Forscher zum „Krieg gegen die Drogen“: „Die gewalttätigste Region der Welt“
Wie lässt sich die Macht der organisierten Kriminalität in Südamerika brechen? Staatliche Gewalt ist die falsche Antwort, sagt Luis Córdova-Alarcón.
taz: Herr Córdova-Alarcón, inwiefern steht die Entführung von Nicolás Maduro durch die USA in der Kontinuität des „Kriegs gegen die Drogen“, inwiefern unterscheidet sie sich davon?
Luis Córdova-Alarcón: Der „Krieg gegen die Drogen“ ist in erster Linie ein ideologisches Instrument, um die Außenpolitik der Vereinigten Staaten zu legitimieren. So hat es früher funktioniert, und so ist es auch diesmal. Die USA beschuldigten Nicolás Maduro, Anführer der kriminellen Vereinigung „Cartel de los Soles“ zu sein, aber als dann die Anklage gegen Maduro erhoben wurde, stellte sich heraus, dass dieses Kartell gar nicht existierte.
Luis Córdova-Alarcón ist Politikwissenschaftler und Professor an der Universidad Central de Ecuador. Er leitet das Observatorio Orden, Conflicto y Violencia (Ecuador) und ist Hauptforscher des Ecuadorianischen Observatoriums für Konflikte-LLAMAS. Forschungsschwerpunkte: organisierte Kriminalität in Lateinamerika, soziale Organisation illegaler Märkte, Gewalt- und Sicherheitsdynamiken
Das Gespräch fand am 12. Januar 2026 in Berlin statt. Wir danken der Rosa-Luxemburg-Stiftung für die Vermittlung.
taz: Sehen Sie auch positive Elemente in der US-Intervention?
Córdova-Alarcón: Es gibt keine direkten positiven Auswirkungen, da die Trump-Regierung bereits sehr widersprüchliche Signale hinsichtlich eines echten Kampfes gegen das organisierte Verbrechen ausgesendet hat. Im Februar 2024 hat Präsident Trump die Task Force KleptoCapture, eine Einheit zur Bekämpfung der Geldwäsche, abgeschafft, was es heute erleichtert, dass Schwarzgeld auch aus dem Drogenhandel in der US-Wirtschaft gewaschen werden kann. Ein zweites Signal war die Begnadigung des ehemaligen Präsidenten von Honduras, der wegen Drogen- und Waffenhandels verurteilt worden war. Die Botschaft lautet also nicht, dass Trump Drogenhändler verfolgt, sondern dass er diejenigen verfolgt, die nicht auf seiner Seite stehen. Und schließlich ändert die Entführung Maduros nichts am Fentanylhandel, der von Mexiko in die USA fließt.
taz: Letizia Paoli, Professorin für Kriminologie in Belgien, hat in einem Interview mit der taz drei Hauptkriterien für einen „Narco-Staat“ definiert: ein Niveau drogenbezogener Gewalt, das so hoch ist, dass es das gesellschaftliche Leben beeinflusst; Banden, die in der Lage sind, Funktionsträger bis in höchste Ebenen von Politik und Justiz zu korrumpieren; und ein erheblicher Beitrag des Drogenhandels zum Bruttoinlandsprodukt. Erfüllt Ecuador diese Kriterien?
Córdova-Alarcón: Ich kenne die Arbeiten von Letizia Paoli. Allerdings stehe ich dem Konzept des Drogenstaates eher kritisch gegenüber. Ja, es sind diese drei Faktoren, die einen Drogenstaat charakterisieren; im speziellen Fall Ecuadors scheint mir das Konzept aber mehr zu verschleiern als wirklich zu zeigen, was in unserem Land geschieht. Drogen sind nämlich nur für drei von zehn Gewaltmorden in Ecuador verantwortlich. Mit anderen Worten: 70 Prozent der Gewaltmorde stehen nicht mit Drogen in Verbindung, sondern mit anderen illegalen Wirtschaftszweigen wie Erpressung, Entführung, illegalem Bergbau usw.
taz: Wie erfolgreich ist der „Krieg gegen die Drogen“, den die Regierung des derzeitigen Präsidenten, Daniel Noboa, führt?
