Mord an Patrice Lumumba: Der letzte Beschuldigte
Vor 65 Jahren wurde Kongos Freiheitsheld Lumumba ermordet. Nun entscheidet Belgien, ob der ehemalige Diplomat Étienne Davignon dafür vor Gericht kommt.
P atrice Lumumba kann kaum noch laufen, als ein belgischer Polizist ihn im Scheinwerferlicht eines Jeeps am Arm packt und unter einen Baum schubst. Es ist spät am Abend des 17. Januar 1961, in einer Lichtung in der Savanne von Katanga tief im Süden Kongos. Seit dem Vorabend ist der abgesetzte und verhaftete kongolesische Premierminister immer wieder verprügelt worden.
An Bord eines DC4-Flugzeugs ist er am frühen Morgen zusammen mit seinem Senatspräsidenten Joseph Okito und seinem Jugendminister Maurice Mpolo aus der Haft in Kongos Hauptstadt Léopoldville (heute Kinshasa) in Katangas Hauptstadt Élisabethville (heute Lubumbashi) gebracht worden. Jetzt schlägt seine letzte Stunde.
Ein vier Mann zählendes Hinrichtungskommando geht in Stellung. Belgische und katangische Soldaten und Polizisten, Offiziere und Minister schauen schweigend zu. Der belgische Kapitän Julien Gat gibt den Schießbefehl. Kongos Freiheitsheld, von Kugeln durchlöchert, fällt zu Boden.
Die Leiche des kongolesischen Freiheitshelden wird nie gefunden, sein Tod bleibt zunächst ein Geheimnis. Erst fast 40 Jahre später erzählt der ehemalige belgische Polizeikommissar Gérard Soete, was nach der Hinrichtung geschah. Die Leichen wurden wieder ausgegraben, auf Befehl der Behörden von Katanga, zu denen auch Belgier gehörten. Er habe die Überreste mit einer Säge zerstückelt und sie in Schwefelsäure aufgelöst, berichtete Soete. Einige Knochensplitter und Zähne habe er behalten.
Damals junger Diplomat, nun Säule des Politestablishments
65 Jahre ist das alles inzwischen her. Am 20. Januar findet nun zum ersten Mal in Belgien eine Anhörung vor Gericht statt, um zu entscheiden, ob der letzte Überlebende unter den dafür mutmaßlich mitverantwortlichen Belgiern vor Gericht kommt: Étienne Davignon, damals junger Diplomat, später eine Säule des belgischen Politestablishments.
Die föderale belgische Staatsanwaltschaft beantragte im vergangenen Juni die Eröffnung eines Verfahrens. Sie bezichtigt Davignon der Mittäterschaft bei „ Kriegsverbrechen “, wie Lumumbas Ermordung eingestuft wird, sowie bei der illegalen Verhaftung und Überstellung eines Kriegsgefangenen, der unmenschlich behandelt wurde und dem seine Rechte verwehrt wurden. Eine entsprechende Klage hatte Lumumbas Familie bereits im Jahr 2011 eingereicht.
Davignon der Mittäterschaft bezichtigt
Der heute 92-jährige Graf Davignon hat eine illustre Karriere hinter sich: Präsident der internationalen Energiebehörde 1974–77, Vizepräsident der EU-Kommission 1981–85, sowie Präsident der Bilderberg-Gruppe, eine oft als Geheimbund bezeichnete sehr elitäre Zusammenkunft westlicher Politiker und Geschäftsleute. Graf Étienne Davignon war auch von 1988 bis 2001 Präsident der größten Unternehmensgruppe Belgiens, die Société générale de Belgique, Vizepräsident von Suez-Tractebel und Gründer der belgischen Fluglinie Brussels Airlines. So jemanden in Belgien vor Gericht zu stellen, noch dazu unter so einer Anklage, käme einem politischen Erdbeben gleich.
Kolonialzeit: Auf der Berliner Afrikakonferenz europäischer Kolonialmächte zur Aufteilung des Kontinents 1884-85 wird das Kongo-Flussbecken zum Freistaat unter Verwaltung des belgischen Königs Leopold II erklärt. 1908 kauft der belgische Staat das Gebiet und erklärt es zur Kolonie. Belgische Privatunternehmen haben das Sagen, die afrikanische Bevölkerung wird komplett entrechtet und auf den Status von Tieren reduziert. Von den geschätzt 20 Millionen Einwohnern zu Beginn der Kolonisierung sind 1920 noch die Hälfte übrig. Nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten ausgewählte Kongolesen, die einen Schulabschluss haben, Gehalt beziehen, einwandfreie Französischkenntnisse, Gesundheit, Sitten und Hygiene aufweisen und sich „wie Weiße“ verhalten, erste Anerkennungen als Menschen. „Cartes de mérite civique“ (Bürgerverdienstausweise) berechtigen etwa zum Zutritt in Geschäfte und zum nächtlichen Aufenthalt in Stadtzentren. „Cartes d’immatriculation“ (Zulassungsausweise) für Familien folgen, die einige koloniale Einrichtungen wie Krankenhäuser freigeben. Die Karten werden erst nach minutiöser Kontrolle aller Lebensbereiche bis hin zur Toilettenprüfung ausgegeben, die Familien müssen allen „einheimischen“ Gebräuchen abschwören. Dennoch können die Sonderrechte nur unter Hinnahme ständiger Kontrollen und Willkür wahrgenommen werden. Die sogenannten „évolués“ (Entwickelte) machen vielleicht 1 Prozent der Gesamtbevölkerung aus und streiten in den 1950er Jahren für Bürgerrechte. Zu ihnen gehört auch der 1925 geborene Postbeamte Patrice Lumumba.
Unabhängigkeit: 1956 entsteht die Unabhängigkeitsbewegung „Mouvement National Congolais“ (MNC), mit Lumumba als einem der Gründer. Nach einer Spaltung bleibt der Lumumba-treue Flügel MNC-L dominant. 1958 fordert Lumumba öffentlich Kongos Unabhängigkeit, für die Belgier ein Skandal. Bei schweren Unruhen Anfang 1959 sterben Hunderte. Im November 1959 wird Lumumba erstmals verhaftet. Belgien beruft im Januar 1960 einen „Runden Tisch“ in Brüssel zur Zukunft der Kolonie ein. Dieser stimmt überraschend Lumumbas Forderungen zu: sofortige freie Wahlen und Unabhängigkeit. Am 22. Mai wählt Kongo sein erstes Parlament, die MNC-L wird stärkste Partei. Am 30. Juni wird Kongo unabhängig, mit Lumumba als Premierminister und Joseph Kasavubu von einer anderen Partei als Staatspräsident.
Ermordung: Die Belgier in der Kolonie sind entsetzt. Nachdem die Kolonialarmee gegen die Weißen meutert, schickt Belgien Eingreiftruppen und sorgt dafür, dass die Bergbauregion Katanga sich vom unabhängigen Kongo abspaltet. Das Land versinkt im Chaos, Präsident Kasavubu und Premierminister Lumumba entlassen sich gegenseitig, der neue Armeechef Joseph-Désiré Mobutu setzt beide ab, Lumumba kommt unter Hausarrest, wird beim Fluchtversuch verhaftet und in Katanga heimlich hingerichtet.
Erbe: Bewaffnete Lumumba-Anhänger kämpfen jahrelang weiter, Armeechef Mobutu kämpft sie nieder und ergreift 1965 die Macht. Am längsten harrt Guerillaführer Laurent-Désiré Kabila mit Hilfe von Che Guevara im Südosten des Landes aus, er geht später ins Exil nach Tansania. 1996 taucht Kabila als Chef einer neuen Rebellenallianz wieder auf, stürzt Mobutu 1997 und gründet die „Demokratische Republik Kongo“, die sich auf Lumumba beruft. Laurent-Désiré Kabila wird am 16. Januar 2001 getötet, bis 2019 regiert sein Sohn Joseph Kabila. Der aktuelle Präsident Felix Tshisekedi ist Sohn des historischen Oppositionsführers Etienne Tshisekedi, ebenfalls ein alter „évolué“ und 1958 MNC-Gründungsmitglied.
Als Belgisch-Kongo 1960 unabhängig wurde, war Davignon ein junger belgischer Diplomat in Kongos Hauptstadt Léopoldville (heute Kinshasa). Er nahm als Beobachter am „runden Tisch“ teil, bei dem Anfang 1960 belgische und kongolesische Politiker die Unabhängigkeit vorbereiteten. In seinen Memoiren nennt er dies ein „Schlüsselerlebnis“ in seinem Leben. Es holt ihn nun 65 Jahre später ein. Laut Christophe Marchand, Anwalt der Familie Lumumbas, hatte Davignon nicht nur Kenntnis vom Vorhaben, Lumumba zu töten, sondern nahm auch aktiv daran teil.
Der Graf ist der einzige Überlebende unter den zehn Belgiern, die Patrice Lumumbas ältester Sohn François in seiner Klage gegen „diverse Einrichtungen des belgischen Staates“ wegen Kriegsverbrechen, Folter und unmenschlicher Behandlung sowie Beteiligung an einer „Verschwörung zur politischen und physischen Eliminierung Patrice Lumumbas“ namentlich nennt.
Mehr tot als lebendig
Lumumba, der profilierteste Unabhängigkeitskämpfer Belgisch-Kongos, wird bei Kongos Unabhängigkeit am 30. Juni 1960 Premierminister. Am 5. September wird er von Präsident Joseph Kasavubu entlassen, es folgt ein Militärputsch von Armeeoberst Joesph-Désiré Mobutu – später, von 1965 bis 1997, Präsident des Landes – unter dem Beifall des belgischen Establishments, das Lumumba ablehnt und bereits die Sezession von Kongos mineralienreichster Südregion Katanga befördert hat. Lumumba wird verhaftet und am 17. Januar 1961 nach Katanga gebracht – sein Todesurteil.
Am Nachmittag dieses Tages landet die DC4 mit Lumumba und den anderen beiden Häftlingen an Bord am Flughafen von Katangas Hauptstadt Élisabethville. Der belgische Kapitän Gat von der lokalen Militärpolizei übernimmt die Gefangenen auf Befehl von Katangas Innenminister Godefroid Munongo, in Anwesenheit des belgischen Polizeikommissars Frans Verscheure, Berater von Katangas Gendarmeriechef Raphaël Mbumba. Noch auf der Landebahn werden sie mit Gewehrkolben geschlagen.
Gegen 17.30 Uhr erreicht der Konvoi mit den Häftlingen ein leeres, noch nicht fertig gebautes Haus der belgischen Farmerfamilie Brouwez in der Nähe. Sie sind mehr tot als lebendig, ihre Hemden sind zerrissen, ihrer Gesichter aufgequollen und blutig, erinnert sich Tshombes belgischer Militärberater Guy Weber. In dem Haus warten sechs Belgier, darunter Kapitän Gat. Gegen 18.45 Uhr kommt Katangas Präsident Tsombe höchstpersönlich, mit mehreren seiner Minister. Alle zusammen prügeln auf Lumumba und die anderen ein. Der belgische Adjutant Rougefort verletzt sich beim Schlagen. Es ist Partystimmung, Tshombe und seine Minister leeren jeder eine Flasche Whisky. Es fließt viel Blut.
Spät am Abend setzt sich der Konvoi erneut in Bewegung, in den Busch, 50 Kilometer tief in die Savanne in Richtung Likasi. Am Zielort haben Polizisten bereits ein Grab unter einem Baum ausgehoben. Der belgische Polizeikommissar Verscheure nimmt erst Okito beim Arm und führt ihn der Hinrichtung zu, dann Mpolo, als letzten Lumumba. Jeder kriegt seine Gewehrsalve ab. Lumumba ist noch keine 36 Jahre alt.
Brüssel sieht nur „moralische Verantwortung“
Belgien hat sich seiner Verantwortung für diese Ereignisse bis heute nur zögerlich gestellt. Erst nach Jahrzehnten wurde eine parlamentarische Untersuchungskommission über die Ermordung Lumumbas eingesetzt, und sie kam in ihrem am 16. November 2001 veröffentlichten Bericht lediglich zum vorsichtigen Schluss: „Gewisse Mitglieder der belgischen Regierung und andere belgische Akteure hatten eine moralische Verantwortung für die Umstände, die zu seinem Tod führten.“ Aber kein belgischer Politiker habe den Befehl zu Lumumbas Ermordung gegeben, die Ermordung geplant oder sie veranlasst, als sie seinen Transfer nach Katanga veranlassten, so die Kommission. Der belgische Staat äußerte 2002 eine „Entschuldigung“ für die „moralische Verantwortung“, die 2022 der damalige belgische Premierminister Alexander De Croo bei der Restitution von Lumumbas Zahn aus dem Besitz des verstorbenen Gérard Soete wiederholte – die Reliquie befindet sich jetzt in einer Lumumba-Gedenkstätte in Kinshasa.
Juristische Aufarbeitung sieht anders aus – und sie wurde behindert. Wie das belgische öffentliche Fernsehen VRT berichtet, wurde am 18. Januar 2022 eine Ermittlungsrichterin beim belgischen Parlament vorstellig, um die vertraulich gebliebenen Zeugenaussagen des Lumumba-Untersuchungsunterschusses zu beschlagnahmen, darunter die Aussage Davignons. Die damalige Parlamentspräsidentin Éliane Tillieux von den belgischen Sozialisten weigerte sich. Es dauerte neun Monate, bis ein Brüsseler Gericht die Übergabe der Dokumente anordnete. Mit Ausnahme von zweien: die Aussage des belgischen Beraters des Katanga-Sezessionsführers Moïse Tshombé – und die von Graf Davignon. Patrice Lumumbas Neffe Jean-Jacques spricht von einem „Verschleppungsmanöver“ des belgischen Staates.
Die Affäre richtete die Aufmerksamkeit auf Davignon. Zwar wirft die Staatsanwaltschaft dem Grafen nicht vor, Lumumba persönlich ermordet oder auch nur seinen Tod beabsichtigt zu haben – wohl aber die Beteiligung an seiner Ermordung sowie Verantwortung für seine Festnahme und seinen Transfer nach Katanga.
Dass Davignon damals eine Schlüsselfigur war, geht aus dem Untersuchungsbericht von 2001 deutlich hervor. Sein Name befindet sich darin mehr als hundertmal. Es besteht kein Zweifel, dass er gegen Lumumba intrigierte. Der Bericht führt aus, dass er damit beauftragt war, Kongos ersten Staatspräsidenten Joseph Kasavubu davon zu überzeugen, seinen Premierminister Patrice Lumumba zu entlassen. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, logierte er sogar in Kasavubus Residenz.
„Definitive Eliminierung Lumumbas“
In einem diplomatischen Telex an seine Vorgesetzten sprach Davignon am 3. September 1960 vom „Sturz der kongolesischen Regierung gemäß unseren Wünschen“. Zwei Tage später setzte Kasavubu Lumumba ab. Der Premierminister erkannte dies nicht an, woraufhin am 14. September das Militär unter Mobutu putschte, angeblich um Kasavubu und Lumumba miteinander zu versöhnen. Am 16. September kabelte Davignon dem aus Léopoldville nach Katanga umgesiedelten belgischen Botschafter Baron Robert Rothschild seine Einschätzung der Lage im Telegrammstill: „Fehlende Entschlossenheit, was erklärt, Lumumba noch nicht unschädlich ist. Hauptproblem scheint, Lumumba ausschalten und Einheit kongolesischer Führer gegen ihn haben.“
Mobutu wandte sich daraufhin gegen Lumumba und sorgte für dessen Inhaftierung. Monate später, nach etlichen Wirrungen und Wendungen, ließ er den Häftling aus Léopoldville nach Katanga fliegen, wo er noch am selben Tag zu Tode kam. In Katanga regierten die Sezessionisten um Moïse Tshombé mit belgischer Hilfe. Katangas Unabhängigkeitserklärung, die Tshombé am 6. September 1960 im Radio verlies, wurde dem belgischen Untersuchungsbericht zufolge von Davignon verfasst. Davignon stand als Praktikant weit unten in der Hierarchie, war aber also offensichtlich ein Schlüsselakteur, als Mitglied der „Kongo-Zelle“ von Baron Rothschild in Belgiens Außenministerium, die die belgische Politik gegenüber der Ex-Kolonie definierte.
Was meinte Davignon mit „unschädlich“ in Bezug auf Lumumba? Das ist jetzt die Schlüsselfrage. Die Untersuchungskommission legte das als seine Verhaftung aus, nicht seine Ermordung. Das kolonialkritische Kollektiv Mémoire coloniale aber sieht das anders. In einem 2009 veröffentlichten Artikel erinnerte die Gruppe an ein Schreiben von Belgiens damaligem Afrikaminister Graf Harold d’Aspremont Lynden an den Chef der belgischen Mission in Katangas Hauptstadt Élisabethville (heute Lubumbashi) am 6. Oktober 1960: „Das im Interesse Kongos, Katangas und Belgiens zu verfolgende Hauptziel ist offensichtlich die definitive Eliminierung Lumumbas.“
Der belgische Historiker Ludo De Witte, dessen Enthüllungsbuch über Lumumbas Ermordung 1999 erstmals eine breite Debatte über Belgiens Mitverantwortung ausgelöst hatte, sieht es als gesichert, dass die Belgier mithilfe der CIA den Transfer Lumumbas nach Katanga einleiteten, um ihn seinen ärgsten Feinden auszuliefern, den Sezessionisten unter Tshombé.
Guy De Boeck von Mémoire coloniale meint, Lumumba politisch zu „eliminieren“, habe zwangsläufig bedeutet, ihn zu töten – aufgrund seiner Kompromisslosigkeit, aber auch, weil seine Partei die Mehrheit in Kongos Parlament hielt. „Eliminierung“ oder „Ausschalten“ sei damit nur als Ermordung zu verstehen. Selbst Belgiens König Baudouin konnte Lumumba nicht leiden, seit der Kongolese bei der Unabhängigkeitsfeier am 30. Juni 1960 in Léopoldville in einer berühmt gewordenen Brandrede das Leid der Kongolesen unter der belgischen Herrschaft angeprangert hatte, nachdem der König das koloniale Erbe beschönigt hatte. Davignon war dabei. In seinen Memoiren schildert er, König Baudouin sei nach seiner eigenen „unglaublich herablassenden“ Rede „weiß vor Zorn“ geworden, als er dem „ungezogenen und aggressiven“ Lumumba zuhören musste.
