Nach Tötung einer Aktivistin: Trillerpfeifen gegen ICE-Kugeln
Nach dem Mord an einer Aktivistin gehen in Minneapolis immer mehr Menschen gegen Trump auf die Straße. Trotz der Angst vor der Gewalt der ICE-Beamten.
E s ist 12 Uhr mittags, High Noon vor dem Benjamin Henry Whipple Building, einem brutalistischen Betonkoloss am Stadtrand von Minneapolis, und alles sieht nach einem Showdown aus. Auf der einen Straßenseite haben sich ein paar Dutzend Demonstranten versammelt, einige tragen Masken und Skibrillen und haben Schirme dabei, als Schutz vor Tränengas und Pfefferspray. Auf der anderen Seite haben sich zwei Dutzend Männer in Kampfanzügen in Formation aufgereiht. An ihren Hüften hängen locker Colts, in ihren kugelsicheren Westen stecken Munitionsmagazine und Sprühdosen. Einige tragen Helme mit Sichtschutz.
Die bitterkalte Luft des winterlichen Minneapolis knistert vor Anspannung. Die Situation ist so explosiv wie die ganze Stadt, seit drei Tage zuvor Renee Nicole Good von einem Beamten der Deportationstruppe ICE ohne begründbare Not mit einem Kopfschuss hingerichtet wurde. Seither belagern täglich Protestierende das Whipple Building, ein Bürohochhaus der Bundesregierung, in dem die mittlerweile 2.000 Männer und Frauen von ICE und der Heimatschutzbehörde DHS ihr Hauptquartier aufgeschlagen haben.
Marialuz, mexikanischstämmige Lehrerin
Am Freitag noch wurden zwölf Menschen hier verhaftet, mit der Brutalität, für die ICE berüchtigt ist. Vier Männer knieten auf Kreuz und Genick der schreienden Opfer, dann wurden sie grob in einen Minivan geschmissen und abtransportiert. Trotzdem sind die Demonstrierenden heute wieder da. Und es sind nicht nur Hardcore-Aktivisten, wie der vollbärtige Wes (der anonym bleiben möchte), einer der Anführer des lokalen Zweigs des nationalen Widerstandsnetzwerks 50501 – Abkürzung für 50 Staaten, 50 Proteste, eine Bewegung.
Es sind auch Leute wie Marialuz, eine etwa 50-jährige mexikanisch-stämmige Lehrerin, die eine wollene Indiomütze trägt, eine Rassel in der Hand hält und ein Schild mit der Aufschrift „No Ice. Stop Kidnapping, Murdering, Detaining.“ (deutsch: „Kein Ice. Hört auf zu entführen, zu morden, festzunehmen“) „Warum ich hier bin?“, fragt sie provokant. „Weil ich braune Haut habe und meine Kinder braune Haut haben und weil wir vogelfrei und schutzlos sind.“
Wer ist Provokateur?
Es dauert nicht lange, bis die Lage sich zuspitzt. Die Demonstranten rücken bis an die Grundstücksgrenze des Whipple Building vor, benannt nach einem episkopalen Bischof, der sich in Minnesota für die Rechte der indigenen Völker starkgemacht hatte. Sie beschimpfen die Beamten mit Slogans wie „Nazischweine“. Oder: „Weiß Deine Mutter, was Du jeden Tag machst?“. Oder: „Wie könnt Ihr nachts schlafen?“ Oder: „Ihr seid Landesverräter.“
Nach zehn Minuten haben die ICE-Leute die Nase voll. Der leitende Offizier spricht eine Warnung aus. „Wenn Ihr Euch nicht innerhalb von einer Minute auf die andere Straßenseite zurückzieht, benutzen wir Tränengas.“ Doch es dauert nur 30 Sekunden, bis sie die Sprühdosen zücken. Eine Handvoll Demonstranten stolpert blind auf den vereisten Bürgersteig gegenüber. Andere versuchen ihnen die Augen auszuwaschen.
