Amtseinführung von Zohran Mamdani: Volksnähe in New York
Zohran Mamdani ist zum neuen Bürgermeister von New York vereidigt worden. Er will die Regierungsfähigkeit der Linken beweisen.
Es ist ein klirrend kalter Neujahrstag in New York, die gläsernen Bürotürme des Finanzdistrikts glitzern feiertagsleer in der Wintersonne, doch auf dem Broadway ist Betrieb, als würde die Börse auf Hochtouren laufen. Die ganze Stadt, so meint man, hat sich heute in die paar Blocks zwischen dem World Trade Center und der City Hall an der Brooklyn Bridge gezwängt. Der neue Bürgermeister wird vereidigt, eine Inaugurations-Party, wie es sie noch nie gegeben hat, ist angekündigt worden und jeder will dabei sein.
So, wie etwa Brian Schaitkaya, der zusammen mit seiner kleinen Tochter seit einer Stunde geduldig frierend an der Church Street steht, um die Sicherheitskontrolle zum City Hall Park und den Broadway hinauf zu passieren. Dort hat das Team Mamdani ganz New York eingeladen, um mit ihm eine „Blockparty“ zu feiern.
Brian wollte sich das nicht entgehen lassen, er gehörte zu Mamdanis Armee, jenen 90.000 Freiwilligen, die für ihn im Vorwahlkampf und im Wahlkampf von Tür zu Tür gingen, um Wähler zu mobilisieren. „Ich habe da im Lauf der Monate gespürt, dass etwas Besonderes im Gang ist“. New York, so glaubt Brian, sei seit dem vergangenen Frühjahr als Stadt zusammen gewachsen, Mamdani habe ein Gefühl der Gemeinsamkeit und Solidarität gestiftet, die der bald 50-jährige Brian so sein ganzes Leben lang noch nicht erlebt habe. Und heute will er dabei sein, um das mit seinen Mitbürgern zu feiern.
Party hinterm Rathaus, Straßenfest am Broadway
Genau das wollten auch Mamdani und sein Team. Kein Fest mit geladenen Gästen im Ballsaal eines Hotels, sondern ein Party für alle. Die Plätze im Park hinter dem Rathaus wurden auf einer First Come – First Serve Basis vergeben, das benachbarte Straßenfest am Broadway mit Bands und DJs war für jeden offen. Es war ein weiteres Zeichen, wenn es denn eines bedurft hatte, dass er ein Bürgermeister aller New Yorker sein möchte. Vor allem eben derjenigen, denen gemeinhin Zugang zu Machtnetzwerken und Ressourcen fehlen. „Ich bin als demokratischer Sozialist angetreten und werde als demokratischer Sozialist regieren“, sagte er bei seiner Rede auf den Stufen seiner neuen Wirkungsstätte.
Im November 2024 gewann Donald J. Trump zum zweiten Mal eine Präsidentschaftswahl in den USA und amtiert seit Januar 2025 als 47. Präsident. Er treibt den Umbau öffentlicher Einrichtungen und einen Kurswechsel in der Außenpolitik voran.
Die Inaugurations-Party war aber nicht nur deshalb größer als es eine Amtseinführung für einen New Yorker Bürgermeister je gewesen ist, weil Mamdani sie zu einem Volksfest machte. Die lange Reihe an Rednern und Ehrengästen ließ sie beinahe wirken wie eine alternative Präsidentschafts-Inauguration. Die amerikanische Linke krönte an diesem Tag ihren eigenen Präsidenten, egal was in Washington passiert. „New York wird der Welt zeigen“, sagte Bernie Sanders, der Altersvorstand des progressiven Amerika, „dass es noch eine Regierung durch und für das Volk geben kann“.
Hoffnung der Linken
Dass es hier um mehr ging, als nur um einen neuen Stadtvorsteher machte auch die Eröffnungsrednerin, die progressive Star-Politikerin und Steigbügelhaltertin für Mamdani, Alexandria Ocasio Cortez, klar. „New York hat in unerträglichen Zeiten eine historisch ehrgeizige Führung gewählt. New York sucht den Weg nicht im Verharren in der Vergangenheit sondern im Mut zur Zukunft, einer Zukunft ohne die Ablenkung des Fanatismus und die Barbarei der extremen Ungleichheit.“
Und um die Hoffnungen, die auf Mamdanis Schultern lasten, noch zu erschweren, fügte sie, an Sinatra angelehnt, an: „If we can make it here, we can make it anywhere“ – wenn wir es hier schaffen können, können wir es überall schaffen.
Die Hoffnung, dass der Amtsantritt von Mamdani nicht nur ein Neubeginn für New York ist, sondern für das ganze Land, trugen an diesem frostigen Neujahrstag auch Mamdanis Fans. Madison Weaver, eine junge Trans-Frau, die eine Wollmütze der Democratic Socialists trug, sagte: „Ich bin bekennende Sozialistin und ich bin es satt, dass der Sozialismus in diesem Land einen derart schlechten Ruf hat. Es sollte nicht als radikal gelten, zu fordern, dass normale Menschen ein gutes Leben führen können. Wir wollen ja keine Planwirtschaft. Nur eine Politik, die für einfache Leute funktioniert.“
Große Erwartungshaltungen
Mamdani selbst ist sich der Last der Erwartungen, die er weit über die Stadtgrenzen hinaus geschürt hat, sehr wohl bewusst. „Wir wissen, dass Viele auf uns schauen. Dass Viele sehen wollen, ob die Linke regieren kann. Sie wollen wissen, ob sie wieder hoffen dürfen.“
Mamdani hat nicht vor, vor diesen Erwartungen zurück zu schrecken und angesichts der Realität des Regierens kleinere Brötchen zu backen. „Wir werden ohne Scham und ohne Unsicherheit regieren. Wir werden uns nicht für das entschuldigen, was wir glauben.“ Das klingt tapfer. Doch selbst diejenigen, die ihm geneigt sind, halten solche Rhetorik noch immer für zu fantastisch.
„Er kann nicht alles erreichen ohne irgendjemandem weh tun. Er hat sich noch nicht ernsthaft damit beschäftigt, dass er wird harte Entscheidungen treffen müssen“, schrieb David Freedlander im New York Magazine. Seine unbändige Energie und sein ansteckender Optimismus werden ihm gewiss jedoch auch dabei helfen. Und das Heer seiner Anhänger, die nicht vor haben, mit der Amtseinführung wieder zu verschwinden.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert