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„Sicherheitsgarantien“ von ParisEuropäische Beruhigungspillen für die Ukraine

Dominic Johnson

Kommentar von

Dominic Johnson

In Paris hat sich Europa verpflichtet, zu einer Friedenssicherung in der Ukraine militärisch beizutragen. Aber Frieden ist gar nicht in Sicht.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (l) und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im Elysee-Palast, Paris, am 6.1.2026 Foto: Ludovic Marin/Pool AFP/AP/dpa

D ie Inszenierung war perfekt. Feierlich haben Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Großbritanniens Premierminister Keir Starmer als Anführer der europäischen „Koalition der Willigen“ im Elysée-Palast von Paris der Ukraine militärischen Beistand versprochen. Jedenfalls sollte es so aussehen. Was aber sind die Zusagen tatsächlich wert?

Es geht nicht um Eingreiftruppen auf dem Schlachtfeld – das will niemand. Es geht auch nicht um Friedenstruppen, um einen möglichen Waffenstillstand zu überwachen – das sollen die USA machen, aus der Distanz. Es geht laut Pariser Erklärung um eine „multinationale Streitmacht“, die „Abschreckung unterstützen“ soll. Von „logistischen Knotenpunkten“ war in Paris die Rede. „Keine Kampftruppe“, präzisierte Gastgeber Macron, sondern eine „Rückversicherungstruppe“. Das französische Wort „réassurance“ kann man auch mit „Beruhigung“ übersetzen: Die Ukrainer sollen beruhigt sein, dass Franzosen und Briten ihnen helfen, sollte Russland sie erneut überfallen. In so einem Fall, verspricht das Dokument, gelten bindende „Sicherheitsgarantien“, die den „Einsatz militärischer Kapazitäten“ beinhalten können, aber nicht müssen.

Ob das die Ukrainer beruhigt? Ihre eigene Armee ist hundertmal größer als jede denkbare westliche „Rückversicherungstruppe“ und deutlich mutiger und kampferfahrener. Ukrainische Soldaten werden die westlichen Truppen schützen müssen, nicht umgekehrt. Ohnehin sind das alles Luftschlösser. Denn Frieden zwischen der Ukraine und Russland ist nicht in Sicht. Schlimmer noch: Friedensverhandlungen sind nicht in Sicht. Russland erkennt die Ukraine nicht als Gesprächspartner an und akzeptiert keine Kampfpause.

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Truppen aus Nato-Staaten in der Ukraine akzeptiert Russland schon gar nicht. Es gibt aber ein denkbares Szenario, unter dem sich das ändern könnte: wenn nämlich Nato-Truppen im Namen des „Friedens“ die Ukraine dazu zwingen, sich von der Front zurückzuziehen. Was ist, wenn Russland plötzlich seine Friedensbereitschaft entdeckt und im Gegenzug vom Westen verlangt, sich notfalls auch gegen die Ukraine zu stellen? Trump wäre begeistert. Die Europäer wären düpiert.

Es reicht also nicht, dass die „Koalition der Willigen“ ihre möglichen Beiträge zur Friedenssicherung definiert. Sie muss auch klar sagen, was für einen Frieden sie zu sichern bereit ist. Einer zu den Bedingungen Putins und Trumps, mit Europa als Beruhigungspille, wäre kein Frieden, der diesen Namen verdient. Er wäre eine Zementierung von Besatzung, Terror und fortwährender Bedrohung Europas. Aber ein anderer „Frieden“ steht aktuell nicht zur Debatte. Europa darf sich nicht auf Trumps und Putins zynisches Spiel mit dem Überleben der Ukraine einlassen

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Dominic Johnson
Ressortleiter Ausland
Seit 2011 Co-Leiter des taz-Auslandsressorts und seit 1990 Afrikaredakteur der taz.
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22 Kommentare

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  • "Einer zu den Bedingungen Putins und Trumps, mit Europa als Beruhigungspille, wäre kein Frieden, der diesen Namen verdient. "

    Es bleibt doch nichts anderes, als die Realitäten anzuerkennen.

    Europa ist bereit, den Anspruch der USA auf ganz Mittel- und Südamerika (Feuerland ist 7.000 km von Florida entfernt!!!) achselzuckend mit anzusehen und schweigt sogar zu offener militärischer Invasion - zum Regime-Change durch Geheimdienste und andere Einflussnahmen sowieso.



    Gleichzeitig war man aber 2021 nicht bereit, etwas ähnliches für Russland direkt an seiner Grenze auch nur im entferntesten in Rechnung zu stellen.

    Das sind nicht nur Doppelstandards, sondern einerseits eine stillschweigende Befürwortung des us-amerikanischen Imperialismus und andererseits noch nicht einmal die Bereitschaft, über russische Sicherheitsbedenken auch nur zu sprechen.

    • @Tiene Wiecherts:

      Die europäischen Sicherheitsinteressen erfordern, den russischen Imperialismus zu stoppen.

      • @Claude Nuage:

        Wenn Trump so weiter macht, wirst Du Dich vielleicht noch nach dem russischen Imperialismus zurücksehen. Der hat wenigsten den Vorteil, nicht heute schon tausende von Soldaten und Raketen mitten in Westeuropa stationiert zu haben. Für den us-amerikanischen Imperialismus ist es eine recht kurze Anreise.

    • @Tiene Wiecherts:

      Was für russische Sicherheitsbedenken? Wer plant, in Russland einzumarschieren? Meines Wissens nach hat nur China Gelüste auf russisches Territorium, wird für diese aber keine militärischen Mitteln brauchen. Das einzige Land auf dem europäischen Kontinent, in dessen Medien ständig vom Angriff auf andere Länder geredet wird, ist Russland. Es geht hier primär um die Sicherheitsinteressen europäischer Länder gegenüber Russland.



      Der Grund für die Schweigsamkeit gegenüber der aggressiven US-Außenpolitik ist einfach: militärisch sind die europäischen Länder Zwerge, daher haben sie auf der Weltbühne Fliegengewicht. Damit das anders wäre, müsste man eine schlagkräftige gemeinsame Armee und ein ordentliches Arsenal an strategischen Atomwaffen haben, die es mit den USA und China aufnehmen kann.

      • @Luftfahrer:

        Wer plant denn, vom Süden Chiles in die USA einzumaschieren? Trotzdem akzeptiert Europa, dass die USA in Südamerika besondere Sicherheitsregeln geltend macht.



        Entweder akzeptiert man diese Hinterhof-Ansprüche aller Großmächte oder eben nicht. Aber selektiv zu definieren, dass allein die USA auch noch in ein 7.000 km entferntes Land 'rechtmäßig' hinein regieren oder sogar militärisch einmarschieren können, macht keinen Sinn. Dann darf man halt auch Russland und China keinen üblen Imperialismus ankreiden.

  • Der Verlierer will den Krieg erst beenden, wenn sich der Sieger ihm unterwirft.

    • @Richie:

      Natürlich sehr verständlich, aber leider auch wenig realistisch.

  • Europa hat leider keine andere Möglichkeit als sich auf Trumps und Putins Spiel einzulassen. Europa fehlt es an militärischen und wirtschaftlichen Mitteln die Ukraine alleine zu stützen. Mittlerweile fehlt es in vielen Ländern auch am Willen dies noch länger fortzuführen, dieser wird weiterhin abnehmen wenn die wirtschaftlichen Probleme zunehmen.

  • Wenn Trump und Putin beide Völkerrecht brechen, sollte man sich für eines der beiden Übel entscheiden.



    Was wäre wohl besser?



    Jemandem nachzulaufen, der einen ablehnt, oder jemandem, der wie wir auf ein Europa mit Wahrung der gegenseitigen Interessen angewiesen ist?

    • @Mark Menke:

      "Trump und Putin (...) Jemandem nachzulaufen, der einen ablehnt, oder jemandem, der wie wir auf ein Europa mit Wahrung der gegenseitigen Interessen angewiesen ist?"



      Mir ist jetzt nicht klar, wen von den beiden Sie jetzt welchen Eigenschaften zuordnen. Könnten Sie das etwas elaborieren?

  • Die Regierenden der " Willligen " sollten sich lieber mal mit Trump und Putin an einen Tisch setzen und ihrem Auftrag und ihrer Verantwortung gegenüber ihren Bevölkerungen gerecht werden.



    Bedeutet; für die Sicherheit und Interessen der Bevölkerungen tätig werden, denn dafür wurden sie von den Wählern legitimiert und nicht für militärisches Kräftemessen mit dem Geld der Bürger, um den Intressen von Oel-Multis auszufechten. Es gilt jetzt friedlich neue Kompetenzen, Regularien und Legitimationen für eine zukunftsorientierte, geschäftliche Basis der involvierten Staaten, für eine erträgliche Zusammenarbeit für alle Länder zu erarbeiten.

    • @Alex_der_Wunderer:

      Weder Trump noch Putin setzen sich mit Verlierern an einen Tisch, die schon vor dem Termin kapitulieren. Die wollen nichts "erarbeiten", warum sollten sie?

    • @Alex_der_Wunderer:

      "Die Regierenden der " Willligen " sollten sich lieber mal mit Trump und Putin an einen Tisch setzen und ihrem Auftrag und ihrer Verantwortung gegenüber ihren Bevölkerungen gerecht werden."



      Prima Idee, wurde ja noch gar nicht versucht. Wo doch der Putin so einen schönen langen Tisch hat.



      An dem die Erwähnten übrigens alle schon gesessen haben (bzw. ihre Amtsvorgänger). Aber das nur nebenbei.



      "Es gilt jetzt friedlich neue Kompetenzen, Regularien und Legitimationen für eine zukunftsorientierte, geschäftliche Basis der involvierten Staaten, für eine erträgliche Zusammenarbeit für alle Länder zu erarbeiten."



      Ich weiß gar nicht woher ich den Eindruck habe, dass Putin und Trump an solchen Gesprächen relativ wenig Interesse haben. Schon komisch manchmal.

    • @Alex_der_Wunderer:

      Auch historisch gesehen haben Sie vollkommen Recht. Hätte man so bei Hitler gehandelt hätte es nie einen WK II gegeben. Ihre Vorschlag ist einfach genial.

  • Gab es nicht kurz nach dem Auseinanderbrechen des Ostblocks auch solche Garantien gegenüber der Ukraine?

    Als es darum gint, dass die Ukraine die Atomwaffen abrüsten sollte.

    Hat da nicht die USA versprochen die Ukraine zu beschützen ?

    Aber mag sein mein Gedächnis täuscht mich da ...

    • @Bolzkopf:

      Das ist ja der Knackpunkt - wie weit sind die Garantiegeber bereit im Fall der Fälle zu gehen.



      Selbst wenn europäische oder amerikanische Truppen in der Ukraine stationiert würden - was passiert wenn diese von Russland angegriffen werden? Es scheint nicht realistisch dass EU- oder NATO-Staaten wegen der Ukraine in eine bewaffnete Auseinandersetzung mit Russland eintreten werden.

    • @Bolzkopf:

      "Hat da nicht die USA versprochen die Ukraine zu beschützen?



      Aber mag sein mein Gedächnis täuscht mich da"



      Ich nehme an, die Frage ist rhetorisch.



      Dennoch: nein, Ihr Gedächtnis funktioniert prima. Budapester Memorandum sei als Stichwort genannt.

    • @Bolzkopf:

      Die entscheidenden westlichen Akteure waren aus verschiedenen Gründen in der Vergangenheit nicht bereit für die Ukraine in den Krieg zu ziehen und werden es vermutlich auch in Zukunft nicht sein.



      Folglich kann es keine Sicherheitsgarantien geben, die nach einem Waffenstillstand oder Frieden einen erneuten russischen Angriffskrieg völlig ausschließen. Es gibt also keine Alternative zu einer diplomatischen Lösung und einem Interessenausgleich, auch wenn sich dabei vielen der Magen umdreht. Geopolitik war schon immer schmutzig.

    • @Bolzkopf:

      Jo. Das Budapester Memorandum. Und in diesem haben sich Russland, die USA und GB verpflichtet, die Grenzen der Ukraine zu schützen.

    • @Bolzkopf:

      Sollte es je eine solche "Garantie" geben wird sie das Papier nicht wert sein auf dem sie geschrieben steht. Aber das wissen alle, auch die Ukraine.

  • Was genau ist denn ein "Frieden, der seinen Namen verdient" ? Gibt es den irgendwo auf der Erde, und wenn ja, wie können wir dem nacheifern?



    Dazu wünsch ich mir mal einen ausführlichen Kommentar oder Artikel.