„Hast Du gesehen, wie schnell die Chemie rausgekommen ist“, sagt Wes. Für ihn war die Lage ein erneuter Beweis dafür, wer hier eskaliert. Wer die Provokateure sind. Ein erneuter Beweis für die Lügen der Bundesregierung, für die Feigheit von Trump, Vance und der Heimatschutzministerin Kristy Noem, die seit Mittwoch gebetsmühlenhaft wiederholen, dass Nicole Renee Good an ihrem eigenen Tod Schuld gewesen sei, dass sie ihren Mörder Jonathan Ross überfahren wollte und dass sie eine Terroristin sei. Eine Behauptung, die der Bürgermeister von Minneapolis Jacob Frey in einer scharfen Reaktion als „Bullshit“ bezeichnete und angefügte: „Meine Botschaft an ICE: Haut verdammt nochmal aus Minneapolis ab.“ Im englischen Original benutzte er dafür deftiger das F-Wort.
Zwei Tage später entschuldigte sich Frey und sagte, er habe die Verantwortung dafür, die Gemüter zu beruhigen, und das habe er mit seiner impulsiven Reaktion sicher nicht getan. Trotzdem sagte er: Die Eskalation käme von Schüssen auf Zivilisten und nicht von seinen Kraftausdrücken. Und er forderte erneut, dass das FBI die Untersuchung des Zwischenfalls an den Staat Minnesota übergebe. „Ich habe kein Vertrauen darauf, dass der Bund hier auch nur mit einem Mindestmaß an Objektivität vorgeht.“
„Erst Los Angeles, jetzt wir“
Doch die Trump-Regierung zeigt nicht die geringste Lust, mit Minnesota zu kooperieren. Im Gegenteil. Als die Kongressabgeordneten von Minnesota Ilhan Omar, Angie Craig und Kelly Morrison am Sonntag versuchen, sich Zugang zum Whipple Building zu verschaffen, in dem mutmaßlich Hunderte von verhafteten Einwanderern auf ihre Deportation warten, werden sie abgewiesen. Heimatschutzministerin Kristi Noem kündigt derweil an, zusätzlich zu den bereits 2.000 Bundesbeamten in Minneapolis Hunderte von weiteren zu entsenden, um, wie sie behauptet, den Korruptionsskandal um die Unterschlagung von Sozialhilfegeldern aufzuklären, der seit Wochen den Staat belastet.
Für Wes ist klar, dass das ein Vorwand ist, um die Besatzung von Minneapolis durch den Bund zu beschleunigen, der seit dem vergangenen Dezember im Gang ist. „Trump versucht es mit einer liberalen Stadt nach der anderen. Erst Los Angeles, dann Chicago, jetzt wir.“ Und jedes Mal gehe er ein wenig weiter, jedes Mal lerne er dazu.
Vom Staat und von der Stadt versprechen Aktivisten wie er sich da keine Unterstützung. Selbst wenn Gouverneur Tim Walz nun angekündigt hat, die Nationalgarde zu mobilisieren. „Er hat das gesagt – aber wofür will er sie mobilisieren? Angeblich, um die Bürger zu schützen, aber wird er sich offen militärisch mit ICE anlegen?“ Wes glaubt es nicht, und selbst wenn es so komme, möchte er sich das lieber nicht ausmalen. Das Szenario Bürgerkrieg, das vielen in Minnesota zurzeit im Kopf herumspukt, mag noch kaum jemand wirklich laut aussprechen.
Einstweilen verlassen sich die Bürger von Minneapolis auf sich selbst und nur sich selbst. Wes zückt sein Smartphone und zeigt, wie sich die verschiedenen Widerstandsgruppen der Stadt in den vergangenen Wochen miteinander vernetzten. Das geht von Ablegern nationaler Organisationen wie seiner 50501 oder „Indivisible“ bis zu kleinen Nachbarschaftsgruppen.
Trillerpfeifen gegen Tränengas
Seit ICE in der Stadt ist, tauschen sie ständig Informationen aus. Vor dem Whipple Building werden ICE-Fahrzeuge mitsamt Nummernschildern fotografiert, die Fotos werden ins Netzwerk gestellt. Sobald die Fahrzeuge dann in den Nachbarschaften auftauchen, wird Alarm geschlagen. Auch die Bilder von einzelnen Beamten kursieren. Und soweit bekannt, werden die Identitäten Verschleppter durchgegeben, damit angeschlossene Anwälte versuchen können, herauszubekommen, was mit ihnen passiert.
