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Tötung von Renee Good in MinneapolisGegen die brutale Realität hilft auch keine Trump-Propaganda

Leon Holly

Kommentar von

Leon Holly

Nach den tödlichen Schüssen eines ICE-Beamten zeigt sich, ob die Rechten in den USA wirklich jede Lüge kaufen. Es sieht nicht danach aus.

Minneapolis am 7. Januar 2025: Der Moment vor dem tödlichen Schuss auf Renee Good, aufgenommen von einem Augenzeugen Screenshot: X/maxnesterak/ARD

A ls die ersten Videos der Tötung von Renee Nicole Good durch einen ICE-Agenten in Minneapolis auftauchten, versuchte die Trump-Regierung wie gewohnt, sich die Wirklichkeit zurechtzubiegen. Die Pressesprecherin des scharfgestellten Innenministeriums DHS behauptete allen Ernstes, der ICE-Beamte habe aus Notwehr auf die Frau geschossen, „aus Angst um sein eigenes Leben, das Leben seiner Kollegen“. Ministerin Kristi Noem bezichtigte Good selbst des „Terrorismus“.

An dieser Stelle muss man vielleicht noch mal kurz rekapitulieren, was sich am Mittwochvormittag in einer ruhigen Wohngegend im Süden von Minneapolis zugetragen hat – keine zwei Kilometer entfernt von dem Ort übrigens, an dem George Floyd 2020 durch einen Polizisten getötet wurde. Zweitausend Beamte der Abschiebebehörde ICE waren unterwegs in Minneapolis, um Jagd vor allem auf Menschen aus Somalia ohne gültige Aufenthaltspapiere zu machen. Dabei kam es wohl zu Blockade-Aktionen durch Anwohner. Ob auch die 37-jährige Good den vorbeifahrenden ICE-Fahrzeugen mit ihrem Auto den Weg versperren wollte, ist aktuell noch unklar.

Deutlich ist aber, was danach passiert. Ein Beamter der Abschiebebehörde verlässt seinen Wagen, geht auf die Fahrertür von Goods Auto zu, wohl um sie zum Aussteigen aufzufordern. Als er beginnt, an ihrer Fahrertür zu rütteln, setzt sie erst zurück und will dann nach vorn wegfahren – vorbei an einem anderen Beamten, der halb vor ihrem Wagen steht. Dieser Mann zieht seine Waffe, feuert drei Schüsse auf Good ab, trifft sie in den Kopf.

Ihr Wagen rollt noch einige Meter weiter und kommt an einem Mast zum Stehen. Eine andere Einstellung zeigt die Frau blutüberströmt im Fahrersitz. Ein Passant, der sich als Arzt identifiziert, will helfen, doch die ICE-Leute lassen ihn nicht.

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Realität gegen Propaganda

Die Videos der Tat verbreiten sich rasch im Netz. Und jeder, der zwei Augen und ein Hirn hat, kann darin erkennen, dass Good keineswegs versucht, den Cop zu überfahren, sondern an ihm vorbeilenkt. Das Argument, er habe aus Notwehr geschossen, ist also „Bullshit“, wie Minneapolis’ Bürgermeister Jacob Frey sagt – oder: eine reine Lüge.

Das Video und die Reaktionen darauf sind ein Test, ob die Trump-Anhänger wirklich in der Lage sind, all ihren Sinnen zu misstrauen, und stattdessen die offizielle Erklärung seiner Regierung zu schlucken. Können sie eine kaltblütige Tötung sehen und dennoch glauben, dass in Wahrheit Renee Good die „Terroristin“ ist?

Einiges spricht dafür, dass Trump und seine Gefolgsleute diese Schlacht in ihrem Propagandakrieg verlieren werden. Noch am Tag der Tötung hatten Reporter der New York Times sich mit dem Präsidenten getroffen. Als sie ihm das Video vorspielen, gesteht er zwar keinen Fehler ein, kann die Notwehr-Story aber auch nicht verteidigen.

Und auch Trump-Unterstützer sind von der Tat abgeschreckt. In einem Interview mit dem Sender MS NOW unweit des Tatorts sagte ein Anwohner, der sich selbst als „ziemlich rechts“ bezeichnet, er sei schockiert über die Erschießung.

Das Unrecht des Systems

Klar, viele MAGA-Anhänger ergötzen sich eben gerade an Gewalt und Grausamkeit. Aber es ist eben eine gut kuratierte, pornografische Gewalt, die vermeintlich nur die bösen Kriminellen trifft. Erst zu Weihnachten veröffentlichte das Weiße Haus auf Instagram eine Montage mit Abschiebe-Clips. Hinterlegt mit dem Jingle-Bells-Song, klingen in dem Video keine Glöckchen, sondern die Handschellen und Fußfesseln der abgeschobenen Menschen.

Wer solche Clips feiert, wird wegen der Schüsse auf Renee Good kaum zur „Resistance“ überlaufen und sich den Demos gegen ICE anschließen. Und doch braucht es eben diese Offenlegung der nackten Brutalität, die zumindest all jenen, die noch etwas spüren, das Unrecht des Systems begreifbar machen kann. Ein Unrecht, das nicht nur einzelne Menschen trifft, sondern auch die Ortschaften und Gemeinden, die ICE terrorisiert und denen sie Freunde und Nachbarn entreißt.

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Leon Holly
Jahrgang 1996, studierte Politik und Nordamerikastudien in Berlin und Paris. Von 2023 bis 2024 Volontär der taz Panter Stiftung. Schreibt über internationale Politik, Kultur, und was ihn sonst so interessiert.
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