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1.413 Tage Krieg in der UkraineWenn die Feiertage ausfallen

Im ostukrainischen Kramatorsk haben die Menschen weder Weihnachten noch Silvester gefeiert. Die Front rückt immer näher, der Beschuss nimmt zu.

Natalka Dechtjarenko und ihre Mutter kurz vor der Evakuierung in Kramatorsk Foto: Aleksey Filippov

Z wischen Weihnachten und Neujahr haben die Russen das Gebiet Donezk mehr als 70 Mal beschossen. Lokale Behörden melden 6 Tote und 21 Verletzte. Weihnachten ist hier dieses Jahr ausgefallen. Der Priester der Orthodoxen Kirche der Ukraine (PZU), Militärseelsorger Pater Dionysius, hält zum ersten Mal seit zehn Jahren keinen Weihnachtsgottesdienst in seiner Kirche in Druschkiwka, einer Kleinstadt südlich von Kramatorsk.

„Druschkiwka ist jetzt offiziell Kampfgebiet. Unsere Kirche wurde zerstört. Die meisten Gläubigen sind geflohen, und die Front rückt immer näher. Die Behörden haben deshalb alle Gottesdienste und Veranstaltungen verboten“, erzählt Pater Dionysius.

über leben

Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne

Selbst zu Hause haben die Menschen hier weder Weihnachten noch Silvester gefeiert. Stattdessen müssen sie eine schwere Entscheidung treffen: bleiben oder fliehen?

„Allen ist klar, dass Kramatorsk und Slowjansk bis zum Frühjahr zur Frontlinie werden. Ich würde den Menschen raten, von hier wegzugehen. Denn das menschliche Leben ist das höchste Gut“, sagt Pater Dionysius. Er glaubt nicht an einen schnellen Durchbruch bei den Friedensverhandlungen.

Angst vor der Besetzung

Die 43-jährige Verkäuferin Natalka Dechtjarenko, ihre betagte Mutter und ihre Tochter sind jetzt die einzigen Bewohnerinnen eines fünfstöckigen Wohnhauses nahe des Kramatorsker Bahnhofs. Das Haus wurde gerade von der russischen Artillerie zerstört. Davon zeugen ein Absperrband um das Haus und Natalkas eingegipste linke Hand.

Bild: privat
Julia Surkowa

berichtet seit über zehn Jahren für westliche Medien über die Ereignisse an der Front in der Ukraine und humanitäre Fragen im Kriegskontext. Sie ist spezialisiert auf Vor-Ort-Reportagen und Geschichten über Kinder, die unter den Folgen der Kampfhandlungen leiden.

„Wir haben uns im Badezimmer versteckt. Die Menschen in den oberen Stockwerken wurden schwer verletzt. Die Explosion war so stark, dass Steine auf unsere Köpfe flogen. Ich habe mir dabei den Arm gebrochen“, erzählt Natalka mitten in ihrer völlig verwüsteten Wohnung. Unter einem Haufen mit Decken auf dem Sofa versucht Natalkas 15-jährige Tochter Marija, irgendwie warm zu werden. Es gibt weder Strom noch Heizung im Haus.

„Morgen bringen uns die Freiwilligen weg von hier. Mein Sohn ist Soldat. Er sagt, dass wir fliehen müssen“, sagt Natalka. Und ergänzt: „Wir haben Angst vor der Besetzung. Seit zwei Monaten werden wir dauernd mit Drohnen und Raketen beschossen. Es kann gut sein, dass wir sonst eines Morgens einfach nicht mehr aufwachen“.

Zweite Flucht in drei Jahren

Natalka packt nicht zum ersten Mal ihre Koffer für eine Flucht. Vor drei Jahren floh sie aus Tschassiw Jar, einer Stadt im Gebiet Donzek, die heute fast völlig zerstört ist.

In diesem Winter werden täglich mehr als 150 Menschen mit Evakuierungsbussen aus Kramatorsk und Slowjansk weggebracht. Es sind vor allem alte Menschen und Familien mit Kindern. Der Evakuierungsbus fährt durch Korridore aus Anti-Drohnen-Netzen, die die Straßen vor russischen Angriffen schützen. Später fahren die Menschen mit Zügen weiter gen Westen.

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Der Busfahrer der humanitären Mission Proliska ist nervös – er will schnell aus der Stadt raus, bevor der Beschuss wieder beginnt. Er hilft den Passagieren beim Einladen ihrer schweren Taschen. Doch die 23-jährige Zahnärztin Alena hat nur einen kleinen Rucksack dabei. Sie war für drei Tage nach Kramatorsk gekommen, um ihren Freund zu treffen. Andrij ist Soldat. Jetzt fährt sie zurück nach Poltawa, während er bleibt, um die Stadt zu verteidigen.

„Meine Freundin ist sehr mutig. Sie hat nicht mal ihren Eltern erzählt, dass sie an die Frontlinie fährt“, erzählt Andrij. „Ich habe ihr Kopfhörer aufgesetzt und die Musik laut gestellt, damit sie sich beruhigt. Und ich bin die ganze Zeit bei ihr geblieben“, sagt er. Ob sie noch einmal kommen könne, wisse er nicht. „Hier wird es langsam echt gefährlich“, meint der 27-Jährige, während er dem abfahrenden Bus nachschaut. Im Hintergrund hört man Explosionen.

Aus dem Ukrainischen Gaby Coldewey

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