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In­ge­nieu­r*in über KI und Klima„Die Regierung nutzt den KI-Hype für neue Gaskraftwerke“

Rechenzentren haben einen immensen Strom- und Wasserverbrauch, kritisiert Ex­per­t*in Joschi Wolf. Schwarz-rot nutze das für Anti-Klimapolitik.

Rechenzentren brauchen extrem viel Strom – Gaskraftwerk gefällig? Foto: Stefan Boness/Ipon
Katharina Schipkowski

Interview von

Katharina Schipkowski

taz: Joschi Wolf, was können Ha­cke­r*in­nen für das Klima tun?

Joschi Wolf: Die IT-Szene kann Alternativen zu Big Tech aufzeigen, indem wir unabhängige Software- und Hardware-Lösungen vermitteln. Eine wichtige Aufgabe ist außerdem, auf die Auswirkungen des KI-Hypes auf das Klima und die Umwelt hinzuweisen. Für viele Menschen sind Clouds und Rechenzentren Blackboxen. Davon profitiert die Tech-Industrie. Bis heute wird das Transparenzregister für Rechenzentren nicht umgesetzt: Alle Daten zum Energieverbrauch sind Schätzungen oder freiwillige Angaben der Konzerne.

Bild: Marlene Charlotte Limburg
Im Interview: Joschi Wolf

ist Um­welt­in­ge­nieu­r*in und Kli­ma­re­fe­ren­t*in beim Projekt FragDenStaat der gemeinnützigen Organisation Open Knowledge Foundation Deutschland, die sich für Informationsfreiheit, digitale Kompetenz und Rechtsstaatlichkeit einsetzt. Wolf ist seit über zehn Jahren in der Umwelt- und Klimabewegung aktiv.

taz: Sie meinen, wenn die Menschen verstehen, wie viel Strom es verbraucht, andauernd ChatGPT zu befragen, sehen sie davon ab?

Wolf: Es ist natürlich auch eine Frage der Kommunikation. Fakten allein führen selten zum Umdenken, dafür muss man auch Emotionen ansprechen. Aber ich denke schon, dass es etwa beim Thema Wasser Aufklärungsbedarf über den enormen Verbrauch durch Rechenzentren gibt. Vom Wassermangel sind bereits viele Menschen spürbar betroffen, auch in Deutschland.

taz: Wie viel Wasser verbraucht denn eine Unterhaltung mit einer KI?

Wolf: Ein mittellanges Gespräch mit einem KI-Chatbot verbraucht etwa einen halben Liter. Die Rechenzentren brauchen das Wasser vor allem für die Kühlung. Die Zentren sind ja voller Server, die gekühlt werden müssen, um nicht zu überhitzen. Laut einer Studie des Öko-Instituts im Auftrag von Greenpeace wird sich der weltweite Wasserbedarf bis 2030 fast vervierfachen, auf 664 Milliarden Liter pro Jahr. KI-Rechenzentren verbrauchen etwa doppelt so viel Wasser wie konventionelle Rechenzentren. Und natürlich Unmengen an Strom.

taz: Laut ChatGPT ist Big Tech einer der größten Treiber für den Ausbau erneuerbarer Energien. Halluziniert die KI hier?

Wolf: Natürlich kann die hohe Nachfrage einen positiven Effekt haben. Aber der Stromverbrauch wird so immens sein, dass es mit Erneuerbaren nicht machbar ist. Außerdem laufen die Server Tag und Nacht, während man bei Wind-, Wasser- und Solarenergie immer das Problem hat, dass man sie speichern muss, um eine konstante Versorgung sicherzustellen. Da sind Gaskraftwerke auf kurze Sicht die attraktivere Lösung. So nutzt die Bundesregierung zusammen mit der fossilen Industrie den Hype um Rechenzentren, um den Bau neuer Gaskraftwerke zu rechtfertigen.

taz: Hat die Klimabewegung das Thema Big Tech auf der Agenda?

Wolf: Das ist gerade im Prozess. Der erste Schritt war die Auseinandersetzung um Tesla in Grünheide. Im April findet in Berlin die „Cables of Resistance-Konferenz“ statt, wo es darum gehen wird, die Klima- und die linke IT-Szene mehr zu verbinden. Zwar sind nicht wahnsinnig viele Leute in der Klimabewegung technikaffin. Aber es gab schon immer Überschneidungen.

taz: Wie anschlussfähig ist das für die breite Gesellschaft, wenn man den Leuten erst ihr Auto, dann ihren Chatbot wegnehmen will?

Wolf: Die Anschlussfähigkeit liegt in der Kritik an den großen technischen Unternehmen. Klar nutzen alle Instagram und ChatGPT. Aber die Frage, was mit ihren Daten passiert, interessiert die Menschen durchaus. Spätestens seit Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump ist deutlich geworden, wie viel Macht Tech-Konzerne haben und wie sie die Demokratie bedrohen.

taz: Bildet sich innerhalb der Klimabewegung eine neue Strömung, die sich mit der Thematik beschäftigt?

Wolf: Die Bewegung steckt gerade in einem Tief, sozusagen im Bewegungswinter. Aber langsam geht es wieder bergauf. 2026 wird es erstmals seit 2022 wieder eine Massenaktion von Ende Gelände geben, die wird sich gegen den Neubau von Gaskraftwerken richten. Es wurde auch diskutiert, ob man sich im Großraum Frankfurt trifft und Rechenzentren adressiert.

taz: Welche Themen und Projekte stehen 2026 noch an?

Wolf: Zum Thema Wasser sind dieses Jahr viele Camps und Aktionen geplant, da kann man durchaus von einer neuen Strömung innerhalb der Bewegung reden. Die größte Strömung ist der Widerstand gegen fossiles Gas. Da beteiligen sich auch NGOs, Fridays for Future und Ende Gelände. Neu ist eine stärkere Vernetzung mit Ak­teu­r*in­nen aus der Landwirtschaft. 2026 wird ein wichtiges Jahr für die Verhandlung der europäischen Agrarpolitik. Außerdem engagieren sich viele Menschen aus der Klimabewegung aktuell in Gruppen wie Klima4Palestina oder in der antifaschistischen Bewegung.

taz: Spielt die Kollaps-Strömung eine Rolle?

Wolf: Ja, immer mehr Menschen beschäftigen sich nicht mehr primär mit der Frage, wie wir die Klimakrise eindämmen können, sondern mit der Frage nach solidarischem Handeln in der Krise. Wir haben 2025 mit dem Absterben der Warmwasser-Korallen wahrscheinlich den ersten Kipppunkt überschritten. Für die Kollapsbewegung geht es darum, wie wir uns innerhalb der Klimakatastrophe solidarisch verhalten und uns vorbereiten können. Dieser Teil der Bewegung nutzt teilweise ganz andere Narrative, was auch zu Konflikten führt.

taz: Zu welchen Konflikten?

Wolf: Problematisch ist etwa, dass in der Kollaps-Debatte teilweise eine eurozentristische Perspektive eingenommen wird. Weltweit kämpfen Menschen seit vielen Jahren mit den Folgen der Klimakrise – wenn wir im globalen Norden von Kollaps reden, anstatt die Stimmen aus dem globalen Süden zu hören, wirkt das etwas verzerrt.

Aber es geht bei der Kollapsbewegung auch um Ängste vor einer faschistischen Regierungsbeteiligung. Das ist vielerorts eine sehr konkrete Bedrohung. Die Kündigung der Bankkonten der Roten Hilfe hat gerade gezeigt, dass wir uns die Frage stellen müssen, wie wir handlungsfähig bleiben können trotz faschistischer Einflüsse.

taz: Nochmal zurück zu Big Tech. Könnte das Thema ein Kitt für die teilweise zerstrittene Bewegung sein und sie wieder interessanter für die Breite der Gesellschaft machen?

Wolf: Die Konflikte um den Genozid in Palästina sind in der deutschsprachigen Bewegung noch sehr aktuell. Einige Akteure der deutschen Klimabewegung, insbesondere Fridays for Future Deutschland, sind mit ihren Positionen sehr isoliert von der internationalen Klimagerechtigkeitsbewegung.

Aber es könnte eine Chance sein: Wenn eine gute Zusammenarbeit zwischen IT- und Klimaszene entsteht, kann der Klimadiskurs gesamtgesellschaftlich wieder mehr in den Fokus kommen. Allein schafft die Klimabewegung es nicht, in den KI-Diskurs einzugreifen. Dafür bräuchte es auch Gewerkschaften und andere gesellschaftliche Player. Das ist viel Arbeit, aber ich denke, wir können vorsichtig optimistisch sein.

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12 Kommentare

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  • Die KIs stoßen absehbar auf eine Barriere und müssen Effizienzsprünge und Wieder-Vereinfachungen anpacken. Kostengerechte Bepreisung kann wohl dabei unterstützend wirken.

    Als KI-Kocher würde ich doch jetzt die mittags um 11h ff. rasen lassen, wenn viel gute günstige Erneuerbare Energie da ist. Dann hätte KI noch etwas Gutes: Balancieren.



    Wer aber für simple Googlefragen oder Allgemeinwissen oder Denksport die KI anlaufen lässt, verdummt sich und mutet der Umwelt unnötigen Schmerz zu.

  • Internet abschalten wäre die einzig folgerichtige Lösung. Aber das wird wohl niemand wollen (ich auch nicht). Wer will schon auf E-Mail, surfen, online taz lesen, Filme streamen etc. verzichten? Aber bei KI plötzlich aktiv werden. Warum? Weil KI für viele Menschen noch zu wenig Alltagsbestandteil ist. Was einen nicht direkt betrifft, kann man gerne verbieten.



    Dabei handelt es sich um eine Phantomdiskussion, ähnlich wie beim Thema CO2 und unseren knapp 2% Weltanteil. Klar geißelt man sich gerne selbst und übt Verzicht für die moralisch gute Sache, nur: Es bringt nichts.



    Die Frage ist nicht ob, sondern wo die Rechenzentren entstehen. Und da ist unsere Chance auf einen Beitrag zum Umweltschutz: Als Wissens- und Forschungsgesellschaft können wir Innovationen hervorbringen, mit denen wir und der Rest der Welt Ressourcen sparen können.



    Energie ist bspw. einer der Hauptkostenpunkte bei Rechenzentren, und es wird alleine schon aus diesem Grund um jede Wattstunde gekämpft und mit verschiedensten Rechenzentrums-KPIs gearbeitet.



    Am schlechtesten ist es aktuell: Strom aus Kohle hat die mit Abstand höchste Zahl an Toten pro TWh (Feinstaub, Radioaktivität etc.) aller Energiequellen.

  • Deutschland wird bei der Zukunft der "KI"-Technik eh aussen vor sein, da wir ueberhaupt nicht genug Strom fuer E-Autos, Waermepumpen und KI-Rechenzentren haben. Andere Laender werden Atomkraftwerke nehmen, um den 24h-Bedarf an Strom fuer Rechenzentren zu produzieren. Unser verfruehte Atomausstieg sorgt nicht nur dafuer, dass wir im Winter mit Kohle- und Frackinggasstrom das Klima verpesten und uns die Industrie aufgrund hoher Strompreise weglaeuft, er wird auch zukuenftige stromintensive Technologie in Deutschland verhindern.



    Dass sich nun viele Anhaenger des Atomausstiegs darueber beschweren, dass wir abhaengig von auslaendischen Techkonzerenen werden, ist nur eins von unzaehligen Beispielen, bei dem die Folgen der eigenen Politik bejammert werden.

    • @elektrozwerg:

      Atomenergie ist auch zu teuer für KI.

      Die Rettung könnte aus der Erforschung von Fusionsenergie kommen. Nur nicht als Fusionsreaktoren, die wären von Problemen bei der technischen Umsetzung mal ganz abgesehen genau wie AKWs nie wirtschaftlich umsetzbar.

      Aber mit Plasma kann man eben auch sehr tiefe Löcher in den Boden schmelzen.

      Was das bedeutet können Sie sich vermutlich denken. 😉

  • Ein Aspekt wird gar nicht betrachtet! Das ist immer wieder in wenigen Monaten anfallende Elektronikschrott, auch beim Bitcoin! Ein funktionierendes Recyclingsytem in Verbundung mit einer Kreislaufwirtschaft existiert nicht!

  • Hier werden ziemlich viele verschiedene und voneinander unabhängige Themen zusammengerührt. Dass eine allzu Energieintensive KI nicht nachhaltig sein kann, erscheint mir sehr plausibel und hier tun sich auch für die Digitalwirtschaft die Grenzen des Wachstums auf. Es wäre sicher gut, Forschung in ressourcenschonende KI Verfahren zu intensivieren.



    Leider wirkt auch die Förderung der erneuerbaren Energien nicht komplett in die richtige Richtung. Wäre es nicht wirklich besser, geförderten bzw. erlaubten Solar- und Windkraftwerken grundsätzlich einen hinreichend dimensionierten Batteriepuffer an der Quelle vorzuschreiben, so dass die Nacht zum Tag und auch die schnellen Schwankungen des Windes ausgeglichen werden? Warum wird hier weiterhin für den Ausbau der Maximalkapazitäten getrommelt?



    Der technische Fortschritt und das hartnäckige Verbleiben des Bösen in der Welt sind auch 2 Paar Schuhe, die nicht verwechselt werden sollten. Es ist klar, dass Ausgaben in Militär und Rüstung nicht den Wohlstand mehren. Leider haben die Menschen hier den Baum noch nicht verlassen, von dem sie einst gestiegen sind. Gute Tyrannen bei Tag werden schnell zu bösen in der Nacht.

    • @ValueFreak:

      Für den Ausbau der Solar- und Windkraftwerke ist das Erneuerbare Energien-Gesetz (EEG) entscheidend. Da sich die Förderung neuer Anlagen an den Strompreise an der Börse orientiert, ist Einspeisung zu Zeiten hoher Produktion nicht rentabel. Daher sind bereits jetzt deutliche Anreize für Speicher vorhanden. Keine Sorge, es trommelt keiner gegen Speicher. Vorschreiben von Speichern ist damit nicht nötig, denn die Anlagenbetreiber wollen meist Geld verdienen.

  • "So nutzt die Bundesregierung zusammen mit der fossilen Industrie den Hype um Rechenzentren, um den Bau neuer Gaskraftwerke zu rechtfertigen." Das unterstellt, dass die Bundesregierung Gaskraftwerke als Selbstzweck installieren möchte, einfach weil man die schön findet. Das ist schlicht nicht richtig - gleichgültig wer in der Regierung ist. Darüber hinaus geht es bei KI nicht um triviales Plappern mit einem Chatbot, sondern um eine fundamentale Änderung der Informationsverarbeitung in allen Bereichen. Das wird sich nicht aufhalten lassen. Warum man dazu Gaskraftwerk verwenden muss hat Herr Wolf in dem Interview erklärt. Wenn man Kernkraft nicht nutzen will dann bleibt nur Gas, um Dunkelflauten zu überbrücken, solange es keine geeigneten Speicher gibt. Warum Kühlsysteme Wasser "verbrauchen" und nicht "benötigen" Bedarf bei geschlossenen Kühlsystemen der Erläuterung.

    • @Nachtsonne:

      Wenn die KI balancieren würde, gut. Siehe meine Ausführungen oben.



      Wenn sie es nicht tut, ist das leider nicht nur teure, dreckige, sondern auch vor allem starre Nuklear sinnlos. Gas ist vielleicht das kleinste fossile Übel, finanziert aber wie Öl die Falschen (N und NL mal ausgenommen). Gaskraftwerke drohen eine tote Investition zu werden, daher ist wohl selbst Kohle für Sonderfälle zu belassen umweltfreundlicher und günstiger bei einer Verstromung. Sonst Überkapapzität bei Erneuerbaren, Lastmanagement und sich über die jährlich besseren Batterien freuen.

    • @Nachtsonne:

      Das ist und bleibt eine Recht doch oberflächliche Betrachtung! Wir stürzen jetzt von einem Extrem in das andere Extrem! Die Macht konzentriert sich auf sehr wenige Oligarchen!

      Kreisläufe benötigen trotzdem immer wieder einmal eine Zufuhr von Wasser! Der zukünftige Energieverbrauch geht wieder einmal zu Lasten der Allerschwächsten weltweit! Das gilt auch für die Ressourcen bezüglich des kompletten Systems! Wenn man das System einmal der True Cost Methode unterwerfen würde, dann wäre es gar nicht finanzierbar!



      Wir Menschen der westlichen Gesellschaften haben nie etwas gelernt und tun es weiterhin nicht, ganz besonders die Ingenieure!

    • @Nachtsonne:

      KI wird aber auch für jede Menge Bullshit genutzt. Da muss man langsam mal unterscheiden, welche Anwendungen angesichts des Energieverbrauches, Sinn machen und welche nicht.

      • @Andreas J:

        Es gibt eine Menge Leute die halten Pornografie im Internet für sehr sinnvoll. Darüber kann man natürlich geteilter Meinung sein. Aber Allmachtsphantasien in Bezug auf Anwendungen bringen niemanden weiter.