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Nach Anschlag auf Stromkabel in Berlin„Sie schreiben in epischer Ausführlichkeit“

Zu dem Anschlag in Berlin bekennt sich die Vulkangruppe. Es gibt aber Gerüchte: Waren es doch die Russen? Eine Linguistin analysiert die Schreiben.

Zappenduster: Zehntausende Menschen im Südwesten der Hauptstadt haben keinen Strom, am 4. Januar 2026 Foto: Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Interview von

Jana Laborenz

taz: Frau Müller, Sie sind Sachverständige für forensische Linguistik und haben für uns das Bekennerschreiben zum Anschlag auf das Berliner Stromnetz gelesen. Es kursiert das Gerücht, dass russische Agenten dahinterstecken und keine Linksradikalen. Haben Sie darauf Hinweise gefunden?

Gudrun Müller: Ich sehe keine Anhaltspunkte dafür, dass es aus dem Russischen übersetzt wurde. Es hat für mich den Anschein, dass sich hier eine Gruppe zusammengefunden hat, die mit einer immer ähnlichen Signatur sowohl Texte schreibt als auch Anschläge verübt.

taz: Wäre es für russische Agenten nicht möglich, es mit einer KI so aussehen zu lassen, dass Linke für den Anschlag verantwortlich sind?

Müller: Nach meiner Erfahrung geraten Übersetzungen mit Chatbots früher oder später sprachlich holprig. Die verwendeten Sprachspiele wie „mann“ statt „man“ oder Wendungen wie „den Saft abdrehen“ wären nicht so geschmeidig zu übersetzen gewesen. Auf der anderen Seite erstellen Chatbots klarere Gliederungen, die visuell strukturieren. Das passt nicht zum vorliegenden Schreiben, ein eher kompakter Text mit wenig erkennbarer äußerer Struktur.

Bild: Privat
Im Interview: Gudrun Müller

Analysiert als Sachverständige für Linguistik Texte und erstellt damit Urheberschaftsgutachten oder Autorenprofile. Ihre Firma FTS Forensische Text- und Schriftanalysen GmbH in Neuss erhält Aufträge von Gerichten, Staatsanwälten, Behörden, um die Autoren von Erpresserbriefen, Bekennerschreiben oder Plagiaten zu bestimmen.

taz: Haben Sie weitere Hinweise entdeckt?

Müller: Das ausdifferenzierte Gender, das sehr bewusst eingesetzt wird. Frauenhasser, Macher, Schlächter sind hier immer männlich. Auf der anderen Seite sind zum Beispiel Kri­ti­ke­r:in­nen und An­woh­ne­r:in­nen immer auch weiblich und damit positiv konnotiert.

taz: Was ist mit den Rechtschreibfehlern? Zum Beispiel wird der US-Vizepräsident J. D. Vance als „Vans“ und Franziska Giffey als „Giffay“ geschrieben.

Müller: Vance als „Vans“ zu schreiben, wie die Turnschuhmarke, finde ich jetzt nicht typisch russisch. Außerdem kann das schon mal passieren, wenn man unter Druck steht und viel koordinieren muss. Das sieht man auch an den kleinen Tippfehlern, die immer wieder zu finden sind.

taz: Sie haben sich auch in den vergangenen Jahren mit den Bekennerschreiben beschäftigt. Was zeichnet Texte der Vulkangruppe aus?

Müller: Auf der stilistischen Ebene auffallend oft das Verb „machen“: zum Beispiel „öffentlich gemacht“ statt veröffentlicht – der oder die Verfasser sehen sich als „Macher“. Es sind Leute, die routiniert und in epischer Ausführlichkeit schreiben können, gerne politisieren und einen akademischen, kosmopolitischen Hintergrund haben. Sie erwähnen wie selbstverständlich die Uiguren und nehmen Bezug auf internationale Vernetzungen.

Inhaltlich erkenne ich eine Gruppe, die unter Druck steht. Die nicht will, dass die Welt weiter ausgebeutet wird, und nicht mehr weiß, wie sie Einfluss nehmen soll. Die glaubt: Die Welt geht vor die Hunde. Gleichzeitig bringt sie ein gewisses Heilsdenken mit, wenn sie schreibt: „Wir sind zuversichtlich, dass im Dunkeln das Licht nicht weit ist.“

taz: Jetzt wird es chaotisch: Nach dem ersten Bekennerschreiben erschien eine Richtigstellung und anschließend eine Distanzierung einer vermeintlich anderen Vulkangruppe. Was machen Sie daraus?

