Protestwelle im Iran: Mut in seiner Reinform
Wirtschaftliche Not hat die neue Protestwelle im Iran initiiert. Doch der Aufstand richtet sich gegen das gesamte System der Islamischen Republik
S eit einer Woche gehen die Menschen in Iran auf die Straße. Begonnen haben die Proteste, wie so oft, aufgrund der desolaten wirtschaftlichen Lage. Eine Währung im freien Fall und ein unbezahlbarer Alltag nehmen der Bevölkerung regelrecht die Luft zum Atmen. Was als Wirtschaftsprotest auf den Teheraner Basaren begann, ist zu einer Revolte gegen das gesamte System der Islamischen Republik geworden.
Mindestens 582 Menschen wurden laut der Menschenrechtsorganisation HRANA in den ersten sieben Tagen festgenommen, mindestens 15 Protestierende getötet. In Ilam, im Westen des Landes, schossen Regimekräfte am Samstag auf Demonstrant:innen und versuchten anschließend, ein Krankenhaus zu stürmen, um Verletzte festzunehmen. Dass es ihnen nicht gelang, lag am Widerstand der Bevölkerung. Menschen stellten sich den Bewaffneten entgegen, um ihre Verletzten zu schützen. Es sind Szenen, die man kaum aushält und die dennoch Hoffnung machen.
Diese Proteste leben nicht von großen Bühnen oder Anführern. Sie leben von vielen mutigen Einzelpersonen, die auf die Straßen gehen. Jeder Einzelne von ihnen wird zum Symbol des Widerstands. Von dem jungen Mann, der in Teheran alleine auf der Straße sitzt und den Polizisten auf Motorrädern nicht weicht, bis hin zu den zwei jungen Menschen in Hamedan, die sich den Wasserwerfern entgegenstellen. Von den Frauen, die ihre Kopftücher abnehmen und dafür Peitschenhiebe riskieren, bis hin zu den Kindern in Belutschistan, die „Nieder mit dem Diktator“ rufen.
Die internationale Gemeinschaft darf nicht, wie so oft, den Fehler machen, die Bewegung als einen einmaligen, kurzzeitigen Ausbruch der Wut zu betrachten. Es ist vielmehr die Fortsetzung des Widerstands, der nie aufgehört hat. Die Proteste sind der Normalzustand eines Landes, das seit Jahren gegen ein System aufbegehrt, das nur Gewalt kennt. Die Menschen wissen, was ihnen droht, und sie gehen trotzdem auf die Straße. Das ist Mut in seiner Reinform.
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