Schneechaos in Norddeutschland: Der Winter als unerwartete Herausforderung
Ein Winter, wie es ihn so alle zehn bis 15 Jahre mal gibt, sorgt in Norddeutschland für Aufregung. Für manche ist er lebensgefährlich.
Kinder, es ist Winter! Und zwar so richtig, einer mit Frost und Wind und einem Schneefall, wie er in Norddeutschland laut Wetterexpert*innen nur alle zehn bis 15 Jahre zu haben ist. Jetzt soll es noch einmal eine Steigerung geben: Der Deutsche Wetterdienst warnt ab Freitagfrüh vor starken Schneeverwehungen in Schleswig-Holstein, im nördlichen Niedersachsen und in Hamburg.
Echtes Extremwetter also. Ein Ausnahmestatus, der alle möglichen Stellen zu Reaktionen bewegt: Auf den acht Friedhöfen in Hamburg etwa wird es von Freitag bis Sonntag keine Beerdigungen geben – und das, obwohl nun nach den Feiertagen wie jedes Jahr viele aufgeschobene Beerdigungen anstehen. Grund ist weniger der gefrorene Boden als die Gefahr durch Äste, die unter den Schneemassen abbrechen.
Ernsthafte Gefahr droht auch anderswo. Die Wetterlage mit Frost und Schnee könne „insbesondere für obdachlose Menschen lebensgefährlich sein“, erkennt aktuell auch der Hamburger Senat an – und öffnet sein Winternotprogramm ausnahmsweise ganztägig.
Die Entscheidung fällt in Hamburg seit dem Winter ’24/’25 auf Basis einer sogenannten „Winterampel“: Nur wenn die Temperaturen dauerhaft, also über mehrere Tage, bei minus fünf Grad liegen, dürfen die Menschen tagsüber in einer warmen Notunterkunft bleiben.
Es geht auch anders
Bis zum 12. Januar soll die Ausweitung des Winternotprogramms laut Senat gelten. Ab dem 13. Januar liegt die Höchsttemperatur dann laut Wetterprognose vom Donnerstagnachmittag wieder bei minus zwei Grad – zu warm für die Winterampel. Obdachlose müssen dann tagsüber wieder hinaus.
Die Entscheidung ist stark umstritten: Auch bei Temperaturen um den Gefrierpunkt sind Menschen gefährdet zu unterkühlen. Es geht auch anders: In Städten wie Bremen und Hannover gilt das Winternotprogramm ganztägig.
Ohnehin nutzen nicht alle die Angebote: Manche meiden Unterkünfte aus Angst vor Stress oder Diebstahl oder schlicht, weil sie überfüllt sind. Straßensozialarbeiter*innen sind in den nächsten Tagen deshalb an vielen Orten verstärkt im Einsatz.
„Die Stadt, Hochbahn und Deutsche Bahn müssen öffentliche, geschützte und warme Räume wie Bahnhöfe rund um die Uhr offen halten“, fordert außerdem das Hamburger Straßenmagazin Hinz&Kunzt. Niemand dürfe in den kommenden Tagen von Orten vertrieben werden, die etwas Schutz bieten.
Verkehr eingeschränkt
Die Deutsche Bahn hat schon am Donnerstag erste Zugausfälle im Fernverkehr gemeldet: Unter anderem zwischen Hamburg, Kiel, Rostock und Hannover fielen viele Züge aus. Der Fährverkehr nach Amrum und Föhr wurde eingestellt; auf der A7 in Hamburg war zwischendurch die Anschlussstelle Volkspark gesperrt und die Köhlbrandbrücke im Hafen war wegen der rutschigen Fahrbahnen für rund eineinhalb Stunden dicht.
Die Nahverkehrsbetriebe im Norden reagieren bisher ganz unterschiedlich auf die Wetterwarnungen: In Bremen werden die ganze Nacht über besondere Einsatzfahrzeuge auf den Straßenbahnschienen unterwegs sein, damit die Oberleitungen nicht einfrieren. Die Oldenburger VWG hingegen will, wie schon vergangenes Wochenende, am Freitag einfach gar keine Busse fahren lassen.
In Hamburg, wo besonders große Schneemengen erwartet werden, wird vor allem der S-Bahn-Verkehr stark eingeschränkt. Ansonsten legt die Stadt ihre Priorität darauf, Hauptverkehrsstraßen frei zu machen; nur wenige ausgewählte Fahrradwege werden geräumt.
Gehwege liegen in der Verantwortung der Eigentümer*innen der angrenzenden Häuser. Nicht alle nehmen die Pflicht gewissenhaft wahr. Die Landesregierung reagierte mit einer „Good cop/bad cop“-Strategie: Während Umweltsenatorin Katharina Fegebank (Grüne) an Solidarität und Verantwortungsgefühl appellierte, brachte Verkehrssenator Andreas Dressel (SPD) mögliche Bußgelder ins Spiel.
Vielleicht haben die Menschen aber auch nur die Pressemitteilung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) gelesen: Die Klinik warnt vor erhöhtem Herzinfarktrisiko durch Schneeschaufeln. Klingt erst mal kurios, aber offenbar ist die Kombination aus ruckartigen Bewegungen und Frost fürs Herz besonders gefährlich. Warme Kleidung, dazu rät man beim UKE, und: aufwärmen, langsam anfangen, nur kleine Portionen schaufeln und Pausen machen. Oder bei Vorerkrankung: erst gar nicht schippen.
Angesichts der neuen Schneeprognosen – bis zu 15 Zentimeter Neuschnee sollen in Hamburg in der Nacht auf Freitag fallen – setzt die Stadt nun auf pragmatische Notlösungen: Mittels einer Allgemeinverfügung hat der Hamburger Senat sein Streusalzverbot aufgehoben. Bis zum 21. Januar dürfen Frost und Schnee auf den Gehsteigen wieder mit Salz weggetaut werden. Da das den belasteten Stadtbäumen zusätzlich schadet, ist das in der Hansestadt normalerweise verboten.
Ein Streusalzverbot, das nicht mehr gilt, wenn es denn mal Schnee gibt? Nun ja – die Umstände sind tatsächlich speziell. Selbst der Nabu hält angesichts der glatten Bürgersteige und Brücken eine Ausnahmeerlaubnis aus Sicherheitsgründen für gerechtfertigt. Und: Anderswo ist Streusalz ohnehin oft noch das Mittel der Wahl – auch für die öffentliche Hand. Im Ostfriesland melden Gemeinden schon leere Streusalzdepots und Baumärkte haben ihre Bestände ausverkauft.
Distanzunterricht statt Schneefrei
Doch ob mit Bus, Auto, Rad oder zu Fuß – so richtig raten mögen öffentliche Stellen gerade zu keiner dieser Alternativen. Wer zu Hause bleiben kann, solle das tun, raten Behörden vielerorts. Schüler*innen in Hamburg, Bremen und zahlreichen niedersächsischen Landkreisen müssen nicht in die Schule kommen – schon am Donnerstag konnten Schüler*innen in Wilhelmshaven, im Emsland oder auch im Landkreis Schaumburg zu Hause bleiben.
„Schulausfall“, schreibt die dpa dazu. Doch der ist eigentlich eine Mogelpackung: Tatsächlich wird am Freitag an zahlreichen Schulen einfach in den Distanzunterricht gewechselt. „Itslearning“ (laut Eigenwerbung: das „Lernmanagementsystem, das Lehrer:innen, Schüler:innen und Eltern lieben“) also statt Winterspaß. Dabei könnte es so schön sein.
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