Nach Anschlag auf Stromkabel in Berlin: „Sie schreiben in epischer Ausführlichkeit“
Zu dem Anschlag in Berlin bekennt sich die Vulkangruppe. Es gibt aber Gerüchte: Waren es doch die Russen? Eine Linguistin analysiert die Schreiben.
taz: Frau Müller, Sie sind Sachverständige für forensische Linguistik und haben für uns das Bekennerschreiben zum Anschlag auf das Berliner Stromnetz gelesen. Es kursiert das Gerücht, dass russische Agenten dahinterstecken und keine Linksradikalen. Haben Sie darauf Hinweise gefunden?
Gudrun Müller: Ich sehe keine Anhaltspunkte dafür, dass es aus dem Russischen übersetzt wurde. Es hat für mich den Anschein, dass sich hier eine Gruppe zusammengefunden hat, die mit einer immer ähnlichen Signatur sowohl Texte schreibt als auch Anschläge verübt.
taz: Wäre es für russische Agenten nicht möglich, es mit einer KI so aussehen zu lassen, dass Linke für den Anschlag verantwortlich sind?
Müller: Nach meiner Erfahrung geraten Übersetzungen mit Chatbots früher oder später sprachlich holprig. Die verwendeten Sprachspiele wie „mann“ statt „man“ oder Wendungen wie „den Saft abdrehen“ wären nicht so geschmeidig zu übersetzen gewesen. Auf der anderen Seite erstellen Chatbots klarere Gliederungen, die visuell strukturieren. Das passt nicht zum vorliegenden Schreiben, ein eher kompakter Text mit wenig erkennbarer äußerer Struktur.
Analysiert als Sachverständige für Linguistik Texte und erstellt damit Urheberschaftsgutachten oder Autorenprofile. Ihre Firma FTS Forensische Text- und Schriftanalysen GmbH in Neuss erhält Aufträge von Gerichten, Staatsanwälten, Behörden, um die Autoren von Erpresserbriefen, Bekennerschreiben oder Plagiaten zu bestimmen.
taz: Haben Sie weitere Hinweise entdeckt?
Müller: Das ausdifferenzierte Gender, das sehr bewusst eingesetzt wird. Frauenhasser, Macher, Schlächter sind hier immer männlich. Auf der anderen Seite sind zum Beispiel Kritiker:innen und Anwohner:innen immer auch weiblich und damit positiv konnotiert.
taz: Was ist mit den Rechtschreibfehlern? Zum Beispiel wird der US-Vizepräsident J. D. Vance als „Vans“ und Franziska Giffey als „Giffay“ geschrieben.
Müller: Vance als „Vans“ zu schreiben, wie die Turnschuhmarke, finde ich jetzt nicht typisch russisch. Außerdem kann das schon mal passieren, wenn man unter Druck steht und viel koordinieren muss. Das sieht man auch an den kleinen Tippfehlern, die immer wieder zu finden sind.
taz: Sie haben sich auch in den vergangenen Jahren mit den Bekennerschreiben beschäftigt. Was zeichnet Texte der Vulkangruppe aus?
Müller: Auf der stilistischen Ebene auffallend oft das Verb „machen“: zum Beispiel „öffentlich gemacht“ statt veröffentlicht – der oder die Verfasser sehen sich als „Macher“. Es sind Leute, die routiniert und in epischer Ausführlichkeit schreiben können, gerne politisieren und einen akademischen, kosmopolitischen Hintergrund haben. Sie erwähnen wie selbstverständlich die Uiguren und nehmen Bezug auf internationale Vernetzungen.
Inhaltlich erkenne ich eine Gruppe, die unter Druck steht. Die nicht will, dass die Welt weiter ausgebeutet wird, und nicht mehr weiß, wie sie Einfluss nehmen soll. Die glaubt: Die Welt geht vor die Hunde. Gleichzeitig bringt sie ein gewisses Heilsdenken mit, wenn sie schreibt: „Wir sind zuversichtlich, dass im Dunkeln das Licht nicht weit ist.“
taz: Jetzt wird es chaotisch: Nach dem ersten Bekennerschreiben erschien eine Richtigstellung und anschließend eine Distanzierung einer vermeintlich anderen Vulkangruppe. Was machen Sie daraus?
Müller: Die neuen Schreiben sind beide sehr kurz, das kann fast jeder geschrieben haben. Um das ausführlich zu beantworten, braucht es viel Zeit und ein umfassendes Gutachten. Die Schreiben zeigen aber: Die Gruppe oder Gruppen sind verunsichert und sorgen sich um das Echo in der Gesellschaft.
In einem Schreiben einer „Vulkangruppe“ hatten sich die Absender:innen erstmals am 4. Januar 2026 zu dem Brandanschlag auf das Stromnetz in Berlin bekannt. Am 6. Januar wurde ein weiteres Schreiben einer „Vulkangruppe“ veröffentlicht. In einer sogenannten Richtigstellung, reklamierten sie den Angriff noch einmal für sich, nachdem spekuliert wurde, ob der Angriff nicht eine Sabotage-Aktion Russlands war. In einem dritten, am 7. Januar publizierten Schreiben behaupteten mutmaßlich andere Autor:innen, sie seien die ursprüngliche „Vulkangruppe“ und hätten mit den Anschlägen der letzten Jahre nichts zu tun. In einem vierten Schreiben einer „Vulkangruppe“, bedauert diese, dass neben dem Gaskraftwerk auch private Haushalte betroffen waren, da dies nicht beabsichtigt gewesen sei. Mit dem heutigen Wissen um die Auswirkungen, hätte die Gruppe den Angriff in eine warme Jahreszeit verlegt, heißt es dort.
taz: Was sind klassische Hinweise auf linke Bekennerschreiben?
Müller: Auf der einen Seite das klare Feindbild. Beim Bekennerschreiben nach dem Anschlag auf das Tesla-Werk war die Sprache noch hasserfüllter. Da wurde Elon Musk als „Elend Musk“ bezeichnet. Beim aktuellen Schreiben sind es die Reichen mit den imperialen Lebensweisen, die Raubbau an der Erde betreiben und die Lebensgrundlagen der Bäuer:innen zerstören. Auf der anderen Seite zeigen sie sprachlich eine fürsorgliche Haltung, wenn sie betonen, sie wollten die „weniger wohlhabenden Menschen im Südwesten Berlins“ nicht treffen. Sie rechtfertigen sich und appellieren zu Solidarität.
taz: Wie gehen Sie vor, wenn Sie Bekennerschreiben analysieren?
Müller: Ich klopfe verschiedene Kategorien ab. Ist der rote Faden zusammenhängend oder mäandernd? Gibt es eine bestimmte Einleitung oder Formeln im Text, die der Autor oft verwendet? Welche Fehler kommen wiederholt vor? So lassen sich Parallelen zwischen dem aktuellen Bekennerschreiben und denen der Vergangenheit ziehen. Ich gehe daher davon aus, dass die Autorenschaft des Bekennerschreibens nach dem Anschlag auf das Tesla-Werk mit der übereinstimmt, die sich in Berlin zu dem Brandanschlag bekannt hat.
taz: Gibt es absolute Sicherheit in Ihrer Arbeit?
Müller: Die Arbeit mit Sprache ist immer Arbeit mit Wahrscheinlichkeiten – 100-prozentig sicher ist es nie.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert