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ICE-Gewalt in MinnesotaRegierungsversion von Notwehr ist „Bullshit“

Ein Beamter der US-Einwanderungsbehörde ICE hat am Mittwoch in Minneapolis eine 37-Jährige erschossen. In den USA kommt es zu Protesten gegen ICE.

Menschen protestieren gegen die tödlichen Schüsse der Einwanderungsbehörde ICE auf eine Frau, 7. Januar 2026 Foto: Ryan Murphy/AP/dpa
Leon Holly

Aus Washington

Leon Holly und Hansjürgen Mai

In der US-Großstadt Minneapolis hat ein Beamter der Einwanderungsbehörde ICE am Mittwochmorgen eine 37-jährige Frau mit mehreren Schüssen getötet. Die US-Regierung hat das Verhalten des ICE-Agenten als Notwehr verteidigt. Videos von Passanten, die den tödlichen Vorfall miterlebt hatten, werfen allerdings große Fragen auf.

Der Vorfall ereignete sich gegen 10.25 Uhr Ortszeit. Wie auf verschiedenen Augenzeugenvideos zu sehen ist, steht ein weinrotes Auto auf einer Straße, sodass ein Pick-up von ICE-Agenten die Straße nicht passieren kann, die wegen einer Razzia im Süden der Stadt unterwegs sind. Nach mehreren verbalen Aufforderungen setzt das SUV zurück, um zu wenden. Dabei lässt es ein paar ICE-Einsatzfahrzeuge vorbei.

Wenig später eskaliert die Situation. Ein ICE-Agent versucht zunächst, die Fahrertür zu öffnen. Die Fahrerin scheint davon überrascht zu sein und fährt los. Ein Beamter, der direkt vor dem Fahrzeug steht, zieht daraufhin seine Dienstwaffe und drückt ab. Das Auto beschleunigt, dreht leicht nach rechts ab und kracht wenige Meter später in parkende Autos.

Die Fahrerin, die später als Renee Nicole Good identifiziert wurde, starb an ihren Verletzungen. Sie lebte in Minneapolis und hatte Medienberichten zufolge drei Kinder. „Renee war einer der liebenswertesten Menschen, die ich je kennengelernt habe“, sagte ihre Mutter Donna Ganger der <i>Star Tribune</i>.

Die USA unter Trump

Im November 2024 gewann Donald J. Trump zum zweiten Mal eine Präsidentschaftswahl in den USA und amtiert seit Januar 2025 als 47. Präsident. Er treibt den Umbau öffentlicher Einrichtungen und einen Kurswechsel in der Außenpolitik voran.

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Die US-Heimatschutzbehörde (DHS) bezeichnete das Verhalten von Good als Terrorismus und erklärte, dass der Beamte, der die tödlichen Schüsse abgab, in Notwehr gehandelt hätte. „Ein ICE-Beamter feuerte aus Angst um sein eigenes Leben, das Leben seiner Kollegen und zum Schutz der Öffentlichkeit Schüsse zur Selbstverteidigung ab“, erklärte DHS-Pressesprecherin Tricia McLaughlin in einer Stellungnahme.

Heftige Kritik an ICE

Der demokratische Bürgermeister der Stadt Minneapolis, Jacob Frey, widersprach dieser Einschätzung der Regierung jedoch deutlich. „Was ich Ihnen sagen kann, ist, dass die Behauptung, dies sei lediglich ein Fall von Notwehr gewesen, kompletter Müll ist. […] Nachdem ich das Video selbst gesehen habe, möchte ich allen direkt mitteilen: Das ist völliger Bullshit. Hier hat ein Beamter rücksichtslos seine Macht missbraucht, was dazu geführt hat, dass jemand gestorben ist, getötet wurde“, erklärte Frey.

Get the fuck out!

Jacob Frey, Bürgermeister von MInneapolis zum ICE

Der Bürgermeister forderte außerdem laut und deutlich, dass die Agenten der Einwanderungsbehörde, die in der Stadt derzeit Razzien durchführen, Minneapolis sofort verlassen sollten. „Get the fuck out!“, also auf gut Deutsch: „Verpisst euch!“, sagte der 44-Jährige, der seit 2018 im Amt ist.

„Der angebliche Grund für eure Anwesenheit in dieser Stadt ist Sicherheit, doch genau das Gegenteil ist der Fall. Menschen werden verletzt. Familien werden auseinandergerissen. Langjährige Einwohner von Minneapolis, die so viel zu unserer Stadt, unserer Kultur und unserer Wirtschaft beigetragen haben, werden terrorisiert, und nun ist jemand tot“, sagte Frey über die ICE-Operationen in seiner Stadt.

