Krise auf dem russischen Arbeitsmarkt: Letzter Ausweg Krieg
Während der russische Arbeitsmarkt in einer tiefen Krise steckt, lebt der Kreml in einer Fantasiewelt. Wie die Kriegswirtschaft den zivilen Sektor in Russland aushöhlt.
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In der Zeit vom 8. bis 14. Januar 2026 öffnet Doxa mit dem folgenden Beitrag ein Fenster nach Russland.
Es liest sich wie aus Putins Wunschbuch, was der Kreml kürzlich verkündet hat. Die russische Wirtschaft habe sich demnach erfolgreich auf Krieg umgestellt, die Sanktionen seien wirkungslos verpufft und hätten sogar neue Wachstumschancen eröffnet.
Die Realität in den Unternehmen sieht jedoch anders aus. Überall gibt es eine sinkende Nachfrage, explodierende Kosten und fehlende Bauteile. Eine Recherche des russischen Exilmediums Doxa zeigt, wie die vermeintliche Kriegswirtschaft den zivilen Sektor aushöhlt. Der vollständige Text ist auf Russisch verfügbar.
Herbst 2025: Als einer der Ersten kündigte der Konzern Zemros – der größte Zementhersteller Russlands mit 18 Fabriken und rund 13.000 Mitarbeiter:innen – die Umstellung auf verkürzte Arbeitszeiten an. In den größten Industriebetrieben des Landes – GAZ, AvtoVAZ, Rostselmash und Uralvagonzavod – häufen sich Entlassungen, Produktionsstillstand und spürbare Einkommenseinbußen.
Immer mehr russische Unternehmen beginnen in zahlreichen Industriezweigen, ihre Belegschaften massenhaft auf Drei- und Viertagewochen umzustellen. Die offizielle Begründung lautet: Nachfragerückgang und die angebliche Notwendigkeit, „Arbeitsplätze zu sichern“. Formal bleibt die Beschäftigung bestehen, doch de facto tragen Arbeitnehmer:innen die Kosten in Form gekürzter Arbeitszeiten, sinkender Einkommen und wachsender verdeckter Arbeitslosigkeit.
Das drastischste Beispiel ist Rusal, das wichtigste Unternehmen der russischen Aluminiumindustrie. So wurde das Werk Kremnij in der Region Irkutsk zum 1. Januar 2026 geschlossen. Es ist eines von nur zwei russischen Unternehmen, die hochreines Silizium für die Chemie- und Elektronikindustrie produzieren.
Eine Wirtschaft des „Abbaus“
Expert:innen sprechen bereits von einer „Wirtschaft des Abbaus“. Zwar wurde die russische Wirtschaft kurzfristig durch hohe Militärausgaben angekurbelt. Staatliche Aufträge, eine rasche Ausweitung der Rüstungsproduktion und Investitionen in ausgewählte Fabriken und Regionen sorgten für Wachstum. Doch dauerhaft stabilisiert hat das nichts.
Das liegt auch am hohen Leitzins. Er macht Kredite und Leasing für kapitalintensive Branchen unbezahlbar. Investitionsprogramme werden eingefroren und die Anschaffungen von Maschinen und Ausrüstung wird zurückgefahren. Gleichzeitig haben die 2024 und 2025 verhängten Sanktionen der EU, der USA und ihrer Verbündeten Russland den Zugang zu Technologien und Industrieausrüstung versperrt. Im Maschinenbau deckten Importe in den Hightech-Segmenten zuvor laut Schätzungen der russischen Beratungsfirma Delovoy Profil 70 bis 80 Prozent des Bedarfs. Es ist nicht gelungen, sie schnell zu ersetzen.
Laut Daten der Jobplattformen Rabota.ru und SberPodbor bereiten sich derzeit etwa 12 Prozent der Unternehmen auf Entlassungen vor, das sind mehr als Ende 2024. Gleichzeitig sinkt die Nachfrage nach neuen Angestellten. Nur jedes vierte Unternehmen stellt derzeit aktiv ein. Der Arbeitsmarkt ist allmählich nicht mehr „defizitär“. Aber nicht, weil es den Menschen besser geht, sondern weil den Unternehmen schlicht das Geld ausgeht.
Besonders hart trifft es die Rohstoff- und verarbeitende Industrie. In der Kohleindustrie warnte Vizepremierminister Alexander Novak bereits im Frühjahr, dass rund 30 Unternehmen mit etwa 15.000 Beschäftigten von der Schließung bedroht seien. Zu Beginn des Herbstes bestätigten sich die Befürchtungen. Die Behörden von Kusbass teilten mit, dass bereits 17 Unternehmen geschlossen wurden. Seit Jahresbeginn ist die Zahl der offenen Stellen in der Region um 40 Prozent zurückgegangen.
Flucht in die Rüstungsindustrie – oder an die Front
Die Möbelindustrie, die sich aufgrund des regen Wohnungsbaus bislang noch relativ gut behaupten konnte, verzeichnete einen Rückgang von 8,1 Prozent. Die Metallindustrie schrumpfte um 3,3 Prozent, was vor allem Unternehmen aus dem Transport- und Bausektor betraf. In Tjumen schloss das Sperrholzwerk Sveza, wodurch 325 Menschen ihre Arbeit verloren. In der Region Tscheljabinsk legt das Metallwerk Asha seine Edelstahlabteilung still und entlässt über 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, vor allem aus exportorientierten Produktionsbereichen.
Uralvagonzavod (UVZ) – der größte Hersteller von Güterwagen, gepanzerten Fahrzeugen und anderen militärischen Produkten – bietet Mitarbeiter:innen aus dem zivilen Sektor Umschulungen und einen Wechsel in „militärische“ Werkstätten an, die mit Aufträgen gesichert sind.
Für viele bleiben nur zwei Auswege: Entweder ziehen sie als „Freiwillige“ in den Krieg – sofern es sich um Männer handelt –, oder sie bewerben sich bei Unternehmen des Verteidigungssektors wie dem Uralwaggonwerk, wo staatliche Aufträge derzeit noch für stabile Auslastung sorgen und es kaum Entlassungen gibt.
Die Rüstungsindustrie verschlingt den zivilen Sektor und zerstört damit ihre eigene Grundlage. Dass Russlands Kriegswirtschaft auf Zeit läuft, ist klar. Fragt sich nur, wie lange noch.
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