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Massenproteste in IranExilmedium zählt 12.000 Tote in Iran

Recherchen zufolge hat sich seit dem 28. Dezember das größte Massaker der jüngeren iranischen Geschichte ereignet. Informationen aus dem Land sind rar.

Eines der wenigen aktuellen Bilder aus Iran: Leichen und Trauernde nach Razzien am Rande Teherans (Social Media Video, circa 9.-11.01. 2026) Foto: ap

Am Ende des sechsminütigen Videos sammeln Menschen Leichen vom Asphalt. Polizisten zerren eine angeschossene Person über den Boden in eine Polizeistation. Davor sind Hunderte Schüsse zu hören. Der Clip, den der BBC-Investigativjournalist Farzad Seifikaran am Mittwoch auf X veröffentlicht hat, stammt aus Iran, aus dem Teheraner Stadtteil Tehranpars, und ist ein Zusammenschnitt einzelner Szenen vom Freitag. Das Video ist eines der wenigen Zeugnisse aus dem Land, die die Außenwelt derzeit erreichen.

Seit Donnerstag war das Land weitgehend von der Außenwelt abgeschnitten. Nationale Anrufe funktionierten Berichten zufolge nur stundenweise. Internet und internationale Telefonate waren hingegen vollständig blockiert. Letztere sind seit Mittwochmorgen wohl teilweise wieder möglich, viele Handynummern waren aber weiter nicht aus dem Ausland erreichbar.

Es ist eine koordinierte Kommunikationssperre der Machthaber, damit sich Informationen über Proteste möglichst nicht verbreiten, keine Bilder auch über Gewaltanwendung des Regimes nach außen dringen und Organisation unter Protestierenden verunmöglicht wird.

Nur vereinzelt gelangen Videos nach außen, beispielsweise über das Satellitennetzwerk Starlink. Sie zeigen Leichensäcke, die sich stapeln. Menschen versuchen verzweifelt, ihre Angehörigen zu identifizieren. Familien berichten, sie müssten „Kugelgeld“ zahlen – umgerechnet rund 4.800 Euro –, um die Leichen ihrer getöteten Kinder freizubekommen. Andere werden gezwungen, falsche Sterbeurkunden zu unterschreiben: Herzinfarkt oder Organversagen als Todesursache. Wieder andere sollen öffentlich erklären, ihre Kinder seien Mitglieder der Basidschmilizen gewesen, die von Protestierenden getötet wurden. Ärz­t:in­nen zufolge sind die Krankenhäuser überfüllt, es fehlt an Chirurgen.

Historisches Verbrechen

Mindestens 12.000 Menschen sollen während der jetzigen Protestwelle, die am 28. Dezember begann, vom Regime getötet worden sein, die meisten am Donnerstag und Freitag. Die Zahl hat das iranische Exilmedium Iran International recherchiert, gestützt auf Quellen aus dem Obersten Nationalen Sicherheitsrat, dem Präsidialamt, der Revolutionsgarde, medizinischen Einrichtungen sowie auf Aussagen von Au­gen­zeu­g:­in­nen und Angehörigen. Der Sender spricht von einem historischen Verbrechen. Sollte sich die Zahl bestätigen, wäre es das größte Massaker der jüngeren iranischen Geschichte. Unabhängig überprüfen lässt sich das derzeit nicht. Genau das ist Teil des Problems.

Die Staatsmedien der Islamischen Republik sprechen von „Unruhen“, „Randalierern“ und ausländischer Verschwörung. Im Fernsehen werden inhaftierte Protestierende vorgeführt. Sie behaupten von sich, sie seien Agenten des israelischen Geheimdienstes Mossad und aus dem Ausland bezahlt worden, um Unruhe zu stiften. Menschenrechtsgruppen dokumentieren seit Jahren, dass solche angeblichen Geständnisse unter massivem Druck und Folter entstehen.

Parallel dazu inszeniert das Regime Bilder von angeblichen Massendemonstrationen von Menschen, die für die Islamische Republik auf die Straße gehen. Auch in den sozialen Medien kursiert dieses Narrativ. Faktenchecker entlarven jedoch, dass die Videos teilweise mit künstlicher Intelligenz erstellt worden sind. Einige dieser Videos stammen von der Trauerzeremonie für den 2020 getöteten Kommandeur Qasem Soleimani. Mit solchen Bildern versucht das Regime, das Narrativ zurückzuerobern.

Dass die Islamische Republik das Internet abschaltet, um Sichtbarkeit für die Proteste zu unterbinden, ist nicht neu. Im November 2019 kappte das Regime das Internet für fast eine Woche, als landesweit Menschen gegen die Führung protestierten. Laut der Nachrichtenagentur Reuters wurden damals rund 1.500 Menschen getötet. Auch diesmal deutet vieles darauf hin, dass gezielt mit scharfer Munition geschossen wird, auf Kopf, Gesicht und Herz. Vor allem junge Menschen unter 30 Jahren sollen betroffen sein.

Merz sieht iranisches Regime am Ende

Rund zwei Wochen nach Ausbruch der Proteste äußerte sich nun auch der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz. Nachdem der CDU-Politiker zunächst mit seinen französischen und britischen Amtskollegen ein Statement auf X veröffentlicht hatte, nannte er während seiner Reise nach Indien die Gewalt von Sicherheitskräften „brutal und unverhältnismäßig“. Weiter sagte er: „Ich rufe die iranische Führung auf, ihre Bevölkerung zu schützen, statt sie zu bedrohen.“ Darüber hinaus sagte er: „Wenn sich ein Regime nur noch mit Gewalt an der Macht halten kann, dann ist es faktisch am Ende. Ich gehe davon aus, dass wir jetzt hier auch gerade die letzten Tage und Wochen dieses Regimes sehen.“ Am Mittwochnachmittag bestellte das Auswärtige Amt den iranischen Botschafter ein. Zuvor hatten bereits Spanien und Finnland ihre iranischen Botschafter einbestellt.

Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, forderte, die Regierenden und Behörden Irans müssten sofort alle Formen der Gewalt und Unterdrückung gegen friedliche Demonstranten einstellen, verlangte Türk am Dienstag in Genf. Der Zugang der Menschen zum Internet müsse wiederhergestellt werden.

Die EU-Kommission arbeitet derweil nach Angaben ihrer Präsidentin Ursula von der Leyen daran, schon bald neue Sanktionen gegen Iran auf den Weg zu bringen. In „enger Zusammenarbeit“ mit der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas würden „schnell weitere Sanktionen gegen die Verantwortlichen“ für die Repressionen im Iran vorgeschlagen, erklärte von der Leyen am Dienstag im Onlinedienst X. Die steigende Zahl an Opfern infolge der Gewalt gegen Demonstrierende in Iran sei „entsetzlich“, fügte sie hinzu.

US-Präsident Donald Trump will unterdessen den Druck auf die Führung in Teheran erhöhen. Der Republikaner kündigte Strafzölle in Höhe von 25 Prozent auf Importe aus Ländern an, die mit Iran Geschäfte machen.

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