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Merz' Beschwerde über KrankenstandZu wenig Erholung macht krank

Eva Fischer

Kommentar von

Eva Fischer

Mit seinen Aussagen zu Krankmeldungen und Arbeitszeit ignoriert der Kanzler arbeitspsychologische Erkenntnisse – Zeit für einen Crashkurs.

Bei einer hohen Arbeitsbelastung wird das Stresshormon Cortisol vermehrt ausgeschüttet, wodurch die Regeneration gehemmt wird Foto: MacRein/picture alliance

M enschen, die permanent Unreflektiertes von sich geben, sind bisweilen etwas anstrengend. Einer dieser Menschen ist Friedrich Merz. Seine jüngste Aussage, sinngemäß: Menschen, die sich krankmelden, sollten dies bitte lassen. Diese Forderung passt zu Merz’ Ansicht, dass die Deutschen generell mehr arbeiten sollen, um die Wirtschaft anzukurbeln.

Es ist erstaunlich, dass Merz bei seinen Forderungen wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Arbeits- und Gesundheitspsychologie ignoriert. Denn sonst würde er wissen, dass ein hoher Krankenstand ein Hinweis auf Arbeitsüberlastung ist. Er würde auch wissen, dass mehr Arbeitszeit nicht automatisch mehr Output bedeutet, sondern gar das Gegenteil, insbesondere bei Wissensarbeiten. Dass generell nicht Druck, Kontrolle und das Ermahnen, sich zusammenzureißen, zu einer besseren Arbeitsleistung führen, sondern Wertschätzung, Motivation, körperliches und seelisches Wohlbefinden. Dass die Menschen dafür auch Erholung, Bewegung und ein erfülltes Leben neben der Arbeit benötigen, für das sie die entsprechende Zeit brauchen.

Beispiel Erholung: Bei einer hohen Arbeitsbelastung wird das Stresshormon Cortisol vermehrt ausgeschüttet, wodurch die Regeneration gehemmt wird; mehr Erholungszeit wird benötigt. Durch Mehrarbeit ist die Erholungszeit aber zusätzlich verkürzt. Zu wenig Schlaf, Erholung und Bewegung führen zudem zu einer erhöhten Infektanfälligkeit, da das Immunsystem geschwächt wird (Stichwort Erkältung, häufigster Grund für eine Krankschreibung). Zum anderen führt es zu einer kognitiven Verlangsamung. Die Folgen sind beispielsweise Unaufmerksamkeit, Lustlosigkeit, weniger Kreativität. Die Arbeit wird weniger schnell und gut erledigt. Zudem steigt das Risiko für Unfälle und Fehlentscheidungen – sehr teuer für Unternehmen.

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Dies sind nur wenige der vielen Beispiele dafür, welchen immensen Einfluss Arbeits- und Erholungszeit auf Gesundheit und Arbeitsergebnisse haben. Erholung ist ein wesentlicher Faktor einer funktionierenden Wirtschaft, kein ärgerlicher, unnötiger Kostenfaktor, den man zusammenstreichen kann.

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Eva Fischer
Chefin vom Dienst
Jahrgang 1989; seit Anfang 2025 bei der taz, derzeit als Nachrichtenchefin und Chefin vom Dienst bei taz.de. Vorherige Stationen: u.a. EU-Korrespondentin in Brüssel beim Handelsblatt, Redakteurin für Internationale Politik beim Tagesspiegel, Redakteurin bei der ZDF-Talkshow "Markus Lanz". Wirtschaftspsychologie-Studium mit Schwerpunkt Arbeits- und Organisationspsychologie und dem Nebenfach Politikwissenschaft, Besuch der Holtzbrinck-Journalistenschule, gelernte Medienkauffrau Digital und Print beim Spiegel-Verlag.
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36 Kommentare

