piwik no script img

Özdemirs WahlkampagneFür das Parteilogo braucht man eine Lupe

Nun startet der Wahlkampf im Südwesten offiziell. Cem Özdemir stellt in Stuttgart seine Kampagne vor. Und versucht sich an der Rolle David gegen Goliath.

Cem Özdemir (B90/Die Grünen), Spitzenkandidat in Baden-Württemberg, freut sich, sich zu sehen Foto: Marijan Murat/dpa
Benno Stieber

Aus Stuttgart

Benno Stieber

Es ist der Startschuss für den Landtagswahlkampf, der eigentlich schon seit dem Sommer tobt. Am Wochenende stellten FDP und SPD ihre Kampagnen zur Landtagswahl am 8. März in Baden-Württemberg vor. Am Montag zog der bekannteste Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten nach. „Er kann es“, prangt neongelb auf dem tannengrünen Plakat neben dem Gesicht von Cem Özdemir. Für das Parteilogo braucht man dagegen eine Lupe.

Klima, Wirtschaft, Bildung, das sind die drei Themen, die die Plakate adressieren, jeweils mit dem passenden Gesichtsausdruck des Spitzenkandidaten. Ob im Verlauf auch Kretschmann zum Plakat-Einsatz kommen soll („Sie kennen ihn“), wie im Herbst auf dem Landesparteitag, das wollte Özdemir nicht bestätigen.

„Menschen vertrauen Menschen“, sagt Dirk Hippeler von der Werbeagentur Jung von Matt, die die Kampagne entworfen hat. Und der Werber freut sich, wenn man bei dem Claim „Der kann es“ mitdenkt: Der andere, Manuel Hagel von der CDU, 37 Jahre alt und ohne direkte Regierungserfahrung, kann es wohl nicht. Denn die Grünen verbieten sich – zum Leidwesen der Werber – direktere Attacken auf den Mitbewerber. Seitenhiebe auf die CDU sind Chefsache. Etwa wenn Cem Özdemir dem bisherigen Koalitionspartner CDU unterstellt, im Geiste schon die Hannah-Arendt-Bücher im Staatsministerium „für ein Mappus-Porträt“, also ein Bild des letzten ungeliebten CDU-Ministerpräsidenten, beiseitezuräumen.

Ja, „Netzwerke ausrollen“, das könne die CDU immer noch, sagt Özdemir und erinnert daran, dass Winfried Kretschmann die „Wasserwerferpolitik“ seines Vorgängers durch eine Politik des Gehörtwerdens ersetzt habe. Özdemir versteht es also, sich und seine Partei trotz 16 Jahren Regierungsverantwortung im Land als kleinen David gegenüber dem Unions-Goliath zu präsentieren.

Neues Wahlrecht, junge ErstwählerInnen

Neben dem grünen Spitzenkandidaten haben sich seit der letzten Landtagswahl für alle Parteien ein paar Rahmenbedingungen geändert. Etwa das Wahlrecht. Wie bei der Bundestagswahl haben die Badenerinnen und Württemberger erstmals zwei Stimmen. Und es war ein Anliegen der Grünen, dass das Wahlalter auf 16 Jahre gesenkt wurde. Auf beides nimmt die Kampagne der Grünen aber nur bedingt Rücksicht. Man führe trotz vereinzelter Chancen auf Direktmandate, etwa in Freiburg oder Stuttgart, ganz klar eine Zweitstimmenkampagne, erklärt Parteichef Pascal Haggenmüller. „Unser Ziel ist es, die größte Fraktion und damit auch den Regierungschef zu stellen.“

Um Erstwähler über Social Media anzusprechen, müssen alle Parteien zudem erstmals auf zielgruppengenaue klassische Werbespots verzichten. Das hat mit einer EU-Verordnung zu tun, die Dokumentationshürden so hoch legt, dass Meta und X ganz auf Parteienwerbung und das datenschutzkritische Targeting dafür verzichten. Für Cem Özdemir ist die Reglementierung das geringere Problem, denn er hat immerhin 183.000 eigene Follower auf Instagram, die er eifrig mit Filmen versorgt; sein Gegner Manuel Hagel gerade mal 22.000.

In der grünen Partei komme der personenzentrierte Wahlkampf bestens an, beteuert der Parteivorsitzende Haggenmüller. Und Özdemir hält noch eine Spitze bereit, um die Geschlossenheit seiner Partei zu betonen. Die CDU zähle bei ihren Parteitagen anders als die Grünen. Bei der Union zählte nur zum Ergebnis, wer an der Abstimmung teilnimmt, bei den Grünen dagegen die Prozentzahl aller registrierten Delegierten. Özdemir betont: „Ich hab 97 echte Prozent auf dem Parteitag gekriegt. Das muss uns erst mal jemand nachmachen.“ Würde die CDU so rechnen wie die Grünen, hätte deren Spitzenkandidat in seiner Partei nur eine Zustimmung von 93,8 Prozent gehabt. Man merkt Özdemir bei diesem etwas unentspannten Rechenbeispiel an: Es könnte in diesem Wahlkampf auf feine Unterschiede ankommen.

Gemeinsam für freie Presse

Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen

Mehr zum Thema

0 Kommentare

  • Noch keine Kommentare vorhanden.
    Starten Sie jetzt eine spannende Diskussion!