Nato-Truppen in Grönland: Europäische Initiative statt offizieller Mission
Der Konflikt mit den USA um Grönland droht die Allianz zu lähmen und könnte sie am Ende sogar spalten. Beschwichtigen heißt daher die Devise.
Die Nachricht klingt spektakulär: Erste Nato-Truppen sind auf Grönland gelandet, auch deutsche Soldaten sollen in der Hauptstadt Nuuk für Sicherheit sorgen. Fast scheint es, als habe sich die Nato im Streit mit den USA auf die Seite der Europäer geschlagen – und als könne es jederzeit zum Showdown mit US-Präsident Donald Trump kommen.
Die Realität sieht anders aus: Bei der Operation „Arctic Endurance“ geht es nicht um eine offizielle Nato-Mission, sondern zunächst nur um eine europäische Initiative. Die Nordatlantische Allianz versucht, sich aus dem Streit über die von Trump angedrohte Annexion Grönlands herauszuhalten – oder sie beschwichtigt.
Dies hat ein Auftritt von Nato-Generalsekretär Mark Rutte im Europaparlament am Dienstag in Brüssel gezeigt. Auf Einladung der Liberalen sollte Rutte einen Ausblick auf das neue Jahr geben. Der Niederländer redete über die Ukraine und die Gefahr aus Russland – doch über Grönland verlor er kein Wort. Auf Nachfrage wurde es nicht besser.
Rutte erklärte, im Sommer 2025 habe die Nato zuletzt über die Sicherheit in der Arktis gesprochen. Es sei ein gutes Gespräch gewesen, betonte der Niederländer. Man sei sich einig gewesen, dass man mehr tun müsse, um die Arktis vor Russland und China zu schützen. Auf Trumps neue Drohungen gegen Grönland und Dänemark ging Rutte nicht ein.
Lähmung und Spaltung
Offenbar wollte der Nato-Chef seinen amerikanischen „Daddy“ schonen, wie er Trump scherzhaft nennt. Immer wieder biedert sich Rutte bei den Amerikanern an, immer wieder spielt er Konflikte in der Nato herunter. Doch lange wird er damit nicht mehr durchkommen – der Konflikt droht die Allianz zu lähmen und am Ende sogar zu spalten.
„Wenn Trump in Grönland einmarschiert“, dann wäre dies „das Ende der Nato“, warnt die dänische Ministerpräsidentin Mette Frederiksen. Viele Europäer sehen dies ähnlich. Um den Konflikt zu entschärfen, haben mehrere Länder – darunter Deutschland – eine Nato-Mission „Arctic Sentry“ vorgeschlagen. Sie könnte die Gewässer rund um Grönland überwachen und so die amerikanischen Sorgen vor einer wachsenden russischen Präsenz lindern helfen.
Deutschland und Großbritannien sollen sich sogar bereit erklärt haben, Truppen für diese Mission zu stellen. Doch Nato-Chef Rutte griff den Vorschlag nicht auf, denn bei den USA stieß er auf wenig Gegenliebe. Ohne oder gar gegen die Amerikaner geht in der Nato jedoch gar nichts. Die Folge: Die Militärallianz wirkt wie gelähmt.
Dass die Operation „Arctic Endurance“ daran etwas ändern wird, ist kaum zu erwarten. Denn die Europäer sind in der Nato schlecht organisiert. Der viel beschworene „europäische Pfeiler“ existiert nur auf dem Papier. Das militärische Oberkommando für Europa – und damit auch für Grönland – liegt bei einem amerikanischen General.
Verbale Gegenwehr
Zudem handeln die Europäer nicht so geschlossen, wie es nach der Entsendung von Soldaten nach Nuuk aussehen mag. Grönland und Dänemark leisten vor allem verbale Gegenwehr. Nach dem ergebnislosen Gipfeltreffen mit der US-Administration im Weißen Haus am Mittwoch setzen sie auf eine diplomatische Lösung des Konflikts.
Militärische Tatkraft beweist dagegen Frankreich. Schon vor einem Jahr hatte Präsident Emmanuel Macron vorgeschlagen, ein europäisches Militärkontingent nach Grönland zu schicken. Am Donnerstag berief er den nationalen Verteidigungsrat ein. Danach hieß es in Paris, man wolle eine größere europäische Militärübung vorbereiten.
Wesentlich vorsichtiger klingt es in Berlin. Das Bundesverteidigungsministerium betonte das Ziel eines gemeinsamen Vorgehens mit den USA. Verteidigungsminister Boris Pistorius hob hervor, wie wichtig die Koordinierung innerhalb der Nato sei – „insbesondere mit unseren US-Partnern“. Nach Widerstand gegen Trump klingt das nicht.
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