Auch der Polizeichef der Stadt sowie Minnesotas demokratischer Gouverneur Tim Walz kritisierten das Vorgehen der ICE-Beamten. „Minnesota wird nicht zulassen, dass unsere Gemeinschaft als Spielfigur in einem nationalen politischen Machtkampf missbraucht wird. Wir werden uns nicht provozieren lassen.“ An Donald Trump und Heimatschutzministerin Kristi Noem gewandt sagte er: Ihr habt genug getan.“ Walz hatte nur wenige Tage zuvor angekündigt, dass er nicht für eine dritte Amtszeit kandidieren wird.

Walz entschloss sich zudem, die Nationalgarde des Bundesstaates Minnesota in Alarmbereitschaft zu versetzten, sollte es in den kommenden Tagen zu gewalttätigen Demonstrationen und Ausschreitungen kommen.

Untersuchungen laufen

Noem kündigte trotz der Forderungen aus Minneapolis an, dass ICE vorerst weiter in der Stadt bleiben werde, um dort „gefährliche Verbrecher“ aus dem Stadtbild zu entfernen. Aktuell befinden sich knapp 2.000 ICE-Beamte in Minneapolis und der Nachbarstadt St. Paul, um dort Einwanderungsrazzien durchzuführen. Noem fügte hinzu, dass der Todesschütze ein erfahrener ICE-Agent sei, der in der gegebenen Situation vorschriftsmäßig gehandelt habe.

Auch US-Präsident Donald Trump erklärte auf Truth Social, der ICE-Beamte habe in Notwehr gehandelt. Zudem gab er linken Politikern eine Mitschuld am Tod von Good. „Der Grund für diese Vorfälle ist, dass die radikale Linke unsere Polizeibeamten und ICE-Agenten täglich bedroht, angreift und ins Visier nimmt“, hieß es im Post des Präsidenten.

Als Trump sich am selben Tag mit Journalisten der New York Times traf, die ihm das Video vorspielten, behauptete er fernab von dem, was tatsächlich im Video zu sehen ist: „Sie hat ihn überfahren.“ Und: „Ich finde es schrecklich, das anzusehen.“

Die Bundespolizei FBI sowie das Landesamt für Verbrechensermittlungen in Minnesota untersuchen den Fall.

Gedenken und Proteste

Menschen aus Minneapolis versammelten sich den ganzen Mittwoch über am Ort der Schießerei, um Blumen niederzulegen und gegen die Polizei zu protestieren. An der Kreuzung nahe dem Tatort errichteten Demonstrierende Barrikaden aus Holzpaletten und Mülleimern. „Das ist, um uns vor Autos zu schützen, die ankommen und uns rammen wollen“, sagte eine Person vor Ort dem Sender CNN. Einige identifizierten sich demnach als Angehörige der migrantischen Community der Stadt. Auch am Donnerstagmorgen hinterließen Menschen noch Kerzen und Blumen am Tatort.

In anderen US-Städten kam es am Mittwoch ebenfalls zu spontanen Protesten. In San Francisco trafen sich etwa 200 Demonstranten vor der ICE-Zentrale, wo sie Slogans gegen die Abschiebebehörde riefen. „Nehmt den Mörder fest“, sagte ein lokaler Aktivist dem San Francisco Chronicle. „Das wäre ein guter Anfang.“

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14 Kommentare

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  • Nochmal für alle, die hier noch von möglicher Notwehr schreiben. Hier die VideoAnalyse der New York Times, eindeutig keine Notwehr: www.instagram.com/...h=NTc4MTIwNjQ2YQ==

  • Ein Rechtsstaat hat Gewaltentrennung. Die Regierung hat nicht zu beurteilen, ob ein "Polizist" in Notwehr getötet hat. In einem echten Rechtsstaat könnte ein verurteilter Schwerverbrecher aber auch nicht einfach so begnadigt werden...

  • ICE als Gestapo zu bezeichen dürfte wohl kaum übertrieben sein. Die Demokratie in den US ist schon erledigt. Die Trump-Junta macht alles, um diesen Zustand zu zementieren und die Macht ausschließlich auf ihre faschistischen Follower zu monopolisieren.



    Und die Demokraten? Die schlummern vor sich hin.

  • Ich habe mir mehrere Videos dieses Vorfalls angesehen und traue mir keine verbindliche Einschätzung zu.

    Es wird bis zu weiteren Erkenntnissen bzw. Videoanalysen durch Fachleute wohl dabei bleiben, dass Linke sehen, die Frau wollte den Beamten nicht überfahren und Rechte darauf beharren, dass sie das durchaus wollte.

