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Kämpfe von Regierung und SDF in SyrienEine Verschnaufpause von vier Tagen

Kurdische Kräfte wurden von Regierungstruppen überrollt, nachdem ein Waffenruhedeal scheiterte. Nun gibt es einen neuen Versuch für temporären Frieden.

Kurdische Zi­vi­lis­t:in­nen versammeln sich mit Waffen in Qamischli, 20. Januar 2026 Foto: Delil Souleiman/afp
Jürgen Gottschlich

Aus Istanbul

Jürgen Gottschlich

Nach den Kämpfen der vergangenen Tage gibt es erneut ein Waffenruhe-Abkommen zwischen der Übergangsregierung in Damaskus und den kurdisch dominierten Syrisch-Demokratischen Kräften (SDF) im Nordosten des Landes. Vier Tage soll sie gelten, so ein vom Verteidigungsministerium in Damaskus auf Telegram veröffentlichtes Dokument. Die Waffenruhe „in allen Sektoren der Operationen der syrischen arabischen Armee“ soll ab 20 Uhr Ortszeit am Dienstag beginnen.

Die Kämpfe zuvor waren heftig. Das zeigen etwa Aufnahmen aus der Nacht vom Montag auf Dienstag: Kurdische YPG-Verbände auf dem Rückzug, triumphierende Kämpfer der Übergangsregierung, dazwischen fliehende kurdische Familien. Während am Montagabend der General des Militärbündnisses der Syrisch-Demokratischen Kräften (SDF), Mazlum Abdi, in Damaskus mit Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa fünf Stunden lang ergebnislos verhandelte, vollzog sich an der Front der Zusammenbruch der SDF.

Nachdem am Montag die islamistisch geprägten Truppen der Übergangsregierung bereits quasi kampflos im Südosten die Provinz Deir al-Sor mit ihrer gleichnamigen Hauptstadt und den größten Ölfeldern Syriens eingenommen hatten, eroberten sie nach schweren Kämpfen auch Rakka, die einstige Hochburg des sogenannten Islamischen Staates am Euphrat. Seitdem geht es mit hoher Geschwindigkeit weiter. In der Nacht stießen die Regierungstruppen auf Kobanê vor.

Sie rückten außerdem im Gebiet Hasakah voran. Dort liegt auch das Camp Al-Hol, wo noch immer Zehntausende Familienangehörige von Ex-Mitgliedern der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ leben. Am Dienstagnachmittag zogen sich die SDF vom Camp al-Hol, das sie bis dahin kontrolliert hatten, zurück. In den sozialen Netzwerken heißt es, dass die dort Lebenden danach begonnen hätten, das Camp zu verlassen. Es gibt auch Meldungen, dass die SDF diese freigelassen hätten. Beides lässt sich unabhängig nicht bestätigen. Das Verteidigungsministerium in Damaskus schrieb auf Telegram: Man sei bereit, „das Al-Hol-Camp und alle IS-Gefängnisse in der Region zu übernehmen“.

Hoffen auf das Kerngebiet

Nun ist wieder ein Waffenruheabkommen ausgerufen. Doch die schnellen Geländegewinne der Regierungstruppen ließen die Lage der Kurdinnen und Kurden zuvor immer brenzliger werden: In Hasaka, dem Sitz der kurdischen Autonomieverwaltung, wurden etwa kurdische Zivilisten bewaffnet. Und in einem dramatischen Aufruf alle jungen Männer, die kämpfen können, an die Waffen beordert.

Dem folgten laut der kurdischen Nachrichtenagentur ANF auch Hunderte, die trotz Blockaden türkischer Kräfte in Nisêbîn die türkisch-syrische Grenze überquerten. Zuvor hatten in der Grenzstadt Tausende gegen den Krieg der syrischen Regierung gegen die SDF protestiert – genauso wie in zahlreichen anderen kurdischen Orten in der Türkei.

Tausende Kurdinnen und Kurden flohen vor den Regierungstruppen, etwa in Richtung der Städte Qamischli und Amude. Letztlich wird es wohl von US-Präsident Donald Trump, dem US-Botschafter in der Türkei und Syrien, Tom Barrack, und den verbliebenen US-Truppen in der Region abhängen, ob die SDF diese Refugien gegen die Regierungstruppen verteidigen können.

Schließlich war die SDF nicht zuletzt eine Schöpfung der USA: Nachdem der damalige US-Präsident Barack Obama kurdischen Kämpfern in Kobanê mit seiner Luftwaffe gegen den IS zu Hilfe gekommen war, bildeten die USA aus den kurdischen YPG-Milizen und arabischen Verbänden, die sich ebenfalls vom IS bedroht sahen, die schlagkräftige Bodentruppe. Diese besiegte letztlich den IS in Syrien. Aus dem Gebiet, das die SDF am Ende kontrollierte, entstand das kurdisch selbstverwaltete Gebiet Rojava.

