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Ökonom über die USA unter Trump„Das System ist gekippt“

Um die autokratische Ordnung zu stürzen, reicht es nicht aus, die Macht der Milliardäre anzugreifen, sagt der Ökonom William Lazonick. Es müsse umverteilt werden.

Geld regiert seine Welt: Donald Trump Anfang Januar vor dem Weißen Haus Foto: Tierney L. Cross/NYT/Redux/laif
Barbara Junge

Interview von

Barbara Junge

Die Komplizenschaft von Geld und Macht ist ein wesentliches Merkmal der autokratischen Regierung von Donald Trump. Finanzielle Interessen bestimmen selbst den US-Überfall auf Venezuela und den politischen Druck auf Grönland. Die Liste der Milliardäre auf entscheidenden Posten ist lang: Howard Lutnick (Handelsminister und Finanzkapitalist), Scott Bessent (Finanzminister, Hedgefonds-Manager) oder Linda McMahon (Bildungsministerin, World Wrestling Entertainment) und Steve Witkoff (Sondergesandter Naher Osten und Ukraine-Verhandler, Immobilien-Entwickler) gehören dazu. Andere haben als Berater im Weißen Haus Zugang zu Trump. Dazu zählen Tech-Pioniere wie Marc Andreessen und Ben Horowitz (Venture Capital Investoren) oder Peter Thiel (Palantir- und Paypal-Mitgründer). Und natürlich Elon Musk.

Im November 2024 haben die meisten Wähler und auch Wählerinnen ohne Collegeabschluss für Trump und nicht für die demokratische Kandidatin Kamala Harris gestimmt, obwohl das wichtigste Thema dieser Menschen die wirtschaftliche Lage war. Jetzt kann man beobachten, wie Oligarchen und Investmentmilliardäre den Staat zulasten der Bevölkerung plündern. Der parteilose progressive Senator Bernie Sanders formulierte das auf seiner „Fighting Oligarchie“-Tour so: „Noch nie zuvor in unserer Geschichte hatten so wenige so viel Reichtum, während so viele Amerikaner zu kämpfen hatten. Noch nie haben so wenige so viel politische Macht in ihren Händen gehalten.“

taz: Herr Lazonick, steuern die USA angesichts des Einflusses von Milliardären im Weißen Haus auf eine postöffentliche Welt zu, in der die Regierung lediglich ein Werkzeug ist, das für private Interessen genutzt werden kann?

William Lazonick: Ja, genau das beobachten wir. Aber das System ist schon lange vor Trump gekippt.

taz: Was genau kippte vor Trump?

Lazonick: Das Sozialmodell, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg in vielen Ländern entwickelt hat, sah vor, dass Unternehmen die Gewinne aus dem von ihnen geschaffenen Wert mit den Menschen teilen, die diesen Wert schaffen – also ihren Mitarbeitern. Obwohl es immer viel Kritik an Unternehmen gab, wurde ein hoher Lebensstandard für die Mittelschicht geschaffen, selbst in den USA, die unter den kapitalistischen Volkswirtschaften die extremste Einkommensungleichheit aufweisen. Seit den 1980er Jahren ist die Beteiligung der Beschäftigten an den Gewinnen aus der Produktivität und Rentabilität der Unternehmen verschwunden. Die Reichen haben die Unternehmen geplündert. Die progressiven Kräfte in den Vereinigten Staaten sollten die Aufmerksamkeit auf die Plünderung der Unternehmen lenken, aber sie tun dies nicht.

Bild: privat
Im Interview: William Lazonick

ist Ökonom und beschäftigt sich mit Innovationen und Wettbewerb in der Weltwirtschaft

taz: Die Progressiven und die Demokraten prangern immer wieder lautstark an, wie die neuen Oligarchen den Staat ausnehmen. Aber Sie sagen, das eigentliche Kernproblem sei die Plünderung der Unternehmen?

