf der Straße und durch Verkauf von Obdachlosenzeitungen habe ich Geld verdient. Oder ich habe Privatpersonen nach Hilfe gefragt.
taz: Wie sind Sie nach Hildesheim gekommen?
Huchatz: Ich ging im Juli 2021 nach Hildesheim und arbeitete auf Baustellen und in Kulturbetrieben, wurde aber entgegen vorheriger Versprechungen nicht angemeldet. Es passiert oft, dass wohnungslose Menschen ausgebeutet werden. Ich habe erst zweieinhalb Monate in einer Notunterkunft in Hildesheim verbracht. Dann ist es mir gelungen, bei einem kommunalen Wohnungsgeber eine Wohnung zu bekommen. Am 1. Januar 2022 bin ich eingezogen und habe angefangen, mich zu vernetzen.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert