Homosexueller Geflüchteter zu Asylsystem: „Ich liebe immer noch genauso“
Maher Karim ist aus dem Irak geflüchtet, weil er wegen seiner sexuellen Orientierung verfolgt wird. Das deutsche Asylsystem erlebt er als kalt und abweisend.
taz: Herr Karim (Name geändert; d. R.), als Homosexuellem drohen Ihnen in Ihrem Heimatland Irak Gefängnis und Schlimmeres. Trotzdem sollen Sie jetzt abgeschoben werden. Wie kann das sein?
Maher Karim: Die Behörden glauben mir nicht. Ich habe Beweise für meine Homosexualität vorgelegt: ein Video und die Bilder, die von mir verbreitet wurden. Ich habe den Behörden in Österreich und Deutschland meine Geschichte erzählt, aber sie haben dennoch gegen mich entschieden. Seit 2024 wird Homosexualität im Irak strafrechtlich verfolgt. Bei meiner Rückkehr besteht also nicht nur wieder akute Gefahr für mein Leben. Mir drohen auch bis zu 15 Jahre Haft. Vor wenigen Tagen habe ich dann erfahren, dass im Irak ein Haftbefehl und ein Urteil in Abwesenheit gegen mich ausgestellt wurden.
taz: Was macht es mit Ihnen, Ihre sexuelle Orientierung beweisen zu müssen?
Maher Karim: Wenn von mir verlangt wird, meine sexuelle Orientierung zu beweisen, empfinde ich das als sehr schmerzhaft und verletzend. Die sexuelle Orientierung ist nichts, was man mit Dokumenten, Fotos oder stereotypem Verhalten belegen kann, sondern ein innerer Teil der eigenen Identität. Diese Forderung gibt mir das Gefühl, unter Verdacht zu stehen und mich für etwas rechtfertigen zu müssen, das ich mir nicht ausgesucht habe. Für mich bedeutet das eine psychische Rückkehr zu den Erfahrungen, vor denen ich geflohen bin. Zu der Zeit, in der ich gezwungen war, mich aus Angst zu verstecken. Anstatt Schutz zu erfahren, fühle ich mich in solchen Momenten gezwungen, den intimsten Teil meines Lebens fremden Menschen offenlegen zu müssen, um als glaubwürdig zu gelten.
Mahar Karim (Nachname von der Redaktion geändert), 22, floh 2021 aus dem Irak, weil er dort aufgrund seiner sexuellen Orientierung bedroht war und gefoltert wurde. Über Österreich, wo sein Asylantrag abgelehnt wurde, gelangte er 2024 nach Deutschland. Auch hier blieb sein Asylgesuch erfolglos; ihm droht nun die Abschiebung.
taz: Wurden Sie von den Behörden anders behandelt wegen Ihrer sexuellen Orientierung?
Maher Karim: Ich kann nicht sagen, dass alle Mitarbeitenden oder Richter mich schlecht behandelt haben. Ich habe auch verständnisvolle und respektvolle Personen erlebt. In einigen Situationen hatte ich jedoch den Eindruck, dass meine sexuelle Orientierung nicht als ernstzunehmender Fluchtgrund betrachtet wurde, sondern eher als ein persönliches Detail. Teilweise lag der Fokus stärker auf der Prüfung meiner Glaubwürdigkeit als auf Schutz und Verständnis für meine Situation. Dieses ständige Gefühl, seine eigene Angst beweisen zu müssen, war für mich psychisch sehr belastend, insbesondere nach allem, was ich erlebt habe.
taz: Was meinen Sie?
Maher Karim: Ich komme aus der Provinz Anbar im Irak. Dort habe ich die Schule besucht und anschließend eine Ausbildung zum Krankenpfleger begonnen. Diese musste ich jedoch abbrechen, weil im Irak mein Leben in Gefahr war, seit Menschen herausgefunden haben, dass ich homosexuell bin. Meine Familie hat den Kontakt zu mir abgebrochen, weil sie der Meinung ist, dass ich gegen unsere Religion und die Stammestradition verstoßen habe. Ich wurde verfolgt und gefoltert. In der Region, in der ich gelebt habe, wurden schon zwei Personen umgebracht und ich hatte Angst, der dritte zu sein. Mit der Hilfe von Bekannten bin ich daraufhin geflohen, denn ich wollte mich von der Angst befreien und an einen Ort, wo ich ein normales Leben führen kann. Ich habe diesen Ort zunächst in Österreich und dann in Deutschland gesucht.
taz: Und die Unterkunft in Eisenhüttenstadt, in der Sie gerade leben, ist kein solcher Ort?
Maher Karim: Die Unterkunft fühlt sich an wie ein Gefängnis. Ich darf das Heim nicht länger als 24 Stunden verlassen. Wenn ich es dennoch tue, droht mir, dass ich mein Zimmer verliere und Probleme mit meinen Papieren bekomme. Allgemein leiden wir hier dauerhaft unter diesem Druck und der Ungewissheit, was unseren Status betrifft. Menschen verschwinden regelmäßig, weil sie freiwillig ausreisen, fliehen, abgeschoben oder in eine andere Unterkunft verlegt werden. Manche Leute sind nur einige Wochen hier, andere viele Monate. Wir wissen nicht, wie die Auswahlkriterien aussehen und was die Gründe sind für die Dauer des Aufenthalts. Diese psychologische Kriegsführung macht uns krank.
taz: Was meinen Sie?
Maher Karim: Ich leide unter Depressionen, Selbstmordgedanken und PTBS. Ich habe keinen Appetit, kann kaum schlafen, habe Panikattacken und dauerhaft Angst. Wenn ich nicht im Heim bin, geht es mir ein bisschen besser, aber sobald ich zurückkomme, ist alles wieder da. Ich habe hier das Gefühl, komplett isoliert zu sein. Der Arzt aus dem Camp hat empfohlen, dass ich psychologische Betreuung bekomme, aber der Weg dahin ist sehr kompliziert. Ich wollte einen Termin bei dem Arzt im Camp, um die Medikamente zu wechseln, und es hat 4 Monate gedauert, bis ich diesen Termin bekommen habe. In Berlin habe ich eine Psychologin gefunden, die mich behandeln will, aber die Ausländerbehörde hat lange abgelehnt, die Kosten zu tragen. Erst vor Gericht konnte mein Anwalt erwirken, dass ich die Behandlung bezahlt bekomme.
taz: Gab es Zeiten oder Momente in Deutschland, die Ihnen Kraft gegeben haben?
Maher Karim: Ja, die gab es. Es sind die Momente, wo ich ernst genommen werde und Menschen versuchen, wirklich meine Geschichte zu verstehen. Ich war Mitte dieses Jahres für einige Monate im Kirchenasyl. Das war die beste Zeit in Deutschland. Die Kirche war für mich ein Ort der Geborgenheit, wo ich keine Angst vor Abschiebung und Ablehnung hatte. Ich werde nie vergessen, wie sie mir gesagt haben: Egal woher du kommst, wir werden dir helfen und auf deiner Seite stehen.
Außerdem habe ich bei der Karawane für Bewegungsfreiheit mitgemacht, die die Initiative We’llcome United organisiert hat. Dort haben wir im Rahmen von Kundgebungen in zum Beispiel Berlin und Eisenhüttenstadt das Mikrofon bekommen, um unsere Geschichte zu erzählen und über unsere Rechte zu sprechen. So können wir Menschen zeigen, was hinter dem Wort „Flüchtling“ steckt. Es hat mich stolz gemacht, dort zu sprechen und es hat mich gefreut, dass sich Menschen um unsere Probleme kümmern.
taz: Wie hat sich Ihre Wahrnehmung von Deutschland verändert, seitdem Sie hier sind?
Maher Karim: Ich habe nicht erwartet, dass es so schwierig wird hier. Ich habe gedacht, dass sie mit meinem Fall menschlich umgehen würden, aber ich werde behandelt wie eine Nummer in einer Akte. Ich habe gehofft, dass ich mich von der Angst befreien kann, aber ich lebe seit vier Jahren immer in Angst. Mein seelischer Zustand ist sogar schlimmer geworden. Ich bitte um Hilfe und darum, dass mein Fall ernst genommen wird.
Ich bin nicht nach Deutschland gekommen, um einen besseren Lebensstandard zu haben, sondern weil mein Leben in Gefahr war. Ich liebe immer noch genauso und deshalb gibt es für mich im Irak keine Perspektive. Mein Wunsch ist es, ein normales Leben zu führen ohne Angst und ohne die ganze Zeit kämpfen zu müssen. Ich will meine Ausbildung fertig machen und als Krankenpfleger arbeiten. Ich will eine Person sein, die Gutes für das Land tut und aktiv an der Gesellschaft teilnimmt. Diese Wünsche sind nicht übertrieben.
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