Müller: Die neuen Schreiben sind beide sehr kurz, das kann fast jeder geschrieben haben. Um das ausführlich zu beantworten, braucht es viel Zeit und ein umfassendes Gutachten. Die Schreiben zeigen aber: Die Gruppe oder Gruppen sind verunsichert und sorgen sich um das Echo in der Gesellschaft.

Die Bekennerschreiben der „Vulkangruppe“

In einem Schreiben einer „Vulkangruppe“ hatten sich die Ab­sen­de­r:in­nen erstmals am 4. Januar 2026 zu dem Brandanschlag auf das Stromnetz in Berlin bekannt. Am 6. Januar wurde ein weiteres Schreiben einer „Vulkangruppe“ veröffentlicht. In einer sogenannten Richtigstellung, reklamierten sie den Angriff noch einmal für sich, nachdem spekuliert wurde, ob der Angriff nicht eine Sabotage-Aktion Russlands war. In einem dritten, am 7. Januar publizierten Schreiben behaupteten mutmaßlich andere Au­to­r:in­nen, sie seien die ursprüngliche „Vulkangruppe“ und hätten mit den Anschlägen der letzten Jahre nichts zu tun. In einem vierten Schreiben einer „Vulkangruppe“, bedauert diese, dass neben dem Gaskraftwerk auch private Haushalte betroffen waren, da dies nicht beabsichtigt gewesen sei. Mit dem heutigen Wissen um die Auswirkungen, hätte die Gruppe den Angriff in eine warme Jahreszeit verlegt, heißt es dort.

taz: Was sind klassische Hinweise auf linke Bekennerschreiben?

Müller: Auf der einen Seite das klare Feindbild. Beim Bekennerschreiben nach dem Anschlag auf das Tesla-Werk war die Sprache noch hasserfüllter. Da wurde Elon Musk als „Elend Musk“ bezeichnet. Beim aktuellen Schreiben sind es die Reichen mit den imperialen Lebensweisen, die Raubbau an der Erde betreiben und die Lebensgrundlagen der Bäue­r:in­nen zerstören. Auf der anderen Seite zeigen sie sprachlich eine fürsorgliche Haltung, wenn sie betonen, sie wollten die „weniger wohlhabenden Menschen im Südwesten Berlins“ nicht treffen. Sie rechtfertigen sich und appellieren zu Solidarität.

taz: Wie gehen Sie vor, wenn Sie Bekennerschreiben analysieren?

Müller: Ich klopfe verschiedene Kategorien ab. Ist der rote Faden zusammenhängend oder mäandernd? Gibt es eine bestimmte Einleitung oder Formeln im Text, die der Autor oft verwendet? Welche Fehler kommen wiederholt vor? So lassen sich Parallelen zwischen dem aktuellen Bekennerschreiben und denen der Vergangenheit ziehen. Ich gehe daher davon aus, dass die Autorenschaft des Bekennerschreibens nach dem Anschlag auf das Tesla-Werk mit der übereinstimmt, die sich in Berlin zu dem Brandanschlag bekannt hat.

taz: Gibt es absolute Sicherheit in Ihrer Arbeit?

Müller: Die Arbeit mit Sprache ist immer Arbeit mit Wahrscheinlichkeiten – 100-prozentig sicher ist es nie.

