piwik no script img

Vereinigung von Moldau und RumänienVision, Versicherung – oder Verrat?

Für ihr Land werde es schwieriger, als demokratischer und souveräner Staat zu überleben, sagt die Präsidentin der Republik Moldau. Hat sie recht?

Die moldauische Präsidentin Maia Sandu in Chișinău, Moldau, am 1. November 2025 Foto: Vladislav Culiomza/reuters

Z uversicht gehört vermutlich zu den unerlässlichen Eigenschaften eines Staatsoberhaupts. Zuversicht macht das Amt einfacher – und mit ihr lässt sich Politik gegenüber der Bevölkerung besser verkaufen.

Ich selbst neige eher weniger zur Zuversicht. Das heißt nicht, dass ich grundsätzlich pessimistisch bin, aber Präsidentin oder Regierungschefin werde ich – glücklicherweise – nie.

Ob Maia Sandu ein zuversichtlicher Mensch ist, hätte ich sie gern gefragt, nachdem ich sie im britischen Podcast „The Rest is Politics“ gehört habe. „Schauen Sie sich an, was in der Welt geschieht“, sagte die Präsidentin der Republik Moldau. „Für ein kleines Land wie Moldau wird es immer schwieriger, als Demokratie, als souveränes Land zu überleben und natürlich Russland zu widerstehen.“ Sollte es ein Referendum über eine Vereinigung mit Rumänien geben, fügte sie hinzu, würde sie dafür stimmen.

Eine Präsidentin, die sich für die Auflösung ihres eigenen Landes ausspricht – das klingt nicht besonders zuversichtlich. Sandu aber meint es ernst. Denn Moldau, so ihre Diagnose, ist ein Staat, der allein schwer überlebensfähig ist: zu arm, zu verwundbar. Und vor allem: zu stark bedroht durch Russland.

Ein Notfallplan

Die Idee der Unirea, der Wiedervereinigung mit Rumänien, begleitet die moldauische Politik seit Jahrzehnten. Sie verweist auf die Zeit zwischen den Weltkriegen, als Moldau Teil Rumäniens war, bevor Stalin das Gebiet annektierte. Lange galt sie als nationalistisches Projekt, offen unterstützt auch von rumänischen Politikern; zuletzt von Präsident Nicușor Dan im Jahr 2025. Maia Sandu knüpft daran zwar an, verschiebt jedoch die Bedeutung: Für sie ist die Vereinigung keine identitätsstiftende Vision, sondern ein Notfallplan.

Man kann es auch härter formulieren: Sandu spricht aus, was längst offensichtlich ist: Dass der moldauische Staat in seiner jetzigen Verfasstheit – demokratisch, proeuropäisch, westlich orientiert – Vergangenheit werden könnte, sollte das Nachbarland Ukraine der russischen Aggressionen unterliegen; und dass Moldaus Souveränität nur so lange gilt, wie Russlands Machthaber Wladimir Putin andere Prioritäten hat.

Was hieße Vereinigung in dieser Logik? Weniger Verrat als Lebensversicherung. Lieber aufgehen in einem EU- und Nato-Mitgliedstaat wie Rumänien, als allein unterzugehen zwischen russischem Druck, eingefrorenen Konflikten wie dem abtrünnigen Transnistrien und innerer Instabilität.

Maia Sandu weiß allerdings, dass diese Exitstrategie derzeit keine Mehrheit hat. Laut Umfragen von September 2025 befürwortet nur etwa ein Drittel der Bevölkerung einen Anschluss an Rumänien, mehr als 45 Prozent lehnen ihn ab.

Politisch bleibt der Weg steinig: Sandu wurde 2024 zwar wiedergewählt, einem Referendum für einen EU-Kurs stimmten die Menschen aber nur knapp zu. Sandus „Partei der Aktion und Solidarität“ errang 2025 die Parlamentsmehrheit, doch die russische Einflussnahme war jedoch enorm. Und bis zur EU-Mitgliedschaft 2030 – Sandus erklärtem Ziel – ist es ein weiter, unsicherer Weg.

Und hier bleibt der bittere Beigeschmack. Denn was sagt es über Europa, wenn eine prowestliche Präsidentin zu dem Schluss kommt, dass der Weg nach Westen unter solchen Bedingungen über die Selbstauflösung des eigenen Landes führt?

Sandu verkauft die Vereinigung nicht als Vision. Sie verkauft sie als letzte Option. Als das kleinere Übel. Das ist ehrlich. Und genau deshalb so verstörend.

Vielleicht liegt in Sandus Aussage bei aller Brutalität doch etwas Zuversichtliches.

Sie benennt die Lage, hat einen Plan und erstarrt nicht in Angst. Und doch sollten die westlichen Europäer aufwachen: Greift Sandus Exitstrategie, war Russland stärker.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Erica Zingher
Autorin und Kolumnistin
Beschäftigt sich mit Antisemitismus, jüdischem Leben, postsowjetischer Migration sowie Osteuropa und Israel. Kolumnistin der "Grauzone" bei tazzwei. Freie Podcasterin und Moderatorin. Axel-Springer-Preis für jungen Journalismus 2021, Kategorie Silber.
Mehr zum Thema

0 Kommentare