Rückhalt für Klimaschutz: Mehrheit will mehr Klima-Einsatz von Wirtschaft und Politik
Das Thema bleibt vielen wichtig, verliert aber an Aufmerksamkeit. Die meisten wünschen sich, dass der Nahverkehr besser wird und Energiepreise sinken.
Die Mehrheit der Deutschen fordert von der Politik mehr Klimaschutz und hält Veränderungen im Land deswegen für notwendig. In der Verantwortung sehen sie neben anderen Ländern vor allem Regierung und Wirtschaft. Das geht aus einer Umfrage der Denkfabrik More in Common hervor, die am Montag vorgestellt wurde. Demnach stimmten 55 Prozent der Befragten der Aussage zu, die Politik solle ihre Klimaschutzanstrengungen steigern, weitere 18 Prozent wollen etwa so viel Klimaschutz wie bisher und 22 Prozent wünschen sich weniger Klimaschutz.
More in Common befragte für die Studie im vergangenen September 2.003 Menschen. Im Vergleich zu anderen Themen ist der Klimaschutz vielen Deutschen weniger wichtig geworden. Während bei einer Erhebung Anfang 2024 die Befragten Klimaschutz noch für das viertwichtigste Thema in Deutschland hielten, war er bei der Umfrage Ende 2025 nur noch das auf Platz 9.
„Der Klimaschutz wurde vor allem von Absicherungsthemen verdrängt“, erklärt David Melches, Co-Autor der Studie. „Das zeigt, wie stark die schwierige wirtschaftliche Lage und die steigenden Preise eingeschlagen haben.“
Jan Eichhorn, Gründer der Denkfabrik dpart und Politikwissenschaftler an der Universität Edinburgh, gibt allerdings zu bedenken: Fragt man Menschen nach ihren Prioritäten, „geben sie meist wieder, welche Themen sie im öffentlichen Diskurs als wichtig wahrnehmen“. Das heißt: Erhält ein Thema von Politiker*innen und Journalist*innen weniger Aufmerksamkeit, fällt es auch in der Wahrnehmung der Bürger*innen. Eichhorn war nicht an der aktuellen Studie beteiligt. Er hält sie methodisch für in Ordnung.
Auch Misstrauische sorgen sich wegen des Klimawandels
Während 2021 noch 80 Prozent der Befragten angaben, sich Sorgen wegen der Erderhitzung zu machen, waren es bei der aktuellen Befragung nur noch 65 Prozent. Aber auch unter denjenigen, die Politik, Wissenschaft und Medien gegenüber misstrauisch sind, sorgt sich knapp die Hälfte der Befragten wegen des Klimawandels. More in Common nennt diese Gruppe „die Wütenden“, die etwa ein Sechstel der Bevölkerung ausmachen.
Mehr Einsatz gegen die Erderhitzung erwarten 86 Prozent der Befragten von großen Industrienationen wie den USA und China, 63 Prozent von der Wirtschaft und 62 Prozent von der Bundesregierung.
„Ganz allgemein zweifeln die Menschen an der Zukunftsfähigkeit des Landes“, sagt Jérémie Gagné, der an der Studie mitgearbeitet hat. „Diesen Gestaltungsbedarf und das Klimathema muss man verknüpfen: Wie bringen wir das Land klimafreundlich voran?“
Signifikante Minderheit möchte mehr Klimaskepsis
Konkret wünschen sich 85 Prozent der Befragten mehr Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr und 82 Prozent Garantien zur langfristigen Entwicklung der Energiepreise. Etwa zwei Drittel sprachen sich für finanzielle Vorteile wie ein Klimageld aus sowie dafür, die Industrie zu Klimaschutz zu verpflichten und besonders klimaschädliche Produkte zu verbieten. „Wenn wir wollen, dass Menschen mitziehen, brauchen sie eine Vorleistung des Gemeinwesens“, sagt Gagné.
Wie in den meisten Umfragen wissen etwa drei Viertel der von More in Common Befragten, dass die Erde sich erhitzt und dass dieser Klimawandel menschengemacht ist. Ein weiteres Viertel findet jedoch, dass mehr Zweifel an der Realität des Klimawandels angebracht wären. „Das sollte keinen Alarm auslösen“, sagt Politikwissenschaftler Eichhorn, „aber es zeigt, dass eine ziemlich signifikante Minderheit den Konsens anzweifelt.“ An der Stelle hätten extrem Rechte erfolgreich einen Keil in die Debatte getrieben.
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