    Vielleicht wird es eine Analyse aus der Standposition und Blickwinkel des Beamten geben, wie die Fahrreaktion der Frau auf ihn wirken musste.

    Grundsätzlich kenne ich es, nicht nur, aus den USA so, dass man als Autofahrer die Hände auf das Lenkrad legt und den Anweisungen Folge leistet. Keinesfalls sollte "man" übereifrig gleich in die Handtasche greifen, um Ausweispapiere herauszukramen.

  • Nun, jetzt killen sich die (weißen) Gringos gegenseitig, bald wirds wohl Bürgerkrieg geben.... :-)

  • Man sieht deutlich das die Frau nach rechts vom Beamten weg gelenkt hat und wohl auch der Kontrolle entkommen wäre, ohne das jemand verletzt worden wäre.



    Der ICE-Agent hat geschossen ohne Grund, in Deutschland müsste sich ein Polizist für Mord verantworten.



    Egal was Trump schreibt und sagt, das Bilder sind eindeutig, nur Trump selbst und seine Anhänger leben in einer ganz anderen Welt.



    Alles was mit Trump zu tun hat ist aus meiner Sicht immer wieder Chaos.



    Die Zollpolitik ist schlecht für die Bürger der USA und nun auch noch 1,5 Billionen für das Militär plus dem "Beautiful Bill", die USA im Schuldenrausch!

    • @udo123:

      In den Videos kann man deutlich sehen dass ein ICE officer vor dem Fahrzeug gestanden hat als es beschleunigt wurde, und er vom Fahrzeug berührt wurde. Die beiden Beamten an der Seite des Fahrzeugs waren deutlich als "law-enforcement" erkennbar, ebenso der Beamte davor.

    • @udo123:

      Ich sehe einen Anfahrvorgang, der sich binnen weniger Sekunden abspielt und bei dem die Frau ruckartig weglenkt/wegrutscht und von dem Beamten, auf den sie unmittelbar davor zufuhr, erschossen wird. Das dürfte überhaupt nicht strafbar sein, weder hier noch da drüben.

    • @udo123:

      Ich weiss nicht welches Video sie gesehen haben wollen.

      Es gibt ein Video welches den Vorgang "von vorne" zeigt. Dort sieht man wie die Frau ihn anfährt. Leicht, aber sie drückt ihn mit ihrem SUV weg. Der Kontakt ist da.

      Die Cops sagten mehrfach sie solle das Auto verlassen. Dem hat sie nachzukommen. Autos sind Waffen.

    • @udo123:

      "in Deutschland müsste sich ein Polizist für Mord verantworten" Wenn überhaupt müsste sich in Deutschland ein Polizist höchstens wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Beispiele dafür gibt es genug.

  • In den USA gilt in nahezu allen Polizeidoktrinen auf Bundes-, Bundesstaats- und kommunaler Ebene ein Fahrzeug als potenziell tödliche Waffe, wenn es sich auf einen Beamten zubewegt oder dieser sich im unmittelbaren Gefahrenbereich befindet.

    Das ist seit Jahrzehnten Bestandteil der Use-of-Force-Standards. In den USA gilt seit dem Supreme-Court-Urteil Graham v. Connor (1989) der Maßstab der "objective reasonableness".

    Entscheidend ist, ob ein "vernünftiger" Beamter in der konkreten Situation eine unmittelbare Gefahr wahrnehmen durfte. Dabei reicht die subjektiv-objektive Wahrnehmung, nicht die spätere Tatsachenlage. Gerichte bewerten ausdrücklich aus Sicht des Beamten im Sekundenbruchteil, nicht ex post. Fahrzeuge gelten in dieser Logik regelmäßig als deadly weapon. Schon das Anfahren oder Beschleunigen in Richtung eines Beamten kann rechtlich als deadly force threat gelten. Beamte werden in den USA ausdrücklich darauf trainiert, dass sie nicht abwarten müssen, ob sie tatsächlich überfahren werden.

    Hatte mir das für einen Roadtrip mal sehr genau angeschaut und ein wenig das Schaudern bekommen, wie unterschiedlich das zu Europa ist.

  • Was regt Ihr euch denn auf? In Deutschland handeln Polizisten doch auch immer in Notwehr wenn ein Mensch getötet wird!

  • Die amerikanische Version der Nazi SS fängt an zu töten.



    Man kann nur hoffen das die Amerikaner nicht nur in Minneapolis, jetzt heftigen Widerstand leisten. Der tödliche Schuss war ein Warnschuss, vielleicht der letzte.