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  • Merz-Krankenkampagne passt in die Zeit: Zu viele , zu teure und letztlich lästige 'Bürger', mit denen die Unternehmen nichts mehr anfangen können, weil sie durch Roboter ersetzt werden (aber auch keine Nachfrage=Profite mehr generieren) plündern den -nicht mehr finanzierbaren- Sozialhaushalt und diejenigen, die sich nicht genug plagen und sich -zu früh- krankschreiben lassen, müssen diszipliniert werden. Dieses kranke System, das wenige Reiche immer reicher macht und immer mehr Menschen auf die Straße schickt, lässt sich nur mit einer gleichberechtigten Verteilung und nachhaltigen (ohne Flugreisen, privatem Verkehr etc.) Nutzung des Reichtums überwinden. Bedingungsloses (Höchst-) Grundeinkommen für alle ! Oder wollen wir letztlich nur noch für Musk, Zuckerberg, Trump oder Merz unser Dasein fristen und dabei zuschauen, wie auch Milliardäre verlieren, wenn sie mit ihrem Mammon letztlich nichts mehr anfangen können, weil niemand ihnen erklärt, wo es überhaupt noch etwas zu holen gibt.... Kapitalismus scheitert am Wachstum, das letztlich niemandem mehr nützen kann, wenn sich nicht alles Wirtschaften an den konkreten Bedürfnissen aller Menschen (inklusive Gesundheit) orientiert.

  • Seltsam, Seltsam, mal wieder.



    Wie einfach es doch geht zu spalten, ein Bösewicht ist schnell gefunden. Ein Teil dieser sagt "Ich bin doch ein Guter, ich mache sowieso nie krank. Aber diese Faulpelze,die sich immer ein paar extra Tage gönnen, die müssen so richtig bestraft werden. Ich ja nicht, denn ich bin ein Guter. "



    Ist das so? Ist das die Realität? Gibt es sie, die Guten und die Schlechten? Oder tappen wir nicht alle immer und immer wieder in die gleiche Falle die da heißt "Spaltung "?



    Diese reflexartig einnehmende Abwehrhaltung und gleichzeitig Schuldzuweisung dürfte einem jeden nur zu gut bekannt sein, oder.



    Es sind immer wieder die gleichen Figuren in diesem Spiel :Arbeiter gegen Arbeitslose, Kranke gegen Gesunde,oder anders gesagt Emotionen gegen Emotionen.



    Und noch was. Auch wenn das von mir geschriebene einige für Blödsinn halten mögen, jeder kennt ganz bestimmt viele dieser schlechten Menschen, den Faulen, die die nicht mitspielen wollen, oder hat zumindest von solchen gehört oder kennt einen der einen kennt von dem er gehört hatte das.......!



    Und dann sind da noch die Überstunden! 1,3 Milliarden jährlich. Davon die Hälfte unbezahlt ! Wer die wohl macht?

  • Ich habe mir verschiedene Statistiken über die Krankheitstage nach Berufsgruppen angeschaut. Danach sind die Zahlen besonders in den Gruppen hoch, in denen die körperliche Belastung groß ist. Eine Ausnahme: die öffentlichen Verwaltungen. Da steht die körperliche Belastung sicher nicht im Vordergrund - dennoch ist der Krankenstand hoch. Ein Schelm, der schlechtes dabei denkt!

  • Ein hoher Krankenstand weist aus meiner Sicht zunächst mal auf eine schlechte Führung hin.



    Wer unter gesunden Arbeitsbedingungen eine für ihn als sinnvoll empfundene Tätigkeit ausübt, anständig bezahlt wird, Wertschätzung erfährt, und seine Arbeitszeiten gut mit familiären Pflichten vereinbaren kann, bleibt gesund und muss auch nicht im Notfall mit "Blaumachen" ausgleichen.



    Es ist in erster Linie Aufgabe der Unternehmen und deren Führungskräften, für solche Bedingungen zu sorgen. Arbeitsschutzrechte helfen ihnen dabei. Arbeitnehmer, die sich "gesehen" fühlen, sind loyal und leistungsbereit. Deshalb ist es auch im Interesse der Arbeitgeber völlig bescheuert, diese auszuhöhlen.

  • Ein hoher Krankenstand ist ein Hinweis auf Arbeitsüberlastung?

    ... aber wohl nicht allein und sicherlich auch nicht an erster Stelle.

    Ich weiß es nicht genau, aber mein Bauchgefühl sagt mir schon, dass sich Arbeitnehmer deutlich leichtfertiger aus dem Verkehr ziehen als noch vor 20 Jahren. Die Gründe dafür können vielfältig sein, aber sich mehrere Tage krankmelden zu dürfen, ohne einen Arzt aufsuchen zu müssen, weder Job noch Gehalt fürchten zu müssen, ist sicherlich ausgesprochen "komfortabel". Das haben sonst nur die reichen skandinavischen Länder… aber die haben auch anständige Gehälter, was womöglich der Arbeitsmoral zuträglich sein dürfte…

    Es ist ein weites Feld, das der Artikel höchsten mit der Zehenspitze berührt.

  • Ziemlich verkürzt. Im verlinkten Artikel wird Merz nicht nur vom Vorsitzenden der Kassenärztlichen Vereinigung unterstützt, sondern auch von Grünen-Chefin Franziska Brantner (wirtschaftlich sei es klar, "dass wir mehr arbeiten müssen"), komisch das DIES dann hier nicht kritisiert wird. Und die Krankschreibung per Telefon kann man ja schon mal in Frage stellen. Natürlich ist nicht jeder, der sich auf diesem Weg krankschreiben lässt, ein Betrüger, das es aber durchaus vorkommt, dass Menschen mal einen Tag "frei machen", weil es per Telefon eben sehr leicht zu bewerkstelligen ist, lässt sich doch kaum leugnen. Übrigens schließt dies präventive Maßnahmen innerhalb und außerhalb der Betriebe nicht aus. Ich hab nichts gegen Kritik an Merz (ist ja auch ziemlich leicht), aber dann doch bitte richtig...

  • Ich denke, die Älteren werden sich an die Zeiten erinnern, als Arbeitnehmer auch mit heftigsten Erkältungssymptomen ins Büro gingen. Ein paar Tage später war das gesamte Büro angesteckt. Und ja, man war auf Arbeit, aber die Produktivität ging gegen null. Ich habe selbst erlebt, wie eine Kollegin mit über 38° Fieber im Büro saß, sich mittags entschied, doch nach Hause zu fahren, und beim Aufstehen fast zusammengeklappt ist. Was hat diese Kollegin an diesem Tag wohl zustande bekommen?



    Aber gut, bei Merz geht ja ohnehin nur um die Erfüllung der ideologischen Vorgaben.

  • Mal auf den Punkt gebracht - in den Augen von Merz & Co. sind Arbeitnehmer immer zu faul, und werden auch immer viel zu gut bezahlt, und Sozialleistungen fördern nur die Faulheit. Aus dem einfachen Volk ist immer noch ein Quentchen mehr herauszupressen, koste es was es wolle. Deswegen werden Merz & Co. nie aufhören, immer mehr zu fordern. Gegenhalten können wir nur gemeinsam.

    • @Minion68:

      Auf den Punkt.

      Und nochwas: Merz und seine Klassenangehörigen können sich in Wahrheit bei Trump und Putin bedanken. Denn sie haben jetzt endlich eine wirtschaftliche Lage, in der sie Sachen durchdrücken können, die noch vor ein paar Jahren keine Chance gehabt hätten.

      Es trifft auch nicht zu, dass alle bedeutenden Firmen in der BRD vor dem Aus stehen. Aber je mehr man es besingt und klagt desto geneigter springen Politiker wie Merz zur Seite um den Standort zu "heilen".

      Für wen macht man eigentlich Politik? Könnte sein, dass das ein Hauptgrund dafür ist, weswegen unsere Demokratie in Schieflage ist.

