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Friedensforscher über Aufrüstung„Man darf die Utopie nicht komplett aus dem Auge verlieren“

Friedensforscher Ulrich Kühn hält Aufrüstung derzeit für notwendig. Er fragt sich aber: kommen wir da jemals wieder raus?

Reinschlüpfen? Easy! Aber kommt man da wieder raus? Der ehemalige Kanzler Olaf Scholz (SPD) bei der Begutachtung eines Panzers Foto: Marcus Brandt/dpa

Interview von

Wilfried Hippen

taz: Herr Kühn, mussten Sie nicht ständig Ihren Vortrag umschreiben, weil fast täglich zu diesem Thema neue Lunten angezündet werden?

Ulrich Kühn: Das stimmt! Ich werde den Vortrag vielleicht sogar noch an dem Tag, an dem ich ihn halten werde, anpassen müssen. Momentan bewegt sich das Weltgeschehen nicht nur gefühlt, sondern tatsächlich in einer Geschwindigkeit, die wir so noch nicht gekannt haben. Nach meiner Diagnose spricht dies für eine Übergangszeit von einer Phase der Stabilität, die zumindest Europa die letzten drei Jahrzehnte bestimmt hat, zu einer Phase der Instabilität, von der wir aber noch nicht wissen, wie sie konkret aussehen wird.

taz: Bis vor wenigen Jahren war es ein Widerspruch in sich, wenn ein Friedensforscher wie Sie sich grundsätzlich für eine Aufrüstung positioniert hat.

Ulrich Kühn: Ja, und das ist tatsächlich auch eine Kritik, die an mich persönlich und Kol­le­g*in­nen herangetragen wurde. Aber in der Friedensforschung müssen wir uns ja damit beschäftigen, wie die Welt ist, bevor wir uns Gedanken darüber machen, wie sie sein sollte. Natürlich möchte auch ich wieder dahin kommen, dass wir ein kooperatives Sicherheitssystem in Europa haben, das inklusiv und fair ist und bei dem nicht die krude Sprache der Macht das letzte Wort hat. Aber wenn wir etwa sehen, was Russland in den letzten 25 Jahren getrieben hat, müssen wir uns fragen: Wer ist als Nächster dran? Und wären wir überhaupt fähig, uns zu verteidigen? Und weil wir das zurzeit nicht sind, kommen wir nicht darum herum, aufzurüsten.

Bild: IFSH
Im Interview: Ulrich Kühn

ist Leiter des Forschungsbereichs Rüstungskontrolle und Neue Technologien am Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik (IFSH) der Uni Hamburg. Er leitet auch ein gleichnamiges Forschungs- und Transferprojekt in Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt.

taz: Was liegt dabei besonders im Argen?

Ulrich Kühn: Es sind die Nationalstaaterei und die Bürokratie, die mir Sorgen machen. Denn es ergibt natürlich keinen Sinn, wenn die Deutschen einen bestimmten Typus Panzer anschaffen und die Polen und die Slowenen einen ähnlichen Typ selber herstellen, obwohl das viel teurer ist. Da müsste eine Arbeitsteilung erreicht werden, damit nicht absurd viel Geld verbrannt wird. Denn natürlich werden wir in den nächsten Jahren und wahrscheinlich auch Jahrzehnten viel Geld für die Verteidigung ausgeben und wir brauchen darüber einen Diskus in der Zivilgesellschaft und in der Politik, weil dieses Geld an anderer Stelle fehlen wird.

taz: Ist auch ein Einsatz von atomaren Waffen wieder zu einer realen Möglichkeit geworden?

Ulrich Kühn: Wenn man sich die heutige Lage ansieht, dann sind die Leute, die da überwiegend am roten Knopf sitzen wie Trump, Xi Jingping, Kim Jong Un, Netanjahu oder Putin sehr fragwürdige Gestalten. Eine Sache, an der ich als Wissenschaftler zurzeit arbeite, ist die Herbstkrise des Jahres 2022. Damals sind wir nach Erkenntnis der US-Geheimdienste relativ nah in den Bereich gekommen sind, wo die Russen darüber nachgedacht haben, unter Umständen taktische Nuklearwaffen in der Ukraine einzusetzen.

taz: Was hätte das bedeutet?

Und das wäre der größte Zivilisationsbruch der letzten 100 Jahre gewesen, weil seit 1945 das sogenannte nukleare Tabu gegolten hat. Und das war eine Errungenschaft der Menschheit, auf die wir durchaus stolz sein können. Bei meiner Arbeit daran bin ich noch ganz am Anfang, weil es dabei zu einem Großteil um klassifizierte Informationen geht, an die man natürlich nicht herankommt. Aber es zeigt uns, dass wir wieder in einer Welt leben, in der diese Waffen scheinbar nicht nur eine theoretische Funktion im Sinne ihrer psychologischen Wirkung erfüllen, sondern auch für bestimmte Staaten eine praktische Funktion haben könnten.

Vorlesung für Alle

„Krieg und Aufrüstung: Kommen wir da je wieder raus?“ 20.1., 19 Uhr, Schauspielhaus Hamburg, Malersaal

taz: Wie ernsthaft können Sie die Frage in Ihrem Vortragstitel „Kommen wir da je wieder raus?“ heute überhaupt noch stellen?

Ulrich Kühn: Als Friedensforscher darf man die Utopie am Firmament nicht komplett aus dem Auge verlieren, obwohl nur wenig dafür spricht.

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