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Ein optimistischer Ausblick auf das JahrSocken, Brieftauben und der „Winter des Durchwurschtelns“

Söder macht in Wurst, Deutschland wird Fußball-Weltmeister und Trump verliert das Interesse an Grönland weil „zu kalt“. Was 2026 passieren wird.

„Sehr, sehr langweilig“: Alltagsszene in Kangerlussuaq, Grönland Foto: Rob Schoenbaum/ZUMA Press/imago

G lauben Sie an Wahrsagerei? Wahrscheinlich nicht. Als kritische taz-Leserin wissen Sie, dass alles schlimm ist und immer schlimmer wird: die Amerikaner, das Klima, die Nazis. Aber ist diese vermeintliche Gewissheit nicht auch genau so unwahrscheinlich wie Kaffeesatzleserei?

Ich habe auch nicht an Wahrsagerei geglaubt – bis ich gemerkt habe, dass ich hellsehen kann. Wenn Sie mir nicht glauben, lesen Sie nach, was vor einem Jahr in dieser Kolumne stand. In meinem „optimistisch-realistischen Jahresausblick“ auf das Jahr 2025 stand, dass Friedrich Merz die Schuldenbremse abschaffen wird und die Superegos Elon Musk und Donald Trump sich, zumindest vorübergehend, zerstreiten. Ein, zwei Dinge sind dann doch anders gekommen, aber die Trefferquote ist trotzdem fast so gut wie die des Bundeskanzlers auf der Suche nach dem nächsten Fettnäpfchen.

Deshalb kommt hier ein Ausblick auf 2026. Statistisch ist nun klar: Zwei der Ereignisse werden so eintreten. Welche, kann ich aus dramaturgischen Gründen leider nicht verraten.

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Januar: Nach dem mäßigen Erfolg des „Herbst der Reformen“ ruft Bundeskanzler Friedrich Merz den „Winter des Durchwurschtelns“ aus. Dieser scheitert an bürokratischen Hürden wie der Wurstverordnung der EU.

Februar: Apropos Wurst: Markus Söder macht sein Hobby zum Beruf und übernimmt einen Bratwurststand in der Nürnberger Innenstadt (drei im Weggla, 3 Euro). Den Posten als oberster Oberbayer übernimmt Checker-Tobi. Er schafft es, die Politikverdrossenheit zu bekämpfen, die AfD landet bei den bayerischen Kommunalwahlen unter der 5-Prozent-Hürde.

März: Immer mehr Schwaben fliehen vor den hohen Mieten aus Berlin. Wegen der zerfallenden Automobilindustrie gibt es in Stuttgart nun Fabriketagen günstig zu mieten. Cem Özdemir, der Kreuzberger Schwabe, feiert die „Remigration“ in sein Bundesland. Die Zugezogenen retten sein Wahlergebnis, Özdemir wird Ministerpräsident.

April: Donald Trump besucht zum ersten Mal Grönland. Sein Interesse an der Rieseninsel lässt schlagartig nach: Es sei „sehr kalt“, und es gebe „sehr viel Schnee“. Das sei „sehr, sehr langweilig“ und „unfair“. Er wendet sich dem sonnigen Kuba zu, was in Europa nur Schulterzucken auslöst.

Mai: Riesenüberraschung beim Eurovision Song Contest in Wien. Deutschland kommt zum ersten Mal seit Jahren aufs Treppchen und sichert sich den dritten Platz. Hilfreich ist dabei, dass sich alle Länder gegenseitig boykottieren – außer Israel und Gastgeber Österreich.

Juli: Deutschland gewinnt die Fußball-WM mit einem schmutzigen 1:0 gegen die Karibikinsel Curaçao. Alle sind blau. Leon Goretzka brüllt bei der Siegesfeier „Scheiß Trump“ in die Kameras und wird als mutmaßliches Mitglied der Antifa Ost vom FBI festgenommen. In Deutschland breitet sich ein „Party-Antifaschismus“ aus, der von Beobachtern (taz) kritisiert wird.

Im April verliert Trump das Interesse an Grönland: Es sei sehr kalt

September: Elif Eralp wird Regierende Bürgermeisterin von Berlin, als erste Linke und erste Frau mit Migrationsgeschichte. Wegen eines Anschlags der Vulkangruppe 6 auf das Telefonnetz der Stadt müssen die Ergebnisse der einzelnen Wahllokale per Brieftauben eingesammelt werden. Gurrr.

Oktober: Bei den Parlamentswahlen in Israel wird Benjamin Netanjahu abgewählt.

November: Kai Wegner macht sich selbstständig und verkauft ironisch bedruckte Tennissocken. Sein Verkaufsschlager ist ein Sockenpaar mit der Aufschrift „Lieber Tennisarm als arm dran“.

Dezember: Ohne Witz: Zwei Jahre nach dem ebenso überraschenden Sturz des syrischen Diktators Bashar al-Assad bricht endlich das iranische Mullah-Regime zusammen.

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Kersten Augustin
Ressortleiter Inland
Kersten Augustin leitet das innenpolitische Ressort der taz. Geboren 1988 in Hamburg. Er studierte in Berlin, Jerusalem und Ramallah und wurde an der Deutschen Journalistenschule (DJS) in München ausgebildet. 2015 wurde er Redakteur der taz.am wochenende. 2022 wurde er stellvertretender Ressortleiter der neu gegründeten wochentaz und leitete das Politikteam der Wochenzeitung. In der wochentaz schreibt er die Kolumne „Materie“. Seine Recherchen wurden mit dem Otto-Brenner-Preis, dem Langem Atem und dem Wächterpreis der Tagespresse ausgezeichnet.
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