  • Naja - gem. dem statistischen Bundesamt kommt ein Erwerbstätiger in D auf 34,3 Wochenstunden. Das ist z.B. im europäischen Vergleich sehr gering, nur in den Niederlanden und Dänemark wird noch weniger gearbeitet. Trotzdem sind wir beim Krankenstand ganz oben mit dabei. Der Fritze hat schon nicht ganz unrecht, auch wenn es uns nicht gefallen mag

    • @Samvim:

      Nur zieht klein Fritzchen daraus die falschen Schlüsse.

      Teilzeit (fehlende Kinderbetreuung) ist ein wichtiger Faktor bzgl. der Wochenstunden und viele Krankschreibungen dürften auf schlechte Arbeitsbedingungen und zu viel Stress zurückzuführen sein.

      Davon mal ab, kann es nicht unser Ziel als Gesellschaft sein, so viele Menschen so viel wie möglich arbeiten zu lassen - Stichwort Produktivität - sondern das Gegenteil dessen sollte das Ziel sein, um die Menschen selbstbestimmt und sinnvoll sowie erfüllend tätig sein/leben zu lassen.

    • @Samvim:

      Laut Statistischen Bundesamt, sind es für Vollzeitbeschäftigte 40,2 Stunden und für Teilzeitkräfte 20,8 Stunden. Der Mittelwert bildet die Realität nicht ab..

    • @Samvim:

      Das heißt Teilzeit, ob freiwillig oder nicht, einfach Mal mit in den Topf geworfen.

    • @Samvim:

      Wir haben in D eine hohe Teilzeitquote, ähnlich wie NL und DK.

      de.statista.com/st...n-den-eu-laendern/

      Wer Vergleich Wochenstunden overall ist also eine sehr schöne Fake-Statistik.

  • So genau ist es, nur - diese Argumentation wird Merz und Konsorten nicht erreichen, weil sie das Arbeitnehmer-bashing als Ablenkung betreiben. Sie lenken ab von ihrem eigenen Unvermögen, nach der Selbstzerstörung der deutschen Industrie durch ihren Expansionskonzepte, einen neuen Ansatz zu finden die deutsche Wirtschaft wieder auf- und neu auszurichten. So wird also weiter rumgenörgelt werden, ohne Sinn und Verstand, und die Wirtschaft wird weiter in die Knie gehn.

  • Ein Mann aus dem Mittelstand für den Mittelstand

  • Wer sich die weltweiten Statistiken ansieht, muss zu dem Schluss kommen ein hoher Krankenstand korrelliert stets mit guten Arbeitsbedingungen und nicht umgekehrt. Je besser die soziale Absicherung und je geringer die Arbeitszeit, desto höher ist auch der Krankenstand. Wenn Mitarbeitende in deutschen Kultusministerien beispielsweise im Schnitt 6mal häufiger krank sind als der durchschnittliche Arbeitnehmer in Griechenland, liegt das doch nicht an ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen in deutschen Amstsstuben.

  • Der Beitrag verkennt leider, dass es in der idealen Merz‘schen Welt keinerlei Leistungen für Erkrankte geben wird. Keine Lohnfortzahlung, keine gesetzlichen Krankenkassen, kein Krankengeld. Alles muss in seiner idealen Welt privat finanziert werden.

    Und genau so äußert er sich eben, so wie er das für richtig hält. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind nur dort gut, wo sie kurzfristig Rendite ermöglichen. Langfristiges, präventives Handeln kennt er nicht.

  • Schwieriges Thema. Nachdenkenswert ist schon warum es bei uns mehr Krankheitstage gibt als in anderen Ländern um uns herum. Ist das nur ein Problem der Erfassung oder sind wir mehr krank (kranker?) oder fauler?



    Meine Arbeit, in Verbindung mit meinem Arbeitgeber, macht mir so viel Spaß, daß ich bei einer leichten Malaise auf eigene Kosten eine halb- oder ganztägige Pause einlege. War vorher selbstständig und kenne das nicht anders.

