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Das Lager der propalästinensischen Demo am Samstag auf dem Connewitzer Kreuz Foto: Leon Joshua Dreischulte

Demonstrationen in LeipzigWem gehört Connewitz?

In Leipzigs linker Hochburg brüllen sich am Samstag propalästinensische und proisraelische De­mons­tran­t:in­nen nieder. Die Rechtsextremen freut das.

David Muschenich

Aus Leipzig

David Muschenich

A ls der Lautsprecherwagen losrollt, rufen Antideutsche und An­ti­im­pe­ria­lis­t:in­nen sich nochmal besonders laut feindselige Parolen zu. Behelmte Polizeibeamte, zwei Reihen Absperrgitter und ihre Positionen zu Israel und Palästina trennen sie an diesem Samstagnachmittag voneinander. Hören können sie sich trotzdem. „Von Leipzig bis nach Gaza, Yallah Intifada“, skandieren Antiimperialist:innen. „Kannibalismus gehört zu unsern Riten, esst mehr Antisemiten“, antwortet ein Sprechchor bei den israelsolidarischen Antideutschen.

Es ist laut auf dem Connewitzer Kreuz in Leipzig. Auf beiden Seiten der Gitter flattern Antifa-Flaggen im kalten Wind. Hunderte Menschen sind da, etwa gleich verteilt auf die palästinasolidarische Demonstration und die Gegenkundgebungen.

Ende Dezember wurde der erste palästinasolidarische Aufruf öffentlich, am Samstag in Connewitz gegen die sogenannten Antideutschen zu demonstrieren. Diese linke Strömung wendet sich unter anderem gegen Antisemitismus und steht für Solidarität mit Israel ein. Im Leipziger Stadtteil gilt sie als besonders stark vertreten. An­ti­im­pe­ria­lis­t:in­nen solidarisieren sich hingegen mit den Palästinenser:innen.

Neonazis wollten mit Popcorn vorbeikommen

Innerhalb weniger Tage wurde der propalästinensische Demoaufruf bundesweit bekannt und diskutiert. Wechselseitig überzogen sich die Gruppen mit Kritik, Vorwürfen und Beleidigungen. Die Antideutschen seien rassistisch, hieß es von der einen Seite. Die An­ti­im­pe­ria­lis­t:in­nen seien antisemitisch, von der anderen. Der Konflikt zwischen beiden Parteien zieht sich schon seit Jahrzehnten. Doch aktuell spitzt er sich zu, spätestens seit dem Überfall der Terrororganisation Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Krieg in Gaza.

Vor dem Demo-Tag in Connewitz war in manchen Medien von einem „Showdown“ die Rede. Linke gegen Linke. Die Neonazi-Partei Freie Sachsen kündigte an, mit Popcorn vorbei zu kommen.

Doch dann läuft am Samstag vieles anders als angekündigt. Die antiimperialistische Demo geht zum Beispiel gar nicht tief rein in den Stadtteil, wie ursprünglich angekündigt, sondern bleibt am Connewitzer Kreuz stehen. Und die Freien Sachsen tauchen gar nicht auf. Trotzdem erzählt das Geschehen rund um die Demo viel über den Zustand der Linken in Deutschland.

Von Antideutschen „auf die Fresse bekommen“?

Die Gruppe hinter dem ersten palästinasolidarischen Aufruf kommt selbst aus Connewitz. Lotta Antifascista heißt sie. Ein Mitglied ist Max Klindt. Ein paar Tage vor der Demo sitzt er in einer Wohnung mitten in Connewitz und telefoniert mit der taz. Auf der Straße treffen wolle er sich lieber nicht, sagt er. Nach mehreren gewalttätigen Übergriffen auf palästinasolidarische Ak­ti­vis­t:in­nen sei er vorsichtig, fühle sich nicht sicher, selbst ohne Kufiya, dem traditionellen Tuch der Palästinenser:innen.

Links-links-Verwirrung: Schriftzug an einer Hauswand in Connewitz Foto: Leon Joshua Dreischulte

„Man weiß nie, wer einen wiedererkennt. Da herrscht eine gewisse Grundangst.“ Er habe selbst schon von Antideutschen „auf die Fresse“ bekommen, einmal bei einer Diskussion, einmal beim Plakatieren. Eigentlich lautet sein Name auch gar nicht Max Klindt, aber seinen richtigen Namen möchte er aus Vorsicht nicht nennen.

Im Aufruf von Lotta Antifascista aus dem Dezember heißt es, man wolle „den palästinensischen Befreiungskampf auch hier auf die Straße tragen“. Zum anderen möchte man den Übergriffen auf palästinasolidarische Ak­ti­vis­t:in­nen etwas entgegensetzen.

Wenige Tage nach Lotta Antifascista veröffentlichten weitere Gruppen aus Leipzig Aufrufe zu der Demonstration, darunter die Migrantifa Leipzig und die umstrittene Gruppe Handala. Letztere war ein vom Verfassungsschutz als „gesichert extremistisch“ eingestufter Verein. Der Verein wurde zwar aufgelöst, aber eine Gruppe agiert unter diesem Namen weiter.

Die weiteren Aufrufe richteten sich expliziter gegen Orte in Connewitz. Antideutsche seien demnach „rassistisch“ und hätten in linken Strukturen zu viel Einfluss. Das zeige sich etwa am Beispiel des Conne Island, einem linken Kulturzentrum im Stadtteil. Und auch die Linken-Landtagsabgeordnete Juliane Nagel, die sich proisraelisch positioniert, hat hier ihr Abgeordnetenbüro, das Linxxnet.

Deshalb werde die Demo direkt durch den Stadtteil führen, hieß es damals. Doch das blieb nicht ohne Widerspruch. Vier Kundgebungen mobilisierten bis Samstag, unter anderem von der Initiative Solidarisches Connewitz mit dem Titel „All Connewitzer are beautiful“. Auch die deutsch-israelische Gesellschaft Leipzig rief zur Kundgebung „Gegen jeden Antisemitismus“.

Die anderen Linken: Proisraelischer Gegenprotest in Connewitz Foto: Leon Joshua Dreischulte

Der Mann, der sich Max Klindt nennt, ist in Connewitz geboren und aufgewachsen. Früher sei er zu Plenen im Linxxnet gewesen und auf Konzerte im Conne Island gegangen, sagt er: „Aber das war vor der ganzen Eskalation.“ Mittlerweile finde er, das seien keine richtigen antifaschistischen oder linken Freiräume. Zu sehr bestimmten dort Antideutsche die Strukturen; es fehle an Solidarität mit Palästina. Mit der Demo wolle Lotta Antifascista „die Leute, die hier im Viertel palästinasolidarisch sind, empowern“. Das Ganze, sagt Klindt, sei dann aber „sehr viel größer geworden als unser Plan war“.

Verfassungsschutz stuft Handala als extremistisch ein

Ein Grund dafür ist möglicherweise die nach wie vor vorhandene Mobilisierungskraft der Gruppe Handala. Auch der Verfassungsschutz schätzt die als „stark“ ein. Handala-Mitglieder überschreiten regelmäßig die Grenzen zum Antisemitismus, zeigen ein unkritisches Verhältnis zur Hamas und leugnen das Existenzrecht Israels.

Ein Jahr nach dem 7. Oktober tritt bei einer Demo im Leipziger Süden eine Frau mit Kufiya ans Mikrofon. „Vor einem Jahr sahen wir großartige Bilder, die wir uns nicht hätten vorstellen können“, rief sie damals, und zählte auf: Jubelnde Kinder, Bagger, die den Grenzzaun um Gaza einrissen, zurückkehrende Menschen, Motorräder, Fallschirme, Panik auf einen Fesitval. „Es war nicht ansatzweise so brutal wie die israelische Besatzungsmacht“, sagt die Frau. Der „Widerstand“ sei nur eine Reaktion darauf. Das Video von der Veranstaltung ist immer noch online.

Alles auf ein Plakat geworfen: Botschaft auf der propalästinensischen Demo am Samstag Foto: Leon Joshua Dreischulte

Klindt verteidigt die Handala-Gruppe, sagt, sie leiste „wichtige Arbeit“ und sei nicht antisemitisch. Für die Demonstration am Samstag gelte, wer „antisemitischen Müll“ verbreite, habe dort nichts verloren. Was er damit meint? „Wenn einer ‚scheiß Juden‘ ruft, der fliegt.“

Politikerin explizit als Protestziel genannt

Nicht weit von Klindt entfernt, ebenfalls im Stadtteil Connewitz, lehnt Juliane Nagel am Mittwoch vor der Demonstration am Tresen in ihrem Büro Linxxnet. Bei der letzten Landtagswahl hat sie das Direktmandat in Connewitz gewonnen. Hätte das nicht geklappt, wäre die Linke nicht mehr im sächsischen Landtag vertreten gewesen. Vom Bundes-, Landes- und Stadtvorstand ihrer Partei bekommt sie Unterstützung wegen der Demonstration am Samstag. Trotzdem mobilisieren Teile der Partei dorthin, in deren Aufruf Nagel explizit als Protestziel genannt wird.

Nagel stützt die Ellenbogen auf der Tresenplatte ab. Nachdem sich Handala dem Aufruf zur Demonstration in Connewitz angeschlossen hatte und immer weitere Gruppen eigene Aufrufschreiben veröffentlichten, sei ihr klar geworden: „Das wird ein schwieriger Tag.“

Im Aufruf stünden mehrere Aussagen, die stimmten einfach nicht. Zum Beispiel, dass im Conne Island und im Linxxnet der Angriff auf Afghanistan und Irak mit USA- oder Israel-Flaggen gefeiert worden sei. Oder, dass sie eine antideutsche Politikerin sei. Ihre eigene Postion sei aber eine andere. „Keine Solidarität mit dem Staat Israel, erst recht keine bedingungslose, sondern mit den Menschen in Israel“, fordert Nagel.

Manche würden die Kufiya gerne verbieten in Connewitz

Mit Diskussionen und ähnlichen Veranstaltungen fördere sie den Austausch linker Positionen. „In Medien heißt es gerade, Connewitz sei ein israelsolidarischer Stadtteil, aber das ist er vielleicht gar nicht. Hier gibt's ein breites Spektrum, hier kann man sich mit Kufiya bewegen und verschiedene Meinungen vertreten.“ Klar, es gebe Menschen, die das Tuch gerne im Stadtteil verbieten würden, sagt sie. „Aber das ist eine Position, kein Konsens in Connewitz.“ Nagel selbst halte das zum Beispiel für „Quatsch“.

Will Abwehrreflexen mit direkter Kommunikation begegnen: Linken-Abgeordnete Juliane Nagel am Samstag in Connewitz Foto: Leon Joshua Dreischulte

Ein Problem: Es fehle an direkter Kommunikation, glaubt Nagel. Zu viel passiere über Social Media, statt miteinander zu sprechen. Die Demos und die Gegendemos, die seien genauso eine weitere Eskalation, sagt Nagel am Mittwochabend. „Das trägt eher dazu bei, dass sich die Abwehrreflexe verstärken, dass sich Türen schließen.“

Drei Tage später, Demo-Tag. Mitten auf dem Connewitzer Kreuz sammeln sich die Teil­neh­me­r:in­nen der propalästinensischen Demonstration. Mittlerweile ist klar, ihre Route führt nicht durch Connewitz, sondern zieht vom Connewitzer Kreuz aus in die Leipziger Innenstadt. Laut Polizei war das der Wunsch der Demo-Anmelderin. Die Gruppe Handala schreibt hingegen, die Route durch Connewitz sei ihnen verboten worden.

Gespräche zwischen den Demo-Teilnehmer:innen beschränken sich auf ein paar kurze, laute Wortgefechte, bei denen man sich gegenseitig abspricht, links zu sein

Südlich von ihnen gibt es zwei Gegenkundgebungen. Über einer wehen viele Israel-Flaggen, bei der anderen stehen offenbar Con­ne­wit­ze­r:in­nen entspannt beieinander, es gibt Kaffee und Kuchen. Gespräche mit Teil­neh­me­r:in­nen der israelfeindlichen Demo? Die lassen sich kaum beobachten. Ein paar kurze, laute Wortgefechte, bei denen sich die Teil­neh­me­r:in­nen gegenseitig aberkennen, links zu sein.

Propalästinensische Gruppen hatten in ihren Demo-Aufrufen kritisiert, dass linke Ak­ti­vis­t:in­nen in Connewitz fast alle weiß seien. Nagel sagt, das sei auch aus ihrer Sicht tatsächlich ein Problem Allerdings, fragt sie: „Wo ist das anders?“ Menschen mit Migrationshintergrund seien überhaupt nur wenig in linken Strukturen vertreten.

Für die Freien Sachsen hat die Polizei eine Fläche östlich der palästinasolidarischen Demonstration freigehalten. Sie bleibt den ganzen Tag ungenutzt. Eine Anfrage der taz, weshalb sie nicht auftauchen, bleibt unbeantwortet. Zuvor hatten die Neonazis mitgeteilt, dass sie 20 Kilogramm „eines Premium-Popcorns“ mitbringen wollten, um es an Pas­san­t:in­nen zu verteilen. Dass Linke gegen Linke demonstrieren, sei „wie eine amüsante Filmvorstellung, die wir von der Seitenline aus verfolgen“. Ganz unparteiisch seien sie aber nicht. Gegen die antideutsche Szene in Connewitz zu demonstrieren sei aus ihrer Sicht „begrüßenswert“.

Explizites Protestziel am Samstag: Juliane Nagel, Linken-Abgeordnete aus Connewitz, positioniert sich proisraelisch Foto: Leon Joshua Dreischulte

Bei Max Klindt ist die Unterstützung von rechts allerdings unerwünscht. Die Neonazis von den Freien Sachsen „haben nichts auf der Demo oder im Viertel zu suchen“, sagt er. Doch auch wenn die Freien Sachsen am Samstag ihre Popcorn-Kundgebung ausfallen ließen, andere Rechtsextreme waren trotzdem da.

Plattform für Nazis

Noch bevor die Polizei am Samstag auf dem Connewitzer Kreuz die Absperrgitter errichtet hat, schaltet ein Mann seine Kamera an und geht live auf Sendung: der Streamer Sebastian Weber, auch bekannt unter seinem Künstlernamen „Weichreite“. Stundenlang begleitet er Demonstrationen und bietet Rechtsextremen eine Plattform.

An diesem Tag will er aber etwas anderes filmen: das Aufeinandertreffen von Linken auf Linke. Weber monologisiert in die Kamera, kurz darauf spuckt ihm ein Fahrradfahrer ins Gesicht. Als Weber am Abend zu seinem in Connewitz geparkten Auto kommt, sind dessen Scheiben an allen vier Türen eingeschlagen und die Reifen zerstochen.

Zehn Jahre ist es her, dass Neonazis durch Connewitz marodierten, der Schock im Stadtteil sitzt bis heute tief. Am 11. Januar 2016 kamen sie im Dunkeln, es waren mehr als 250. Sie hatten ihre Autos in der Nähe abgestellt, während viele An­woh­ne­r:in­nen aus Connewitz gerade ein paar Kilometer entfernt in der Innenstadt gegen die rassistische Legida demonstrierte, den Leipziger Ableger von Pegida. Mit Äxten, Knüppeln, Böllern und selbstgebauten Kugelbomben schlugen die Neonazis auf alles mögliche in der Wolfgang-Heinze-Straße ein, die einmal mitten durch Connewitz führt.

Schwarz gekleidet, vermummt, zündeten sie Pyros und schossen damit durch das eingeschlagene Fenster eines Buchladens. 23 Geschäfte wurden beschädigt. 215 von ihnen konnte die Polizei festsetzen.

In Berichten und auf Social Media wurde kritisiert, dass die Demonstration gegen die Antideutschen am Samstag so nahe am zehnten Jahrestag des Neonazi-Überfalls liege. Max Klindt von der Gruppe Lotta Antifascista hat dafür kein Verständnis. Das halte er „für bodenlos und absolut scheiße“. Bei Läden in Connewitz die Fenster einschmeißen, wie die Nazis? „Auf die Idee würden wir nicht mal kommen.“

Auf dem Connewitzer Kreuz am Samstag läuft die propalästinensische Demo friedlich ab. Trotzdem greift ein Teilnehmer einen Kameramann an und verletzt ihn. Wenig später rennen behelmte Po­li­zei­be­am­t:in­nen in die Teilnehmer:innen, schubsen, schlagen, treten, um einzelne herauszugreifen. Der Grund laut Polizei: Vermummung.

Sachsens Innenminister fordert Abgrenzung von Gewalt

Etwas abseits am Rand beobachtet später Sachsens Innenminister Armin Schuster (CDU), wie sich der Lautsprecherwagen bei der propalästinensischen Demo in Bewegung setzt. Er wirkt entspannt, posiert lächelnd gemeinsam mit René Demmler, dem Präsidenten der Polizeidirektion Leipzig, für ein Foto. Ein Statement möchte er da aber noch nicht abgeben.

Später erklärt Schuster: „Diese Demonstrationslage war Ausdruck einer eher kuriosen politischen Konstellation, die es für die Polizei kniffliger gemacht hat.“ Der Tag zeige, wie zerissen das linke Lager sei. „Angesichts der geschmacklosen bis strafrechtlich relevanten Äußerungen und Plakate im propalästinensischen Aufzug“, fordere er Abgrenzung von Gewalt aus dem „demokratischen Spektrum“.

Die propalästinensische Demo bewegt sich langsam auf der Karl-Liebknecht-Straße aus Connewitz in die Innenstadt. Seitlich davon auf dem Fußgängerweg begleiten mehrere Dutzend Menschen die Demonstration. Manche recken Israelfahnen in die Höhe, eine Flagge der israelischen Verteidigungsstreitkräfte IDF ist auch dabei. „Nie, nie, nie wieder Gaza“, rufen ein paar, und: „Free Gaza from Hamas“.

Wieder trennen behelmte Polizeibeamte die Gruppen voneinander. Zwischendurch ziehen sie noch mehrfach mit Gewalt Menschen aus der israelfeindlichen Demonstration, mutmaßlich wegen Vermummung. Trotz der kurzen Auseinandersetzungen bleibt es friedlich. Festnahmen werden am Ende zwei gemeldet. Die Polizei geht am Ende des Tages von insgesamt rund Demo-Teilnehmer:innen aus, davon etwa die Hälfte im propalästinensischen Lager.

Währenddessen kehrt auf dem Connewitzer Kreuz Ruhe ein. Nachdem die palästinasolidarische Demo verschwunden ist, löst sich auch der Gegenprotest schnell auf. Auf dem Weg zurück zu ihrem Abgeordnetenbüro kommt Juliane Nagel an einer weiteren Kundgebung vorbei. Die Partei „Die Partei“ hat sie angemeldet und ihr den Titel gegeben „Stromausfall und Bombenhagel – Schuld hat Juliane Nagel“.

„Es hört einfach nicht auf“

Über die Boxen läuft in schrillem Ton ein Lied, dass die Parteimitglieder extra für Nagel geschrieben haben. Der Refrain: „An allem ist die Jule schuld. Juliane Nagel ist an allem Schuld.“ Die Linkspolitikerin lacht. Das Lied habe sie schon aufs Handy zugeschickt bekommen. Anders klingt sie, wenn sie über die Nachrichten spricht, die sie gerade bei Social Media bekomme. Da gehe es ihr zunehmend schlechter. „Es hört einfach nicht auf“, sagt Nagel.

Das geht an die Substanz. Wie viel Hass da ist

Juliane Nagel, Linken-Abgeordnete

Eigentlich sei sie das ja ein bisschen gewöhnt. Wenn Nagel Demos gegen Neonazis anmelde, bekomme sie auch viele Nachrichten. „Da kann ich mich einfach durchklicken, alles gut.“ Aber dieses Mal sind es keine Neonazis. „Das geht an die Substanz. Wie viel Hass da ist.“ Das sei kein gutes Zeichen dafür, wie künftig innerlinke Meinungsverschiedenheiten ausgetragen werden. „Ich habe das Gefühl, dass aus der autoritären Ecke manche wollen, dass undogmatische Teile der Linken verschwinden. Das macht mir Sorge.“

Als die propalästinensische Demonstration auf dem Augustusplatz mitten in Leipzig ankommt, ist es schon dunkel. Antideutscher Gegenprotest ist keiner mehr zu sehen. Vom Lautsprecherwagen heißt es an die Menschen auf dem Augustusplatz: „Wir kommen aus Connewitz, dem neuerdings palästinasolidarischen Stadtteil.“ Connewitz ist von hier nur drei Kilometer Luftlinie entfernt.

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