1.421 Tage Krieg in der Ukraine: Länger als der Große Vaterländische Krieg
Russland führt jetzt schon länger Krieg gegen die Ukraine als Nazideutschland gegen die Sowjetunion. Die Menschen sind demoralisiert.
R usslands vollumfänglicher Krieg gegen die Ukraine dauert, Stichtag 12. Januar, genauso lange wie der Krieg Nazideutschlands gegen die kommunistische Sowjetunion. In der UdSSR wurde die Zahl „1418“ häufig verwendet, um den Heldenmut des sowjetischen Volkes im sogenannten Großen Vaterländischen Krieg hervorzuheben. Diese Narrative wurden später von Putins Russland übernommen, wobei der Fokus auf dem außergewöhnlichen Beitrag der Russen zum Sieg über den Nationalsozialismus lag.
In der Ukraine werden Anfang 2026 die 1.418 Tage des deutsch-sowjetischen Krieges von 1941 bis 1945, die Wladimir Putin heilig sind, mit dem Fiasko seiner Pläne einer schnellen Eroberung der Ukraine in Verbindung gebracht. Wie die Naziführung setzte auch Putin auf einen Blitzsieg. Doch dieser Plan scheiterte.
Der Preis für dieses Versagen ist auf dem städtischen Friedhof von Sumy deutlich sichtbar. Dort wehen überall blau-gelbe Fahnen sowie Banner der Kampfbrigaden der Gefallenen. Ein Trauerzug bewegt sich auf einer durch Netze vor Drohnen geschützten Straße in Richtung Friedhof. Nur 20 Kilometer weiter befinden sich russische Truppen.
Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne
Die Mutter von Oleksandr Steblin, einem gefallenen Soldaten der Ljubart-Brigade, bedankt sich bei den Kameraden ihres Sohnes, die zur Bestattung gekommen sind. „Danke, dass ihr Sascha vom Schlachtfeld geholt habt, damit ich meinen Sohn ein letztes Mal berühren kann“, sagt die Frau unter Tränen. Der Vater des Verstorbenen singt die ukrainische Nationalhymne, während der Sarg seines Sohnes in das Grab hinabgelassen wird. Beim anschließenden Gedenkessen bittet er die Freunde des Verstorbenen, ihm zu versprechen, den Krieg zu überleben und auf sich selbst aufzupassen.
Die 1.418 Tage der beiden größten Kriege in Europa innerhalb von 100 Jahren hatten unterschiedliche Dimensionen. In der ersten Phase des Krieges in der UdSSR rückte die Wehrmacht über 1.500 Kilometer vor und stand bei Moskau und Stalingrad. Russlands „Erfolge“ im Krieg gegen die Ukraine beschränkten sich bislang jedoch auf nur einige Hundert Kilometer.
berichtet als freier Journalist aus der Ukraine. Er lebt im westukrainischen Luzk und war Teilnehmer eines Osteuropa-Workshops der taz Panter Stiftung.
Hitler hatte keine effektiven Langstreckenwaffen, um Moskau anzugreifen. Russland erwies sich, wie schon das Dritte Reich zuvor, als unfähig, allein Krieg zu führen – es rekrutierte Verbündete aus Iran, Nordkorea und Söldner aus aller Welt.
Putin wartete bis zum strengen Frost Anfang Januar, um in der Ukraine mit Raketen die Energieinfrastruktur zu zerstören. Auf dem Rückweg von Sumy war das gesamte linke Ufer Kyjiws in Dunkelheit und Kälte versunken da. Nur Autoscheinwerfer erhellten die Nacht. Die Menschen hatten Feuer in den Innenhöfen angezündet und grillten Fleisch. Auf Gaskartuschen erwärmten sie Wasser und füllten es in Wärmflaschen für ihre Kinder. Der starke Schneefall in der Ukraine, zum ersten Mal seit fünf Jahren, bereitet wenig Freude. Der Bürgermeister rief die Leute auf, Kyjiw temporär zu verlassen. Ähnlich lange Stromausfälle hatte es schon in den Millionenstädten Odessa und Dnipro gegeben.
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Während sich unser Auto seinen Weg durch die Schneewehen der dunklen Hauptstadt bahnt, lese ich auf meinem Handy die Ergebnisse der neuesten Umfrage des Kyjiwer Internationalen Instituts für Soziologie (KIIS). Ende Dezember 2025 waren noch 68 Prozent der Ukrainer bereit, den Russen so lange Widerstand zu leisten, wie es nötig ist. „Aber die Erzählung von einer ‚düsteren und hoffnungslosen Zukunft der Ukraine‘ demoralisiert die Menschen. Und obwohl derzeit selbst unter den Pessimisten noch die Meinung vorherrscht, den Widerstand gegen den russischen Feind fortzusetzen, sehen wir dennoch eine große Neigung, einen ‚Frieden um jeden Preis‘ anzunehmen“, kommentiert KIIS-Direktor Anton Hrushetskyi die Umfrageergebnisse.
Aus dem Russischen Barbara Oertel
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