Russische Neonazi-Einheit: Putins Schlächter
Die paramilitärische Gruppe Rusitsch kämpft gegen die Ukraine, an der Front und im Netz. Mit Fotos von Hinrichtungen führt sie einen digitalen Krieg.
Auf dem Boden liegen die mutmaßlichen Leichen dreier ukrainischer Soldaten, erkennbar an den gelben Armbändern, die ihre Truppen oft tragen. Sie wurden offenbar hingerichtet und liegen auf ihren Bäuchen mit den Händen an ihren blutigen Köpfen. Ein russischer Kämpfer posiert hinter ihnen mit Gewehr und taktischer Ausrüstung, er wirkt stolz.
„So fotografiert man eine Armee von Siegern, nicht von Verlierern“, schrieb zu dem Foto im November die russische Sabotage-, Angriffs- und Aufklärungsgruppe Rusitsch an ihre knapp 250.000 Follower auf dem Messengerdienst Telegram. 18.000-mal hinterließen Nutzer ein Herzemoji darunter, mehr als 400.000-mal wurde der Beitrag aufgerufen.
Am selben Abend startete die paramilitärische Einheit ein makabres Gewinnspiel: „Die ersten drei Personen, die Fotos mit eindeutig getöteten [ukrainischen] Gefangenen im Hintergrund einsenden, erhalten von Rusitsch eine finanzielle Belohnung in Kryptowährung“, schrieb sie in einem inzwischen wieder gelöschten Post, der der taz vorliegt. Die Fotos wolle Rusitsch anschließend veröffentlichen.
Für solche brutalen Taten hat sich Rusitsch einen Ruf erarbeitet. Die rechtsextreme Gruppe kämpft aufseiten Russlands gegen die Ukraine und besteht aus Söldnern und Freiwilligen, die Hand in Hand mit der russischen Armee und dem Militärgeheimdienst GRU operieren. Nach den Genfer Konventionen stellt die Exekution von Gefangenen ein Kriegsverbrechen dar.
Rusitsch führt den Krieg nicht nur an der Front, sondern auch im Netz. Mit Fotos hochgerüsteter Kämpfer, die eine deutlich bessere taktische Ausstattung als die russischen Durchschnittssoldaten haben, will sie über einen Chatbot Mitstreiter rekrutieren. Durch Spenden in Kryptowährungen finanziert sie ihre Einsätze mit. Und mit Aufnahmen ihrer Kriegsverbrechen, von Hinrichtungen bis Enthauptungen, will sie ihre Feinde, die Ukrainer, terrorisieren.
Verbindungen zur Wagner-Gruppe
Gegründet wurde Rusitsch circa 2014 von den Sankt Petersburger Neonazis Alexei Miltschakow und Jan Petrowski. Die Einheit kämpfte bereits kurz nach ihrer Entstehung im Donbass gegen ukrainische Streitkräfte, bevor sie in den darauffolgenden Jahren unter anderem in Syrien, Libyen und der Zentralafrikanischen Republik zum Einsatz kam. Seit dem russischen Großangriff auf die Ukraine im Februar 2022 ist sie erneut an Kampfhandlungen im Osten des Lands beteiligt.
Rusitsch pflegt enge Verbindungen zur berüchtigten Gruppe Wagner – jener Privatarmee des russischen Oligarchen Jewgeni Prigoschin, der im Auftrag Moskaus in Afrika, Syrien und der Ukraine kämpfte und für Folter bekannt war (ihr Markenzeichen: der Vorschlaghammer). Zumindest bis Prigoschin im Sommer 2023 Putin selbst den Krieg erklärte, mit seinen Truppen Richtung Moskau aufbrach und wenig später bei einem mysteriösen Flugzeugabsturz ums Leben kam.
Rusitsch-Gründer Miltschakow diente zuvor in einer Elite-Luftsturmeinheit der russischen Armee gemeinsam mit dem Wagner-Kommandanten Dmitri Utkin, ebenfalls ein bekennender Neonazi, der im Flugzeug mit Prigoschin starb. Miltschakow und Petrowski waren in der Vergangenheit im Auftrag Wagners eingesetzt. Rusitsch gratuliert Prigoschin auch posthum zum Geburtstag auf Telegram.
Ähnlich wie Wagner ist Rusitsch zu einer subkulturellen Marke für patriotische Kriegsbegeisterte avanciert. Die Einheit verkauft ihr eigenes Merchandising über einen Webshop, darunter Schlüsselanhänger und Proteinpulver – Letzteres beworben mit dem Spruch „Cooler als Butscha“ in Anspielung auf die ukrainische Kleinstadt, die zum Synonym für russische Kriegsverbrechen wurde. Eine neue Hoodiekollektion feiert ihre militärischen Einsätze weltweit. So pflegt sie einen Mythos, der sie für manche attraktiver und anschlussfähiger macht als die klassische russische Armee.
Rusitsch ist nicht die einzige rechtsextreme Einheit, die gegen die Ukraine kämpft, dafür aber die prominenteste. Auch die 88. Aufklärungs- und Sabotage-Brigade Espanola, ein Zusammenschluss neonazistischer Fußballhooligans, der ebenfalls Verbindungen zum GRU hat, kam zum Einsatz – ehe sie sich im Oktober auflöste und Kommandeur Stanislaw Orlow im Dezember unter ungeklärten Umständen bei einer Festnahme in Russland wegen illegalen Waffenhandels getötet worden sein soll.
Mitglieder der rechtsextremen Russischen Reichsbewegung kämpfen seit 2014 gegen die Ukraine und betreiben ein paramilitärisches Trainingslager in Sankt Petersburg, in dem in der Vergangenheit europäische Neonazis sowie die Rusitsch-Gründer Miltschakow und Petrowski ausgebildet wurden.
Zusammenarbeit mit der russischen Armee
Die digitale Inszenierung als furchterregende Krieger dürfte Rusitsch bei der Rekrutierung helfen. In einem Beitrag vom Oktober verspricht die Gruppe ein Gehalt von 2,5 Millionen Rubel, mutmaßlich pro Jahr, was etwa 27.000 Euro entspricht. Man solle sich beim Leningrader Militärbezirk der russischen Armee melden und für eine „beschleunigte Bearbeitung“ der Bewerbung den Namen Rusitsch angeben, heißt es. Ein Beleg dafür, dass die paramilitärische Einheit mit der russischen Armee eng zusammenarbeitet.
Bei Rusitsch selbst seien momentan keine Plätze frei, steht in der Profilbio der angegebenen russischen Handynummer des Rekrutierers auf Telegram. Gibt man seine Nummer bei Whatsapp ein, ist ein Urlaubsfoto von dem Rekrutierer zu sehen, einem sportlichen Mann schätzungsweise Ende 20 vor dem Registan-Platz in Usbekistan.
Rusitsch ist von der Anzahl der Kämpfer her militärisch kaum von Bedeutung. Doch die Einheit hat verstanden, wie sich Gewalt inszenieren lässt. Sie nutzt soziale Medien gezielt als Propagandainstrument – mit Bildern, die schockieren sollen, und Botschaften, die einschüchtern. Die Brutalität ist dabei kein Nebenprodukt, sondern Teil der Strategie.
Laut Michael Colborne ist Rusitsch vor allem eine Propagandamaschine, die Angst und Schrecken verbreiten soll. Colborne arbeitet bei der Investigativplattform Bellingcat und recherchiert seit Jahren zur extremen Rechten in Osteuropa. In Rusitsch sieht er eine neue Dimension mutwilliger Gewalt.
„Sie verstehen die Macht schockierender Inhalte, um Aufmerksamkeit zu erregen“, sagt er der taz. „Was auch immer an Kritik man an einigen Kräften, Personen und Gruppen auf ukrainischer Seite zu Recht äußern kann, ist meines Wissens keine von ihnen auch nur annähernd so blutrünstig wie Rusitsch.“
Aufrufe zur Folter
Gründer Alexei Miltschakow hebt sich als besonders sadistisch hervor. Er ist dafür berüchtigt, 2011 einen Hundewelpen enthauptet und ein Foto mit dem abgetrennten Kopf im Internet veröffentlicht zu haben.
So auch im Krieg gegen die Ukraine: Miltschakow hat auf der russischen Plattform VK Fotos geteilt, auf denen er die Ohren ukrainischer Soldaten abschneidet – offenbar als Sammlerstücke. In manchen Bildern hat er das Kolovrat – ein altslawisches Sonnensymbol, beliebt unter osteuropäischen Rechtsextremen, das auch das Logo der Rusitsch-Einheit bildet – in ihre Stirnen eingeritzt.
Bereits 2022 rief Miltschakow dazu auf, ukrainische Kriegsgefangene zu foltern und zu ermorden. Dazu veröffentlichte er eine „Anleitung“ auf Telegram: Er empfiehlt darin, die Gefangennahme ukrainischer Soldaten den Kommandeuren nicht zu melden, damit man ihnen beim Verhör Finger und Ohren abschneiden kann, bevor man sie schließlich „diskret“ erschießt, ersticht oder so sehr verletzt, dass sie auf dem Weg ins Krankenhaus sterben.
Die Leichname sollen der Ukraine nicht übergeben werden. Stattdessen schlägt er vor, die Koordinaten der Grabstätten zu notieren, ein Selfie am Tatort zu schießen und die Verwandten des Getöteten ausfindig zu machen, um sie mit der Location zu erpressen. 2.000 bis 5.000 US-Dollar empfiehlt er dafür, zu überweisen auf eine Bitcoinwallet – „zum Kauf von Ausrüstung, Drohnen und so weiter“.
Rusitsch selbst ist nicht bemüht um ein positives Image. Ende Oktober schrieb die Gruppe auf Telegram: „Es macht jetzt keinen Sinn mehr, sich gegenüber dem Westen ‚gut‘ zu geben, denn die Entscheidung über Russland ist längst gefallen. Und all diese Gesten des guten Willens (wie bei Kiew, bei Cherson) bringen uns keine Vorteile – nur mehr Schande, Schmerz und Tod für unser Land.“
Militärorden und Haftstrafen
Sowohl Rusitsch als auch Miltschakow und Petrowski sind seit 2022 wegen ihrer Rolle im Ukrainekrieg von internationalen Sanktionen betroffen. 2023 wurde Petrowski in Finnland festgenommen, als er unter falschem Namen reiste; im vergangenen März wurde er dort wegen Kriegsverbrechen zu lebenslanger Haft verurteilt.
Miltschakow genießt in Russland weiterhin Anerkennung. Ihm wurden nach eigenen Angaben mehrere Militärorden des russischen Verteidigungsministeriums verliehen. Im Dezember durfte er einen Vortrag in einer öffentlichen Schule in Sankt Petersburg zum Thema Courage halten – das zeigen Fotos, die auf Telegram veröffentlicht wurden. Mit einer Urkunde bedankt sich der Schuldirektor bei ihm für seine „patriotische Erziehung“ der Schüler.
Während Russlands Krieg bald ins fünfte Jahr geht, in dem unterschiedlichen Einschätzungen zufolge mehr als eine Million russische Soldaten (gegenüber 400.000 Ukrainern) getötet oder verletzt worden sind, setzt Rusitsch den digitalen wie analogen Terror fort. Am 19. Januar postete die Einheit ein Foto eines ihrer Kämpfer auf einem verschneiten Weg vor einem unbewachten ukrainischen Checkpoint. Dazu nur zwei Worte: „Arbeitsmomente 2026“.
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