Lazonick: Ja. Und das sollte als eine wichtige Form der Korruption angesehen werden. Aktionäre sind die unwichtigsten Personen in großen Unternehmen, da sie lediglich Aktien kaufen und verkaufen. Selbst Großaktionäre sind Personen oder Institutionen, die Aktien des Unternehmens auf dem Markt kaufen, ohne dass etwas an das Unternehmen geht. In den 1980er Jahren begannen Unternehmen, für diese Aktionäre, die keinen Beitrag leisten, „Wert zu schaffen“. Nicht nur durch die Zahlung von Dividenden, sondern auch durch den Rückkauf ihrer Aktien, um die Aktienkurse zu manipulieren. Die Gewinner sind Unternehmensinsider und Hedgefonds-Manager, die durch den zeitlich gut abgestimmten Kauf und Verkauf von Aktien Gewinne erzielen. Diese Plünderung der Unternehmen, die ich als „räuberische Wertabschöpfung“ bezeichne, ist das Kernproblem der sozioökonomischen Ungleichheit in den Vereinigten Staaten.

taz: Warum ist es ein Problem, wenn Unternehmen ihre eigenen Aktien zurückkaufen? Selbst Trump hat kürzlich gewarnt, dass das System der Aktienrückkäufe beendet werden muss. Er hört also eindeutig die Unzufriedenheit der weniger wohlhabenden Teile seiner Wählerschaft.

Lazonick: Aktienrückkäufe sind ein integraler Bestandteil des Shareholder-Value-Modells, das Unternehmen und Gesellschaft dominiert, und wonach Unternehmen in erster Linie den Interessen ihrer Aktionäre dienen sollen. Auch Führungskräfte wurden durch aktienbasierte Vergütungen dazu gebracht, sich an der „Wertschöpfung“ für die Aktionäre zu orientieren. Und so zittern die Top-Führungskräfte in Unternehmen vor Angst, dass die Hedgefonds-Aktivisten sie aus ihren mächtigen und lukrativen Positionen verdrängen könnten. Sie sitzen an der Spitze dieser dominierenden Unternehmen, und jemand anderes, der nichts mit dem Unternehmen zu tun hat, außer Aktien auf dem Markt zu kaufen, kann ihnen sagen, was sie zu tun haben.

taz: … Aktienrückkäufe erhöhen den Marktwert der knapperen Aktien, was wiederum den Aktionären zugute kommt. Natürlich erhalten sie auch höhere Dividenden auf die Aktien …

Lazonick: Im Laufe der Jahrzehnte wurden Milliarden und Abermilliarden Dollar für Aktienrückkäufe verschwendet, um die Aktienkurse zu manipulieren, anstatt in die Unternehmen selbst zu investieren und den Arbeitnehmern höhere Löhne und mehr Arbeitsplatzsicherheit zu bieten. Gleichzeitig fordern die Unternehmen niedrigere Steuern, obwohl sie von staatlichen Investitionen in die Wissensbasis und die physische Infrastruktur des Staats abhängig sind. Die Gesamtsumme der Rückkäufe beläuft sich allein bei den großen Unternehmen im Aktienindex S&P 500 auf fast 1 Billion Dollar pro Jahr. Die innovativsten und mächtigsten Unternehmen tätigen die meisten Rückkäufe. Apple ist ein Extremfall mit etwa 817 Milliarden US-Dollar – 91 Prozent des Nettogewinns – in den letzten 13 Jahren, darunter 95 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 und 91 Milliarden US-Dollar 2025. Das ist eine Wirtschaft, in der im Grunde genommen Menschen mit Geld Geld verdienen.

Ein Jahr Trump im Amt

Am 20. Januar 2025 hat Donald Trump offiziell zum zweiten Mal das Amt als Präsident der USA angetreten. Zum Jahrestag seiner Inauguration zieht die taz Bilanz. Alle Texte finden Sie im Schwerpunkt "USA unter Trump".

taz: Sie beschreiben die Umverteilung von Reichtum: Aktienrückkäufe kommen vor allem den größten Aktionären, Investoren, Hedgefonds und Führungskräften zugute. Warum sollte Bernie Sanders das nicht verstehen, wo er doch durch das ganze Land reist und die Oligarchen anprangert?

Lazonick: Bernie Sanders geht von der Existenz von Milliardären aus. Er fragt aber nicht, wie sie zu Milliardären geworden sind. Er hat keine Berater, die sagen: „Lasst uns kritisieren, wie Milliardäre zu Milliardären werden.“ Es ist einfacher zu sagen: „Lasst die Milliardäre ihren ‚gerechten Anteil‘ an Steuern zahlen“, als den Menschen zu erklären, wie die Milliardäre überhaupt so reich geworden sind. Es reicht nicht, zu sagen, dass sie höher besteuert werden müssen. Wir müssen sie davon abhalten, diese Unternehmen zu plündern. Wenn man das nicht versteht, versteht man auch nicht die wirtschaftliche und politische Macht der obersten 0,1 Prozent. Diese Leute werden immer mächtiger, fühlen sich immer mehr berechtigt und nutzen den Staat, um ihre Macht zu vergrößern. Das ist übrigens kein republikanisches Phänomen. Unter Bill Clinton gewannen Hedgefonds und Private Equity enorme Macht. Barack Obama hat sich ihnen in keiner Weise widersetzt. Biden war sich des Problems bewusst, aber als er Präsident wurde, hat er es einfach ignoriert.