    • @Matthias Patzak:

      Dann sind sie in glücklicher Lage. Man muss aber wirklich nicht weit sehen, um ganz andere Arbeitsverhältnisse zu entdecken, die ihren und allgemein unseren Lebensstil stützen. Müllabfuhr, Bauarbeiter, Schlachthof, Reinigungskraft usw. Da würde eher kaum einer sagen das mache Spaß. Und sie wohl auch nicht.

  • Die meisten meiner Krankenzeiten waren in der Vergangenheit innerhalb der drei Karenztage. Das erfährt meine Krankenkasse nur, wenn ich einen Rehaantrag stellen würde. Die Krankenkasse interessiert sich wegen der Lohnfortzahlung für die ärztliche Diagnose, die es in solchen Fällen gar nicht gibt. Die Firmen selbst geben solche Daten nicht weiter. Geht man erkältet zum Arzt, dann schreibt der oft erstmal eine Woche krank. Krankenstatistiken sind falsch. Die tatsächliche Anzahl der Krankentage dürfte deshalb niedriger als die genannten 15 Tage sein, die tatsächlichen Ausfalltage höher.

  • Die Argumentation läuft ein bisschen ins Leere. Arbeitsüberlastung ist nicht der einzige Grund für Krankmeldung, die eigentlich Arbeitsunfähigkeitsmeldung heißt. Das hat z.B. auch mit Unzufriedenheit zu tun, und mit dem Gefühl fehlender Sinnhaftig- und Notwendigkeit. Und auch mit allgemeinen Trends.



    Zwei Fragen: weshalb ist die AU-Rate so angestiegen? Warum ist sie höher als in anderen Ländern Europas?



    Erklären Sie das nicht mit dem Verweis auf Cortisol, der an dieser Stelle nicht hilft.

  • Ich bin seit 2019 nicht mehr lohnerwebstätig - aber nicht untätig. Seit dem bin ich deutlich seltener krank. Nach etwa 6 Monaten stellte sich ein natürlicher Schlafrhythmus ohne Wecker ein. Ich schlafe sehr früh (weil ich nicht mehr konsumiere) und stehe sehr früh auf - ohne Wecker! Ich fing mit Gärtnern und Selbstversorgung an, was zusätzlich sehr beruhigend und entschleunigend wirkte. Beim Gärtnern bekommt man ein Gefühl für Geschwindigkeit (Pflanzen wachsen nicht schneller als vor 10 oder 1000 Jahren) und ich stellte eine ungeheure Beschleunigung in vielen gesellschaftlichen Bereichen fest. DAS macht krank!!!



    Die Rückverbindung mit der Natur erdet und gesundet.



    So kann ich auch mit vielen Trends nichts mehr anfangen. Trends sind unglaublich schlecht für die Umwelt und halten die Beschleunigung auf Kurs.



    Ich frage mich nur noch: warum tun sich das viele Menschen noch an? Für die Gel-Fingernägel? Den - wohlverdienten - Urlaub? Für die neue Deko auf dem Gästeklo?

    Total absurd, wenn man mal überlegt wofür die Leute arbeiten: für ein Scheiss Ikea Regal, was beim zweiten Aufbau auseinander fällt und dann nicht im Wald verrotten kann, weil es durchmischt mit Chemie ist. Echt arm.

  • Es ist doch mehr als offensichtlich, dass viele Lohnerwebstätigkeiten auf ganz unterschiedliche Weisen krank machen.



    Seien es Dachdecker, die Jahrzehnte giftige Baumaterialien verbauten und daran erkrankten, psychische Belastungen oder Stress.



    Das Beste am Lohnerwerbssystem ist aber, dass Menschen arbeiten gehen, (um Grundbedürfnisse zu erfüllen (satt, warm, trocken) und mit dem Rest wird konsumiert, was der Umwelt schadet. Ich finde das mittlerweile total absurd, dass ein Großteil der globalen Umweltprobleme genau durch das System hervorgerufen wird, an dem nicht gerüttelt wird (BSP, Wohlstand). Der private Konsum macht in D 50% aus.



