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Schulfach Jura„Rechtsbildung lässt Po­pu­lis­ten unattraktiver werden“

Juristische Grundlagen müssen zum Schulfach werden, fordert der Anwalt und Hochschullehrer Andreas Gran. Das würde auch helfen im Kampf gegen die AfD.

Welche Bilder darf ich hochladen, welche nicht? Rechtsbildung ist auch digitale Bildung Foto: imago

Interview von

Svenja Bergt

taz: Herr Gran, Sie sind Jurist, arbeiten als Hochschullehrer und Anwalt. Solche Menschen werden üblicherweise von ihrem Umfeld gern befragt, wenn sie ein juristisches Problem haben. Was war Ihr letzter Fall?

Andreas Gran: Gestern rief mich der Freund eines Sohnes an und fragte mich, was er bei einem Mietvertrag beachten solle. Der junge Mann studiert und hat wohl einen Standardmietvertrag vorgelegt bekommen. Ich habe mir dann gern Zeit genommen, um mit ihm darüber zu sprechen, und ihm unter anderem erklärt, dass er keine lange Laufzeit vereinbaren sollte. Denn nach deutschem Recht verlängern sich Wohnraummietverträge grundsätzlich ohnehin automatisch – und es ist wahrscheinlich nicht im Interesse eines Studierenden, sich zwei, drei Jahre zu binden.

taz: Sind solche Situationen mit ein Grund dafür, warum Sie finden, es brauche mehr Rechtswissen schon bei Jugendlichen und Heranwachsenden?

Gran: Absolut. Spätestens wenn junge Menschen von zu Hause ausziehen, merken sie: Oje, da prallt mir jetzt die volle monetäre Leistungs- und Konsumgesellschaft entgegen, mit all ihren Fallen. Da kann schnell Frust aufkommen, das Gefühl, abgehängt zu werden. Als Hochschullehrer und Vater dreier Söhne ist es mir daher ein Bedürfnis, etwas gegenzusteuern.

Bild: Privat
Im Interview: Andreas Gran

Andreas Gran, 58, ist Professor für Rechtswissenschaften an der privaten International School of Management mit deutschlandweit mehreren Standorten. Sein Ratgeber „Rechtswissen für junge Menschen“ ist kürzlich im Wochenschau-Verlag erschienen.

taz: Wann haben Sie angefangen, Ihren Kindern rechtliches Basiswissen zu vermitteln?

Gran: Für meinen jüngsten Sohn habe ich, als er erst etwa sieben Jahre war, eine kleine Vorlesung unter vier Augen gehalten, damit er sieht, was ich beruflich mache. Kindgerecht natürlich, es ging um die Rechte, die man hat, wenn neu gekauftes Spielzeug, beispielsweise eine Playmobilfigur, schon kaputt ist. Und hinterher hatte er verstanden: Man kann einfordern, dass Ver­käu­fe­r:in­nen für eine Reparatur sorgen oder eine neue Spielfigur schicken. Geld zurück gibt es aber nicht gleich.

taz: Ernährung, Finanzbildung, Digitalkompetenz – es scheint, dass Ex­per­t:in­nen jeweils immer fordern, genau ihr Fachbereich müsse zum Schulfach werden. Warum sollte Rechtsbildung wichtiger sein als der Rest?

Gran: Das ist eine berechtigte Frage. Tatsächlich besteht die Gefahr, dieses Thema aus dem Blickwinkel der eigenen Blase zu sehen. Aber es ist doch so: Das gesamte Zusammenleben von Menschen basiert auf Regeln. Und ein großer Teil der Regeln, die bei uns gelten, sind eben die Gesetze. Die Finanzwirtschaft beruht darauf, der Konsum, die Digitalisierung, sogar ein großer Teil des alltäglichen Miteinanders. Und wer nicht weiß, wie ein Vertrag abgeschlossen werden kann und wie man vielleicht wieder rauskommt, der kann beispielsweise auch keinen guten Vertrag für eine Geldanlage abschließen.

taz: Kommen Jugendliche und junge Erwachsene heute mehr in Kontakt mit dem Rechtssystem als vor vielleicht 20 Jahren?

Gran: Ja, sehr viel stärker. Unsere überhitzte Konsumgesellschaft ist voll ausgerichtet auf die teilweise unbedarften Jugendlichen mit ihren Sneakers, mit ihren Energydrinks, mit ihren Onlineplattformen, mit dem ganzen Kommerz. Junge Menschen sind eine ganz wichtige Zielgruppe geworden. Das sieht man, wenn man sich die Werbung anschaut. Dazu kommt das Internet: Als junger Mensch kommt man heute um Plattformen wie Tiktok, Instagram oder Whatsapp gar nicht drum herum. Genau dafür schließt man ständig Verträge.

taz: Zum Beispiel?

Gran: Das beginnt beim Anmelden, wo man Allgemeine Geschäftsbedingungen und die Datenschutzrichtlinie abnicken muss. Und bei der Nutzung geht es gleich weiter: Welche Bilder darf ich hochladen, welche nicht? Was, wenn jemand anderes unvorteilhafte Fotos von mir dort eingestellt hat? Wie kann ich ein Abo, etwa bei einem Streamingdienst, wieder kündigen? Was muss ich wissen, um überhaupt erst mal einen Mobilfunkvertrag abzuschließen?

taz: Es geht also eigentlich um digitale Bildung?

Gran: Rechtswissen ist auch die Grundlage für das digitale Miteinander. Nehmen wir diese ganzen Onlinespiele. Mein Sohn wollte neulich für eines dieser Spiele so eine Guthabenkarte für 10 Euro kaufen. Ich hab das erst gar nicht verstanden. Aber dann hat er mir erklärt: Damit kriege ich ein besseres Trikot für meinen Basketballspieler beim Computerspiel „NBA 2025“. Innerhalb eines Video- oder Handyspiels etwas zu kaufen, das ist mittlerweile total gängig. Das ist für unsere Generation wirklich schwer verständlich: Warum kauft sich jemand ein rein digitales Trikot, das nur in diesem fiktiven Spiel funktioniert? Aber so ist heute die Realität – und damit müssen wir als Eltern und auch als Ju­ris­t:in­nen umgehen.

taz: Leh­re­r:in­nen werden einwenden, dass man oft nicht umsonst ein halbes Dutzend Jahre studiert haben muss, um in Deutschland das Jurastudium abzuschließen – und ihnen als Päd­ago­g:in­nen dieses Wissen fehlt. Was entgegnen Sie?

Gran: Es gibt alleine auf Bundesebene etwa 5.000 Gesetze und Verordnungen. Insofern kann ich diese Sorge nachvollziehen – und würde sie den Päd­ago­g:in­nen gern nehmen. Denn allzu umfangreiches Wissen ist gar nicht nötig, es geht um ganz wesentliche Aspekte des Zusammenlebens. Ich arbeite an einer Hochschule, an der junge Menschen BWL studieren. Dafür biete ich eine Art Jura-Einstiegsvorlesung. Gut 30 Stunden Basics, das muss man wissen: Wie schließe ich einen Vertrag ab? Wie komme ich aus dem Vertrag raus? Was sind Allgemeine Geschäftsbedingungen? Wann hafte ich? Wie gründe ich ein Unternehmen? Was passiert rechtlich im Job? Was passiert, wenn ich eine vereinbarte Leistung nicht ordentlich erbringe? Das sind wirklich keine allzu komplizierten Sachen. Natürlich machen Ju­ris­t:in­nen sie gern kompliziert, die verdienen ja auch gut daran. Aber für das Grundverständnis reicht so ein Crashkurs aus.

taz: Wie kommen Lehrende an dieses Wissen?

Gran: Lehrkräfte können sich das mit Einstiegsliteratur selbst aneignen. Und wenn dann vielleicht noch eine Rechtsreferendarin in den Unterricht dazu kommt oder mal ein Richter – dann ist das doch eine runde Sache. Was mir dabei auch wichtig ist: Wenn wir an Schulen Rechtsbildung hätten, dann wäre das auch ein Beitrag für gesellschaftliche Teilhabe.

taz: Wie meinen Sie das?

Gran: Ich nehme bei vielen Menschen heute – nicht nur, aber auch jungen Menschen – ein starkes Gefühl des Abgehängtseins wahr. Die da oben versus wir da unten, Ohnmachtsgefühle. Ich bin überzeugt davon, dass diese Gefühle eine Rolle spielen dabei, wenn Menschen bei Wahlen ihr Kreuz bei besonders rechten Parteien machen.

taz: Sie meinen, Rechtsbildung in Schulen würde die AfD unattraktiver machen? Ist das nicht ein bisschen viel?

Gran: Natürlich würde etwas Rechtsbildung nicht gleich Po­pu­lis­t:in­nen aus den Parlamenten fegen, aber ja: Ich glaube, das wäre ein Faktor, der sie unattraktiver werden ließe, insbesondere bei jungen Menschen mit fehlender Zuversicht in unsere freiheitliche Demokratie. Zum einen, weil das Wissen um die eigenen Rechte ein Selbstbewusstsein und ein Vertrauen in die Teilhabe fördert. Es schafft Stärke und ein großes Gefühl von Selbstwirksamkeit, die eigenen Rechte zu kennen und sie gegebenenfalls durchsetzen zu können. Dann sind junge Menschen wehrhafter gegenüber Angst- und Frustmache.

taz: Und zum anderen?

Gran: Es verringert die Kluft zu Politiker:innen, die Gesetze machen und damit unser Leben gestalten – denn das sind überdurchschnittlich häufig Jurist:innen. Unser Bundeskanzler ist Wirtschaftsanwalt, sein Vorgänger ganz genauso. Letztlich nehmen wir Autokrat:innen, denen aufklärende Breitenbildung ohnehin nicht behagt, den Wind aus den Segeln, wenn unser Zusammenleben ohne staatliche Eingriffe solidarisch, sozial kompetent und geregelt funktioniert. Dafür müssen wir aber über die Regeln im Bilde sein.

taz: Wenn Jugendliche also eine Sache über Recht wissen sollten, welche geben Sie ihnen an dieser Stelle mit?

Gran: Nur nicht ehrfürchtig erstarren aus Scheu vor der Komplexität. Recht ist keine rocket science, wenn es um im Alltag hilfreiche Grundkenntnisse geht. Bei meinen Studierenden merke ich schon nach dem kurzen Crashkurs ganz viele Aha-Effekte.

taz: Und was das Juristische angeht?

Gran: Es ist ganz wichtig zu verstehen, wie Verträge zustande kommen. Das muss meistens nicht mit Papier und Unterschrift sein. Es reicht schon eine Unterhaltung, bei der jemand Außenstehendes das als Vertragsschluss verstehen würde. Also, wenn jemand sagt: „Die Wohnung gefällt uns total gut, die nehmen wir.“ Dann ist das, wenn es vorher das Angebot gab, ein Vertragsschluss. Auch Arbeitsverträge können mündlich geschlossen werden. Schon dieses Wissen trägt dazu bei, im Leben seltener über den Tisch gezogen zu werden.

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