taz: Wenn es nicht ausreicht, die Macht der Milliardäre in Trumps Regierung anzugreifen, wenn man sagt, wir müssen zu den Wurzeln des Milliardärismus zurückkehren – wie geht das?

Lazonick: Das würde im Grunde genommen eine Reform der Corporate-Governance-Vorschriften bedeuten. Wenn man beim Aufbau eines Unternehmens führend ist, muss man zumindest die Gewinne mit seinen Mitarbeitern teilen. Man muss die Art und Weise ändern, wie Unternehmen geführt werden. Deutschland hat viel zu sagen, wenn es um die Beteiligung der Arbeitnehmer an der Unternehmensführung geht.

taz: Zum Beispiel?

Lazonick: Wer ist in den Aufsichtsräten vertreten? Es ist lächerlich, dass Aufsichtsräte die Aktionäre vertreten. Wer trägt tatsächlich zur Wertschöpfung bei? Es sind die Mitarbeiter, die jeden Tag zur Arbeit gehen. In einem innovativen Unternehmen, das durch hochwertigere und kostengünstigere Produkte den Lebensstandard erhöht, will man keine Leute, die nur zur Arbeit kommen und ihre Arbeitszeit absitzen. Man will Menschen, die härter und intelligenter arbeiten und sich engagieren. Wofür engagieren sie sich? Man will erwarten können, dass sie, wenn sie zum Erfolg des Unternehmens beitragen, auch nächsten Monat, nächstes Jahr, in ein paar Jahren noch einen Job in diesem Unternehmen haben.

taz: Wer sollte noch in die Unternehmensführung einbezogen werden?

Lazonick: Die Steuerzahler. Jeder wichtige Sektor, den es in den Vereinigten Staaten gibt, existiert, weil Steuergelder für den Aufbau von Infrastrukturwissen verwendet wurden. Als Steuerzahler sollte ich daher in den Aufsichtsräten vertreten sein, die dieses Wissen und diese Infrastruktur nutzen. Nichts davon gibt es. Es gibt unabhängige Mitglieder, aber wenn sie beispielsweise Mitglied des Aufsichtsrats von Tesla werden, ist das für sie Hunderte Millionen Dollar wert.

taz: Erklärt das, was Sie als „Unternehmensplünderung“ bezeichnen, das Streben von Musk und seinen Oligarchenfreunden nach Macht?

Lazonick: Ja. Die psychologische Dimension dabei ist das Gefühl, ein Anrecht auf diese Macht zu haben. Da die Gesellschaft die Vorstellung, dass es die Aktionäre sind, die Wert schaffen, nicht kritisiert, können die Milliardäre sagen, dass der Erfolg des Unternehmens allein von ihnen abhängt.

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taz: Was würden Sie den Trump-Wählern aus der Arbeiterklasse sagen?

Lazonick: Es heißt doch, dass die einfachen Leute jeden Tag über den Tisch gezogen werden. Das muss man ihnen sagen: Hier liegt der Grund, warum sie über den Tisch gezogen werden. Sie werden durch diese räuberische Wertabschöpfung über den Tisch gezogen.

taz: Würde dies einen politischen Wandel gegen Trump und seine milliardenschweren Freunde provozieren, die sich mal für ein paar Tage Venedig kaufen, keine Steuern zahlen und die Regierung an sich gerissen haben?

Lazonick: Der Wandel findet bereits statt, weil die Korruption – und Grausamkeit – der von Milliardären unterstützten Trump-Regierung so offensichtlich ist. Allerdings hat Trump bei den Wahlen 2024 77 Millionen Stimmen erhalten. Ich finde es schwer zu glauben, dass jemand mit moralischem Kompass für ihn stimmen würde. Aber ich glaube nicht, dass die meisten Menschen unmoralisch sind. Sie sind nur schlecht informiert.

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