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Krieg in der UkraineKlitschko fordert die Kyjiwer auf, ihre Stadt zu verlassen

In Kyjiw sollen in der Hälfte aller Wohnblöcke die Heizungen ausgefallen sein. Russland hatte die Ukraine in der Nacht mit einer Hyperschallrakete angegriffen.

Kyjiws Bürgermeister Vitali Klitschko im November vergangenen Jahres nach einem Luftangriff Foto: Valentyn Ogirenko/reuters

afp/rtr | Bei neuen nächtlichen Angriffen auf die Ukraine hat Russland die Hyperschall-Mittelstreckenrakete Oreschnik eingesetzt. In der Nacht zu Freitag hätten die russischen Streitkräfte mithilfe der Oreschnik „strategische Ziele“ in der Ukraine angegriffen, erklärte das Verteidigungsministerium in Moskau. Besonders stark betroffen war nach ukrainischen Angaben der Westen des Landes. In Kyjiw meldeten die Behörden mindestens vier Todesopfer.

Der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBU stufte den nächtlichen Angriff mit der Hyperschallrakete als Kriegsverbrechen ein. Russland habe inmitten sich stark verschlechternder Wetterbedingungen versucht, kritische Infrastruktur in der Nähe der Grenze zur Europäischen Union zu zerstören, teilte der SBU mit.

In Kyjiw sind nach dem Luftangriff dem Bürgermeister Vitali Klitschko zufolge in etwa der Hälfte aller Wohnblöcke die Heizungen ausgefallen. Betroffen seien rund 6.000 Gebäude, teilte Klitschko mit. Zudem gebe es Probleme bei der Wasserversorgung. Klitschko rief die Bewohner dazu auf, die ukrainische Hauptstadt vorläufig zu verlassen, wenn sie außerhalb von Kyjiw über andere Möglichkeiten zum Bezug von Strom und eine warme Unterbringung verfügen sollten.

Russland feiert sich für Raketenbeschuss

Unterdessen rühmte sich das Verteidigungsministerium in Moskau, die russischen Streitkräfte hätten einen „massiven Schlag mit hochpräzisen Waffen mittlerer Reichweite“ ausgeführt. Dazu zählten insbesondere Mittelstreckenraketen vom Typ Oreschnik sowie Drohnen. Die Angriffe hatten dem Verteidigungsministerium zufolge ukrainische Drohnenproduktionsstätten und Energieinfrastruktur zum Ziel.

Nähere Einzelheiten zu den Angriffen nannte das russische Verteidigungsministerium nicht. Es erklärte jedoch, sie seien „als Reaktion auf den Terroranschlag des Kyjiwer Regimes“ auf eine Residenz von Kreml-Chef Wladimir Putin Ende Dezember erfolgt – ein Vorwurf, den die Ukraine als „Lüge“ zurückgewiesen hat.

Bei dem Typ Oreschnik handelt es sich um atomwaffenfähige russische Raketen. Die Rakete erreicht nach Angaben des russischen Präsidenten Putin eine Geschwindigkeit von mehr als 12.000 Kilometern pro Stunde. Sie wurde bereits Mitte Dezember im eng mit Russland verbündeten Belarus stationiert, wie der belarussische Präsident Alexander Lukaschenko damals mitteilte.

Die neuartige Rakete wurde erstmals im November 2024 – ohne nukleare Ladung – gegen eine Rüstungsfabrik in Dnipro im Zentrum der Ukraine eingesetzt. Im August kündigte Putin die Serienproduktion von Oreschnik-Raketen an, die mit einem atomaren Sprengkopf bestückt werden können.

Berlin verurteilt Einsatz von Oreschnik

Die Bundesregierung verurteilte den Oreschnik-Angriff aufs Schärfste. „Während die Ukraine, die USA und Europa sich in den vergangenen Tagen und Wochen sehr intensiv für einen Frieden in der Ukraine einsetzen, hat Russland die Mittelstreckenrakete Oreschnik gegen die Ukraine eingesetzt“, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Steffen Meyer am Freitag in Berlin.

Mit seinem Angriff auf zivile ukrainische Energieinfrastruktur habe Russland den Konflikt „nochmals eskaliert“. Es handle sich um „symbolische Drohgebärden“, um weiter Angst zu verbreiten. „Russland eskaliert hier unprovoziert weiter“, sagte Meyer.

Die russische Angriffswelle auf die Ukraine sei als „Test“ für Kyjiws westliche Verbündete gedacht, erklärte der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha. Ein solcher Angriff nahe der Grenze zur EU und zur Nato sei eine ernsthafte Bedrohung für die Sicherheit auf dem europäischen Kontinent und eine Bewährungsprobe für die transatlantische Gemeinschaft, erklärte Sybiha in Onlinediensten.

Am Dienstag hatten sich die Verbündeten der Ukraine im Beisein von US-Gesandten in Paris auf Sicherheitsgarantien für das Land für den Fall eines Waffenstillstands geeinigt. Zudem wurde eine internationale Ukraine-Truppe in Aussicht gestellt.

Gegenseitige Warnungen

Russland warnte den Westen daraufhin mit deutlichen Worten vor der Stationierung ausländischer Soldaten in der Ukraine: Solche Truppen würden als „legitime militärische Ziele“ betrachtet, erklärte die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, am Donnerstag in Moskau.

Die US-Botschaft in Kyjiw hatte ihrerseits am Donnerstag davor gewarnt, dass es in den kommenden Tagen zu einem „potenziell bedeutenden Luftangriff“ Russlands kommen könne. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wiederholte diese Warnung in seiner abendlichen Ansprache.

Seit Monaten laufen intensive diplomatische Bemühungen zur Beendigung des seit vier Jahren andauernden Krieges, bislang allerdings ohne Erfolg. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sagte am Donnerstag im oberbayerischen Kloster Seeon: Von einer Zustimmung Russlands zu einem Abkommen über ein Ende des Krieges „sind wir vermutlich immer noch ziemlich weit entfernt“.

Insgesamt feuerte Russland in der Nacht von Donnerstag auf Freitag nach Angaben der ukrainischen Luftwaffe 36 Raketen und 242 Drohnen verschiedener Bauarten auf die Ukraine ab. Der Luftabwehr sei es gelungen, 226 Drohnen und 18 Raketen abzufangen.

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