Gleichzeitig werden Dateien herumgeschickt, mit deren Hilfe man 3D-Trillerpfeifen drucken kann. ICE-Fahrzeuge zu umzingeln und sie mit den Pfeifen zu drangsalieren, hat sich als recht wirksames Mittel herausgestellt, um sie zu verscheuchen. „Wir wollen einfach nur sicherstellen, dass sie wissen, sie werden beobachtet. Dass wir genau sehen, was sie tun.“ Ein Bekannter, so Wes, habe sogar eine Methode entwickelt, um die nächtlichen Deportationsflüge aus Minneapolis zu identifizieren. „700 Leute haben sie in den vergangenen 30 Tagen herausgeflogen.“ Wohin, weiß niemand.
Postbeamter Mitchell Kayser
Eine Stunde später füllen sich die idyllischen Nachbarschaften Longfellow und Powderhorn im Süden von Minneapolis mit Menschen. Kaum einen Kilometer von der Stelle entfernt, an der Renee Good ihr Leben lassen musste, tippeln die Menschen zwischen den putzigen, hölzernen „Craftsman“-Bungalows vorsichtig über das Eis in Richtung des Powderhorn Park in der Mitte des Viertels. Viele tragen Skianzüge, manche sind mit Geheisen an den Schuhsohlen ausgestattet. Sie tragen Fahnen und Schilder auf den Schultern, auf denen Parolen stehen wie „ICE Out Now“ (deutsch: „ICE raus jetzt“), „Stop Terrorizing our Neighborhoods“ („Hört auf, unsere Viertel zu terrorisieren“), „No Human is Illegal“ („Kein Mensch ist illegal“) oder „Justice for Good“ („Gerechtigkeit für Good“).
Im verschneiten Park heißt es dann erst einen steilen Abhang hinunterzukraxeln, was manche zu einer lustigen Rutschpartie nutzen. Dann geht es auf allen Vieren einen Hügel hinauf, von dem her aus der Ferne schon Rednerstimmen und lautes Johlen durch die Winterlandschaft dröhnen. Oben angekommen ist es unmöglich, durch die Menge auch nur zu einer Stelle durchzudringen, wo ein Rednerpult zu sehen ist. Nachrichtenagenturen werden später von Zehntausenden Demonstranten trotz arktischer Temperaturen reden. Viele glauben, das sei zu niedrig geschätzt. Wes, der seit vielen Jahren in Minneapolis politisch aktiv ist, nennt die Versammlung „historisch“.
Eskalation made by Trump
Die Stimmung ist beinahe freudig, auch wenn der Anlass das kaum erlaubt. Die Minnesotans haben ohnehin den Ruf, besonders freundliche Leute zu sein, doch an diesem Sonntag ist inmitten der klirrenden Kälte die menschliche Wärme untereinander besonders spürbar. Man lächelt sich gegenseitig an, hilft sich über glatte Stellen hinweg und hakt sich bei unbekannten Nachbarn ein, um die Temperaturen besser auszuhalten. Es ist ein wenig wie nach dem 11. September in New York, als die kalte harte Stadt plötzlich zusammenrückte, um das gemeinsame Trauma besser zu bewältigen.
„Ja, das tut gut, die Solidarität zu spüren“, sagt Mitchell Kayser, ein Postbeamter, der auf Anhieb nicht so wirkt, als wäre er politisch besonders aktiv. „Wir haben ja nur einander.“ Die Schüsse auf Renee Good, glaubt er, waren nach der Eskalation der ICE-Präsenz in den vergangenen Wochen früher oder später unausweichlich. Trump habe es doch von Anfang an darauf angelegt, die Dinge zu eskalieren. „Er sucht doch nur nach einem Grund, den ‚Insurrection Act‘ von 1807 anzuwenden“, ein Gesetz, das es dem Präsidenten im Falle eines Aufstandes erlaubt, das Militär gegen die eigene Bevölkerung einzusetzen. Aber die Minnesotans, sagt Kayser, würden sich nicht einschüchtern oder verschrecken lassen. „Wir werden bis zum Schluss aufstehen und uns zeigen.“
Ein paar Meter entfernt verteilt ein junger afroamerikanischer Mann, der nur als „Tony“ genannt werden möchte, Flugzettel für die sozialistische Arbeiterpartei von Minnesota. Tony ist zornig, er findet, Trump benehme sich „wie ein Pirat“. Die Bundesregierung sei mittlerweile „vollkommen gesetzlos.“ Und jetzt sei es an Minnesota, an vorderster Front um die Reste der amerikanischen Demokratie zu kämpfen.
Der Bürgerkrieg, von dem sonst nur geflüstert wird, sagt Tony, habe schon längst begonnen und beruft sich dabei auf Gouverneur Tim Walz. Der hatte in einer Rede nach dem Mord an Renee Good das legendäre erste Freiwilligenregiment von Minnesota zitiert, das 1863 in der entscheidenden Schlacht des Bürgerkriegs in Gettysburg unter enormen Verlusten die Stellung gehalten und somit den Sieg der Union gesichert hatte. Auf diese Tradition, so Walz, müsse Minnesota sich nun besinnen.
Radikales Vermächtnis
Eben diese Tradition der Renitenz ist es freilich auch, die Trump ein Dorn im Fleisch ist. Minnesota hat eine lange Geschichte linker Politik und des Kampfes um Bürgerrechte, nicht zuletzt dank der vielen deutschen und skandinavischen Einwanderer, die radikale Ideen aus Europa mitbrachten. „Es gab in Minneapolis 1934 den ersten Generalstreik der USA“, weiß Tony, ein Streik, der nicht zuletzt von seiner Partei ausging.
Das Industriezentrum des Mittleren Westens wurde einen ganzen Sommer lang lahmgelegt. 67 Menschen kamen um. Das Ereignis beschleunigte in den ganzen USA jedoch die Organisation der Arbeiter in Gewerkschaften. In den 60er Jahren, im Zuge der Bürgerrechtsbewegung, war Minnesota wiederum ein wichtiges Zentrum linker Politik, insbesondere des Kampfes um indigene Rechte. Und Politiker wie Walz, die somalischstämmige Abgeordnete Ilhan Omar und die Senatorin Amy Klobuchar sehen sich ganz diesem Erbe verpflichtet. In Washington gehören sie zu den erbittertsten Gegnern Trumps.
David und Ryan
Nach guten anderthalb Stunden von Kundgebungen im Powderhorn Park setzt die Menge sich langsam in Bewegung, um ihren Demonstrationszug in die Straßen von Minneapolis zu tragen, hin zu der Stelle, an der Renee Good starb. Doch nicht alle sind so beherzt, in der Dämmerung noch mitzuziehen, als sich das Thermometer den Minus 20 Grad annähert. Viele stapfen durch den hart gefrorenen Schnee des Parks in umliegende Restaurants und Cafés, um sich aufzuwärmen.
Eine kleine Gruppe findet sich im Wohnzimmer von David Miller ein, der eine Viertelstunde vom Park entfernt im Herzen von Longfellow wohnt. Man sitzt bei einem Teller heißem Chili um den großen runden Tisch seiner Küche und resümiert, wie so oft in den vergangenen Tagen und Wochen, die Lage.
Revolution oder Bürgerkrieg?
Die Stimmung ist nach dem Nachmittag ein klein wenig hoffnungsvoller als in den vergangenen Tagen, die Gemeinschaft, die Solidarität haben der Seele gutgetan. Nicht nur, dass es so viele waren, die sich nicht einschüchtern lassen, sondern dass der Protest nun auch Bevölkerungsschichten erreicht, die vorher nicht aktiv waren. „Ich habe noch nie so viele Vorstädter bei einer Demo gesehen“, meint David, ein kerniger Mittfünfziger, der seit den Kämpfen um die Souveränität der Navajo in Minnesota in den 80er Jahren politisch aktiv ist. Sein Freund Ryan fügt an: „Und ich habe erstmals so viele junge Leute gesehen.“
Dennoch gibt es noch viele Fragen. Wie kann man die Energie, die jetzt in der Stadt herrscht, nutzen, um einen robusten Widerstand aufzubauen? Und vor allem, wie soll der aussehen? Wogegen kämpft man denn eigentlich und wie kommt man dem unberechenbaren Monstrum Trump bei?
Jose Luis Villasenor, ein mexikanischstämmiger Künstler, meint, man müsse Kurs halten und Stärke zeigen. Weiterhin durch engen Austausch den Druck auf ICE erhöhen und nicht klein beigeben. „Wir müssen zeigen, dass wir uns nicht verängstigen lassen. Wir haben Information und wir haben die Kraft des Volkes. Das sind starke Waffen.“ Der Grad der Vernetzung des Widerstands, lokal und national, habe alleine in den vergangenen Tagen enorm zugenommen.
Andere sind skeptisch, ob das alleine reicht. Man ist sich einig, dass der Mord an Renee Good ein Wendepunkt war, aber zu was? Ist es der Beginn einer Revolution und wie soll das aussehen? Und wieder die Frage – steht ein Bürgerkrieg bevor?
Der Schütze wird als Held gefeiert
David ist sich sicher, dass Trump es darauf anlegt. „Er will es wissen und die demokratische Partei hat das immer noch nicht kapiert. Die müssen aufwachen.“ Auf den Schuss in Minneapolis habe Trump nur gewartet. Ryan hat sogar den Verdacht, dass der Schütze, Jonathan Ross, sich im MAGA-Universum unsterblich machen wollte, indem er derjenige war, der den ersten Schuss gefeuert hat. In der Trump-Bewegung sei er jetzt schon ein Held.
Je länger das Gespräch geht, um so mehr legt sich eine Schwere über den Raum. Alles scheint möglich in den nächsten Tagen und Wochen, nichts wird mehr so sein, wie man es gewohnt ist. Gleichzeitig spendet die gemeinsame Entschlossenheit Trost. Man wird das durchstehen. Zusammen. Gleich was da kommt.
Am nächsten Morgen wartet Adam Levy in einem Café am Rande der Innenstadt. Adam trägt einen großen Cowboyhut, hat einen grauen Bart und ist freundlich, aber ernst. „Es sieht so aus, als ob es so weit ist“ ist einer der ersten Sätze, die er sagt.
Adam ist Musiker und Pädagoge und hat eine lange Geschichte politischer Arbeit. Schon als Student hat er sich für Einwanderer und Flüchtlinge eingesetzt und in Gefängnissen Musikunterricht gegeben. Und natürlich ist er auch am gegenwärtigen Widerstand gegen Trump und ICE beteiligt.
Der Endkampf hat begonnen
„Wir haben ja schon seit Jahrzehnten die Anzeichen dafür gesehen, dass es in den USA einmal so weit kommen kann“, sagt er. Da war der Rechtsruck des Lands seit Ronald Reagan, das Verschwinden von Gemeinschaft und Empathie, der wachsende Egoismus, der wachsende offene Rassismus. „Aber wir haben uns ja immer gesagt, so schlimm wird’s schon nicht werden.“ Doch jetzt sei es so schlimm geworden. „Unser Land geht gerade über die Klippe.“ Die Anwendung des „Insurrection Act“ durch Trump, also die Notstandsgesetzgebung, stehe unmittelbar bevor.
Er selbst und seine Freunde seien nun dabei, sich auf das Schlimmste vorzubereiten. „Ich kenne viele, die lernen, mit Waffen umzugehen.“ Denn eines sei für einen wie ihn, einen politisch aktiven Minnesotan klar – er wird das Land nicht kampflos Trump und seinen Schergen überlassen. „Vielleicht ist dies der Hügel, an dem es sich zu sterben lohnt.“
Man hat an diesem Wochenende deutlich das Gefühl, dass mit den Schüssen auf Renee Good der Endkampf um Amerika begonnen hat. Und das zentrale Schlachtfeld ist in diesen Tagen Minneapolis – eine Stadt, die einst dafür bekannt war, so angenehm und lebenswert und auch ein wenig langweilig zu sein wie kaum eine andere in den USA. Im Moment ist sie jedoch vor allem eisig, und das Eis ist so hart gefroren, dass keiner weiß, wie man es wegbekommen soll.
Aber Minneapolis ist auch voller hartgesottener Menschen, die sich hinaus trauen in die Kälte. Schon am nächsten Tag marschieren erneut Zehntausende durch die Straßen von Minneapolis. Die Sonne scheint und das Thermometer klettert auf Minus acht. Der Marsch bleibt friedlich und unbehindert. In St. Cloud, 100 Kilometer nördlich von Minneapolis, verscheucht derweil eine Meute von 50 somalischen Einwanderern einen ICE-Trupp, der in einem Markt Verhaftungen vornehmen wollte. Ein kleiner Triumph in einem Kampf, der gerade erst beginnt.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert