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Obdachlosigkeit im WinterWeißkalt, lilakalt, schwarzkalt

Für die 56.000 Obdachlosen in Deutschland wird der Winter zum Überlebenskampf. Wohnungslosenhilfe fordert mehr Unterstützung, Unterkünfte und Kältebusse.

Trotz eisiger Kälte: Wohnungsloser auf dem Karlsplatz in München Foto: Malin Wunderlich/picture alliance/dpa
Sean-Elias Ansa

Aus Berlin

Sean-Elias Ansa

Der Wintersturm „Elli“ überzieht Deutschland mit starken Schneefällen und sorgt besonders in Norddeutschland für massive Störungen. Schnee und Eis türmen sich auf Straßen, die Bahn fährt vielerorts nicht. Der starke Wind macht, dass es sich kälter anfühlt, als es ist.

Die meisten Menschen bleiben bei diesen Temperaturen am liebsten zu Hause. Geht es doch vor die Tür, kramen sie aus dem Kleiderschrank die dickste Jacke, die lange Unterhose und einen wohlig warmen Pullover. Als wandelnde Zwiebeln mit Handschuh, Schal und Mütze huschen sie von einem zum nächsten warmen Haus.

Manche Menschen allerdings leben gänzlich ohne Kleiderschrank und ohne Dach. Nach neuester Erhebung des Wohnungslosenhilfeverbandes betrifft das in Deutschland etwa 56.000 Menschen – Tendenz steigend.

Was je­de:r tun kann

Sie können etwas tun. Sollte jemand bei Minusgraden draußen schutzlos herumliegen, rufen Sie Hilfe – Im Notfall die 112 oder lokale Kältebusinitiaven. Engagieren Sie sich vor Ort, spenden Sie Zeit oder Kleidung. Und für die Zukunft: Sie können eine Politik wählen, die keine Mittel für die Schwächsten zusammenstreicht. Oder Politik machen, die alle Menschen mitdenkt.

Die Nachricht über das Sturmtief Elli hat in der Szene Angst ausgelöst. Sozialverbände warnen vor den aktuellen Temperaturen. Denn für obdachlose Menschen ist der Winter ein Überlebenskampf. Es ist zu kalt, oft nicht auszuhalten kalt. Gliedmaßen werden taub, schmerzen. Der Körper zittert und wehrt sich. Beulen an Händen und Füßen markieren die Not. Draußen können Finger und Zehen viele Farben annehmen: Weiß ist zu kalt, lila ist gefährlich, schwarz ist tot. Die Kälte gewinnt, wenn nichts mehr weh tut.

Wer einschläft, kühlt aus

Viele Obdachlose bezeichnet ihren Gesundheitszustand als nicht gut, so der neueste Wohnungslosenbericht von 2024. Mehr als die Hälfte der Obdachlosen gibt an, psychisch erkrankt zu sein. Die schier nicht enden wollende Extremsituation, die schlaflosen Nächte – sie zermürben. Denn, wer einschläft und damit keine Bewegungsenergie aktiv in Wärme umwandelt, kühlt schnell aus. Verzweiflung ertrinkt im Alkohol, Drogen betäuben den Schmerz.

Für die Betroffenen gilt: Irgendwie überleben. Bloß nicht auskühlen. Schutz suchen. Ist eine gewisse Grundwärme aus dem Körper gewichen, braucht es Stunden im Warmen, um wieder aufzutauen.

Da Obdachlose an den meisten Orten nicht gewollt sind – manchmal sturzbesoffen und ungewaschen – werden sie immer wieder verscheucht: Vom Bahnhof ins Einkaufszentrum, vom Hausflur auf die Straße. Es bleiben oft nur Minuten bis jemand kommt, den Schnorrer bemerkt, ihn bloßstellt, aussortiert.

Und dann ist es wieder kalt.

Weißkalt, lilakalt, schwarzkalt.

Zu wenig Angebote, kein ausreichender Schutz

Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe sind in diesem Winter schon 4 Menschen erfroren. Deswegen fordert der Verband durchgängig geöffnete Notunterkünfte, die Anmietung von Hotels und die Einrichtung von Kältebussen. Zwar haben manche Städte wie Hamburg zumindest ihre Notübernachtungen ganztägig geöffnet. Doch weiterhin gibt es zu wenig Angebote und damit keinen ausreichenden Schutz. Hier in Deutschland, einem reichen westlichen Land, im Jahre 2026. Bei diesen Temperaturen werden Menschen morgens um 7 oder 8 Uhr einfach vor die Tür gesetzt.

Anstatt Obdachlose zu schützen, skelettiert die Merz-Regierung den Sozialstaat.

Sie reißt Löcher ins soziale Auffangnetz und lässt die Verletzlichsten verelenden. Wenn ihnen Leistungen, wie auch die Kosten der Unterkunft, ersatzlos gestrichen werden, landen mehr Menschen auf der Straße. Der „Anreiz zur Eigenverantwortung“ bekommt mit diesem Gesetzesentwurf eine enorme Fallhöhe.

VdK-Präsidentin Verena Bentele sagte dem rnd, Wohnungslosigkeit und soziale Not entstünden nicht erst im Winter: „Die vorgeschlagenen strikten Beschränkungen bei der Übernahme von Wohnkosten durch das Jobcenter und die Möglichkeit, die Kosten der Unterkunft bei Sanktionen komplett zu streichen, werden die Situation noch verschärfen.“ Das heißt für viele: Wohnungslosigkeit. Bis 2030 soll sie überwunden sein, das ist ein EU-weites Ziel, dem sich auch Deutschland verpflichtet hat. Die Zahlen der Wohnungslosen aber steigen jedes Jahr.

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2 Kommentare

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  • Die Zahl der Wohnungslosen nimmt deshalb ständig zu, weil die soziale Ungleichheit zunimmt. Die ist laut Studien einer der Hauptgründe für das Erstarken von rechten Parteien, auch international. Abhilfe könnte nur eine mutige Steuergesetzgebung schaffen - und die Hilfe zur Sebsthilfe (Grameen America). Ich habe einige Ansätze zur Armutsbekämpfung und für Wohnungslose hier dargestellt: sbi.wiki

  • Ich bin vor zwei Jahren in ein Viertel gezogen, in dem ich mehr Kontakt zu wohnungslosen Menschen habe. Während ich anfangs immer gerne Geld gab und mich mit den Menschen unterhielt, meide ich seit einiger Zeit eher den Kontakt mit den immer selben Gesellen. Sie betteln mir zu aggressiv und konsumieren mir zu offen in Hauseingängen, in den Familien, Kinder und Studenten wohnen. Meine innere Einstellung hat sich verändert.



    Mir ist letztens diese Veränderung in meinem Verhalten und meiner Einstellung ganz bewusst aufgefallen. So beschäftigt bin ich mit meinem eigenen Leben, mit meinen eigenen Problemen, dass ich anfange die Probleme der Obdachlosen Menschen nicht mehr wahrzunehmen, sondern dir Obdachlosen als Problem sehe.



    Mir zeigt das eines. Um solidarisch zu sein, um links zu sein, muss ich mich immer wieder reflektieren. Ich muss mich in den Kontext der Welt setzen. Natürlich habe ich auch meine Probleme, aber ein paar mal die Woche ein paar Euro und seine Zeit zu schenken, bricht mir nicht das Genick, hilft aber den Menschen.



    Abgesehen davon: Obdachlosigkeit darf es in dieser Zeit nicht geben und dieses reiche Land muss gesamtgesellschaftlich solidarisch sein