    Mit anderen Worten: unser Wirtschafts- und Arbeitssystem macht krank und schadet der Umwelt. Somit gibt es keinen Grund, daran festzuhalten.

    • @Marc Seeger:

      Doch es gibt einen Grund: Dass fast alle ein Dach über dem Kopf und was zu essen haben und dass einigermaßen friedliche Gesellschaft besteht.

      Tut mir leid, dass ich sie da jetzt mal hart drauf stoße: Was sie einfach nur sinnlosen Konsum nennen, ist das Einkommen vieler Menschen, die ja auch von etwas leben wollen.

      So einfach wie bei ihnen geht Gesellschaftskritik zwar immernoch, aber dem werden wenige folgen solange sie solche banale Wahrheiten nicht mal mit in den Blick nehmen.

  • So ist es!



    Danke für den Artikel!



    Nur zur Erinnerung: die Empörung über die Tennisstunde von Kai Wegner schien in Berlin groß zu sein.



    So aus der Entfernung habe ich diese "kreative Pause" ganz im Sinne von Erholung betrachtet, die für kommende Leistung notwendig ist.



    Wer überarbeitet ist, ist nicht mehr leistungsfähig.



    Hier wurde scheinbar mit zweierlei Maß gemessen, so nach dem Motto, der politische Gegner hat "keine Pause verdient".



    Politiker sind auch Menschen, Sie sollten mit dem gleichen Respekt behandelt werden.

  • der trick besteht nicht darin härter zu arbeiten, sondern schlauer.

    das _wie_ ist auch schon seit jahrzehnten bekannt: lean management. prozesse so verschlanken dass jeder sie beobachten, verstehen und optimieren kann.

    leider haben viele unternehmen überhaupt keine ahnung davon.

    da würde ich an stelle von herrn merz als erstes ansetzen und seine erfahrung aus der finanzwirtschaft mit wissen aus bereichen abzurunden, in denen echter wert geschaffen wird: produktion und entwicklung.

    meine lese empfehlungen: “the birth of lean”, “the new new product development game” und “one more time: how do we motivate employees”.

  • So ist das, wenn man wie Merz ausschließlich ideologiegetrieben agiert und Zahlen schlicht ignoriert.



    Der Anstieg der krankheitsbedingten Fehltage ist vor allem ein durch die Einführung der elektronischen Krankmeldung bedingter statistischer Effekt. Die Erfassung ist schlicht genauer als vorher, in diesem Fall werden Meldungen erfasst, die vorher unter den Tisch gefallen sind. Dazu kommt eine im Schnitt immer älter werdende Erwerbsbevölkerung bei gleichzeitig höheren Renteneintrittsalter; Ältere werden nun mal häufiger krank.



    Auch dass die telefonische Krankmeldung zu einer höheren Anzahl an Krankmeldungen führt, ist nach Erkenntnissen der GKVs nicht nachweisbar. Die von Merz hierzu gemachte Aussage zeigt vor allem sein immer wieder zu Tage tretendes Weltbild des faulen Arbeitnehmers.



    Merz sollte das tun, was er ständig von anderen fordert, nämlich anfangen zu arbeiten, statt heiße Luft abzusondern.

    • @Flix:

      Der Vorsitzende der Kassenärztliche Bundesvereinigung Andreas Gassen sagte übrigens gerade, dass die telefonische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung "natürlich" zum Missbrauch einlade.



      Und noch zur Überschrift des Artikels:



      iwd: "Deutschland und Dänemark haben EU-weit höchsten Urlaubsanspruch"



      oecd "Hours worked" Germany ganz hinten mit 1335 Stunden.



      Wir haben im internationalen Vergleich in unserer Balance schon recht viel life und nicht so viel work.



      Das sind halt einfach die Zahlen, die im Kommentar von Flix fehlen, obwohl der erste Satz ja eigentlich auf Zahlen abzielt.



      Und hier passt der obige Satz, dass wenn man diese Zahlen schlicht ignoriert, man ideologiegetrieben agiert.

      • @Desdur Nahe:

        Von Gassen ist mir bisher kein sinnvoller Kommentar bekannt, der Herr täte, bei einem jährlichen Schaden durch Abrechnungsbetrug im kassenärztlichen System in dreistelliger Millionenhöhe, gut daran, vor der eigenen Haustür zu kehren.



        Mir, seit Jahrzehnten in international tätigen Unternehmen arbeitend, ist durchaus bewusst, dass die Anzahl der Urlaubstage in Deutschland recht hoch (bei mir sind es dieses Jahr „nur“ 34 und die Zahl der erfassten Arbeitsstunden im Vergleich niedrig sind. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit:



        In Deutschland wurden 2024 1.200.000.000 Überstunden geleistet, von denen etwas mehr als die Hälfte nicht bezahlt wurde.



        Darüber hinaus waren 2024 etwa ein Viertel der Arbeitnehmer:innen in atypischen Beschäftigungsverhälnissen. Diese führen häufig zu prekären Lebensverhältnissen, welche dann wiederum zu einer erhöhten Anfälligkeit für Krankheiten führt. (Armut macht krank)



        Die Möglichkeit für Menschen mit Kindern in Vollzeit zu arbeiten ist in Deutschland im Vergleich zu anderen OECD Ländern auch aus ideologischen Gründen (Herdprämie) unterentwickelt, was wiederum negativ in die Statistik einfließt.

    • @Flix:

      ich glaube nicht dass es “ideologiegetrieben” ist. friedrich merz kennt nur die oberen ebenen der wirtschaft und hat daher, wie viele in diesem bereich, nur ein unvollständiges bild des realen wirtschaftens.

      • @m13:

        …friedrich merz kennt nur die oberen ebenen der wirtschaft und hat daher, wie viele in diesem bereich, nur ein unvollständiges bild des realen wirtschaftens… “ shure -



        & des realen gesellschaftlichen Lebens insgesamt •

  • Der hohe Krankenstand reflektiert keine Faulheit oder das Drückebergertum, sondern eben nur das Krankheit.



    Friedrich Merz als eiskalter Neoliberaler kann damit aber nicht leben, deswegen muss jetzt die Sau des faulen Kranken durchs Dorf rennen. Der passt auch zum faulen Arbeitslos, der ebenfalls köstlich zu Lasten der Gemeinschaft lebt. Antagonismen, kein Verständnis und Vorurteile, das ist der Stoff, aus dem Merz gemacht ist. Es gab selten einen so wenig intellektuellen, nachdenklichen und sachkundigen Kanzler wie diesen hier. Selbst Helmut Kohl hatte ein paneuropäische, ein pro-westliche, pro-demokratische Idee von Deutschland und Europa. Merz will nur eine Gesellschaft, wo die Stärkeren gewinnen und immer mehr gewinnen und einem Rest mit Anlauf in den Arsch treten. Merz tritt so aktiv wie noch nie gegen das Konzept der christlichen Nächstenliebe an, dass es wundert, dass er für CDU und CSU stehen soll. Aber eine echte Wirtschaftsethik kennt Merz auch nicht.

  • Der Artikel erwähnt leider nicht, dass deutsche Arbeitnehmer:innen im Schnitt fast doppelt(!) so lang krank geschrieben sind wie im europäischen Durchschnitt. Es ist ziemlich schwer erklärbar, dass wir bedeutend kranker sein sollen als alle anderen Europäer:innen.

    • @Mopsfidel:

      Einmal um die Ecke gedacht, können Sie selbst drauf kommen......z.B. dass wir mehr Stress sowohl in der Arbeitswelt als auch drum herum (Pendeln, Kinderbetreuung....) haben?