Von Assad wurden die Kurden in ihrer Region während des Kriegs weitgehend in Ruhe gelassen, sodass sie in der Lage waren, ihre Strukturen auszubauen. Die Lage änderte sich dramatisch, als es der Miliz HTS im Dezember 2024 unter Übergangspräsident Ahmad al-Scharaa – damals noch Abu Mohammad al-Jolani genannt –gelang, Damaskus zu erobern und Assads Diktatur zu beenden.

Erdoğan teilt al-Scharaas Ziel

Während die Kurden von wenigstens so viel Autonomie träumten, wie sie die Kurden im Nordirak haben, wollte die Übergangsregierung in Damaskus einen einheitlichen, zentral geführten Staat mit einer neuen syrischen Armee, in der alle existierenden Milizen aufgehen sollten. Das wurde von der Türkei massiv unterstützt, die auf keinen Fall eine von der türkisch-kurdischen Guerilla PKK – einem Partner der SDF – mitbeeinflusste autonome Region an ihrer Grenze haben wollte.

Die Zusammenarbeit zwischen Damaskus und den Kurden weckte zunächst Hoffnungen: Im März 2025 unterzeichneten al-Scharaa und SDF-Anführer Mazlum Abdi ein Abkommen, das die Integration der Kurden im neuen Syrien regeln sollte. Al-Scharaa versprach den Kurden Gleichberechtigung, die kurdische Sprache sollte anerkannt, Schulen und andere kulturelle Einrichtungen sollten beibehalten werden. Dafür sollten die kurdischen Milizen in die neue Armee integriert werden und SDF-Kommandeure wichtige Posten in der Armee und im Verteidigungsministerium bekommen.

Doch wollten die Kurden das – auch aus Angst vor den als in Teilen islamistisch geltenden Truppen der Übergangsregierung – nicht umsetzen. Sie wollten ihre zivilen Strukturen behalten: Ihre Milizen sollten als drei intakte Divisionen der Armee beitreten und in ihrem Gebiet bleiben. Damaskus lehnte das ab und die Türkei machte Druck, das Abkommen umzusetzen.

Während al-Scharaa sich auf der Weltbühne tummelte und sich mit Trump verständigte, wähnten die Kurden sich immer noch unter dem Schutz der US-Armee. Die Amerikaner drängten dagegen die Kurden, sich mit der Übergangsregierung in Damaskus zu einigen und die Bedingungen von al-Scharaa zu akzeptieren. Dem US-Präsidenten Donald Trump ist die Zusammenarbeit mit al-Scharaa wichtiger als das Schicksal der nicht mehr benötigten kurdischen Anti-IS Kämpfer.

Trump auf der Seite al-Scharaas

Noch am Montagabend ließ al-Scharaa sich seinen Vormarsch in die Kurdengebiete wohl von Trump am Telefon absichern. Doch Rojava scheiterte nicht nur am Verrat der USA, sondern auch an seiner inneren Verfasstheit. In dem von vielen Linken im Westen idealisierten Rojava fühlten sich arabische Bewohner unterdrückt, viele liefen schnell zu den Regierungstruppen über.

Für die Kurden in Syrien ist der Zusammenbruch ihrer militärischen Kräfte dramatisch. Sie haben berechtigte Angst vor den Kämpfern der Übergangsregierung. Die kurdische Agentur Rudaw berichtet, dass kurdische Kämpfer von der HTS im Stil des IS enthauptet wurden, auch Videos davon kursieren bereits. Außerdem berichtet Rudaw von einem Aufruf in syrischen Moscheen, wo auf Anweisung des zuständigen Ministers zum Kampf gegen die „ungläubigen“ Kurden aufgerufen wird.

Auch unter Kurden in der Türkei und im Nordirak ist der Zusammenbruch von Rojava schockierend: Der Co-Vorsitzende der kurdischen Partei DEM in der Türkei, Tuncer Bakırhan, sagte in einem Interview, eine friedliche Einigung in Syrien sei „von außen“ verhindert worden. Die Kurden hätten sich nun auf ihre „natürlichen Siedlungsgebiete“ zurückgezogen. Die DEM ruft zu Massenprotesten auf, doch die meisten Kundgebungen wurden bereits verboten.

Den in Irak verbliebenen PKK-Kämpfern ist nun die letzte Alternative zur Entwaffnung genommen worden. Sie können nicht mehr nach Syrien ausweichen. Die Kurden in der Türkei wollen gemeinsam mit PKK-Gründer Abdullah Öcalan die Friedensgespräche mit der türkischen Regierung fortsetzen. Auch wenn viele sagen, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan könne nicht in Ankara von Frieden reden und gleichzeitig in Rojava Krieg führen, sehen die Spitzen der DEM keine Alternative zur Fortführung der Gespräche.

Der große Gewinner der Entwicklung in Syrien ist Erdoğan. Er hat bekommen, was er seit Jahren wollte: die Zerschlagung von Rojava, kein kurdisches Autonomiegebiet an der türkischen Grenze und damit auch kein Vorbild mehr für die Kurden im eigenen Land.

Mitarbeit: Lisa Schneider, Lotte Laloire

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