Massenmord in Iran: Wir können wissen, was geschieht
Das Regime in Teheran hat während der jüngsten Proteste mindestens 16.000 Menschen ermordet. Was hindert uns, diese Realität wahr- und ernstzunehmen?
I ch merke, wie ich inzwischen zögere, Zahlen aus Iran auszusprechen. Ich weiß, was dann nahezu reflexartig passiert: das Stirnrunzeln, das vorsichtige „Das lässt sich ja nicht unabhängig verifizieren“, der scheinbar sachliche Hinweis auf fehlende Bestätigung. Was da durchklingt, ist vor allem eines: Zweifel. Den Iraner:innen wird – mal wieder – nicht geglaubt.
Als das Exilmedium Iran International von 12.000 Toten bei den landesweiten Protesten gegen das Regime in Iran sprach, setzte sofort ein bekanntes Ritual ein: zu nah an der Diaspora, zu emotional, zu wenig überprüfbar. Man müsse vorsichtig sein, hieß es, abwarten, einordnen.
Dabei ist genau das der Punkt: Dass sich gerade nichts vollständig verifizieren lässt, ist Teil des Verbrechens. Das Regime hat das Internet seit fast zwei Wochen vollständig abgeschaltet, internationale Telefonate gekappt, Journalist:innen werden eingeschüchtert und festgenommen, Krankenhäuser militarisiert und gestürmt, Leichen werden den Familien oftmals nicht ausgehändigt. Wer unter diesen Bedingungen niedrigere Zahlen meldet, tut das nicht, weil weniger Menschen sterben, sondern weil weniger dokumentiert werden kann.
Auch Organisationen, die traditionell zurückhaltender zählen, sagen genau das. Am 22. Tag der Proteste bestätigte die Menschenrechtsorganisation HRANA mindestens 3.919 Tote, weitere 8.949 Todesfälle werden allerdings noch untersucht. Organisationen kommen bei dem Ausmaß der Gewalt kaum noch hinterher, die Toten zu zählen. Amnesty International spricht von „massenhaften rechtswidrigen Tötungen in bislang beispiellosem Ausmaß“ und betont zugleich, dass die tatsächliche Zahl der Opfer deutlich höher liegen müsse. Es geht dabei nicht darum, etwas zu dramatisieren. Ein Massenmord ist im Dunkeln schlechter zu erfassen als im Licht.
Zu subjektiv, emotional, nicht belastbar
Aus Iran selbst erreichen uns nur Bruchstücke. Ein Mann aus Karaj, der für wenige Minuten telefonieren konnte, sagte: „Diese Zahlen, die ihr da hört – 10.000, 12.000 – das ist ein Witz. Das ist nichts im Vergleich zu dem, was hier passiert.“
Solche Stimmen werden hier oft als subjektiv, emotional und nicht belastbar abgetan. Dabei sind sie das Einzige, was wir haben, wenn ein Staat systematisch jede Form von Dokumentation zerstört. Und: Die Menschen in Iran bestätigen alle unabhängig voneinander das gleiche, nämlich dass wir außerhalb Irans nur Bruchstücke dessen sehen, was im Land tatsächlich los ist. Dass die Gewalt noch viel höher ist, als wir uns auch nur vorstellen können.
Selbst die Islamische Republik kann das Ausmaß der Gewalt nicht mehr vollständig leugnen. Ayatollah Ali Khamenei, der Oberste Führer, sprach im Staatsfernsehen von „mehreren tausend“ Getöteten seit Beginn der Proteste.
Er schob die Schuld den Demonstrierenden selbst zu, nannte sie „Fußsoldaten der USA“ und behauptete, sie seien bewaffnet gewesen. Das ist die bekannte Täter-Opfer-Umkehr. Doch die Aussage steht für sich: Der Mann, der die Gewalt befohlen hat, kann die Toten selbst nicht mehr leugnen, wie er es jahrelang zuvor getan hat.
Das Wort Massenmord ernst nehmen
Die britische Sunday Times geht inzwischen von mindestens 16.500 Toten aus, gestützt auf Berichte von Ärzt:innen vor Ort. Sie sprechen von 330.000 Verletzten. Diese Zahl wird medial deutlich weniger skeptisch behandelt. Vielleicht, weil sie aus London kommt und nicht aus dem iranischen Exil. Vielleicht, weil westliche Quellen immer noch als glaubwürdiger gelten als die Betroffenen selbst. Als bräuchte die Wahrheit einen europäischen Pass.
Aber vielleicht gibt es noch einen anderen, unbequemen Grund für unsere Skepsis. Vierstellige Todeszahlen in wenigen Tagen sind schon kaum zu ertragen; fünfstellige Zahlen sprengen das Vorstellbare. Sie zwingen uns, das Wort Massenmord ernst zu nehmen.
Uns einzugestehen, dass im Jahr 2026 so viele Menschen getötet werden konnten, während die Welt zugeschaut, gezögert und relativiert hat. Vielleicht werden die Zahlen deshalb infrage gestellt. Aus Abwehr, aus Scham. Weil es leichter ist, an einer Zahl zu zweifeln als an der eigenen Untätigkeit.
Diese automatische Skepsis gegenüber den Betroffenen verschiebt den Maßstab des Glaubwürdigen weg von ihnen und hin zu westlichen Bestätigungsinstanzen – und sie spielt dem Regime in Iran in die Hände, das genau darauf setzt: auf Zweifel und das ewige „Wir wissen es noch nicht genau“.
Dabei wissen wir genug. Wir wissen, dass Menschen gezielt erschossen werden. Wir wissen, dass das Internet abgeschaltet ist, um die Spuren zu verwischen. Wir wissen, dass auf den Straßen derzeit faktisch Kriegsrecht herrscht und das Regime mit schweren Waffen gegen die Zivilbevölkerung vorgeht. Und wir wissen, dass jede weitere Relativierung kein Zeichen von Nüchternheit ist, sondern ein bewusstes Wegsehen.
Den Iraner:innen muss endlich geglaubt werden. Eine Wahrheit, die erst dann gilt, wenn sie uns erträglich erscheint, ist keine Wahrheit. Jede Relativierung ist ein stilles Mitgehen mit der Gewalt.
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