Ausstellung zu getöteten Kindern: Die kleinen Engel von Charkiw
Im ostukrainischen Charkiw zeigt eine Ausstellung Bilder von Kindern, die durch russische Angriffe gestorben sind. Das jüngste war zwei Monate alt.
Begonnen hatte alles mit einem Gespräch. Einem Gespräch, wie es die Menschenrechtsanwältin Tamila Bespala von der Charkiwer Menschenrechtsgruppe wohl schon tausend Mal geführt hatte.
Bespala, die Kriegsopfer juristisch betreut, ihnen hilft, materielle, psychologische und juristische Unterstützung zu bekommen, sprach mit Tetjana Matjasch-Myrna, ebenfalls aus Charkiw. Die erzählte Bespala von ihrem 11-jährigen Sohn Mark, der am 30. Oktober 2024 durch einen russischen Luftangriff getötet worden war. Zu seiner Beerdigung hatte sie nicht gehen können, da sie selber nach diesem Luftangriff schwer verletzt auf der Intensivstation lag.
Doch Tetjana Matjasch-Myrna ist keine Frau, die sich in schwierigen Situationen zurückzieht. Nach dem Tod ihres Sohnes begann sie, anderen Kindern zu helfen. Sie organisierte Malkurse, Kunsttherapie, Freizeitprogramme für Kinder. Und dann kam Tamila Bespala und Tetjana Matjasch-Myrna eine Idee, wie sie auf das Schicksal der Kinder, die durch russische Angriffe ums Leben gekommen sind, im In- und Ausland aufmerksam machen können. Sie planten eine Ausstellung mit Bildern von Kindern, die im Gebiet Charkiw durch russische Luftangriffe getötet worden waren.
Angst vor negativen Gefühlen
Einfach war die Umsetzung dieser Idee nicht. Denn bei der Suche nach geeigneten Räumlichkeiten stießen die beiden Frauen zunächst überall auf Ablehnung. Man wolle keine negativen Gefühle hervorrufen, hörten die beiden häufig als Begründung. Für die Frauen war diese Haltung unverständlich: Gerade weil täglich Menschen sterben, sei es notwendig, darüber zu sprechen und hinzusehen, so Tamila Bespala zur taz.
Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.
Auch im Ausland, so vermuteten sie, war vielen das Ausmaß des Leids nicht bewusst. Bei ihren Gesprächen mit Kollegen in anderen Ländern war Tetjana Matjasch-Myrna immer wieder auf Unverständnis gestoßen. Vielfach wollte man nicht glauben, dass in diesem Krieg auch Kinder ihr Leben verlieren. Das bestärkte Tamila Bespala darin, die Ausstellung als internationales Aufklärungsprojekt zu begreifen.
Schließlich, so berichtet die Anwältin der taz, half die Staatsanwaltschaft des Gebietes Charkiw aktiv mit. Innerhalb kurzer Zeit wurde ein passender Raum in einem Medienhub gefunden, der speziell für journalistische und gesellschaftliche Projekte genutzt wird. Die Ausstellung konnte dort kostenfrei stattfinden, die Staatsanwaltschaft trat als Mitorganisatorin auf.
Jüngstes russisches Opfer war zwei Monate alt
Über 100 Kinder sind im Gebiet Charkiw von russischen Luftangriffen getötet worden. All diese Familien wurden mit Unterstützung der Behörden kontaktiert. Nur diejenigen, die dazu emotional bereit waren, nahmen an dem Ausstellungsprojekt teil. Und so wurden schließlich Plakate mit den Fotos von 37 Kindern veröffentlicht, die nach dem 24. Februar 2022 durch russische Luftangriffe getötet worden sind.
Darunter sind unter anderem Bilder des 13-jährigen Anton Tarasenko aus Tschuhujiw, der am ersten Tag der russischen Invasion starb, und der 17-jährigen Karina Bachur, die am 18. November 2025 in Berestowe durch eine Rakete ums Leben kam.„Das jüngste Opfer war gerade einmal zwei Monate alt“, sagte Tamila Bespala.
Die Menschenrechtsanwältin Tamila Bespala hat die Fotoausstellung in Charkiw mitorganisiert.
Die Ausstellung „Engel des Gebietes Charkiw“ ist bis 15. Januar im Kharkiv Media Hub (Maidan Svobody 5, Derzhprom, Eingang 5), Charkiw, zu sehen.
Geplant ist, die Ausstellung auch an anderen Orten im In- und Ausland zu zeigen, es gibt bereits erste Vorgespräche.
Zur Eröffnung, bei der auch der Vorsitzende der Charkiwer Menschenrechtsgruppe, Jewhen Sacharow sprach, reiste auch Tetjana Putjatina an, die nun bei Verwandten in der Region Sumy lebt. Sie verlor an einem einzigen Tag ihren Sohn, ihre Schwiegertochter und drei Enkel – den siebenjährigen Oleksij, den fast vierjährigen Mychajlo und den zehn Monate alten Pawlo.
Bei der Eröffnung Anfang Dezember war der Andrang so groß, dass kaum Platz im Raum blieb. Neben Besuchern aus Charkiw waren auch ausländische Medienvertreter anwesend. Aufgrund des großen Interesses wurde die ursprünglich auf Ende Dezember befristete Ausstellung bis zum 15. Januar verlängert.
Auch Ausstellungen außerhalb der Ukraine geplant
„Die Ausstellung soll weltweit gezeigt werden, damit Menschen in allen Ländern die Gesichter und Augen der Opfer sehen und sich an sie erinnern, so Jewhen Sacharow. Ziel sei es, der internationalen Öffentlichkeit vor Augen zu führen, was Russland und seine Streitkräfte anrichten, sagte er. Es liefen bereits Vorgespräche über mögliche Ausstellungsorte in Europa. So habe das Kölner Lew-Kopelew-Forum Interesse signalisiert.
Man bemühe sich auch um einen Ausstellungstermin im Europäischen Parlament oder bei der Europäischen Kommission. Auch die Menschenrechtsorganisation Memorial habe Interesse bekundet, die Ausstellung in mehreren Städten, etwa Vilnius, Warschau, Prag sowie Lyon zu organisieren. Auf jeden Fall werde die Ausstellung auch in Stockholm gezeigt. Gleichzeitig hoffe man, in Zusammenarbeit mit der Internationalen Association Memorial die erforderlichen Gelder zu erhalten.
„Diese Ausstellung ist aus Schmerz geboren – einem Schmerz, über den man nicht schweigen kann“, zitiert das Charkiwer Portal atn.ua Matjasch-Myrna, Mutter des 11-jährigen Mark, bei der Eröffnung. „Es ist ein Schrei der Eltern, die ihre Kinder verloren haben, und auch mein eigener Schrei. Schweigen bedeutet, sich abzufinden. Schweigen bedeutet, weiter zuzulassen, dass unsere kleinen und wehrlosen Kinder getötet werden. Russland tötet Kinder – und das muss die ganze Welt sehen.“
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert