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Brandanschlag auf Stromnetz in Berlin„Vulkangruppe“ veröffentlicht neues Bekennerschreiben

Nach dem Brandanschlag auf das Berliner Stromnetz war über eine russische Sabotage spekuliert worden. Die „Vulkangruppe“ weist das zurück.

Ein Bauzaun schützt momentan die Kabelbrücke in Berlin-Lichterfelde, auf die zuvor ein Brandanschlag verübt wurde Foto: Christophe Gateau/dpa

Drei Tage nach einem Brandanschlag auf eine Kabelbrücke im Berliner Stadtteil Lichterfelde, der für einen großflächigen, andauernden Stromausfall sorgte, melden sich die mutmaßlichen Verursacher zum zweiten Mal zu Wort. In einer am Dienstagabend veröffentlichten „Richtigstellung“ weist die „Vulkangruppe“ zurück, dass die Tat eine „False-Flag-Aktion“ eines ausländischen Akteurs gewesen sein könnte – und verteidigt den Anschlag, trotz der Folgen für zehntausende Haushalte.

Man melde sich erneut zu Wort, da vieles aus der ersten Erklärung „bewusst missverstanden oder verzerrt wurde“, heißt es in der zweiten Stellungnahme der „Vulkangruppe“, die auf einer linken Onlineplattform veröffentlicht wurde. „Kursierenden Unterstellungen“, dass der Anschlag die Tat eines ausländischen Staates wie Russland war, die dieser nur als linksextrem kaschierte, weise man klar zurück. „Diese Spekulationen sind nichts weiter als der Versuch, die eigene Ohnmacht zu kaschieren“, heißt es im Schreiben. „Dass Menschen hier vor Ort in der Lage sind, Infrastruktur anzugreifen, passt nicht ins Sicherheitsnarrativ von Politik und Behörden.“ Also werde ein äußerer Feind konstruiert, so heißt es weiter. „Das ist bequem, entlastet und verschiebt die Debatte.“

Die Au­to­r*in­nen der „Vulkangruppe“, die sich bereits seit 2011 zu verschiedenen Brandanschlägen auf Kabelschächte oder Strommaste in und um Berlin bekannte, betont, ihre Motive seien „weder geheim noch neu“. Sie gründeten auf der jahrelangen Erfahrung „mit leerem Klimadiskurs, symbolischer Politik und einer Energieversorgung, die auf Zerstörung basiert“. Und weiter: „Wer nun behauptet, hinter jeder Form von Sabotage müsse zwangsläufig ein fremder Geheimdienst stehen, verweigert sich der Realität gesellschaftlicher Konflikte im Inneren.“

„Nicht von moralischer Empörung beeindrucken lassen“

Zudem verteidigen die Au­to­r*in­nen den Anschlag von Samstagfrüh, der bis heute zu einem Blackout bei zehntausenden Haushalten im Berliner Süden führt. Die Aktion habe sich nicht gegen Menschen gerichtet, sondern „gegen eine Infrastruktur, die tagtäglich Menschen, Umwelt und Zukunft zerstört“, schreiben sie. Man sehe zwar die Belastung „insbesondere für Alte, Kranke, Kinder“ durch den Stromausfall. Dies sei aber das Resultat einer profitorientierten Zentralisierung der kritischen Infrastruktur. „Nicht diejenigen, die angreifen, haben diese Abhängigkeit geschaffen, sondern diejenigen, die sie seit Jahrzehnten aufrechterhalten.“

Die Bekennerschreiben der „Vulkangruppe“

In einem Schreiben einer „Vulkangruppe“ hatten sich die Ab­sen­de­r:in­nen erstmals am 4. Januar 2026 zu dem Brandanschlag auf das Stromnetz in Berlin bekannt. Am 6. Januar wurde ein weiteres Schreiben einer „Vulkangruppe“ veröffentlicht als sogenannte Richtigstellung, nachdem über eine Russland-Sabotage spekuliert worden war. In einem mittlerweile dritten, am 7. Januar publizierten Bekennerschreiben behaupten die Au­to­r:in­nen nun, sie seien die ursprüngliche „Vulkangruppe“ und hätten mit den Anschlägen der letzten Jahre nichts zu tun.

Und die Au­to­r*in­nen bekräftigen: „Wir werden uns nicht von moralischer Empörung beeindrucken lassen, die nur dann laut wird, wenn Eigentum betroffen ist.“ Die „Intervention“ sei ein Bruch mit der klimazerstörenden Normalität. „Ob sie verstanden wird oder nicht, liegt nicht bei uns.“ Ob der Text tatsächlich von der „Vulkangruppe“ stammt, lässt sich nicht final überprüfen.

Bundesanwaltschaft übernimmt Ermittlungen

Bereits zuvor hatte am Dienstag die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen zu dem Brandanschlag übernommen. Es bestehe gegen die Verantwortlichen der Verdacht der Mitgliedschaft einer terroristischen Vereinigung, der verfassungsfeindlichen Sabotage, der Brandstiftung und der Störung öffentlicher Betriebe, teilte ein Sprecher der taz mit. Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) und Innensenatorin Iris Spranger (SPD) hatten die Übernahme zuvor eingefordert und die Tat als Linksterrorismus eingeordnet.

Die Bundesanwaltschaft hatte bereits bei einem früheren Anschlag der „Vulkangruppe“, im Frühjahr 2024 auf die Stromzufuhr zum Tesla-Werk im Brandenburger Grünheide, die Ermittlungen übernommen. Damals war ein Millionenschaden entstanden. Tatverdächtige aber konnten nicht ermittelt werden – wie bisher bei keinem der „Vulkangruppen“-Anschläge.

Nach dem aktuellen Brandanschlag auf eine Kabelbrücke vor dem Gaskraftwerk Lichterfelde waren zwischenzeitlich rund 50.000 Haushalte ohne Strom. Schulen und Supermärkte mussten geschlossen bleiben, Krankenhäuser und Pflegeheime mit Notstromaggregaten versorgt werden. Bis heute sind knapp 22.000 Haushalte weiter ohne Strom. Die Reparaturen sollen bis Donnerstag andauern.

Schon in einem ersten Bekennerschreiben, das als erstes an vier Medien ging, darunter die taz, hatte sich die „Vulkangruppe“ zu der Tat bekannt. Ziel sei das Gaskraftwerk gewesen, um „den Herrschenden den Saft abzudrehen“ und ein Signal gegen „den Raubbau an der Erde“ zu setzen.

Spekulation über russische Verantwortliche

Wegen der teils sperrigen Satzkonstruktionen des Bekennerschreibens und fehlerhafter Namensschreibweisen wie „Vans“ für den US-Vizepräsidenten J. D. Vance war spekuliert worden, ob das Pamphlet ursprünglich auf Russisch verfasst und der Anschlag damit eine getarnte russische Sabotage und Teil des hybriden Kriegs des Kremls gewesen sein könnte.

Die Berliner Polizei hatte das Bekennerschreiben der „Vulkangruppe“ dagegen für authentisch erklärt. Der Berliner Verfassungsschutz hatte schon bei acht früheren Bekennerschreiben der Gruppe Ähnlichkeiten in Aufbau und Stil gesehen – und geht deshalb von einem zumindest „(teil-)identischen Autorenkreis“ der „Vulkangruppe“ aus. Andere Sicherheitsbehörden wollten die Russlandspur zunächst nicht völlig ausschließen, sahen aber auch keine konkreten Hinweise dafür.

Um nun die Tatverdächtigen zu finden, wertet die Polizei derzeit Spuren am Tatort, Zeu­g*in­nen­aus­sa­gen und hunderte Stunden Videomaterial aus, unter anderem aus U-Bahnen.

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