„Bitte den Juden, Satan zu empfangen“
Dass Belgien für Lumumbas Ermordung Verantwortung trägt, geht auch aus anderen Aussagen vor der belgischen Untersuchungskommission hervor. Von einem „Komplott“ war die Rede. Die Zeitung La Libre Belgique schrieb am 9. Juli 2001 in einem Bericht über die Arbeit der Kommission, Armand Verdickt, der belgische Aufklärungschef der Gendarmerie von Katanga, habe ausgesagt, dass Oberleutnant Louis Marlière, belgischer Berater des Putschisten Mobutu, einen Anruf mit der Botschaft „Bitte den Juden, Satan zu empfangen“ erhalten habe. „Jude“ war im Code der Belgier damals Katangas Sezessionistenführer Tshombé, weil sie ihm nicht trauten; „Satan“ war die Hassfigur Lumumba. Die Bitte war erfolgreich. Katangas Innenmminister Godefrois Munongo habe dann Verdickt mitgeteilt: „Heute Abend ist alles vorbei.“
„Lumumbas Ankunft in Katanga bedeutete sein Todesurteil“, sagte Tshombés ehemaliger belgischer Berater Jacques Bartelous dem belgischen öffentlichen Rundfunk RTBF am 19. Juni 2013. Belgiens Afrikaministerium habe am 15. Januar 1961, zwei Tage vor Lumumbas Ermordung, ein Telegramm an den belgischen Konsul in Katangas Hauptstadt Élisabethville geschickt mit der Anweisung, auf Tshombé einzuwirken, damit er Lumumbas Transfer dorthin akzeptiert. Lumumba wurde am Morgen des 17. Januar nach Élisabethville geflogen und am Abend aus der Stadt heraus an einen menschenleeren Ort gebracht, wo das Hinrichtungskommando wartete.
Graf Davignon sagte der Untersuchungskommission, er habe Lumumbas Transfer nach Katanga für eine „schlechte Idee“ gehalten, weil sie eine Versöhnung zwischen Katangas Sezessionsregierung und Kongos Regierung verkompliziere. Dies hätten auch Tshombés europäische Berater so gesehen und Tshombé geraten, das abzulehnen – Lumumbas Ermordung in Katanga, das erkannten sie richtig, würde die Sezession Katangas in ein schlechtes Licht rücken.
Diese Aussage Davignons ist die Grundlage dafür, dass die Staatsanwaltschaft ihm jetzt keine direkte Mitverantwortung für Lumumbas Tod vorwirft. Aber Lumumbas Familie sieht das anders, und dies dürfte ein Streitpunkt werden, sollte es zum Prozess kommen. Der Graf selbst hat auf die Ankündigung vom Juni, dass ein Verfahren gegen ihn beantragt wird, bisher nur herablassend reagiert. Der Zeitung Sud-Info sagte er am 2. Juli 2025: „Ich finde das alles ziemlich albern.“ Er fügte hinzu: „Die Staatsanwaltschaft ist etwas übereifrig und stößt etwas blind vor.“
Wie er sich verteidigen könnte, hat Davignon bereits in seinen Memoiren angedeutet. Darin schreibt er: „In Belgien, beim Premierminister oder im Außenministerium, wussten wir nicht, dass er (Lumumba) tot war.“ Dann fügt er an: „Wusste es der Königspalast?“ Diese Frage könnte heikel werden. Der parlamentarischen Untersuchungskommission waren laut einem Bericht der Journalistin Colette Braeckman Dokumente vorgelegt worden, wonach König Baudouin einen Brief an seinen Kabinettschef von Tshombés Militärberater Oberst Guy Weber zur Kenntnis nahm, in dem stand, dass Lumumbas Leben in Gefahr sei. Das Königshaus habe darauf nicht reagiert.
Ein möglicher Prozess gegen Graf Davignon dürfte also in Belgiens Königspalast sehr genau verfolgt werden, in der Demokratischen Republik Kongo sowieso – und auch im Vatikan. Der mittlerweile verstorbene Papst Franziskus hatte im September 2024 die Seligsprechung König Baudouins in Aussicht gestellt. Das hatte in der DR Kongo für Empörung gesorgt. Kardinal Fridolin Ambongo, Erzbischof von Kinshasa, warnte vor einem solchen Schritt und sprach von einem „schwarzen Fleck“ auf Baudouins Leben. Viele Kongolesen sind davon überzeugt, dass der belgische Staat auf höchste Ebene an Lumumbas Tod schuld ist. Der Umgang der belgischen Justiz mit dem letzten beteiligten Überlebenden dürfte die koloniale Aufarbeitung nicht nur dort entscheidend prägen.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert