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Nach den Kämpfen rollen Räumfahrzeuge an, um die Zerstörungen der letzten Tage beiseitezuräumen Foto: Jonathan Funk

Gewalt in SyrienDie Rückkehr des Krieges

Nach den blutigen Kämpfen zwischen Regierung und Kurden bleibt in Aleppo die Angst vor einem neuen Krieg. Ein Besuch in einer Stadt im Ausnahmezustand.

I m Norden Aleppos staut sich der Verkehr. Schwer bewaffnete Soldaten und Sicherheitskräfte winken Autos im Kreisverkehr zur Seite, der seit Kurzem den Namen „Märtyrer der Revolution“ trägt. So steht es auf den Wänden des Steintürmchens in der Mitte des begrünten Kreisels geschrieben, auf Arabisch und Kurdisch.

Im vergangenen Sommer, dem ersten seit dem Sturz des Assad-Regimes, hatten sich genau hier Hunderte Be­woh­ne­r:in­nen des Viertels Aschrafijah versammelt. Auf Videos von jenem Julitag ist zu sehen, wie sie das damals frisch sanierte und umbenannte Wahrzeichen ihres Viertels einweihten. Mit Musik, Tanz und Pathos. Auf dem Dach des Turmes prangte ein großer roter Stern – ein Symbol für die kurdischen Milizen, die das Viertel seit Jahren kontrollierten.

Am vergangenen Sonntag reißt ein Kran den Stern herunter. An seiner Stelle steht danach ein in Zivil gekleideter Mann auf dem Turmdach und schwenkt die neue syrische Nationalfahne: grün, weiß und schwarz, drei rote Sterne. Jene Fahne, die ab 2011 zum Symbol der syrischen Revolution gegen das Assad-Regime wurde und einst Freiheit und Würde für alle im Land versprach.

Ein paar Dutzend Menschen rufen dem Mann von unten zu: „Geh einen Schritt zur Seite“, „Pass auf den Kran auf!“. Einige tragen Westen der Stadtverwaltung. Sie pfeifen, manche rufen „Allahu akbar“. Vor dem Himmel aus gelb-roten Wolken halten sie in der einsetzenden Dämmerung ihre Handys in die Höhe. Es ist der perfekt inszenierte Moment. Mit Bildern, die fast so wirkmächtig sind wie die Waffen, mit denen im Viertel wenige Stunden zuvor noch auf Häuser geschossen wurden. Bilder, die auch dem Letzten klarmachen sollen, wer nun die Macht innehat – im Viertel, in Aleppo und im Rest des Landes.

Letzter Vermittlungsversuch scheiterte

Die Kämpfe der vergangenen Woche zwischen Truppen der Regierung unter dem islamistischen Präsidenten Ahmed al-Scharaa und kurdischen Milizen haben den Krieg nach Syrien zurückgebracht. Ausgerechnet nach Aleppo: in diese geschichtsträchtige Stadt, die wegen ihrer Vielfalt immer als „Syrien im Kleinen“ galt – und im Bürgerkrieg brutal und großflächig zerstört wurde.

Dabei sollte Aleppo eigentlich als Test dienen, um Vertrauen zwischen Damaskus und der faktischen kurdischen Selbstverwaltung im Nordosten Syriens (auch Rojava genannt) aufzubauen. Im März 2025 unterzeichneten al-Scharaa und der Oberbefehlshaber der kurdisch angeführten Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), Mazlum Abdi, ein von Be­ob­ach­te­r:in­nen als historisch bezeichnetes Abkommen: Die Kur­d:in­nen wurden nach Jahrzehnten systematischer Unterdrückung als „integraler Teil des syrischen Staates“ anerkannt. Die Institutionen des Nordostens sollten bis Ende 2025 in den Staatsapparat integriert werden. Zivil wie militärisch.

Für Aleppo mit seiner SDF-Exklave wurde ein eigener Deal vereinbart. Die kurdischen Milizen sollten sich schrittweise aus den seit 2015 von ihnen gehaltenen Stadtteilen Aschrafijeh und Scheich Maksud sowie aus dem seit Ende 2024 unter ihrer Herrschaft stehenden Bani Said zurückziehen. Stattdessen sollten die Viertel künftig vom Innenministerium gemeinsam mit den Asajisch, den kurdischen Polizeikräften, übernommen werden.

Doch die Gespräche stockten, ein letzter Vermittlungsversuch scheiterte nach dem Jahreswechsel. Kurz darauf begann in Aleppo der Ausnahmezustand. Die taz war während der Kämpfe in und um Aleppo unterwegs und hat erlebt, wie schnell der vermeintliche Neuanfang in Syrien noch immer in Gewalt umschlagen kann.

Mittlerweile sind die drei Viertel in Aleppo unter der kompletten Kontrolle der Regierung. In der Stadt herrscht ein Waffenstillstand. Die Kämpfe sind indes nicht vorbei. Sie haben sich nun nach Osten, in Richtung des Euphrat, verlagert. Die Sorge vor einem neuen, großen Bürgerkrieg zwischen Damaskus und dem Nordosten wächst weiter.

YPG-Fahnen auf der Straße des Revolutionsmärtyrer-Kreisverkehrs in Aleppo. Eine Patrone zeugt von den Gefechten Foto: Jonathan Funk

Fristen, Ausgangssperren, militärische Zonen

Am vergangenen Donnerstag, als es in Aleppo gerade dunkel wird, nimmt das dumpfe Dröhnen zu. Auch am südwestlichen Stadtrand, wo die taz in einem Hotel untergekommen ist, feuern Regierungstruppen in Richtung der rund 8 Kilometer entfernten Stadtteile Aschrafijeh, Scheich Maksud und Bani Zaid. Von den Vibrationen springen die Alarmanlagen der parkenden Autos auf den Straßen an. Im Treppenhaus jammert eine ängstliche Katze.

Zu diesem Zeitpunkt ist es zwei Tage her, dass in und um die Viertel Gefechte zwischen Regierungstruppen und den SDF ausgebrochen sind. In den drei Stadtteilen leben die meisten Kur­d:in­nen Aleppos, aber auch andere Minderheiten wie Chris­t:in­nen und viele Araber:innen. Insgesamt sind es rund 450.000 Menschen.

In den Monaten nach dem Sturz des Diktators Baschar al-Assad war die Gewalt dort immer wieder eskaliert. Was dieses Mal genau den Anlass für die Zusammenstöße lieferte, ist ungewiss. Regierung und die SDF geben sich gegenseitig die Schuld. Schnell wird jedoch klar: So heftig und langanhaltend waren die Kämpfe noch nie. Das Militär greift die Viertel gezielt an, setzt der Zivilbevölkerung Fristen für die Flucht. Danach gelten Ausgangssperren, und die Gebiete werden zu militärischen Zonen erklärt.

Keine Zeit zum Zusammenpacken

Etwa 150.000 Menschen fliehen aus den Vierteln und den umliegenden Nachbarschaften, wo ebenfalls Geschosse einschlagen. Viele flüchten mit Bussen ins 40 Kilometer entfernte Afrin, nahe der türkischen Grenze, wo viele Kur­d:in­nen leben. Wer keine Verwandten hat, bei denen er unterkommen kann, dem bleiben nur die Notunterkünfte.

In einer kleinen Moschee führt eine Treppe hinab zu den Kellerräumen. Auf dem Boden liegen am vergangenen Freitag Matratzen und Wolldecken zum provisorischen Lager ausgebreitet. Einige Kinder spielen Fangen, andere sind erschöpft eingeschlafen oder starren apathisch auf die kargen Wände. Hanan Othman, sechsfacher Vater, zeigt auf seine nackten Füße: „Ich habe noch nicht einmal Socken oder Schuhe“, sagt er. Und auch kein Geld, von dem er als Tagelöhner ohnehin nicht viel besäße. Zum Zusammenpacken sei keine Zeit gewesen, so schnell habe er mit seiner Familie Aleppo verlassen, um sich in Sicherheit zu bringen.

„Wir wollen doch nur in Frieden und Sicherheit leben“, sagt der Kurde Hanan Othman Foto: Jonathan Funk

Längst nicht alle Zi­vi­lis­t:in­nen aus Aschrafijeh, Scheich Maksud und Bani Said entscheiden sich zur Flucht: aus Angst vor Plünderungen, aus Furcht vor den Regierungstruppen, in deren Reihen viele Islamisten kämpfen, die während des Bürgerkriegs und darüber hinaus von der Türkei unterstützt wurden. Oder aus Furcht, vielleicht nie wieder in ihr Viertel zurückkehren zu können.

2018 ging die Fluchtbewegung noch andersrum: Damals griffen die Türkei und von ihr unterstützte syrische Milizen Afrin an, um die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPJ), die die Region damals kontrollierten, zurückzudrängen. Tausende Menschen flohen in die kurdisch geprägten Viertel Aleppos.

Dort stellt die syrische Armee den SDF an diesem Tag ein Ultimatum: Entweder ziehen die kurdischen Einheiten mit Bussen in Richtung Nordosten ab, oder die Angriffe gehen weiter. Die erste Deadline bis 9 Uhr morgens ist bereits verstrichen. Die Menschen in der Notunterkunft in Afrin verfolgen die Nachrichten angespannt auf ihren Handys. „Wir wollen doch nur in Frieden und Sicherheit leben“, sagt der Kurde Othman. Sobald die Kämpfe vorbei sind, wolle er nach Aleppo zurückkehren. Egal wer die Viertel dann regiere? „Ja“, sagt er.

Vermeintliche Spitzel

Doch nicht alle sehen das so. In einem abgetrennten Raum im Moscheekeller bittet die 44-jährige Oum Sara, auf einer der Matratzen Platz zu nehmen. Der echte Name der Kurdin soll nicht genannt werden. „Ich habe zu große Angst“, sagt sie. Bis vor wenigen Tagen habe die geschiedene und verarmte Frisörin noch in einem Gefängnis in Aschrafijeh eingesessen, unrechtmäßig verurteilt wegen Spionage – sagt sie.

Oum Sara erzählt, dass vor zwei Jahren jemand versucht habe, sie über eine Chat-App zu rekrutieren. Für Geld sollte sie Informationen über die kurdischen Milizen im Viertel sammeln. Sie habe abgelehnt. Eine andere Frau, der sie die App zuvor empfahl, habe ebenfalls eine solche Anfrage erhalten und Oum Sara daraufhin als vermeintlichen Spitzel bei den Behörden im Viertel gemeldet. Ihre Unschuldsbeteuerungen hätten nichts genützt. „In Untersuchungshaft haben sie mich geschlagen“, sagt Oum Sara. „Ich bin selbst Kurdin und für Frauenrechte – aber ist es das, was man darunter versteht?“

Schließlich sei sie zu 15 Jahren Haft verurteilt worden. Erst mit dem Ausbruch der Kämpfe sei ihr und anderen Gefangenen die Flucht aus dem Gefängnis gelungen. Nun fürchte sie um ihr Leben, falls sie gefunden werde. Die taz kann Oum Saras Geschichte im Detail nicht überprüfen. Dass auch kurdische Milizen nicht gerade zimperlich mit Andersdenkenden und Inhaftierten umgehen, wird von Menschenrechtsorganisationen jedoch immer wieder kritisiert.

Nicht alle entscheiden sich zur Flucht: Aus Angst vor Plünderungen. Aus Furcht, nie wieder in ihr Viertel zurückkehren zu können

Wiederaufbauhilfen von 620 Millionen Euro

Längst sind die Kämpfe in Aleppo auch zu einem Schlachtfeld der Narrative geworden: Regierung und kurdische Führung erheben im Verlauf der Kämpfe gegenseitig schwere Vorwürfe. Im Netz kursieren unzählige Videos, die vermeintliche Racheakte und Gewalt an Zi­vi­lis­t:in­nen zeigen sollen.

Die Sorge, dass etwa Regierungstruppen Gräueltaten an Kur­d:in­nen begehen könnten, sind gerechtfertigt: Die Massaker an Ala­wi­t:in­nen an der Küste im März 2025 sowie die Eskalation der Gewalt im drusisch geprägten Suweida im vergangenen Sommer – bei denen Einheiten, die Damaskus unterstehen, ebenfalls Verbrechen an Zi­vi­lis­t:in­nen begangen haben sollen – haben Ängste geschürt, dass die Kur­d:in­nen die nächsten Opfer der Islamisten und Dschihadisten im Land sein könnten. Eine Verifikation der Videos, die nun mutmaßlich aus Aleppo stammen, ist das aber nicht.

Für die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, die ausgerechnet an diesem Tag nach Damaskus reist, könnte der Zeitpunkt angesichts der Gewalt in Aleppo nicht heikler sein. Im Gepäck hat sie ein Paket von Wiederaufbauhilfen in Höhe von 620 Millionen Euro. „Wir möchten, dass die Sy­re­r:in­nen eine echte Perspektive haben, in ihre Heimat zurückzukehren und ihr Leben wieder aufzubauen“, erklärt sie in ihrer Rede. Doch während sie diese Worte spricht, fliehen erneut Menschen aus dem Land.

Dunkler Rauch über Scheich Maksud

Auch eine verlängerte Deadline lassen die kurdischen Einheiten wegen Uneinigkeit verstreichen. In den darauffolgenden Stunden bringt die syrische Armee Aschrafijeh und Bani Said vollständig unter ihre Kontrolle. Bis auch Scheich Maksud fällt, scheint nur noch eine Frage der Zeit.

Aiman Naijeh wacht im Krankenhaus über seinen Sohn Ibrahim, der bei einem Drohnenangriff verletzt wurde Foto: Jonathan Funk

Am nächsten Morgen, dem vergangenen Samstag, steigt über dem Viertel Scheich Maksud noch immer dunkler Rauch auf. Das Universitätskrankenhaus von Aleppo ist fünf Kilometer entfernt. Dort werden neue Verletzte in die Notaufnahme eingeliefert: Frisch verwundete Soldaten mit klaffenden Wunden, die hastig auf Metallbetten umhergeschoben werden. Dazwischen Zivilist:innen. Eine Schwangere krümmt sich auf den harten Sitzbänken und hält sich den Bauch. Sie muss erst einmal warten.

In den oberen Stockwerken warten indes die Pa­ti­en­t:in­nen in ihren Betten, dass ihre Verletzungen heilen. So wie die von Ibrahim aus Scheich Maksud, 14 Jahre alt. Ein fiebrig-schwitziger Film liegt auf seinem zarten Jungengesicht.

Neben ihm auf dem Stuhl wacht sein Vater Aiman Naijeh über den Jungen. Ibrahim und sein kleiner Bruder seien nur kurz rausgegangen, um frische Luft zu schnappen, erzählt der Vater. Dann sei ein Pick-up mit kurdischen Milizen in die Straße der Familie eingebogen und von einer Drohne beschossen worden. „Baba, Baba – Ibrahim, Ibrahim“, habe das jüngere Kind geschrien. „Da habe ich gedacht, dass Ibrahim getötet wurde“, sagt Naijeh. Doch er fand den Teenager vor dem Haus, blutüberströmt, aber lebend, in einer Wolke aus Staub.

„Wir sind eins, Kurden und Araber“

Im nächsten Krankenhaus in Scheich Maksud sei es zu überfüllt gewesen. Ein Krankenwagen hätte sie schließlich raus aus dem Viertel geschafft, in dem die arabische Familie seit den 1970er Jahren lebe. Keines seiner Kinder, sagt Naijeh, sei während des Bürgerkriegs verletzt worden. Und jetzt das. Der Vater hebt die schwere Wolldecke an, in die sein Sohn gehüllt ist. Durch die weißen Verbände am linken Arm des Jungen drückt rotes Fleisch. „Der Nerv wurde verletzt“, sagt Naijeh. Ob sein Sohn je wieder alle Finger seiner Hand bewegen kann, sei ungewiss.

Der Vater ist wütend auf die kurdischen Milizen, die noch immer nicht vollständig aus dem Viertel abgezogen sind und die Kämpfe damit in die Länge zögen. Aber Naijeh sagt auch: „Wir sind eins, Kurden und Araber.“ Und deswegen sollten sie auch unter einer gemeinsamen Verwaltung, in einem gemeinsamen Land leben.

Wenige Autominuten vom Krankenhaus entfernt, im armenisch und christlich geprägten Viertel Suleimanijah, sorgt sich Vivian Daoud im Keller der syrisch-orthodoxen Kirche St. Ephräm der Syrer. Hier unten, hinter dicken Mauern, hat die Lehrerin gemeinsam mit rund hundert weiteren Menschen Zuflucht gefunden. Die meisten sind Chris­t:in­nen wie sie selbst, aber auch eine muslimische Familie ist unter den Schutzsuchenden.

Daouds kleines Lager teilt sie mit ihrem Mann und ihrem 19-jährigen Sohn, der ein schwaches Immunsystem hat. Ein kleines, mobiles Beatmungsgerät liegt deswegen griffbereit neben ihm. „Zu Hause haben wir es einfach nicht mehr ausgehalten“, sagt Daoud. Sowohl ihre Wohnung als auch die Kirche liegen unweit des Konfliktgebiets. Doch in der Tiefe, abgeschirmt vom Lärm der Einschläge der letzten Tage, fühlt sie sich sicher.

Geliebte geschundene Stadt

2011, erzählt Daoud, floh sie mit ihrer Familie vorübergehend nach Libanon. Acht Jahre lang lebten sie dort – eine Zeit, in denen Daoud die Spaltung im Nachbarland anhand religiöser Trennlinien erlebte. „In Syrien gab es so was im Vergleich dazu nicht“, sagt Daoud. Heute beobachte sie in Aleppo jedoch zunehmend ähnliche Spaltungen. Religion und ethnische Zugehörigkeit seien zuletzt wichtiger geworden. Dabei wünsche sie sich doch endlich Ruhe und Frieden für ihre geliebte geschundene Stadt, die nicht nur den Krieg, sondern auch das schwere Erdbeben von 2023 ertragen musste.

Die Spuren von beidem sind überall in Aleppo zu erkennen. Auch am Gebäude der Provinzverwaltung, in das während des Gesprächs in der Kirche am Nachmittag ein paar Straßenzüge weiter eine Drohne kracht. Drinnen läuft da gerade eine Pressekonferenz mit Re­gie­rungs­ver­tre­te­r:in­nen und dem Gouverneur von Aleppo. Die SDF weisen Vorwürfe der Regierung zurück, für den Angriff verantwortlich zu sein.

„Zu Hause haben wir es nicht mehr ausgehalten“, sagt Vivian Daoud, die mit ihrer Familie im Keller der orthodoxen Kirche ausharrt Foto: Jonathan Funk

Einen Tag später, am vergangenen Sonntag, ist Scheich Maksud gefallen, die kurdischen Kämp­fe­r:in­nen sollen die Stadt verlassen haben. Nun herrscht final Waffenstillstand. Für die einen Be­woh­ne­r:in­nen bedeutet das Aufatmen, für die anderen geht die Angst weiter. Und für wieder andere bedeutet es eine Mischung aus beidem.

Rückkehr in Ungewissheit

An den Checkpoints von Aschrafijeh patrouillieren nun Regierungssoldaten. Der erste Checkpoint liegt direkt neben einem Trümmerfeld. Darüber klaffen große Löcher in der Fassade eines hohen Gebäudes, mehrere Fenster sind mit Sandsäcken zugestopft. „Hier hatten die SDF einen Stützpunkt“, erklärt der Hausmeister der Moschee gegenüber, in der gerade zur Abenddämmerung gebetet wird. Ganz schön laut sei es hier in den vergangenen Tagen gewesen. Endlich seien die Kämpfe vorbei.

Nun kehren nicht nur die ersten Menschen mit Koffern und schweren Taschen in das Viertel zurück, sondern auch die Händ­le­r:in­nen in ihre Läden. Ob beim Optiker, im Shishaladen, beim Bäcker oder dem Gemüsehändler – fast alle Geschäfte haben auf den Hauptstraßen schon wieder geöffnet. In vielen Wohnungen darüber ist es meist noch dunkel, genauso wie in den Nebenstraßen. In einer Zeile brennt nur beim Glaser Licht. Er erzählt, dass er bereits Bestellungen für Reparaturen bekommen habe. Er selbst sei kurz aus dem Viertel geflohen, habe das Vogelpaar im Käfig an der Wand zurücklassen müssen. Und mit ihnen ihre frisch gelegten Eier, keines hat einen Kratzer abbekommen. „Alhamduillah“ – Gott sei Dank.

Drei Meter weiter, da wo wirklich kein Licht mehr brennt, weil es auch keinen Strom gibt, sitzt eine Gruppe arabischer Jugendlicher mit weiten Klamotten und Umhängetaschen um eine Feuertonne. Zum ersten Mal seit Tagen kommt die Clique wieder zusammen. Einer der jungen Männer beklagt, dass sein Motorrad geklaut wurde. Ein zweiter erzählt, dass er sich nun der syrischen Armee anschließen wolle, um gegen „die Feinde Syriens“ zu kämpfen. Wer sind denn seine Feinde? „Kurdistan, die Juden.“ Alle, die ihm blöd kommen, raunt er halb im Spaß. Und halb im Ernst.

Unterdessen versuchen die Schwestern Sawsan und Marwa ein paar Straßen weiter, unter Handylicht die verriegelte Tür ihres Wohnhauses aufzuschließen. Auch ihre Freundin Diana ist dabei. Die letzten Tage haben die drei jungen Frauen in Afrin verbracht, zur Sicherheit. Nun wollen sie nach Aschrafijeh zurückkehren.Ob die Kurdinnen die schlimmen Videos in den sozialen Netzwerken gesehen hätten, ob sie jemanden kennen, denen Gewalt angetan wurde? „Ich selbst kenne niemanden“, sagt Sawsan. Aber dafür viele Kurd:innen, die so bald wohl nicht in die Viertel zurückkehren werden. Aus Angst vor Verhaftung und dem Generalverdacht, irgendwas mit den SDF und den Milizen zu tun zu haben.

Die drei Frauen wollen weiter hier leben, auch unter Regierungskontrolle. „Erst in ein, zwei Monaten können wir wirklich beurteilen, wie es hier zugeht“, sagt Sawsan. Heute jedenfalls werden sie noch nicht in ihrer Wohnung schlafen – jemand hat den Schlüssel im Schloss abgebrochen und zuvor von innen zugesperrt. Sie kommen nicht hinein.

Längst sind die Kämpfe auch zum Schlachtfeld der Narrative geworden: Regierung und kurdische Führung erheben gegenseitig schwere Vorwürfe

Frieden, Freiheit und Würde weit entfernt

Offiziell wurden vergangene Woche mindestens zwei Dutzend Menschen getötet und über 120 verletzt. Wahrscheinlich sind es viel mehr. Die deutsche Hilfsorganisation Medico International machte am Montag publik, dass drei Mitarbeitende ihrer Partnerorganisation, des Kurdischen Roten Halbmonds, vergangenen Freitag in Scheich Maksud entführt wurden. Einer von ihnen, ein Krankenpfleger, wurde inzwischen wieder frei gelassen. Von den anderen fehle laut der Organisation noch immer jedes Lebenszeichen.

Zu den Kriegstagen in Aleppo wird es wohl bald Untersuchungen internationaler Organisationen und syrischer Menschenrechtsorganisationen geben, die über eine Momentaufnahme hinausgehen. Sie werden versuchen, das ganze Ausmaß der Kämpfe zu fassen, zu verifizieren, mögliche Gräuel ans Licht zu bringen. Unabhängig davon steht bereits fest: Von einem Leben in Frieden, einem Leben in Freiheit und Würde für alle ist Syrien weiter weit entfernt.

Mitarbeit: Yaser Shahrour

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