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Mercosur-Abkommen unterzeichnet„Wir schaffen die größte Freihandelszone der Welt“

Nach jahrzehntelangen Verhandlungen wurde das Abkommen zwischen der EU und dem Mercosur in Paraguay unterzeichnet. Die Handelszone hat eine Wirtschaftsleistung von rund 22 Billionen US-Dollar.

Ursula von der Leyen und der paraguayische Präsident Santiago Pena am 17.01.2026 Foto: Jorge Sainz/ap/dpa
Jürgen Vogt

Aus Buenos Aires

Jürgen Vogt

Es ist unterschrieben. Am Samstag setzen die Ver­tre­te­r*in­nen der Mercosur-Staaten und der Europäischen Union ihre Unterschrieften unter das Abkommen zwischen der südamerikanischen Wirtschaftsgemeinschaft und der EU.

„Wir schaffen die größte Freihandelszone der Welt“, sagte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ihrer Rede. Es ist eine regelbasiertes Abkommen, die die beiden Kontinente verbinden werde, fügte sie hinzu. Die geopolitische Bedeutung dieses Abkommen kann nicht überschätzt werden, sagte von der Leyen.

Historisch war das am meisten gehörte Wort während der Zeremonie in der paraguayischen Hauptstadt Asunción, an der die Präsidenten Javier Milei aus Argentinien und Yamandú Orsi aus Uruguay, dem Gastgeberpräsidenten Santiago Peña sowie des EU-Ratspräsidenten António Costa und der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen teilnahmen. Brasilien war durch Außenminister Mauro Vieira vertreten.

Unterschrieben wurde das Abkommen von den Außenministern der Mercosur-Staaten und den Ver­tre­te­r*in­nen der Europäischen Union. Es umfasst die Bildung eines gemeinsamen Markt mit 780 Millionen Menschen, der 25 Prozent der globalen Wirtschaftleistung umfasst. Die EU-Botschafter der 27 Mitgliedstaaten hatten vergangene Woche nach mehr als 25 Jahren Verhandlungen mehrheitlich für das Freihandelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay gestimmt.

Milei beglückwünschte USA für Militäraktion in Venezuela

Die Veranstaltung offenbarte vor allem die politischen Differenzen im Mercosur, die jedoch jenseits des Abkommen herrschen. „Wir gehen hin, unterschreiben und fahren nach Hause“, hieß es schon zuvor aus der argentinische Delegation. Die wurde schließlich doch von Präsident Javier Milei angeführt. Der Rechtslibertäre in Buenos Aires hatte auf die Entscheidung seines linken Amtskollegen in Brasília gewartet. Erst als Lula sein Kommen ausschloss, sagte Milei sein Kommen zu. In seiner Rede beglückwünschte Milei ausdrücklich die USA für die erfolgreiche Militäraktion in Venezuela.

Am Tag vor der Unterzeichnung hatte der brasilianischen Präsident Luiz Inácio Lula da Silva in Rio de Janeiro EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen empfangen. Lula war der Unterzeichnung in Ascunción fern geblieben. Statt ihm war sein Außenminister nach Asunción gereist. Laut brasilianischer Regierung war die Unterzeichnung ohnehin als Ministerveranstaltung geplant und erst in letzter Minute habe Paraguay die Präsidenten eingeladen. Eine mehr als dürftige Entschuldigung.

Tatsächlich dürfte Lula noch immer sauer darüber sein, dass die pompös geplante Unterzeichnung des Abkommens am 20. Dezember im brasilianischen Touristenort Foz de Iguazú vor der imposanten Kulisse der Wasserfälle des Iguazú-Flusses geplatzt war. Allerdings lag dies nicht an seinen südamerikanischen Amtskollegen sondern an der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, die noch etwas mehr Bedenkzeit gefordert hatte.

Seit seinem Amtsantritt im Januar 2023 hat sich Lula stark für dieses Abkommen eingesetzt, nicht zuletzt, um für Brasiliens riesige Agrarindustrie neue Absatzmärkte zu öffnen. Für ihn wäre das Gruppenfoto von Iguazú ein Big Point im anlaufenden Wahlkampf um das Präsidentenamt gewesen, für das sich Lula zu Wiederwahl stellen will.

Brasilien war von US-Militäraktion offenbar überrascht

Jetzt bleibt ihm nur das Fotoduett mit von der Leyen und ihre warmen Worte: „Brasiliens jüngste Mercosur-Präsidentschaft war entscheidend für den Fortschritt der Verhandlungen über das Abkommen zwischen der Europäischen Union und Mercosur und ebnete den Weg für dessen Unterzeichnung“, ließ sie zuvor erklären, um im Beisein von Lula nachzulegen.

„Sie sind eine Führungspersönlichkeit, die sich zutiefst den Werten verpflichtet fühlt, die wir schätzen: Demokratie, eine regelbasierte internationale Ordnung und Respekt. Respekt vor unserem Planeten, Respekt vor den Gemeinschaften und Respekt vor unseren Partnerländern“, erklärte sie. Und, dass Europa und Brasilien auf ein „sehr wichtiges“ Abkommen über kritische Mineralien hinarbeiten, mit gemeinsamen Investitionsprojekten in Lithium, Nickel und Seltene Erden.

Der Besuch von der Leyens in Rio de Janeiro kann daher auch in einem geopolitischen Kontext gesehen werden. Seit der Militäraktion der USA in Venezuela hat sich die politische Polarisierung in der Frage, wie mit den USA umzugehen ist, verschärft. Milei stellte sich auf die Seite der USA, während Lula die Gefangennahme Maduros mit Besorgnis verfolgte. Brasilien wurde von der Militäraktion offensichtlich überrascht. Sie stellt die regionale Führungsrolle Brasiliens in Frage und zeigt, dass die Vereinigten Staaten Brasilien nicht mehr als wichtigen Dialogpartner für die Region betrachten.

Gleichzeitig arbeitet der bedingungslose Trump-Fan Javier Milei daran, einen Blocks aus rechtsgerichteten lateinamerikanischen Regierungen zu bilden. Bislang gehören dazu die Präsidenten der südamerikanischen Staaten Bolivien, Paraguay, Peru, Ecuador und ab März auch Chile. Hinzu kommen die Staatschefs El Salvador, Panama, die Dominikanischen Republik und bald auch Honduras.

Mileis Ziel ist es nicht nur, seinen Anspruch auf die Führung im rechten Lager Lateinamerikas zu unterstreichen, sondern auch die Hegemonialmacht Brasiliens einzukreisen. In diesem Kontext hat sich die EU-Kommissionspräsidentin auf die Seite von Lula gestellt.

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