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Grüne in Mecklenburg-VorpommernKeine Zeit für Zimperlichkeit

Die Grünen haben in dem von der extrem rechten AfD dominierten ländlichen Raum von Mecklenburg-Vorpommern einen schweren Stand. Ein Ortsbesuch.

So schön kann Blau sein: Jana Klinkenberg (Grüne) vor Idylle Foto: Rainer Rutz
Rainer Rutz

Aus Teterow und Greifswald

Rainer Rutz

Jana Klinkenberg kurvt mit ihrem kleinen E-Auto durch die engen Gassen von Teterow. Malchiner Tor, Rostocker Tor, die Stadtkirche aus dem Mittelalter, das neobarocke Rathaus mit dem Hechtbrunnen, dem geografischen Mittelpunkt Mecklenburg-Vorpommerns. Es geht durchaus rasant durch das 8.200-Einwohner-Städtchen, gut 50 Kilometer südlich von Rostock. „Hübsch hier, oder?“, sagt Klinkenberg.

Nach wenigen Minuten ist die automobile Stadtbesichtigung abgeschlossen. Die 31-Jährige ist nun auf geradem Weg nach Teschow, ein abgelegener Ortsteil von Teterow, Klinkenbergs Zuhause. Teschow – das sind vier Straßen, eine große Privatklinik im ehemaligen Gutshaus, ein an diesem Winternachmittag verwaister Golfplatz, sehr viel Weite, sehr wenig Menschen. Und auch hier: alles idyllisch, alles hübsch.

Trotzdem hat sich Klinkenberg für ihr Grundstück jetzt Überwachungskameras angeschafft. Sicher ist sicher. Denn sie ist eine von „vielleicht zehn“ Grünen-Mitgliedern in Teterow. Vor allem aber will sie bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern Ende September für die Partei ins Landesparlament einziehen. Ihre zutreffende Selbstbeschreibung: „Ich bin gern laut und präsent.“ Diese Präsenz könnte für sie als Grüne gefährlich werden.

Unterdurchschnittliche Wahlergebnisse, schwache Parteistrukturen, riesige Landkreise: Für die Grünen aktiv zu sein, ist in Mecklenburg-Vorpommern – wie generell in Ostdeutschland – kein heiterer Spaziergang. Das war es noch nie. In den vergangenen Jahren ist aber ein fast flächendeckender Hass auf die Partei und ihre Ver­tre­te­r:in­nen hinzugekommen. Klinkenberg ist seit 2012 bei den Grünen. Sie hat es erlebt.

„Niemals allein rausfahren, immer zu zweit“

Die Sachbearbeiterin und freiberufliche Reitlehrerin sitzt trotz der eisigen Temperaturen auf ihrer rustikalen Veranda, raucht und erzählt, wie es war bei der Bundestagswahl 2025, bei der Kommunal- und Europawahl 2024, bei den Landtagswahlen zuvor. Von den Anfeindungen an den Wahlkampfständen: „Kinderficker, Pädophile, ihr seid alle drogenabhängig.“ Von den Fahrten über die Dörfer, den Einschüchterungsversuchen auf der Landstraße, dem mulmigen Gefühl beim Plakatieren. „Niemals allein rausfahren, immer zu zweit, das ist unsere Strategie hier.“

Schon bei der Bundestagswahl holte die AfD im wirtschaftsschwachen Mecklenburg-Vorpommern 35 Prozent. Inzwischen wird die Partei in Umfragen auf fast 40 Prozent taxiert, Tendenz steigend. Der Landkreis Rostock, zu dem Teterow gehört und der mit dem ambitionslosen Slogan „So weit, so gut“ für sich wirbt, ist dabei eine der Hochburgen der extremen Rechten.

Längst hat die rechte Normalisierung eingesetzt. So stellt die AfD seit 2024 den Bürgervorsteher von Teterow. Im vergangenen Jahr feierte die AfD im Nachbarort ein Sommerfest, zusammen mit CDU- und FDP-Abgeordneten aus dem Schweriner Landtag. Letztens zeigten Jugendliche in Teterow den Hitlergruß, am helllichten Tag, auf offener Straße.

Absaufen im ländlichen Raum

Vielerorts, eigentlich fast überall, sagt Klinkenberg, seien im letzten Wahlkampf die Grünen-Plakate zerstört worden, kaum waren sie aufgehängt. In Teschow blieben sie unzerstört. Das lag vermutlich an Klinkenberg. Sie kann gut mit den Leuten. Sie kann gut mit dem CDU-Mann im Dorf. Sie kann gut mit den Bauern. „Dann wird eben bei einer Veranstaltung vormittags um 11 der Kuemmerling auf den Tisch gepackt.“ Mit Zimperlichkeit kommen die Grünen hier nicht weit.

Anders gehe es auch nicht, will die Partei hier nicht „absaufen“, wie Klinkenberg sagt. „Ich kann es mir nicht erlauben, elitär durchs Dorf zu laufen und den Landwirten von oben herab zu predigen, wie wichtig es ist, ehemalige Moorflächen wiederzuvernässen und mit Paludikultur zu bewirtschaften.“ Also mit Pflanzen und Tieren zu arbeiten, die mit dauerhaft nassen Standorten sehr gut zurechtkommen.

„Bei einem Grünen-Treffen finden das alle super, aber nicht hier am Stammtisch oder bei den Landfrauen.“ Um mitreden zu können, gelte es, Vertrauen aufzubauen, sich Fachwissen anzueignen und Engagement im Dorf zu beweisen, so Klinkenberg.

Sie war Grünen-Vorsitzende im Landkreis Rostock, Kreistagsabgeordnete, Gemeindevertreterin. Sie kennt das Klein-Klein der Kommunalparlamente und das Innenleben der Partei. Manchmal, sagt Klinkenberg, hadere sie mit den Grünen, nicht mit den Inhalten, aber mit den Strukturen: „Wenn ich das Gefühl habe, Personen kommen ihrer Verantwortung nicht nach und denken vor allem an das, was sie an Maximum für sich persönlich rausholen können, dann habe ich damit ein Problem.“

Partei in der Krise

Dass sie nun beim Grünen-Landesparteitag am 24. Januar in Schwerin für den Listenplatz 2 der Partei kandidieren wird, um im besten Fall dann in acht Monaten Landtagsabgeordnete zu werden, hat auch damit zu tun. Sie sagt: „Wir sind in der Fläche zu wenige, um nicht zusammenzuhalten. Wir können uns das nicht leisten, Meinungen zu ignorieren. Wir brauchen jetzt einen basisdemokratischen Neuanfang.“ Dafür stehe sie mit ihrer Kandidatur.

Neuanfang? Was ist da los?

Die Grünen in Mecklenburg-Vorpommern stecken seit Monaten in einer tiefen Krise. Vorausgegangen waren zum einen Konflikte in der nur fünfköpfigen Landtagsfraktion, in deren Zentrum die Fraktionsvorsitzende Constanze Oehlrich und ihr Stellvertreter Hannes Damm standen. Zum anderen aber auch ein Parteitag Ende September vergangenen Jahres, auf dem die Landesliste schon einmal gewählt wurde.

Die meisten Delegierten hatten damals keine Ahnung, worum es bei der Auseinandersetzung in der Fraktion ging, auch Klinkenberg nicht. „Ich fand das albern. Wir Delegierten wussten nichts und konnten keine kritischen Fragen dazu stellen. Trotzdem wurde die Wahl der Landesliste durchgezogen, als wäre nichts passiert.“ Letztlich kam Fraktionschefin Oehlrich mit schwachem Ergebnis auf Listenplatz 1. Damm dagegen fiel durch, erst im Kampf um Platz 2, dann bei Platz 4, dann bei Platz 6. Eine öffentliche Demütigung.

Selbst überregionale Medien interessierten sich nun für den Landesverband, der mit 1.700 Mitgliedern kleiner ist als der Grünen-Kreisverband von Berlin-Pankow oder Bonn. Dies umso mehr, als die Grünen bei Umfragen ohnehin nur bei 5 Prozent stehen und um den Wiedereinzug ins Schweriner Parlament schwer kämpfen müssen. Tenor: Eine Partei am Abgrund zerhäckselt sich, bevor der Wahlkampf überhaupt losgegangen ist.

Ruhe im Karton

Der große Frieden, der nach dem Parteitag eigentlich eintreten sollte, trat dann auch nicht ein. Im Gegenteil, kurz darauf wurden Details aus der Fraktion eben doch öffentlich. Bei Oehlrich hieß es: Machtmissbrauch; bei Damm: übergriffiges Verhalten. Damm wurde aus der Fraktion geschmissen, Oehlrich vom Landesvorstand als Spitzenkandidatin faktisch wieder abgesägt. Die ursprüngliche Landesliste soll jetzt neu gewählt werden.

Viele bei den Grünen wünschen sich, dass mit dem Wiederholungsparteitag am kommenden Wochenende jetzt wieder Ruhe in den Landesverband reinkommt.

So auch Pascal Hilker. Der Lehramtsstudent ist Kreischef der Grünen in Vorpommern-Greifswald im äußersten Osten des Bundeslandes. Hilker sagt: „Wir freuen uns, dass wir Ende Januar endlich diese Geschichte hinter uns gebracht haben werden und dann endlich mal über die Themen und Inhalte sprechen können, die hier vor Ort und für dieses Land wichtig sind.“

Überhaupt ist Hilker bei einem Treffen in Greifswald die Zuversicht in Person. Auch in Gesprächen mit Nichtparteimitgliedern würden ihm viele sagen, die Grünen müssten wieder in den Landtag einziehen. „Wir sollten jetzt nicht den Kopf in den Sand stecken. Es steht viel auf dem Spiel.“

„Wir sollten jetzt nicht den Kopf in den Sand stecken“: Pascal Hilker, Grünen-Kreischef von Vorpommern-Greifswald Foto: Rainer Rutz

Greifswald – Insel der grünen Glückseligkeit

Der 21-Jährige studiert an der Universität Greifswald, wie fast je­de:r Fünfte in der 56.000-Einwohner-Stadt an der Ostsee. Wohl auch deshalb ist Greifswald für Mecklenburg-Vorpommern-Verhältnisse so etwas wie die Insel der grünen Glückseligkeit. Seit 2015 hat die Hansestadt einen grünen Oberbürgermeister. Bei der Bundestagswahl holte die Partei über 12 Prozent. „Es klingt nach einem Klischee. Aber wir als Grüne merken natürlich, dass hier viele Studierende leben.“

Frischeküchen in den Kitas, der herausgeputzte alte Stadthafen, das Neubaugebiet direkt daneben, die jüngst eröffnete Galerie der Romantik des Pommerschen Landesmuseums und natürlich die Paludikultur: Oberbürgermeister Stefan Fassbinder habe in den vergangenen zehn Jahren viel für die Stadt getan, sagt Hilker, der in Greifswald geboren und aufgewachsen ist.

Gleichwohl stehen der Grüne Fassbinder und die ihn unterstützenden Parteien SPD und Linke auch hier unter Druck. Seit der Kommunalwahl 2024 hat in der Bürgerschaft eine erstarkte AfD zusammen mit der CDU, einer rechten CDU-Abspaltung und anderen konservativen Fraktionen eine knappe Mehrheit. Damit, so Hilker, bestehe auch die Gefahr, dass viele zuvor von Grün-Rot-Rot angeschobene progressive Projekte wieder zurückgenommen werden.

Massive Anfeindungen

Richtig düster sieht es bereits jetzt außerhalb Greifswalds aus. Über 70 Prozent stimmten in manchen Gemeinden des Landkreises Vorpommern-Greifswald bei der Bundestagswahl für die AfD.

Hilker berichtet von ähnlichen Anfeindungen im Wahlkampf wie Jana Klinkenberg. „Mitglieder von uns wurden auf Plakatiertouren mit dem Auto verfolgt und abgefilmt, Großflächenplakate wurden mit Hakenkreuzen beschmiert oder gleich ganz zerstört. Das hatten wir so in den Jahren zuvor noch nie so massiv erlebt wie jetzt bei der Bundestagswahl.“

In Greifswald herrsche bislang eine andere Stimmung, sagt Hilker im Grünen-Büro in der historischen Altstadt – um dann aber doch auf die große Scheibe zur Gasse zu zeigen, die in der Nacht zuvor wieder mal bespuckt wurde. Immerhin, die Scheibe wurde in diesem Büro noch nie eingeschmissen. „Da sind wir echt froh drüber.“

Anm. d. Red.: In einer früheren Fassung des Beitrags hieß es, Fraktionschefin Constanze Oehlrich habe ihre Kandidatur für Platz 1 der Landesliste zurückgezogen. Die Grünen-Fraktion im Landtag stellt dazu fest, dass dies formal nicht zutreffend ist; bis zu einem Beschluss zur Neuwahl der Liste auf dem Parteitag am 24. Januar gilt unverändert die im September gewählte Liste – mit Oehlrich als Spitzenkandidatin.

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