Ingenieur*in über KI und Klima: „Die Regierung nutzt den KI-Hype für neue Gaskraftwerke“
Rechenzentren haben einen immensen Strom- und Wasserverbrauch, kritisiert Expert*in Joschi Wolf. Schwarz-rot nutze das für Anti-Klimapolitik.
taz: Joschi Wolf, was können Hacker*innen für das Klima tun?
Joschi Wolf: Die IT-Szene kann Alternativen zu Big Tech aufzeigen, indem wir unabhängige Software- und Hardware-Lösungen vermitteln. Eine wichtige Aufgabe ist außerdem, auf die Auswirkungen des KI-Hypes auf das Klima und die Umwelt hinzuweisen. Für viele Menschen sind Clouds und Rechenzentren Blackboxen. Davon profitiert die Tech-Industrie. Bis heute wird das Transparenzregister für Rechenzentren nicht umgesetzt: Alle Daten zum Energieverbrauch sind Schätzungen oder freiwillige Angaben der Konzerne.
ist Umweltingenieur*in und Klimareferent*in beim Projekt FragDenStaat der gemeinnützigen Organisation Open Knowledge Foundation Deutschland, die sich für Informationsfreiheit, digitale Kompetenz und Rechtsstaatlichkeit einsetzt. Wolf ist seit über zehn Jahren in der Umwelt- und Klimabewegung aktiv.
taz: Sie meinen, wenn die Menschen verstehen, wie viel Strom es verbraucht, andauernd ChatGPT zu befragen, sehen sie davon ab?
Wolf: Es ist natürlich auch eine Frage der Kommunikation. Fakten allein führen selten zum Umdenken, dafür muss man auch Emotionen ansprechen. Aber ich denke schon, dass es etwa beim Thema Wasser Aufklärungsbedarf über den enormen Verbrauch durch Rechenzentren gibt. Vom Wassermangel sind bereits viele Menschen spürbar betroffen, auch in Deutschland.
taz: Wie viel Wasser verbraucht denn eine Unterhaltung mit einer KI?
Wolf: Ein mittellanges Gespräch mit einem KI-Chatbot verbraucht etwa einen halben Liter. Die Rechenzentren brauchen das Wasser vor allem für die Kühlung. Die Zentren sind ja voller Server, die gekühlt werden müssen, um nicht zu überhitzen. Laut einer Studie des Öko-Instituts im Auftrag von Greenpeace wird sich der weltweite Wasserbedarf bis 2030 fast vervierfachen, auf 664 Milliarden Liter pro Jahr. KI-Rechenzentren verbrauchen etwa doppelt so viel Wasser wie konventionelle Rechenzentren. Und natürlich Unmengen an Strom.
taz: Laut ChatGPT ist Big Tech einer der größten Treiber für den Ausbau erneuerbarer Energien. Halluziniert die KI hier?
Wolf: Natürlich kann die hohe Nachfrage einen positiven Effekt haben. Aber der Stromverbrauch wird so immens sein, dass es mit Erneuerbaren nicht machbar ist. Außerdem laufen die Server Tag und Nacht, während man bei Wind-, Wasser- und Solarenergie immer das Problem hat, dass man sie speichern muss, um eine konstante Versorgung sicherzustellen. Da sind Gaskraftwerke auf kurze Sicht die attraktivere Lösung. So nutzt die Bundesregierung zusammen mit der fossilen Industrie den Hype um Rechenzentren, um den Bau neuer Gaskraftwerke zu rechtfertigen.
taz: Hat die Klimabewegung das Thema Big Tech auf der Agenda?
Wolf: Das ist gerade im Prozess. Der erste Schritt war die Auseinandersetzung um Tesla in Grünheide. Im April findet in Berlin die „Cables of Resistance-Konferenz“ statt, wo es darum gehen wird, die Klima- und die linke IT-Szene mehr zu verbinden. Zwar sind nicht wahnsinnig viele Leute in der Klimabewegung technikaffin. Aber es gab schon immer Überschneidungen.
taz: Wie anschlussfähig ist das für die breite Gesellschaft, wenn man den Leuten erst ihr Auto, dann ihren Chatbot wegnehmen will?
Wolf: Die Anschlussfähigkeit liegt in der Kritik an den großen technischen Unternehmen. Klar nutzen alle Instagram und ChatGPT. Aber die Frage, was mit ihren Daten passiert, interessiert die Menschen durchaus. Spätestens seit Beginn der zweiten Amtszeit von Donald Trump ist deutlich geworden, wie viel Macht Tech-Konzerne haben und wie sie die Demokratie bedrohen.
taz: Bildet sich innerhalb der Klimabewegung eine neue Strömung, die sich mit der Thematik beschäftigt?
Wolf: Die Bewegung steckt gerade in einem Tief, sozusagen im Bewegungswinter. Aber langsam geht es wieder bergauf. 2026 wird es erstmals seit 2022 wieder eine Massenaktion von Ende Gelände geben, die wird sich gegen den Neubau von Gaskraftwerken richten. Es wurde auch diskutiert, ob man sich im Großraum Frankfurt trifft und Rechenzentren adressiert.
taz: Welche Themen und Projekte stehen 2026 noch an?
Wolf: Zum Thema Wasser sind dieses Jahr viele Camps und Aktionen geplant, da kann man durchaus von einer neuen Strömung innerhalb der Bewegung reden. Die größte Strömung ist der Widerstand gegen fossiles Gas. Da beteiligen sich auch NGOs, Fridays for Future und Ende Gelände. Neu ist eine stärkere Vernetzung mit Akteur*innen aus der Landwirtschaft. 2026 wird ein wichtiges Jahr für die Verhandlung der europäischen Agrarpolitik. Außerdem engagieren sich viele Menschen aus der Klimabewegung aktuell in Gruppen wie Klima4Palestina oder in der antifaschistischen Bewegung.
taz: Spielt die Kollaps-Strömung eine Rolle?
Wolf: Ja, immer mehr Menschen beschäftigen sich nicht mehr primär mit der Frage, wie wir die Klimakrise eindämmen können, sondern mit der Frage nach solidarischem Handeln in der Krise. Wir haben 2025 mit dem Absterben der Warmwasser-Korallen wahrscheinlich den ersten Kipppunkt überschritten. Für die Kollapsbewegung geht es darum, wie wir uns innerhalb der Klimakatastrophe solidarisch verhalten und uns vorbereiten können. Dieser Teil der Bewegung nutzt teilweise ganz andere Narrative, was auch zu Konflikten führt.
taz: Zu welchen Konflikten?
Wolf: Problematisch ist etwa, dass in der Kollaps-Debatte teilweise eine eurozentristische Perspektive eingenommen wird. Weltweit kämpfen Menschen seit vielen Jahren mit den Folgen der Klimakrise – wenn wir im globalen Norden von Kollaps reden, anstatt die Stimmen aus dem globalen Süden zu hören, wirkt das etwas verzerrt.
Aber es geht bei der Kollapsbewegung auch um Ängste vor einer faschistischen Regierungsbeteiligung. Das ist vielerorts eine sehr konkrete Bedrohung. Die Kündigung der Bankkonten der Roten Hilfe hat gerade gezeigt, dass wir uns die Frage stellen müssen, wie wir handlungsfähig bleiben können trotz faschistischer Einflüsse.
taz: Nochmal zurück zu Big Tech. Könnte das Thema ein Kitt für die teilweise zerstrittene Bewegung sein und sie wieder interessanter für die Breite der Gesellschaft machen?
Wolf: Die Konflikte um den Genozid in Palästina sind in der deutschsprachigen Bewegung noch sehr aktuell. Einige Akteure der deutschen Klimabewegung, insbesondere Fridays for Future Deutschland, sind mit ihren Positionen sehr isoliert von der internationalen Klimagerechtigkeitsbewegung.
Aber es könnte eine Chance sein: Wenn eine gute Zusammenarbeit zwischen IT- und Klimaszene entsteht, kann der Klimadiskurs gesamtgesellschaftlich wieder mehr in den Fokus kommen. Allein schafft die Klimabewegung es nicht, in den KI-Diskurs einzugreifen. Dafür bräuchte es auch Gewerkschaften und andere gesellschaftliche Player. Das ist viel Arbeit, aber ich denke, wir können vorsichtig optimistisch sein.
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