Deutsche Emissionen 2025: Klimaschutz verliert noch mehr Tempo
Die CO₂-Emissionen sinken leicht, teils aber nur durch die Wirtschaftskrise. Verkehr und Gebäude sind sogar wieder klimaschädlicher geworden.
Deutschlands ohnehin unzureichendes Tempo beim Klimaschutz nimmt weiter ab: 2025 sanken die CO₂-Emissionen nur um 1,5 Prozent auf 640 Millionen Tonnen. Im Vorjahr sanken die Emissionen noch um 3 Prozent. Das geht aus Berechnungen der Denkfabrik Agora Energiewende hervor, die sich für eine klimaneutrale Transformation der Wirtschaft einsetzt.
Setzt sich dieser Trend fort, wird Deutschland seine selbst gesteckten Klimaziele nicht erreichen, auch wenn das Ziel für 2025 um 22 Millionen Tonnen CO₂ übererfüllt wurde. „Wir brauchen mehr Tempo, nicht weniger“, sagte Julia Bläsius von Agora Energiewende. „Das 2030er-Ziel ist noch zu erreichen, aber das ist voraussetzungsvoll.“ Unternehmen zu verunsichern, wie es zum Beispiel die Bundesregierung durch die Abkehr vom Verbrenner-Aus tue, helfe nicht.
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„Wir sehen eine Kontinuität der kompletten klimapolitischen Unzulänglichkeit der Bundesregierung“, sagte Carla Reemtsma, Sprecherin von Fridays for Future, der taz. Die Regierung habe sich „eins zu eins den Interessen der fossilen Industrie“ verschrieben.
Weniger CO₂ als im Vorjahr stießen 2025 den Agora-Berechnungen zufolge nur die Energiewirtschaft, die Industrie und die Landwirtschaft aus. In der Stromerzeugung gingen die Emissionen insgesamt um 3 Millionen Tonnen CO₂ zurück. Im Vorjahr hatte das Minus noch 18 Millionen Tonnen betragen. Die Solarstromerzeugung stellte mit 89 Terawattstunden aber einen neuen Rekord auf und kompensierte so die witterungsbedingt leicht schwächelnden Wind- und Wasserkraftwerke. Damit erzeugte Deutschland 2025 erstmals mehr Strom aus Sonnenenergie als aus Erdgas oder Kohle. Hinter der Windkraft ist die Solarenergie somit die zweitwichtigste Stromquelle des Landes.
Schwäche der Industrie rettet Klimabilanz
Die CO₂-Emissionen der Industrie sanken 2025 laut Agora um 11 Millionen Tonnen. Der Denkfabrik zufolge ist dafür allerdings nicht die Transformation der Industrie hin zur Klimaneutralität verantwortlich, sondern die Wirtschaftskrise. Schwächelnde Nachfrage im In- und Ausland sowie hohe Energiekosten aufgrund der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen setzten energieintensiven Unternehmen in der Stahl- und Chemie-Industrie zu.
Auf diesen Emissionsrückgang dürfe man sich nicht verlassen, sagte Bläsius: „Die deutsche Industrie braucht dringend Impulse für Investitionen in die klimaneutrale Modernisierung ihrer Produktion.“ Ohne die Schwäche von Stahl und Chemie hätten die deutschen CO₂-Emissionen den Agora-Zahlen zufolge sogar das erste Mal seit 2021 wieder zugenommen.
Das liegt auch daran, dass die CO₂-Emissionen im Verkehrs- und Gebäudesektor 2025 sogar um 5 Millionen Tonnen gestiegen sind. Im Verkehrssektor führt Agora das auf die steigende Zahl von Autos und ein höheres Verkehrsaufkommen zurück. Im Gebäudesektor seien die kältere Witterung und der dadurch steigende Heizbedarf Schuld.
2025 stieg gleichzeitig der Absatz von Wärmepumpen auf einen Höchststand von 300.000 Stück. Erstmals wurden damit mehr Wärmepumpen als Gaskessel eingebaut. Im Heizungsbestand macht die klimafreundliche Alternative zwar weiterhin nur 5 Prozent aus, sparen allein dadurch aber 3,4 Millionen Tonnen CO2 ein. „Das zeigt, wie groß dieser Hebel ist“, sagte Bläsius.
Verfehlte Klimaziele können teuer für Deutschland werden
FFF-Sprecherin Reemtsma sieht die Bundesregierung mit Blick auf die schlechten Zahlen „in der Pflicht, sich zu besinnen, was Verantwortung heißt: die Zukunft der Menschen des Landes zu schützen.“ Wie eine Verkehrs- und Heizwende sowie der Ausbau der Erneuerbaren funktionieren, sei bekannt. „Das muss die Bundesregierung jetzt in die Praxis umsetzen.“ Reemtmsa fordert außerdem einen Ausbaustopp der Gasinfrastruktur. „Mit Blick auf Russland und Venezuela sehen wir, dass fossile Energieträger immer angreifbar machen.“
Auch der Naturschutzverband WWF fordert mehr Klimaschutz von der Bundesregierung. „Maßnahmen für einen zukunftsfähigen Verkehrs- und Gebäudesektor müssen ausgeweitet werden, statt eingedampft“, sagte WWF-Klimachefin Viviane Raddatz. Die Bundesregierung verharmlose die Konsequenzen ihrer fossilen Politik: „Kostensteigerungen, weniger Resilienz und mangelnde Wettbewerbsfähigkeit in Zukunftsbranchen.“
Bläsius setzt Hoffnung in das Klimaschutzprogramm, das die Bundesregierung bis Mitte März vorlegen muss. „Es sollte den Rahmen dafür bieten, dass die Elektrifizierung schneller vorangeht und alle Sektoren ihren Beitrag zu den Klimazielen leisten.“ Gerade in den Sektoren Gebäude und Verkehr müsse die Bundesregierung dafür sorgen, „dass nicht nur diejenigen umsteigen, die das sowieso tun würden, sondern Förderung vor allem an Menschen mit niedrigem Einkommen geht“.
Sinken die Emissionen in diesen Sektoren nicht, könnte das teuer werden. Denn Verkehr und Gebäude in Deutschland stoßen 30 Millionen Tonnen CO₂ mehr aus als nach EU-Recht erlaubt. Setzt sich dieser Trend fort, müsste die Bundesregierung Agora zufolge bis 2030 deswegen von anderen EU-Ländern CO₂-Zertifikate in Höhe von bis zu 34 Milliarden Euro kaufen.
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