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9 Kommentare

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  • Danke für dieses erhellende Gespräch. Werden uns die Schreibenden doch so menschlich etwas näher gebracht. Viele von uns taz-LeserInnen können sich darin wie im Spiegel sehen, oder? Nur dass wir nicht einen Kabelbaum in Brand setzen. Danke. - Unter "revolutionärem" Aspekt, also wenn jemand hier wirklich den Wunsch hat, an unserer Gesellschaft etwas zu verändern - das geht deutlich so nicht. Das war schon der Irrtum der RAF. Das weiche Wasser höhlt den Stein. Ich könnte jetzt auch aus der Bergpredigt zitieren. Ein religiös zu konnotierendes Bedürfnis der Täter oder Bekenner könnte aus dem Erwähnen des "Lichts" sprechen. Diese armen Irren sind Kinder unserer Gesellschaft. Wir sehen nur gerade an zB Trump, wenn mensch das, was man in dieser Gesellschaft lernen kann, auf der Stammhirn-Ebene, so ungehindert in die WIrklichkeit bringt: Blut, Töten von Menschen, Gewalt. Leiden. Not und Tod. Das Gegenteil von dem, was Linke einmal wollten. Jedenfalls in Mitteleuropa. - Vielleicht ist unser Hirn auch immer noch nicht für diese Art von Welt tauglich, für Massengesellschaft +Anonymität. Keine Phantasie, dass auch Fernwärme Strom braucht. Dass Fernwärme-Wohnungen weniger die der Reichen sind.

  • Danke, nächstes mal bitte gleich die Expertin fragen!

  • Es sind Leute, die routiniert und in epischer Ausführlichkeit schreiben können, gerne politisieren und einen akademischen, kosmopolitischen Hintergrund haben. Sie erwähnen wie selbstverständlich die Uiguren und nehmen Bezug auf internationale Vernetzungen. Damit sprechen sie nicht nur die politisch wachen Menschen im Südwesten Berlins, sondern auch die taz-Leserschaft an.

  • Ja jetzt reichts auch mal wieder mit der Artikelflut zu dem Thema, können wir vielleicht erstmal Ermittlungen und neuere Erkenntnisse, vielleicht sogar sowas wie Fakten und Beweise abwarten? Das ist doch auch wieder nichts weiter als wilde Spekulation von einer vermeitlichen Expertin, die es im Endeffekt auch nicht weiß.

    • @PartyChampignons:

      Das nun ausgerechnet unter die Stellungnahme einer forensischen Linguistin zu einem anonymen Bekennerschreiben zu schreiben, ist schon paradox. Linguistische Analysen helfen auch im Strafverfahren dabei, anonyme Täter zu ermitteln, Verdachtsmomente zu erhärten oder entkräften und sie können auch sonstige entscheidende Hinweise zur Aufklärung des Sachverhalts liefern. Im Hauptverfahren dienen die entsprechenden Gutachten dann als Beweismittel und können auch einen entscheidenden Beitrag zur richterlichen Wahrheitsfindung leisten. Von der Presse zu erwarten, dass sie solange schweigt, bis Beweise vorliegen, ist wohl ohnehin eher vergebens und unter einem Beitrag, der sich praktisch gerade mit einem Beweismittel auseinandersetzt, auch ziemlich unsinnig.

      • @Yes:

        Ist schon klar, aber zum einen wird jemand der diese 'Anleitung' für ein 'linkes' Bekennerschreiben hier liest dann noch besser wissen wie er es anstellen muss und zum anderen häufen sich in letzter Zeit die falschen Analysen von Expert*innen. Und das liegt fast immer daran, dass sie ihre 'Gegner' unterschätzen und die Bösartigkeit die in ihnen steckt. So geschehen mit Putin, Trump, Musk, Merz und der AfD ...

        • @Peter Blunt:

          Genau. Da gibts hier mehrere Artikel, die über "false flag" und die Russen spekulieren, aber Expertenmeinungen brauchts nicht, weil die ja "in letzter Zeit" meistens falsch liegen.



          Und jetzt müssen trittbrettfahrende Saboteure nur noch die taz lesen, um zu wissen, wie man linke Bekennerschreiben verfasst, obwohl diese im Wortlaut ganz offen im Netz zu finden sind.



          Sonen Unsinn kann man sich kaum ausdenken.

  • RAF-Sprech ist derartig kompliziert verschwurbelt, dass damit sowohl Chatbots als auch Russen überfordert sein dürften. Es gibt aber genug Einheimische, die erstens gerne für die Russen arbeiten, und zweitens den TAZ-Soziolekt beherrschen.



    "Wahrlich du bist auch einer von denen, denn deine Sprache verrät dich." Matthäus 26:73

    • @Claude Nuage:

      Ich glaube nicht, dass die AfD-Ruzzland-Sondergruppe den 'TAZ-Soziolekt' beherrschst ...