Córdova-Alarcón: Dieser konzentriert sich auf einen marginalen Teil der Gewalt, indem sie die Anführer festnimmt. Hingegen hat der ecuadorianische Staat grundlegende soziale und sozioökonomische Verpflichtungen aufgegeben. Besonders betroffen sind Bildung und Gesundheit. In Ecuador gibt es mindestens 450.000 Minderjährige zwischen 3 und 17 Jahren, die keine Schule besuchen. Das erleichtert die Rekrutierung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen für Banden. Wahrscheinlich noch schwerwiegender ist die Straflosigkeit. Nur 6 Prozent aller Gewaltverbrechen werden strafrechtlich geahndet. So ist es in Ecuador einfacher, einen Auftragskiller anzuheuern, um eine Schuld einzutreiben, als vor Gericht zu gehen, um eine Klage einzureichen. In Ecuador gibt es also weniger einen gescheiterten Staat als eine gescheiterte Regierung, eine Drogenregierung, nicht unbedingt einen Drogenstaat.
taz: Gerade lesen wir eine Meldung, dass in der Küstenstadt Puerto López fünf menschliche Köpfe am Strand präsentiert wurden, offenbar von Mitgliedern von Kartellen, gegen die sich Einheimische zur Wehr setzen. Ist das bei aller Grausamkeit ein positives Zeichen der Selbstverteidigung?
Córdova-Alarcón: Es gibt noch zu wenig Informationen, um eine Schlussfolgerung zu diesem Ereignis zu ziehen. Allerdings hat Eduardo Moncada, ein Wissenschaftler der Columbia University, eine Studie über den Widerstand der Bevölkerung in Lateinamerika gegen Kriminalität veröffentlicht. Er sagt, dass die Bevölkerung auf kriminelle Gewalt auf zwei Arten reagiert: zum einen durch spontane Lynchmorde. Sie halten einen Kriminellen fest. Sie schlagen ihn zu Tode. Sie verbrennen ihn lebendig. In den letzten Jahren haben solche Lynchmorde überall in Lateinamerika enorm zugenommen.
taz: Und die zweite Reaktion?
Córdova-Alarcón: Das sind die sogenannten vigilantes, wo sich eine Gruppe von Menschen organisiert, um sich gegen eine kriminelle Organisation zu verteidigen. Diese bewaffneten Selbstverteidigungsstrukturen werden aber selbst zu neuen kriminellen Strukturen in Ecuador. Unternehmer heuern bewaffnete Leute an, damit sie potenzielle kriminelle Organisationen abwehren und ihre Vermögensinteressen verteidigen. Ich weiß nicht, ob dieser Fall damit zu tun hat, aber was ich aufgrund unserer Recherchen weiß, ist, dass es an der ecuadorianischen Küste, in den Küstenprovinzen, mehrere Organisationen gibt, die bereits als paramilitärische Strukturen operieren.
taz: Wenn Kokain keine illegale Droge mehr wäre – würde das die Spirale der Gewalt durchbrechen oder uns vor allem neue Probleme bescheren?
Córdova-Alarcón: Ich glaube, dass die Politik in zwei Richtungen gehen muss. Es müssen Maßnahmen gegen das Verbot ergriffen werden, das heißt, der Konsum, der Handel und die Produktion bestimmter Betäubungsmittel müssen neu reguliert werden. Und der zweite Weg sind Maßnahmen innerhalb des Prohibitionismus, denn es wird nicht möglich sein, das Prohibitionsregime für Drogen abzubauen, wenn es keine sehr ehrgeizigen multilateralen Maßnahmen gibt. Der Anbau von Kokablättern in Kolumbien und Peru ist das Ergebnis einer über Jahrzehnte gewachsenen Wirtschaftsstruktur. Daher ist es nicht einfach, etwas zu verändern oder zu ersetzen, wenn es nicht auch eine Reform dieser landwirtschaftlichen Struktur gibt. Jüngsten Studien zufolge werden durch den Anbau von Kokablättern in Kolumbien mindestens 100.000 direkte Arbeitsplätze geschaffen.
taz: Welche Folgen hat das?
Córdova-Alarcón: Das organisierte Verbrechen im Zusammenhang mit dem Drogenhandel und anderen illegalen Wirtschaftszweigen ist in Lateinamerika nicht nur ein Sicherheitsproblem. Es ist und muss als Entwicklungsproblem behandelt werden. Was die formelle Wirtschaft einem jungen Erwachsenen nicht bieten kann, können die illegalen Wirtschaftszweige bieten, nämlich ein wenig Geld zum Konsumieren und um zu versuchen, seiner Familie zu einem besseren Leben zu verhelfen. In Europa bieten die formellen Volkswirtschaften ihrer Bevölkerung weiterhin Beschäftigungsmöglichkeiten und in gewisser Weise auch sozialen Aufstieg. In Lateinamerika ist es umgekehrt, und deshalb ist Lateinamerika die gewalttätigste Region der Welt.
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